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Offener Romanschluss und historische Perspektive — zur Diskussion eines deutschen Sozialromans im Umkreis Karl Gutzkows

  • Franz Rhöse
Chapter

Zusammenfassung

Ist die im nächsten Kapitel zu analysierende Literaturpolitik der Grenzboten im wesentlichen ein Versuch der nachrevolutionären Verklärung des status quo, so unternimmt Karl Gutzkow in zahlreichen theoretischen Beiträgen, Romanvorworten, Rezensionen und in seiner literarischen Praxis den Versuch, die Konsequenzen der politischen Ideale von 1848 in sein Literaturkonzept zu integrieren. Dies impliziert die Versicherung der historischen Perspektive demokratischer Tendenzen in den Unterhaltungen am häuslichen Herd[1] nicht weniger als in seinen beiden großen Zeitromanen der 50er Jahre. Dabei spielt die nachrevolutionäre Auseinandersetzung über die Aufgaben des Zeitromans eine entscheidende Rolle. Daß sich die Poetik des Vormärz dabei »von der Tendenz zum Kunstideal«[2] entwickelte, hat Werner Hahl in seiner Arbeit überzeugend herausgearbeitet. Bei seiner Darstellung der Literaturkritik der Junghegelianer und der Liberalen der 40er und 50er Jahre kommt er zu überzeugenden Schlüssen hinsichtlich des Verhältnisses von Tendenz und Kunstform, von Roman und neuem nationalem Epos, von Reflexion und Objektivität. So wegweisend diese Darstellung ist, so widmet sie doch den Gegenströmungen, vor allem nach 1848, zu wenig Raum und beschränkt deren Vertreter ausschließlich auf Gutzkow, »der entgegen allen Tendenzen der Zeit für den Reflexionsroman einsteht.«[3] In der germanistischen Forschung sind Äußerungen immer noch selten, die Gutzkow zugestehen, er habe »die große Aufgabe der neuen Romandichtung«[4] klar erfaßt. Nach wie vor fehlt eine kohärente Darstellung seiner Literaturpolitik in den Unterhaltungen, deren Bedeutung für die nachrevolutionären fünfziger Jahre unterschätzt wird.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Es ist schwer abzuschätzen, inwieweit die Grenzboten tatsächlich in der Lage waren, den literarischen Markt zu steuern. Die Gegenströmung, konzentriert um die Gutzkow’schen Unterhaltungen und Gottschalls Blätter für literarische Unterhaltung dürfte nicht nur von der Auflagenhöhe her in den fünfziger Jahren mindestens ebenso stark gewesen sein. Vgl. dazu den wichtigen Artikel von Rudolf Gottschall: Karl Gutzkow’s »Zauberer von Rom«. In: Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 51, Jg. 1858, S. 925–933.Google Scholar
  2. 2.
    W. Hahl: Reflexion und Erzählung; der dritte Abschnitt des dritten Teils der Arbeit lautet: »Die Poetik des Vormärz: Von der Tendenz zum Kunstideal«; S. 173–199.Google Scholar
  3. 3.
    Ebd. S. 169.Google Scholar
  4. 4.
    Friedrich Sengle: Der Romanbegriff in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Ders.: Arbeiten zur deutschen Literatur 1750–1850, Stuttgart 1965, S. 175–196; Zitat S. 180. Auch Hartmut Steinecke erkennt, aufbauend auf Sengle und Hahl, »die romantheoretische Leistung Gutzkows [an]«, die er vor allem in der Abkehr vom Einzelhelden und der Zuwendung zu den »Repräsentanten der verschiedenen Volksgruppen und Zeittendenzen« sieht. Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik in Deutschland, Bd. I, S. 94. Präziser als Steinecke beschreibt schon Hahl die Leistung Gutzkows, der erkannt habe, »daß der Liberalismus mit der Adoption der idealistischen Substanz- und Organismusästhetik seine oppositonelle Schärfe verliert.« W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 170.Google Scholar
  5. 5.
    Peter Hasubek: Karl Gutzkows Romane »Die Ritter vom Geiste« und »Der Zauberer von Rom«. Studien zur Typologie des deutschen Zeitromans im 19. Jahrhundert, (phil. Diss.), Hamburg 1964.Google Scholar
  6. 6.
    Ebd. S. 235 und passim.Google Scholar
  7. 7.
    Ebd. S. 246 f.Google Scholar
  8. 8.
