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Zusammenfassung

Ein sachbezogenes, differenzierendes und historisch argumentierendes Reden über die Befreiungskriege und ihre Literatur scheint in eineinhalb Jahrhunderten kaum möglich gewesen zu sein. Zu sehr war man bemüht, die jeweils eigenen politischen Ziele und Wünsche in einer Zeit wiederzufinden, die sich aufgrund der zum Teil erfolgreichen, zum Teil gescheiterten Versuche der Nation- und der Staatsbildung, der Demokratisierung der Gesellschaft und Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit als eine Zeit des “Übergangs in die Modernität”1 darstellte. Literatur wie Geschichte dienten der historischen Begründung und Rechtfertigung ganz unterschiedlicher Interessenlagen. So haben sich der Nationalismus und der Sozialismus der Befreiungskriege und ihrer Literatur bemächtigt. Friedrich Engels und mit ihm die Literatur- und Geschichtsforschung in der DDR hoben den revolutionären Aspekt hervor. “[…] nicht die Abschüttelung der Fremdherrschaft”, schrieb Engels 1841 im Telegraph für Deutschland, “nicht die errungene ‘Freiheit’ war das größte Resultat des Kampfes, sondern dies lag in der That selbst und in einem von den wenigsten Zeitgenossen klar empfundenen Momente derselben. Daß […] wir uns bewaffneten, ohne die allergnädigste Erlaubniß der Fürsten abzuwarten, ja die Machthaber zwangen, an unsere Spitze zu treten, kurz, daß wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveraines Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre […]”.2 Engels deutet den Krieg gegen Napoleon als Erhebung und Ausdruck eines selbstbewußt gewordenen Volkes, das sich von der Untertanengesinnung emanzipiert hatte. Es entschied autonom und erfuhr sich nicht mehr nur als Objekt, sondern als Subjekt geschichtlichen Handelns. Folgerichtig arbeitete die sozialistische Literaturwissenschaft die antidynastischen und kollektiven Elemente der Befreiungskriegslyrik heraus und deutete diese als Literatur der “ersten großen politischen Massenbewegung in Deutschland”3 nach dem Bauernkrieg im 16. Jahrhundert, die “politische Massenerlebnisse auszudrücken und zu vermitteln vermochte.”4 Sie sei eine oppositionelle Literatur des Volkes gewesen, die kollektiv entstanden und rezipiert worden ist. Damit gehörte sie zur Vorgeschichte des ersten sozialistischen deutschen Staates.

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Notizen

  1. 1.
    O. Dann: Nationalismus und sozialer Wandel in Deutschland 1806–1850. In: O. Dann (Hg.): Nationalismus und sozialer Wandel. 1978, S. 77. Dann bezieht sich auf das Grundmodell der “Modernisierungstheorien der politischen Entwicklungsforschung”, das er auf die Geschichte des deutschen Nationalismus anwendet.Google Scholar
  2. 2.
    Fr. Engels, [Pseud.: F. Oswald]: Ernst Moritz Arndt. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Gesamtausgabe. 1. Abtlg., Bd. 3. Berlin 1985. S. 212f. (Telegraph für Deutschland, 2.1.18411Google Scholar
  3. 5.
    Amo Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen. Biographischer Versuch. 1975, S. 309.Google Scholar
  4. 6.
    W. Grab/U. Friesel (Hg.): Noch ist Deutschland nicht verloren. Eine historisch-kritische Analyse unterdrückter Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung. München 1970, S. 67.Google Scholar
  5. 9.
    Zum Institutionsbegriff siehe: P.U. Hohendahl: Literarische Kultur im Zeitalter des Liberalismus 1830–1870. 1985, S. 26–54.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1991

Authors and Affiliations

  • Ernst Weber

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