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Goethes ›Vergleichungen‹

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Zusammenfassung

Unter den produktiven kritischen Echos auf Jean Pauls Prosa — darunter so ingeniösen wie Lichtenbergs Brief an Benzenberg (1798), Friedrich Schlegels 421. Athenaeums-Fragment, Görres’ Generalrezension, Börnes Denkrede und Georges Lobrede — ist Goethes »Vergleichung« in den »Noten und Abhandlungen zu besserem Verständniß des West-östlichen Divans« (88–90) wohl das erstaunlichste: und dies sowohl hinsichtlich des Autors wie seines Gegenstandes, des formelhaft verknappten Textes wie seines beziehungsreichen Kontexts, des in ihm Thematisierten wie des Ausgesparten. — Erstaunlich hinsichtlich des Autors und seines Gegenstandes: daß nämlich diese eingehende kritische Würdigung Jean Pauls von keinem anderen als seinem lebenslangen literarischen Antipoden stammt, und dies gerade zu einer Zeit, da Goethe der deutschen literarischen Szene (abgesehen von Mediokritäten wie E. A. Hagens »Olfried und Lisena«, Johanna Schopenhauers »Gabriele« oder bestenfalls Rückens »Östlichen Rosen«) entschieden den Rücken gekehrt hatte und seine leidenschaftliche Aufmerksamkeit den zeitgenössischen Exponenten der Weltliteratur wie Byron, Walter Scott und Manzoni zu widmen begann; andererseits aber, daß diese Annäherung an Jean Paul ausgerechnet im Zeichen der orientalischen (genauer: der arabischen und persischen) Poesie erfolgt, die in Jean Pauls sonst so polyhistorischem geistigen Haushalt kaum auch nur die geringste Rolle gespielt hat. — Erstaunlich hinsichtlich des Texts und seines Kontexts: denn verglichen mit der sei es witzigen, sei es panegyrischen, sei es argumentativen, allemal aber eindeutigen Stillage der meisten Jean-Paul-Würdigungen zeigt Goethes »Vergleich ung« (wie die »Noten und Abhandlungen« überhaupt) ein verwirrendes Spektrum von der kommentarlos-mokanten Wortliste über eine urbane Causerie und nüchterne historische Reflexionen bis hin zu lakonischen Winken und allgemeinsten Maximen — eine Textform, wie sie Goethe seit seinen Anmerkungen zu Diderots »Rameaus Neffe« zunehmend ausgebildet hatte; und zugleich ist diese geradezu igelhaft abgeschlossene »Vergleichung« in ihren wesentlichen Momenten überhaupt erst explizierbar unter Berücksichtigung der gesamten »Noten und Abhandlungen«.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Karl Philipp Moritz: Schriften zur Ästhetik und Poetik. Krit. Ausgabe, hrsg. v. H. J. Schrimpf, Tübingen 1962, S. 63–93, hier S. 78.Google Scholar
  2. 2.
    — Zur ersten Orientierung vgl. Charles Cornu: Der Vergleich bei Goethe unter besonderer Berücksichtigung der vergleichenden Literaturkritik, Phil. Diss. Bern 1952.Google Scholar
  3. 3.
    Goethe und Zelter: Briefwechsel, hrsg. v. M. Hecker, Bd. 1–3, Leipzig 1913–1918, hier Bd. 3, S. 489 (künftig zit. als: Goethe-Zelter-Briefwechsel).Google Scholar
  4. 4.
    So Benjamins drastische Formulierung im (für die ›Große Sowjet-Enzyklopädie‹ verfaßten) Artikel »Goethe«, in: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. II, hrsg. v. R. Tiedemann u. H. Schweppenhäuser, (Frankfurt/M. 1977), S. 703–739, hier S. 707, ähnlich S. 714.Google Scholar
  5. Vgl. hierzu auch Ernst Robert Curtius: Goethe als Kritiker, in: ders.: Kritische Essays zur europäischen Literatur, Bern, München 3(1963), S. 31–56, bes. S. 38 f. u. 44 ff.Google Scholar
  6. 7.
    Gulielmus Jones: Poeseos Asiaticae Commentariorum Libri Sex, cum Appendice, London 1774Google Scholar
  7. 8.
    Vgl.[Mattbäus von Collin] (Rez.): Joseph von Hammer, Geschichte der schönen Redekünste Persiens, in: Jahrbücher der Literatur 1 (1818) S. 1–25, hier S. 22.Google Scholar
  8. 11.
    vgl. auch W. v. Humboldt: Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues, § 100, in: ders.: Gesammelte Schriften, hrsg. v. A. Leitzmann, Bd. 6, Berlin 1907, S. 240).Google Scholar

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