Advertisement

Albert Bitzius, Pseud. Jeremias Gotthelf (1797–1854)

  • Friedrich Sengle
Chapter

Zusammenfassung

Niemand bestreitet heute, daß Gotthelf zur dichterischen Spitzengruppe der Biedermeierzeit gehört. Aber er ist im Gegensatz zu Stifter und Mörike noch kein Besitz der literarischen Welt geworden, nicht einmal in Deutschland. Man kennt einzelne Werke wie den Roman Uli der Knecht oder die Erzählung Die schwarze Spinne, und die unermeßliche Weite seiner epischen Welt, ohne die keine zutreffende Vorstellung von Gotthelf möglich ist, bleibt nach wie vor unerschlossen. Die sprachlichen Gründe, die meist zur Erklärung angeführt werden, können kaum ausschlaggebend sein; denn die Feststellung gilt auch für die Philologen. Jedenfalls müßte der Literaturwissenschaftler bei Gotthelf, genauso wie bei Mörike, Raimund, Nestroy usw., mehr als bisher versuchen, im Gebrauch des Dialekts die für jede Dichtungsinterpretation so wichtige Stilabsicht zu erkennen, nicht nur ein patriotisches oder provinzielles Bekenntnis. Allzusehr hat man Gotthelf der Schweizer Forschung überlassen. Man traut sich kaum an den aparten und in höhere Sphären entführten »ewigen Gotthelf« (Werner Günther, Jeremias Gotthelf, Erlenbach, Zürich u. a. 1934) der Eidgenossen — zum Nachteil der deutschen Bildung und der gesamten literarischen Welt. Es ist daher an der Zeit, mit aller Deutlichkeit zu sagen, daß für den großen Schweizer wie für alle Dichter des Biedermeiers kein Gegensatz zwischen der heimatlichen Bindung und der allgemeinen, sittlich-religiösen Ordnung besteht, daß für ihn die Grenzen der Schweiz offenstehen und daß ihn besonders mit den Ländern, die wie er selbst die deutsche Sprache sprechen, die Luther-Bibel lesen, die innigsten weltanschaulichen und literarischen Beziehungen verbinden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Friedrich Sengle, Zum Wandel des Gotthelfbildes, in: GRM Bd. 38 (N.F. Bd. 7), (1957), S. 244–253.Google Scholar
  2. 2.
    Walter Muschg, Jeremias Gottheif, Eine Einführung in seine Werke, Bern und München 1954.Google Scholar
  3. 3.
    Herbert M. Waidson, Jeremias Gottheif, An Introduction to the Swiss Novelist, Oxford 1953, S. 209.Google Scholar
  4. 4.
    Karl Fehr, Jeremias Gottheif (Albert Bitzius), Stuttgart 1967.Google Scholar
  5. 5.
    Carl Manuel, Jeremias Gottheif, München und Leipzig 21922, S. 13.Google Scholar
  6. 9.
    Werner Günther, Jeremias Gottheif, Wesen und Werk, Berlin u.a. 21954, (11934). Günthers Aufsatz über »Gotthelfs Größe« verrät, daß durch den (jetzt abgewandelten) Klassikbegriff vor allem eine Gleichordnung mit Goethe erreicht werden soll (Günther, Form und Sinn, Beiträge zur Literatur- und Geistesgeschichte, hg. v. Robert Blaser und Rudolf Zellweger, Bern und München 1968, vor allem S. 135).Google Scholar
  7. 10.
    Vgl. die Skizzen des Augenzeugen Fröhlich, der nicht nur ein guter Bekannter Gotthelfs war, sondern uns auch den Durchschnitt der damaligen konservativen Literatur in der Schweiz vergegenwärtigen kann (vgl. Bd. II, S. 134 ff., 180 ff., 697 f.): A. E. Fröhlich, Die Pfarre in Lützelflüh (in: Magazin f. d. Lit. des Auslandes 4. 5. 1850 und 7. 5. 1850). Ferner in: Jeremias Gottheif, Erzählungen und Bilder aus dem Volksleben der Schweiz, Bd. 5, Berlin 1855 (S. I–XXXVI. Fröhlich, Aus Jeremias Gotthelfs Leben). Wenn Fröhlich immer wieder von Gotthelfs »Idylle« spricht, so widerspricht dies im Biedermeier keineswegs einer von Arbeit voll ausgefüllten Existenz im kleinen Kreise.Google Scholar
  8. 11.
    Manuel, Jeremias Gottheif 21922, S. 9.Google Scholar
  9. 13.
    Jeremias Gottheif, Sämtliche Werke (= HKA) in 24 Bdn., hg. v. Rudolf Hunziker und Hans Bloesch, Erg.-Bd. 12, Erlenbach-Zürich 1954.Google Scholar
  10. 32.
    Sie verkennt auch Werner Günther, wenn er die Gurtenwanderung »unecht« nennt (Neue Gotthelf-Studien, Bern 1958, S. 161 f.).Google Scholar
  11. 34.
    Muschg, Gotthelf, die Geheimnisse des Erzählers, München 1931, S. 507.Google Scholar
  12. 35.
    Gabriel Muret, Jérémie Gotthelf, Sa vie et ses oeuvres, Paris 1913, S. 70, 74.Google Scholar
  13. 41.
    Sympathisch, aber in der historischen Methode unzulänglich ist die Kohlschmidt-Dissertation von Hans Itten, Jeremias Gotthelf als Kalenderschreiber, Zürich 1959. Der »Hinkende Bote« wird beim Vergleich durch die »Alpenrosen« ersetzt, die ein bürgerliches Organ sind. Die Vergleiche mit früheren berühmten Kalenderschreibern sind z. T. nicht falsch, bleiben aber aus historischen Gründen zu vage. Die Fragestellung bleibt, wie alle sozialgeschichtlichen Fragen der Gotthelf-Forschung, ein lohnendes Thema.Google Scholar
