Advertisement

Georg Büchner (1813–1837)

  • Friedrich Sengle
Chapter

Zusammenfassung

»Grabbe und Büchner: der Eine hat den Riß zur Schöpfung, der andere die Kraft« (Hebbel, Tagebuch I 1783). »Von Grabbe sind 2 Dramen erschienen. Wenn man diese aufgesteifte, forcirte, knöcherne Manier betrachtet, so muß man Ihrer frischen, sprudelnden Naturkraft das günstigste Horoskop stellen« (Gutzkow an Büchner 28. 8. 1835). Selbst Julian Schmidt, der Programmatiker des Realismus, der eine »gesunde« Dichtung forderte und Büchners Wahnsinnsdarstellungen ablehnte [1], stellte den früh gestorbenen Dramatiker weit über Grabbe [2]. Büchners ungewöhnliche Begabung war, ähnlich wie die Mörikes (vgl. u. S. 691 f.), von vornherein nicht zu übersehen. Auch hier fiel sogleich das Wort »Genie«, und einschränkende Bemerkungen bezogen sich nur auf die schicksalsbedingte »fragmentarische« Form seines Schaffens*. Wenn Büchner in der realistischen Zeit, in der die Herausgabe seiner Schriften — abgesehen von Teilen des Hessischen Landboten — politisch gewagt werden konnte (Nachgelassene Schriften von Georg Büchner [hg. v. Louis Büchner], Frankfurt/Main 1850), nicht den verdienten Beifall erhielt, so teilte er dies Schicksal mit fast allen bedeutenden Dichtern der Biedermeierzeit. Büchners bekannte Kritik an den »Idealdichtern« findet bezeichnenderweise die Zustimmung des mächtigen Julian Schmidt nicht, obwohl sie durch die Anerkennung Goethes und Shakespeares eingeschränkt und nur Schiller als Vorbild abgelehnt wird (L II, 443 f.)**: »Der Einwand, daß Gott doch wohl gewußt haben müsse, was er schuf, reicht nicht aus, denn für Gott ist die Welt Totalität, in der ein Unvollkommenes das Andere ergänzt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Realismus und Gründerzeit, Manifeste und Dokumente, hg. v. Max Bucher u. a. Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 87 f.Google Scholar
  2. 2.
    Dietmar Goltschnigg, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Georg Büchners, Kronberg/Ts. 1975, S. 36.Google Scholar
  3. 6.
    Schaub, Georg Büchner und die Schulrhetorik, Untersuchungen und Quellen zu seinen Schülerarbeiten, Frankfurt/M. 1975, S. 16; S. 19; S. 25; S. 53.Google Scholar
  4. 7.
    Briefe an Friedrich Hebbel, hg. v. Moriz Enzinger, T. I (1840–1860), Wien 1973, S. 118 (2. 7. 1847).Google Scholar
  5. 8.
    Schaub, Georg Büchner, Friedrich Ludwig Weidig, Der Hessische Landbote, Texte, Materialien, Kommentar, München 1976, S. 136 ff.Google Scholar
  6. 9.
    Gutzkow an Büchners Braut 30. 8. 1837, Euph. Erg. H. 3 (1897), S. 191.Google Scholar
  7. 11.
    Michael Hamburger, Vernunft und Rebellion, Aufsätze zur Gesellschaftskritik in der deutschen Literatur, München 1969, S. 85.Google Scholar
  8. 13.
    Schulerinnerungen Friedr. Zimmermanns, in: Georg Büchner, Werke und Briefe, hg. v. Fritz Bergemann, Wiesbaden 1953, S. 273.Google Scholar
  9. Paul Requadt, Bildlichkeit der Dichtung, Aufsätze zur deutschen Literatur vom 18. bis 20. Jahrh., München 1974, S. 114 ff.;Google Scholar
  10. Bernhard Böschenstein, Büchners Jean Paul-Konzeption, in: Akten des V. Internationalen Germanisten-Kongresses, Cambridge 1975, S. 67–73: beide gegen »anthropozentrische Weltsicht der Weimarer Klassik« (S. 68).Google Scholar