    Die Verknüpfung der zeitgenössischen Diskussionen über Lösungsmöglichkeiten der sich abzeichnenden Probleme der beginnenden Industrialisierung mit den im Roman angebotenen Lösungen gerät bei Hasubek leider nicht ins Blickfeld. Die Vorliebe für den zweiten Sondertypus — »Hierher gehören die Zeitromane Th. Fontanes« — verhindert eine gerechte Einschätzung der Vielfalt möglicher Typen und führt auch hier zu unhistorischen Wertungen. P. Hasubek: Karl Gutzkows Romane, S. 246.Google Scholar
  9. 9.
    Karl Gutzkow: Die »realistischen« Erzähler. In: Unterhaltungen, N. F. Bd. 2, Nr. 17, Jg. 1856/57, S. 270–272; Zitat S. 270. Eine knappe Charakterisierung des Romans und der Zusammenhänge mit der Bewegung des Deutschkatholizismus um den Pfarrer Ronge bietet der Aufsatz von Werner Kohlschmidt: Reformkatholizismus im Biedermeierkleide Gutzkows Roman »Der Zauberer von Rom« als religiöse Utopie. In: Jb. d. Dt. Schillerges. 10 (1966), S. 286–296.Google Scholar
  10. 10.
    K. Gutzkow: Die »realistischen« Erzähler, S. 270.Google Scholar
  11. 11.
    Sengle schreibt, daß die Unterhaltungen » die für eine damalige Zeitschrift ganz ungewöhnliche Abonnentenzahl 7000 [erreichten]. Wahrscheinlich war infolgedessen der erbitterte Kampf, den Gutzkow in dieser Zeitschrift gegen die programmatischen Realisten führte […] einigermaßen erfolgreich — nicht in literarischen Kreisen, aber beim weiteren Lesepublikum.« F. Sengle: Biedermeierzeit, Band I, S. 268.Google Scholar
  12. 12.
    Aus der umfangreichen Diskussion über Die Ritter vom Geiste ist im sonst vorzüglichen Sammelband Realismus und Gründerzeit leider nur Gutzkows leicht zugängliches Vorwort und der Verriß durch Julian Schmidt abgedruckt. Dadurch entsteht ein völlig falsches Bild der mit Ausnahme von Schmidt außerordentlich positiven Rezeption. Max Bucher u. a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit Band 2, S. 312–323.Google Scholar
  13. 13.
    Karl Gutzkow: Appellation an den gesunden Menschenverstand. Letztes Wort in einer literarischen Streitfrage [1835]. In: Gutzkows Werke, herausgegeben von Peter Müller, Zweiter Band, Leipzig o. J., S. 328–342.Google Scholar
  14. 14.
    Karl Gutzkow: Säkularbilder. Zweiter Theil, Frankfurt 1846 (= Gesammelte Werke von Karl Gutzkow. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. Zehnter Band.); Zitat S. 281.Google Scholar
  15. 15.
    Unleugbare Übertreibungen hätten, so formuliert es Gutzkow, »Besorgliche, die es mit der Menschheit aufrichtig meinen, gegen diesen Roman in Harnisch gebracht.« Und er fährt, gewunden genug, fort: »Allein, so gefährlich es sein mag, in einem mit blendenden und anlok-kenden Farben entworfenen Gemälde der Masse jene Anarchie der Begriffe und jene Kühnheit des Skeptizismus, der sich über das Einfachste in der Tradition Rechenschaft geben will, zu offenbaren, so sollte man doch bedenken, daß zugleich in diesem selben Romane ein Mittel enthalten ist, die unleugbar in der Irre gehende gesellschaftliche Religion, wie man wohl die Sphäre bezeichnen möchte, in welcher sich jener Roman in seiner jetzigen Gestaltung so unheimlich fühlt, mit der Zeit zu befestigen und eben so schnell den wieder gewonnenen Glauben zu verkünden, wie bis jetzt noch blos der Zweifel mit ihm verkündet worden ist.« Ebd. S. 281 f.Google Scholar
  16. 16.
    Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Erster Band, Leipzig 1850; Vorwort ebd. S. 1–10. Nicht zufällig greift er zur Illustration der historischen Perspektive auf christliche Gedanken zurück, sein Vorwort datiert er absichtsvoll: »Dresden, am Pfingsttage 1850«. Ebd. S. 10.Google Scholar
  17. 17.
