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Christian Dietrich Grabbe (1801–1836)

  • Friedrich Sengle
Chapter

Zusammenfassung

Noch immer hört man die Meinung, der geniale Grabbe sei in seiner schlimmen, biedermeierlichen Lebenszeit ein ganz und gar verkannter, ausgestoßener und schnell vergessener Dichter gewesen. Richtig ist, daß die großen Dichter der Zeit, gleichgültig ob es sich um Heine, Büchner, Hebbel oder um Grillparzer und Stifter handelte, vom Geniekult der »Goethezeit« bewußt abrückten und, ähnlich wie die Dichter vor der Geniezeit, vor allem »Meister« ihres Fachs, lieber ein schlichtes »Talent« als ein verwahrlostes Genie sein wollten. Es versteht sich, daß Dichter mit einer soliden Kunstauffassung von Grabbe wenig begeistert waren. Aber die große Masse des Publikums und die Mehrzahl der Rezensenten waren noch nicht so weit. Im Gegenteil, der Geniekult spielte jetzt erst die Rolle eines »gesunkenen Kulturgutes«, er erlebte erst jetzt die Phase seiner größten Ausbreitung, und die Grabbeforschung beweist bis in die jüngste Zeit hinein, daß dieser Kult noch immer seine Epigonen hat; denn wenn man die »Intentionalität« mehr als die tatsächliche dichterische Leistung betont, wenn man den »Experimentator« gegen Dramatiker wie Büchner, Grillparzer, Hebbel ausspielt, dann steht man noch immer in der Tradition der Romantik. Die zeitgenössischen Rezensionen, die wir bei Grabbe, noch stärker als sonst in diesem Buche, verwenden wollen, beweisen, daß er sofort eine Sensation war. Man stritt über ihn, aber immer beachtete man ihn auch. Und sein früher Tod, der so ganz dem biedermeierlichen Bilde eines mozartisch sich verzehrenden, für dieses böse Erdental zu edlen Geistesheroen entsprach, steigerte noch die Diskussion über Grabbe und damit seinen Ruhm*.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Karl Ziegler, Grabbes Leben und Charakter, Hamburg 1855, S. 22 f.Google Scholar
  2. 2.
    A. W. Hornsey, Idea and Reality in the Dramas of Christian Dietrich Grabbe, Oxford 1966.Google Scholar
  3. 5.
    Alberto Martino, Christian Dietrich Grabbe, in: Zur Literatur der Restaurationsepoche 1815–1848, hg. v. Jost Hermand und Manfred Windfuhr, Stuttgart 1970, Teil I: Forschungsreferate und Aufsätze. S. 202–246. Die folgenden Zitate: S. 236; und S. 236, Anm. 2.Google Scholar
  4. 8.
    Edmund Bergler, Grabbe. Ein Beitrag zur Psychologie des oralen Pessimisten, in: E. B., Talleyrand, Napoleon, Stendhal, Grabbe. Psychoanalytisch-biographische Essays, Wien 1935.Google Scholar
  5. 9.
    Titel: Die Hermannsschlacht, Drama von Grabbe. Grabbes Leben von Eduard Duller, Düsseldorf 1838.Google Scholar
  6. 12.
    Die Hinweise der Gattin erscheinen mir an diesem Punkte nicht unglaubwürdig zu sein (Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier in Detmold, insbesondere mit Louise Christiane, der späteren Gattin Grabbes, hg. v. Bergmann, Detmold 1953, vgl. bes. Brief vom 29. 4. 1838).Google Scholar
  7. 15.
    Helga-Maleen Gerresheim, Christian Dietrich Grabbe, in: Deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, hg. v. Benno von Wiese, Berlin 1969, S. 174.Google Scholar
  8. 16.
    Ich denke an Manfred Schneider, Destruktion und utopische Gemeinschaft, Zur Thematik und Dramaturgie des Heroischen im Werk Christian Dietrich Grabbes, Frankfurt/M. 1973.Google Scholar
  9. 17.
    Werke und Briefe, HKA in sechs Bänden, hg. v. der Akademie d. Wiss. in Göttingen, bearb. v. Bergmann, Emsdetten 1960–1973, Bd. 4, 1966, S. 97.Google Scholar
  10. 19.
