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Literaturkritik in der Epoche des Liberalismus (1820–1870)

  • Peter Uwe Hohendahl
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Zusammenfassung

Die herkömmlichen Epocheneinteilungen der Literaturgeschichte sind an der Evolution der schönen Literatur gewonnen worden, und zwar entweder an Gruppierungen von Autoren, sogenannten Schulen, oder an gemeinsamen stilistischen und ästhetischen Merkmalen. Ob eine solche Gliederung auf die Geschichte der Literaturkritik zu übertragen ist, wäre freilich zu untersuchen. Da ihre Geschichte bisher kaum mehr als skizziert worden ist, gibt es nicht mehr als Vermutungen über die Art, in der sich auf dem Feld der Literaturkritik Veränderungen abgespielt haben. Dies gilt in besonderem Maße, wenn man die Literaturkritik nicht mit der Literaturtheorie gleichsetzt, sondern sie als eine literarische Institution auffaßt, durch die bestimmte Praktiken geregelt und normiert werden. Während die Wandlungen der Literaturtheorie anhand von zentralen Texten abzulesen sind, ist die breiter angelegte Praxis der Literaturkritik schwerer zu überschauen und zu erfassen. Folglich ist auch die Annahme, daß eine Entwicklung sich kontinuierlich oder diskontinuierlich vollzogen habe, daß in bestimmten historischen Situationen gewisse Tendenzen dominiert hätten, während andere zurückgetreten seien, gegenwärtig nur mit Zurückhaltung vorzunehmen. Bereits im frühen 19. Jahrhundert hat die Zahl der Zeitschriften und literarischen Organe so zugenommen, daß eine Sichtung aller dort abgedruckten Rezensionen, Glossen und Charakteristiken nicht mehr möglich ist. Der Historiker ist auf die Auswahl verwiesen, die sich schon unter den zeitgenössischen Lesern herausgebildet hat und die dann von der Geschichtsschreibung mehr oder weniger kritisch übernommen worden ist.

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Anmerkungen

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1985

Authors and Affiliations

  • Peter Uwe Hohendahl

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