  11. 17.
    Nach Werner R. Lehmann und Thomas Michael Mayer (Ein unbekannter Brief Georg Büchners, in: Euph. 70, 1976, S. 175–186) handelt es sich dabei um einen Jugendfreund F. H. Küntzel, der mit Hilfe der Straßburger den Deutschen Musenalmanach auf 1833 füllen wollte und sich als »Priester der Kunst« fühlte. Büchner distanziert sich also zunächst vom Trivialbiedermeier!Google Scholar
  12. 19.
    Gerhart Baumann, Georg Büchner, »Lenz«, in: Euph. Bd. 52 (1958), S. 153–173.Google Scholar
  13. 21.
    Dazu vgl. auch Walter Müller-Seidel, Natur und Naturwissenschaft im Werk Georg Büchners, in: Festschrift für Klaus Ziegler, hg. v. Eckehard Catholy und Winfried Hellmann, Tübingen 1968, S. 205–232,Google Scholar
  14. und Wolfgang Pross, Naturgeschichtliches Gesetz und gesellschaftliche Anomie: Georg Büchner, Johann Lucas Schönlein und Auguste Comte, in: Literatur in der sozialen Bewegung, hg. v. Alberto Martino, Tübingen 1977, S. 228–259.Google Scholar
  15. 23.
    Gerhard P. Knapp, Georg Büchner, Stuttgart 1977, S. 34.Google Scholar
  16. 24.
    Wird immer häufiger auch von andern betont, vgl. z.B. Knapp, Georg Büchner, S. 25 und Hermann Bräuning-Oktavio, Georg Büchner, Gedanken über Leben, Werk und Tod, Bonn 1976, Kap. 5.Google Scholar
  17. 27.
    Franz Carl Müller, Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1902, S. 373; 375.Google Scholar
  18. 29.
    Ähnlich Raimar Stefan Zons, Georg Büchner, Dialektik der Grenze, Bonn 1976, S. 88.Google Scholar
  19. 34.
    Maurice B. Benn erinnert daran, daß auch Shakespeare ganze Sätze seinen Quellen entnahm (The drama of revolt, a critical study of Georg Büchner, Cambridge u. a. 1976, S. 122). Das Verfahren ist eher Barocktradition als Naturalismus, es erinnert an Nestroys Praxis (vgl. O.S. 212 f.). Auch Grabbe gehört in diesen Zusammenhang.Google Scholar
  20. 35.
    Richard Thieberger, Georg Büchner, La Mort de Danton, publiée avec le texte des sources et des corrections manuscrites de l’auteur, Paris 1953, S. 45.Google Scholar
  21. 37.
    Darüber und über die folgenden Fragen vgl. eine noch immer lesenswerte Diss. aus meiner Marburger Zeit: Fritz Heyn, Die Sprache Georg Büchners, Diss. Marburg 1955 [Masch.].Google Scholar
  22. 42.
    John William Smeed, Jean Paul und Georg Büchner, in: Hesperus 22 (1961), S. 36.Google Scholar
  23. Arthur H. J. Knight fühlte sich sogar an Gryphius und Heinrich Julius von Braunschweig erinnert, Georg Büchner, Oxford 1951, S. 103.Google Scholar
  24. 46.
    Werke und Briefe, hg. v. Fritz Bergemann, Wiesbaden 1958, S. 156 f.Google Scholar
  25. 53.
    John S. White, Georg Büchner or the Suffering through the Father, in: The American Imago, Bd. 9 (1952), S. 365–427.Google Scholar
  26. 54.
    Rudolf Jancke, Grabbe und Büchner, in: GRM, Bd. 15 (1927), S. 274–286.Google Scholar
  27. 57.
    Gerhard Jancke, Georg Büchner, Genese und Aktualität seines Werkes, Einführung in das Gesamtwerk, Kronberg/Ts. 1975, S. 32.Google Scholar
  28. 58.
    Karl Viëtor, Georg Büchner, Politik, Dichtung, Wissenschaft, Bern 1949, S. 23–26.Google Scholar