    Diese psychologische Beobachtung stimmt mit der medizinischen Forschung überein, nach der die ältere Hypothese einer luetischen Erkrankung Grabbes durch die tatsächlich feststellbaren Krankheitssymptome nicht bestätigt wird (Edeltraud Dimpfl, Christian Dietrich Grabbe, eine Pathographie, Med. Diss. München 1947).Google Scholar
  11. 23.
    Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit der Familie Clostermeier in Detmold, besonders Brief vom 29. 4. 1838,Google Scholar
  12. vgl. Fritz Böttger, Grabbe, Glanz und Elend eines Dichters, Berlin [1963], S. 292.Google Scholar
  13. 25.
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  18. 29.
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  25. 52.
    Ich denke an das 2. Kapitel von Nicholls, The Dramas of Christian Dietrich Grabbe, S. 44 ff. Cowen nennt im Nachwort seiner Ausgabe Gothland, im Anschluß an F. J. Schneider, »einen der größten Erstlinge der deutschen Literaturgeschichte« und stellt ihn (übertrieben!) neben Die Räuber, Dantons Tod, Judith (Christian Dietrich Grabbe, Werke, 3. Bd., München 1977, S. 420 f.).Google Scholar
  26. 54.
    Benno von Wiese, Grabbes Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung als Vorform des absurden Theaters (in: B. v. W., Von Lessing bis Grabbe, Studien zur deutschen Klassik und Romantik, Düsseldorf 1968, S. 289–308): »Nicht realistischer, sondern phantastischer Stil« (S. 293).Google Scholar
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    Wilhelm Steffens, Christian Dietrich Grabbe, Hildesheim 1972, S. 238.Google Scholar
  30. 61.
    Grabbes Scherz, Satire… als Komödie der Verzweiflung, S. 13. Verfehlt erscheint mir daher der Versuch von Diethelm Brüggemann (Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, in: Die deutsche Komödie, hg. v. Walter Hinck, Düsseldorf 1977, S. 126–144), Grabbes übermütiges Lustspiel mit dem Münchhausen zu parallelisieren und wie in Immermanns Oberhof in der Posse eine »gesellschaftsgründende Wertsubstanz« (S. 143) zu entdecken. Ich sage dies, obwohl auch ich dazu neige, die Vorstellung von einem absoluten Nihilisten Grabbe einzuschränken (s.u.).Google Scholar
  31. 75.
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    Karl Ferdinand Gutzkow, Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur, Bd. 1, Stuttgart 1836, S. 191.Google Scholar
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  39. 115.
    Vgl. z. B. F. J. Schneider, Christian Dietrich Grabbe, Persönlichkeit und Werk, München 1934, S. 314 ff. Noch Cowen (Hg.), Grabbe, Werke Bd. III, S. 453, glaubt das Fragment II »als eine etwas aufgebauschte ›Schnappsidee‹… bezeichnen« zu können.Google Scholar
  40. 123.
    Werner Nieschmidt, Deutung und Dokumentation. Studien zum Geschichtsdrama Christian Dietrich Grabbes, Detmold 1973, S. 17.Google Scholar
  41. 129.
    Genaue Untersuchungen zum Vers-Prosa-Problem, besonders bei Grabbe, finden sich bei Kurt Waselowsky, Der Übergang vom Vers zur Prosa in den Dramen Christian Dietrich Grabbes, Diss. [Masch.] Marburg 1956.Google Scholar
  42. 130.
    Zu dieser Widersprüchlichkeit vgl. bes. Hans-Henrik Krummacher, Bemerkungen zur dramatischen Sprache in Grabbes Don Juan und Faust, in: Festgabe für Eduard Berend, Weimar 1959, S. 235–256.Google Scholar
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    John Schikowski, Stürmer gegen das Philistertum, Berlin 1925, S. 15.Google Scholar

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  • Friedrich Sengle

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