    Die Integration des Lesers in den Romanprozeß und die Übernahme von dessen Schlußperspektive in die Lebensperspektive des Lesers wird von Gutzkow ganz bewußt angestrebt. Der Leser solle dem Erzähler unbeirrt durch die literarische Kritik folgen, »bis dem weiteren Verlaufe zu die Hülle bricht, und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und Besten, der Ritter vom Geiste, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Blätter erzählen. Dresden, am Pfingsttage 1850. Karl Gutzkow.« Ebd. S. 10.Google Scholar
  18. 18.
    »Letztes Capitel. Die Morgenröthe.« Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste, neunter Band, Leipzig 1851; S. 525–548.Google Scholar
  19. 19.
    Ebd. S. 546.Google Scholar
  20. 20.
    Robert Giseke: Moderne Titanen, kleine Leute in großer Zeit. Drei Theile, Leipzig 1850. Alle Zitate ebd. im dritten Teil.Google Scholar
  21. 21.
    Deutsche Träume. Roman von Ludwig Steub. Drei Theile, Braunschweig 1858.Google Scholar
  22. 22.
    Anonym (= Karl Gutzkow): Realismus und Idealismus. In: Unterhaltungen, N. F. Nr. 20, Band 2, Jg. 1856/57, S. 319–320; Zitat S. 319.Google Scholar
  23. 23.
    So in einer Rezension des Romans Adam Bede von George Eliot. Anonym [= Karl Gutzkow]: Adam Bede. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. N. F. Band 5, Jg. 1860, S. 863.Google Scholar
  24. 24.
    Unterstützt wird Gutzkow in dieser Position von den Blättern für literarische Unterhaltung, die Rudolf Gottschall redigierte. Vgl. W. Werenberg: Der deutsche Tendenzroman. In: Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 3, Jg. 1853, S. 49–53. Paradigma eines solchen Romans ist für Werenberg Gutzkows Die Ritter vom Geiste. Ebd. S. 52.Google Scholar
  25. 25.
    Anonym [= Karl Gutzkow]: Tendenzpoesie. In: Unterhaltungen, 3. Band, Nr. 37, Jg. 1855, S. 590–591.Google Scholar
  26. 26.
    Anonym [= Karl Gutzkow]: Die »realistischen« Erzähler, S. 270–272. Alle Zitate ebd.Google Scholar
  27. 27.
    Ebd. S. 270.Google Scholar
  28. 28.
    Hierin liegt, wenn wir richtig sehen, die originale Leistung Gutzkows, er formuliert eine wirklich moderne Theorie des Romans, deren Umsetzung in literarische Praxis allerdings noch auf sich warten ließ.Google Scholar
  29. 29.
    Ohne sie beim Namen zu nennen, geht es natürlich gegen die Grenzboten-Redakteure, die »kritischen Verteidiger dieser Richtung« (270).Google Scholar
  30. 30.
    Anonym: Ein Roman in seinen poetischen und praktischen Folgerungen. In: Unterhaltungen, Nr. 23, Jg. 1853, S. 361–362.Google Scholar
  31. 31.
    Gutzkow leitet den Beitrag mit den Worten ein: »Ein Freund unserer ›Unterhaltungen‹, selbst gefeierter Dichter, schreibt uns über ›Onkel Tom’s Hütte‹: […]«. Ebd. S. 361. Inwieweit dies eine Herausgeberfiktion ist, läßt sich nicht nachprüfen. Inhaltlich jedenfalls stimmen die folgenden Äußerungen mit Gutzkows eigener Position überein.Google Scholar
  32. 32.
    Damit ist der Kritiker auch zunächst zufrieden: »Der Roman ›Onkel Tom’s Hütte‹ schließt trotz einzelner Ausgleichungen doch eigentlich mit einer grellen Dissonanz und dies liegt in Natur und Absicht des behandelten Gegenstandes, der in empörender Tatsächlichkeit noch […] besteht.« Anonym: Ein Roman, S. 362.Google Scholar
  33. 33.
    Weiter heißt es hier: »Es ist eine banale Zumuthung, von der politischen oder socialen Tendenzpoesie, oder auch von den Poeten selbst zu verlangen, die Heilung der als krankhaft erwiesenen Zustände in die Hand zu nehmen.« (362)Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. den Schluß des Beitrages: »So weit unser Freund. In Folge der Adresse der englischen Frauen an ihre amerikanischen Schwestern hat sich in diesen Tagen eine bedeutungsvolle Debatte in den ›Times‹ eröffnet. Es ist auffallend, daß weder die Dichterin noch diejenigen, die die Wirkungen ihres Buchs zu praktischer Erörterung aufnahmen, eines Mannes sich erinnern, der schon vor einigen Jahren thatsächlich gezeigt hat, wie die Sklaverei auf die natürlichste Weise aufzuheben wäre. Dieser Mann heißt John Mac-Donnogh […] Wir wollen demnächst das System des Pflanzers Mac-Donnogh genauer angeben.« (362)Google Scholar
  35. 35.
    Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom, Leipzig 18693. Darin: Vorwort zur ersten Auflage [1858], S. V–IX; Vorwort zur zweiten Auflage [1862], S. X–XIV; Vorwort zur dritten Auflage [1869], S. XV–XXXII.Google Scholar
  36. 36.
    P. Hasubek: Der Zeitroman, S. 139. Dort auch die wenig erhellenden Ausführungen zur Schlußproblematik der Gutzkowschen Romane.Google Scholar
  37. 37.
    Die Inhalte der (kirchen)politischen Perspektive faßt Gutzkow im Vorwort zur dritten Auflage zusammen.Google Scholar
  38. 38.
    Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom, Roman in neun Büchern, Leipzig 18693. Alle Zitate ebd.Google Scholar
  39. 39.
    Dramatisch wird nun das Conclave geschildert, verwoben in die Geschichte der Romanfiguren, wird die Schwere der historischen Stunde beschworen, denn in der »diesmaligen Wahl entschied sich die Frage der Hierarchie für immer«. (201) Das Ergebnis des Conclaves und das Ergebnis des Romans entsprechen ganz dem »freisinnigen« Credo der von Gutzkow propagierten liberalen Theologie. Der Deutsche Bonaventura wird gewählt und nennt sich Liberius II; die Wahl aber nimmt er nur unter der Bedingung an, daß ein allgemeines Konzil einberufen wird, das die »Kirchenverbesserung nach dem Werk Gottes, Christi und der Apostel vorbereite« (207).Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. auch den Predigtschluß von Hohenschwangau, wo der Pfarrer Ottheinrich Stauff das letzte Wort erhält. Karl Gutzkow: Hohenschwangau. Roman und Geschichte. 1536–1567. Fünf Bände, Leipzig 1868.Google Scholar
  41. 41.
    Die Dokumentation des von Max Bucher u. a. herausgegebenen Bandes führt fünfzehn Rezensionen zu den Rittern vom Geiste gegenüber sieben zum Zauberer von Rom auf, darunter nur zwei kontroverse, nämlich Gottschalls Replik auf Schmidt. Max Bucher u. a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit, Band 1, S. 397 ff.Google Scholar
  42. 42.
    Trotzdem reflektiert Schmidt politisch-pragmatisch über eine mögliche andere Lösung; jenseits persönlicher Ranküne bleibt die Grundkonstellation von historischem Konflikt und politischer Lösung im Roman im folgenden Zitat unberührt: »Rom kann heute durch Rom ebensowenig reformiert werden, als zu den Zeiten Luthers; der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist kann unter dem äußeren Stoß zusammenbrechen, er kann sich aber nicht umwandeln. Glücklicherweise sind andere Kräfte vorhanden, welche das Werk unternehmen werden«. Julian Schmidt: Der Zauberer von Rom. In: Grenzboten 20/II/IV (1861), S. 241–248; Zitat S. 244 f.Google Scholar
  43. 43.
    Robert Prutz: Karl Gutzkow und sein »Zauberer von Rom«. In: Deutsches Museum 9/2 (1859), S. 273–283. Karl Frenzel, Gutzkows Nachfolger als Herausgeber der Unterhaltungen, scheint die Lösung im Roman zu erwarten. Für ihn ist die Schlußvision »ein großartiges, das Ganze harmonisch abschließendes Bild — aber doch nur — ein Bild, keine Lösung der wachgerufenen Fragen.« Karl Frenzel: Der Zauberer von Rom. In: Ders.: Büsten und Bilder. Studien, Hannover 1864, S. 183–220; Zitat S. 196.Google Scholar
  44. 44.
    H. Steinecke: Romantheorie und Romankritik, Band I, S. 218. Der Hinweis auf den Erfolg des Romans ebd. S. 223, auf Schmidt ebd. S. 224 und auf das positive Echo in einer Anmerkung auf S. 310. Eine Analyse der Rezeption fehlt.Google Scholar
  45. 45.
    Anonym [= Julian Schmidt]: Deutsche Romane. In: Grenzboten 9/II/II (1850), S. 601–608.Google Scholar
  46. 46.