  29. 63.
    Hans-Joachim Ruckhäberle, Flugschriftenliteratur im historischen Umkreis Büchners, Kronberg/Ts. 1975. Vgl. auch die Rezension von G. Schaub, in: IASL Bd. 2,1977, S. 227–235.Google Scholar
  30. Ferner: Ruckhäberle [Hg.]: Frühproletarische Literatur, Die Flugschriften der deutschen Handwerksgesellenvereine in Paris 1832–1839, Kronberg/Ts. 1977.Google Scholar
  31. 64.
    Vgl. das ausführliche Literaturverzeichnis bei G. Schaub, Georg Büchner, F. L. Weidig, Der Hessische Landbote. Die Forschung beginnt im Grunde schon mit den Aktenpublikationen von Wilhelm Schulz, 1843, und besonders von Friedrich Noellner, 1844.Google Scholar
  32. 69.
    Richard Gunkel, Georg Büchner und der Dandysmus, in: Studia Litteraria Rheno-Traiectina, T. 2, Utrecht 1953.Google Scholar
  33. 71.
    Renate Zuchardt, ›Wagt!‹ lehrt uns Danton, Vorschläge zur szenischen Realisierung des Büchner-Dramas, in: Theater der Zeit, Bd. 14 (1959, 9), S. 13–19, nach G. Jancke, Georg Büchner, S. 153.Google Scholar
  34. 73.
    In der Büchners Weltschmerz wieder stark betonenden, d. h. aus der Geschichte herausführenden Interpretation Peter Michelsens (Die Präsenz des Endes, Georg Büchners Dantons Tod (in: DVjs Bd. 52, 1978, S. 476–495) bilden der Witz und das Lyrische eine Art Gegengewicht gegen die im Drama — oder wie der Verfasser meint im Nichtdrama — herrschende Hoffnungslosigkeit.Google Scholar
  35. 74.
    Ulrike Paul, Vom Geschichtsdrama zur politischen Diskussion, über die Desintegration von Individuum und Geschichte bei Georg Büchner und Peter Weiß, München 1974, S. 49.Google Scholar
  36. 75.
    Baumann, Georg Büchner: Das endlose Drama, in: Beispiele, Festschrift für Eugen Fink, hg. v. Ludwig Landgrebe, Den Haag 1965, S. 30–45.Google Scholar
  37. 76.
    Lehmann, Beiträge zu einem Streitgespräch über den Woyzeck, in: Euph. Bd. 65 (1971), S. 79.Google Scholar
  38. 78.
    Thomas Mayer, Zur Revision der Quellen für Dantons Tod von Georg Büchner, in: Studi Germanici Bd. 7 (1969), S. 295 f.Google Scholar
  39. 79.
    Jürgen Petersen, Die Aufhebung der Moral im Werk Georg Büchners, in: DVjs Bd. 47 (1973), S. 245–266.Google Scholar
  40. 81.
    Roland Galle (Tragödie und Aufklärung, Zum Funktionswandel des Tragischen zwischen Racine und Büchner, Stuttgart 1976) ordnet »Dantons Tod« richtig wieder in die Geschichte der Tragödie ein und sieht in Dantons Haltung eine Problematisierung des von Robespierre verkörperten »Autonomieanspruchs der Aufklärung« (S. 92).Google Scholar
  41. 85.
    Georg Büchner, Das dichterische Werk, Berlin, New York 1974, S. 17.Google Scholar
  42. 87.
    Auch David G. Richards (Georg Büchner and the Birth of the Modern Drama, Albany 1977) erkennt die Beziehung zu Schiller (S. 41) und findet, daß der Dichter sowohl mit Danton und seinen Freunden wie mit dem vereinsamten Robespierre »sympathisieren« kann (S. 51 f.).Google Scholar
  43. 90.
    Ronald Hauser, Georg Büchner, New York 1974, S. 38.Google Scholar
  44. 91.
    Ebd., S. 75; Baumann, Georg Büchner, Göttingen 21976 (11961), S. 115 f. usw. (fast allgemeine Lehrmeinung).Google Scholar
  45. 92.