  14. 45.
    Olga von Hippel, Die pädagogische Dorf-Utopie der Aufklärung, Langensalza u.a. 1939, S. 79 ff. (eine in der Germanistik zu wenig ausgewertete pädagogische Dissertation aus der Schule Hermann Nohls).Google Scholar
  15. 46.
    Eberhard Seybold, Das Genrebild in der deutschen Literatur. Vom Sturm und Drang bis zum Realismus, Stuttgart u.a. 1967, Abschnitt über Gotthelf, S. 170–184.Google Scholar
  16. 48.
    Muschg, Jeremias Gotthelf, 1954, S. 32 f.Google Scholar
  17. 49.
    Fehr, Jeremias Gotthelf, 1967, S. 53.Google Scholar
  18. 51.
    Rezension von »Erlebnissen eines Schuldenbauers« 1855, zit. nach Hans Mayer, Meisterwerke deutscher Literaturkritik, Berlin 11956, Bd. 2, S. 569.Google Scholar
  19. 55 Manuel, Jeremias Gotthelf, 21922, S. 123.Google Scholar
  20. 60.
    Vgl. jetzt die ausfürliche Analyse von Katherine M. Littel (Jeremias Gotthelfs Die Käserei in der Vehfreude, Bern u. a. 1977), die im einzelnen gute Beobachtungen bringt, in der Struktur aber darunter leidet, daß das Werk und sein Dichter allzu einseitig als schweizerisch aus der Zeit herausgelöst und nach dem Unterschied zur alten Schweizer Satire zu wenig gefragt wird. Interessanter als die westliche Interpretation ist diesmal die kurze Analyse in der DDR-Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 8, 1, S. 285, auch die Wertung: »hervorragendes Werk«, »bedeutsamer realistischer Zeitroman«.Google Scholar
  21. 62.
    Werner Hahl, Jeremias Gotthelf und der Rechtsstaat. Dichtung im Kontext der Rechts- und Verfassungsgeschichte am Beispiel der Erlebnisse eines Schuldenbauers, IASL, Bd. 4 (1979), S. 76 f.CrossRefGoogle Scholar
  22. 64.
    Hans M. Wolff, Die Weltanschauung der deutschen Aufklärung in geschichtlicher Entwicklung, München 1949.Google Scholar
  23. 65.
    Alfred Reber, Stil und Bedeutung des Gesprächs im Werke Jeremias Gotthelfs, Berlin 1967, S. 16: »barer Unsinn«.Google Scholar
  24. 66.
    Christiane Thaler, Die Zwischenrede des auktorialen Erzählers im Romanwerk Jeremias Gotthelfs, Diss. [Masch.] Wien 1968.Google Scholar
  25. 70.
    Manuel, Jeremias Gotthelf, S. 29, vgl. dazu auch Theodor Salfinger, Gotthelf und die Romantik, Basel 1945.Google Scholar
  26. 72.
    Walter Heinrich Strasser, Jeremias Gotthelf als Satiriker, Diss. Basel 1960.Google Scholar
  27. 74.
    So Sven-Aage Jørgensen (Dichtung und Verkündigung. Zu Jeremias Gotthelfs Novelle »Die schwarze Spinne«, in: Fides quaerens Intellectum, Festschrift für Heinrich Roos, S.J., Kopenhagen 1964, S. 91–102), — wenn ich diese tiefe, aber religiös sehr vorsichtige Interpretation richtig verstehe: »Offenbarwerden des inner seelisch en Bösen« (S. 101).Google Scholar
  28. 75.
    Nach Manuel, Jeremias Gotthelf, 21922, S. 132.Google Scholar
  29. 80.
    Walther Hopf, Jeremias Gotthelf im Kreise seiner Amtsbrüder und als Pfarrer, Bern 1927, S. 14.Google Scholar
  30. 82.
    Albrecht Schöne, Didaktische Verweisung. Jeremias Gotthelf, in: A. S., Säkularisation als sprachbildende Kraft, Göttingen 1958, S. 149 (Zitat s.o. S. 928 * Anmerkung).Google Scholar
  31. 83.
    Alberto Martino, Die deutsche Leihbibliothek und ihr Publikum, in: Literatur in der sozialen Bewegung. Aufsätze und Forschungsberichte zum 19. Jahrhundert, hg. v. Alberto Martino in Verbindung mit Günter Häntzschel und Georg Jäger, Tübingen 1977, S. 16 f.Google Scholar
  32. 86.
    Hermann F. Weiß, Vorspiel zur Revolution. Die Bewertung der Demut in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, in: ZfDPh, Bd. 97 (1978), S. 204–225.Google Scholar
  33. 91.
    Fehr, Jeremias Gotthelf, 1967, S. 58. Das Fragment: HKA, Erg.-Bd. 10, Erlenbach-Zürich 1958, S. 167–206.Google Scholar
  34. 92.
    Hunziker, Jeremias Gotthelf, Frauenfeld und Leipzig 1927, S. 201.Google Scholar
  35. 93.
    Hunzikers Irrtum hat aber den Anlaß zur Erforschung dieses gattungsgeschichtlichen Phänomens gegeben: Ulrich Eisenbeiß, Das Idyllische in der Novelle der Biedermeierzeit, Stuttgart u.a. 1973.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1980

Authors and Affiliations

  • Friedrich Sengle

There are no affiliations available

Personalised recommendations