    Deutlicher noch als Schmidt reagiert »von dem Standpunkte eines christlich-conservativen Sinnes aus« (2) ein Anonymus in Cotta’s Deutscher Vierteljahrs-Schrift. Der Roman, diese freie Form ohne »den idealen Charakter der Poesie, noch die künstlerische Form« (23), habe es den Schriftstellern leider erleichtert, »politische, religiöse, sociale Grundsätze auszusprechen. So wurde der Roman im politischen Leben der Träger der revolutionären Principien, im religiösen der der Glaubenslosigkeit, im socialen der der freien Sinnlichkeit, und so streng man die Schriftgattungen verfolgte, welche solche Lehren unmittelbar vortragen wollten, so viel schlüpfte hier ungehindert hindurch.« (23 f.) Anonym: Der Materialismus unserer Zeit. In: Deutsche Vierteljahrs-Schrift, Heft IV, Jg. 1855, S. 1–58.Google Scholar
  47. 47.
    Julian Schmidt: Karl Gutzkow. Die Ritter vom Geist. Roman in neun Büchern, 2. Aufl., Leipzig (1852). In: Grenzboten 11/I/II (1852), S. 41–63. Wiederabgedruckt in den wichtigsten Auszügen bei Max Bucher u. a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit Band 2, S. 314–323. Alle Zitate ebd.Google Scholar
  48. 48.
    Ebd. S. 315.Google Scholar
  49. 49.
    J. Schmidt: Karl Gutzkow, S. 316.Google Scholar
  50. 50.
    Was die »Ritter vom Geiste« für die Preußische Junkerpartei bedeuteten, kann man in ihrem Hausorgan nachlesen: »Die Tendenz des Romans ist also: die Leser zu Rittern vom Geist zu machen, d. h. zu solchen Ideologen, welche bei allen Fiascos der liberalen Principien Nichts lernen und Nichts vergessen, sondern trotz alledem in den ausgetretenen Schuhen der Montesquieu, der Lafayette, der Lamartine dahinwatscheln.« In: Neue Preußische [Kreuz-]Zeitung, Jg. 1852, Nr. 133–135, (10.–12. Juni). Zitiert nach Max Bucher u. a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit, Band 1, S. 399.Google Scholar
  51. 51.
    Saint-René Taillandier: Mouvement Littéraire De L’Allemagne. I. Les Romans Et Les Romanciers. In: Revue des Deux Mondes XXIIIe Année [1853] Tome Premier, p. 516–542.Google Scholar
  52. 52.
    Anonym: St. René-Taillandier über den neuen Roman in Deutschland. In: Europa, Nr. 36, Jg. 1853, S. 283–285. Der Rezensent erkennt allerdings die Rhetorik in Taillandiers Fragen und stellt fest, er polemisiere »mit seinem ganzen katholischen Pathos gegen die Tendenzen dieses Bundes.« Ebd. S. 284. Das Argument der intendierten Versöhnung der Parteien durch den Roman hatte schon vorher Wilhelm Heinrich Riehl in die Debatte gebracht. Er schrieb im Dezember 1851: »Diese Ritterschaft vom Geiste, welche verklärend und einigend über den Parteien der Gegenwart schwebt, gibt dem Roman eine Tendenz, und hat doch verhütet, daß er zum Tendenz-Roman geworden ist, am allerwenigsten zu einem demokratischen Tendenz-Roman.« W.[Wilhelm] H.[einrich] R.[iehl]: Die Ritter vom Geiste. In: Beilage zur Nr. 342 der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung (8. December 1851), S. 5465–5466; Zitat S. 5466.Google Scholar
  53. 53.
    Anonym: Gutzkow’s Ritter vom Geiste. In: Europa, Nr. 28, Jg. 1852, S. 217–223; Zitat S. 221.Google Scholar
  54. 54.
    Anonym: Der zeitgeschichtliche Roman und Gutzkows Ritter vom Geiste. In: Beilage zu Nr. 355 der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung (21. December 1851), S. 5673–5674 und Beilage Nr. 4 (4. Januar 1852), S. 57–59.Google Scholar
  55. 55.
    Brockhaus kann diese außergewöhnliche Tatsache sogar als Werbeargument benutzen. Vgl. die Ankündigung der zweiten Auflage der Ritter vom Geiste in der Nr. 342 der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung (8. December 1851), S. 5472.Google Scholar
  56. 56.