    Nach Thieberger, Situation de la Buechner-Forschung (II), in: EG Bd. 23 (1968), S. 409.Google Scholar
  46. 93.
    Henri Plard, Gedanken zu »Leonce und Lena«, in: Georg Büchner, hg. v. Wolfgang Martens, Darmstadt 1965, S. 303 f. u.a. Franzosen.Google Scholar
  47. 94.
    Hugo gehe nur auf spannende Situationen aus, Musset dagegen habe »Charaktere wenn auch ausgeschnitzte« (nach Gutzkow, Götter, Helden und Don Quichote, Hamburg 1938, S. 40).Google Scholar
  48. 95.
    Hubert Gersch, Rezension von Peter Mosler, Georg Büchners ›Leonce und Lena‹, Langeweile als gesellschaftliche Bewußtseinsform, Bonn 1974, in: Germanistik 1975, S. 500.Google Scholar
  49. 97.
    So auf Grund der Indizien von Erwin Kobel, Georg Büchner, Das dichterische Werk, Berlin, New York 1974, S. 211 ff., aber nicht in seinem Sinn.Google Scholar
  50. 100.
    Leslie Mac Even, The Narren-motifs in the works of Georg Büchner, Bern 1968, S. 15.Google Scholar
  51. 102.
    Die »mimische Manier« in Büchners Leonce und Lena, in: Das deutsche Lustspiel I, hg. v. Hans Steffen, Göttingen 1968, S. 228; S. 235 ff.; S. 240. Auch Richards (Georg Büchner and the Birth of the Modern Drama, S. 81 f.) sieht »Leonce und Lena« trotz der ernsthaften Bestandteile des Stücks als Komödie.Google Scholar
  52. 104.
    Amerikanische Publikationen wie die von Janet K. King (Lenz viewed sane, in: GR Bd. 49, 1974, S. 146–153) verraten schon durch ihr Datum, daß sie ein Echo der deutsch-marxistischen Geschichtsklitterungen sind.Google Scholar
  53. 105.
    Jean Strohl, Lorenz Oken und Georg Büchner als Naturforscher, in: Corona, hg. v. Martin Bodmer und Herbert Steiner, Jg. 5 (1935), S. 643.Google Scholar
  54. 106.
    Erna Kritsch-Neuse, Büchners Lenz, Zur Struktur der Novelle, in: GQ Bd. 43 (1970), S. 199.CrossRefGoogle Scholar
  55. 108.
    Ähnlich sieht Jan Thorn-Prikker (Revolutionär ohne Revolution, Interpretationen der Werke Georg Büchners, Stuttgart 1978, S. 65) in Büchners Erzählung »eine Art anschaulicher Religionskritik«.Google Scholar
  56. 109.
    Georg Büchner, Untersuchungen und Marginalien, Berlin 1972, S. 29 f.Google Scholar
  57. 111.
    Georg Büchner, Rede zur Verleihung des Büchnerpreises, in: E. C., Das Gewissen der Worte, Essays, München 1975, S. 220 f.Google Scholar
  58. 113.
    Wolfgang Martens, Zur Karikatur in der Dichtung Büchners (Woyzecks Hauptmann), in: GRM NF Bd. 8 (1958), S. 70.Google Scholar
  59. 114.
    Wolfgang Wittkowski, Georg Büchners Ärgernis, in: Jb. d. dt. Schillerges., Jg. 17 (1973), S. 380.Google Scholar
  60. 115.
    Ebd., S. 373 f. Eine richtigere Deutung der religiösen Elemente im Woyzeck finde ich bei John M. Grandin: Woyzeck and the last judgement, in: GLL N. S. 31 (1977/78), S. 175–182.Google Scholar
  61. 116.
    Georg Büchner, in: W. W., Enttäuschter Pantheismus, Zur Weltgestaltung der Dichtung in der Restaurationszeit, Dornbirn 1962, S. 301.Google Scholar
  62. 117.
    Gerda E. Bell, Georg Büchner’s Last Words, in: GLL Bd. 27 (1973/74), S. 17–22.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1980

Authors and Affiliations

  • Friedrich Sengle

There are no affiliations available

Personalised recommendations