    Der deutsche Romandichter, so heißt es ironisch, »darf das ›Volk‹ aus der Vogel-Perspektive studiren und die ›Gesellschaft‹ aus der Frosch-Perspektive; er darf sich einspinnen in seine Studien, sich vereinzeln in einer mühsam erkämpften, mühsam behaupteten ›Stellung‹ fern dem Leben, zwischen Journale und Meßkataloge eingeschlossen, vom Buchhandel und von der Kritik, oder noch schlimmer von dem Mangel aller Kritik beherrscht.« S. 5674.Google Scholar
  57. 57.
    Anonym: Gutzkows Ritter vom Geiste. In: Beilage zur Nr. 337 der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung (3. December 1851), S. 5385–5387; Zitat S. 5386. Im Gegensatz zu Julian Schmidt meint dieser Rezensent, Historiker späterer Zeiten könnten sich aus der Lektüre dieses Romans »die Stellung und die Motive der verschiedenen Parteien ganz gut zu recht legen« (ebd.).Google Scholar
  58. 58.
    Anonym: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Von Karl Gutzkow. In: Blätter für lit. Unterhaltung, Nr. 104, Jg. 1851, S. 513–517; Zitat S. 515.Google Scholar
  59. 59.
    Fortsetzung des in Anmerkung 58 zitierten Artikels in: Blätter für lit. Unterhaltung, Nr. 4, Jg. 1852, S. 73–79; Zitat S. 76.Google Scholar
  60. 60.
    Karl Rosenkranz: Gutzkow’s Ritter vom Geist. Roman in neun Büchern. In: Deutsches Museum 2/1 (1852), S. 721–732; Wiederabgedrucktin: Karl Rosenkranz: Neue Studien, Zweiter Band. Studien zur Literaturgeschichte, Leipzig 1875, S. 233–247. Wir zitieren nach dem Erstdruck.Google Scholar
  61. 61.
    Einen Bund der »Ritter vom Geiste« empfindet allerdings ein Anonymus der »Europa« vorläufig als die einzige Möglichkeit, nach der gescheiterten Revolution zu überwintern: »In der Tat, für die Wahrheiten unseres Zeitalters ist, wie es scheint, kaum noch zu kämpfen, es ist ihnen blos die Stätte zu bereiten.« Anonym: Zur Chronik. Gutzkow’s »Ritter vom Geiste«. In: Europa, Nr. 1, Jg. 1852, S. 5–6; Zitat S. 6.Google Scholar
  62. 62.
    Anonym [= Rudolf Gottschall]: Der neue deutsche Roman. In: Die Gegenwart. Eine encyklo-pädische Darstellung der neuesten Zeitgeschichte für alle Stände. Neunter Band, Leipzig 1854, S. 210–263; Zitat S. 215.Google Scholar
  63. 63.
    Anonym: Neue deutsche Romane. Erster Artikel. In: Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst, hrsg. von Otto Wigand, Erster Band, Leipzig 1854, S. 317–339.Google Scholar
  64. 64.
    Literatur als gesellschaftliches (Ersatz-)Handeln ist offensichtlich im Zeitbewußtsein verankert, der Appell an den Leser aus Gutzkows Vorwort verhallt nicht ungehört: »Die ›Ritter vom Geiste‹ können nicht allein vom Standpunkte der ästhetischen Kritik aus als ein großes und echtes Kunstwerk, sondern auch von dem Standpunkte aus, den diese Jahrbücher als Organ der freien Wissenschaft einnehmen als Glaubensbekenntnis einer entschiedenen Gesinnung und Charaktertüchtigkeit, als eine weitausgreifende, als die kühnste und edelste That der modernen Literaturgeschichte bezeichnet werden.« Ebd. S. 320.Google Scholar
  65. 65.
    Briefe über Gutzkow’s Ritter vom Geiste. Von Alexander Jung. Leipzig 1856.Google Scholar
  66. 66.
    Vgl. etwa auch: Charaktere der deutschen Literatur. Von [Eduard] Schmidt-Weißenfels. Erster Band. Prag 1859; darin: Karl Gutzkow. S. 78–162; »Was doch am Ende alle Kämpfe in unserer Zeit hervorgerufen hat, ist die soziale Frage, die Fäulniß unserer sozialen Zustände, die Kluft zwischen Dem, was sein soll und Dem, was ist. Alle unsere gesellschaftlichen Institutionen werden von diesen Kämpfen heimgesucht, und dienen ihnen zum Gegenstande […] Gutzkow hat nach seiner Weise mitgekämpft, um diese Frage zu lösen und stand immer an der Spitze der Schaar, welche im Sinne der vorwärtswogenden Zeitideen diese Lösung versuchen wollte.« (145)Google Scholar

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  • Franz Rhöse

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