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Roman und Romanschluss in der »Poetik« des neunzehnten Jahrhunderts

  • Franz Rhöse
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Zusammenfassung

In seinem Literaturbericht zur Geschichte und Poetik des Romans schrieb Fritz Martini, »daß die Geschichte des Romans nicht geschrieben werden kann ohne eine Auseinandersetzung mit dem Problem seiner Poetik«[1], deren Geschichte noch »wenig durchforscht« sei. Wenn Friedrich Sengle noch zwanzig Jahre später im Vorwort seiner Biedermeierzeit in Kenntnis der Forschung formulieren konnte, daß »die bisherige Literaturgeschichte auf einer viel zu schmalen, jede Deutungswillkür gestattenden Materialbasis aufgebaut war. Dies gilt bei uns in Deutschland vor allem für die Geschichte der Poetik und Rhetorik, die […] mißachtet und vergessen wurde […]«[2] — so ist die Forschungssituation skizziert. Das erst in jüngster Zeit breitere Interesse an Poetik und Rhetorik hat sich für das 19. Jahrhundert noch kaum in Einzeluntersuchungen niedergeschlagen, schon gar nicht in solchen, wie wir sie im Folgenden als einen ersten Versuch vorlegen. Dabei bedürfte vor allem die Frage nach der tatsächlichen Wirkung der Poetik einer genaueren Überprüfung, die hier nur ansatzweise geleistet werden kann. Nimmt man aber nur die Verlagspraxis als möglichen Indikator möglicher Wirkung, so fordern allein die häufigen Auflagen den Literaturhistoriker dazu auf, dieser »Gattung« des Gesprächs über Literatur im Schulsystem des 19. Jahrhunderts näher nachzugehen. Dieter Breuer hat in seinem Aufsatz über die Schulrhetorik im 19. Jahrhundert[3] zu zeigen vermocht, wie fest diese Disziplin noch in der Schulpraxis verankert war. Ähnliches gilt wohl, sieht man sich die von Breuer zitierten Lehrpläne einerseits, die ihr Zielpublikum schon im Titel formulierenden und teilweise hohe Auflagezahlen erreichenden Poetiken andererseits genauer an, auch für diesen Texttypus, der ein umfangreiches Inventar zur Beschreibung und Wertung der literarischen Texte anbietet.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Fritz Martini: Geschichte und Poetik des Romans. Ein Literaturbericht. In: Der Deutschunterricht, Jg. 1951, Heft 3, S. 86–99; Zitate S. 87 und 86. Den Artikel »Poetik« im Reallexikon eröffnet Martini mit den nach wie vor gültigen Sätzen: »Wer sich heute mit der Poetik als Wissenschaft beschäftigt, tritt auf ungesicherten Boden. Er kann nicht endgültig verfestigte Resultate darbieten, sondern nur einen Überblick über Bemühungen und Fragen versuchen, die noch ins Ungewisse hineingreifen.« Der historische Begriff von Poetik kommt auch hier noch viel zu kurz. Fritz Martini: Poetik. In: Deutsche Philologie im Aufriß 2. überarbeitete Auflage unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter, hgg. von Wolfgang Stammler, Bd. I, Berlin 1957, Sp. 223–280; Zitat Sp. 223. Vgl. auch das knappe Nachwort von Hartmut Steinecke: Theorie und Technik des Romans im 19. Jahrhundert, Tübingen 1970, bes. S. 137.Google Scholar
  2. 2.
    Friedrich Sengle: Biedermeierzeit, Bd. I, S. VIII. Dem Aufsatz von Georg Jäger über das Gattungsproblem in Ästhetik und Poetik, der auf breiter Quellenbasis eine Reihe von literaturhistorischen Korrekturen des immer noch von der klassischen Ästhetik des deutschen Idealismus bestimmten Erkenntnishorizonts der Germanistik vornehmen konnte, verdanke ich die Ermutigung, mich in den Fernleihverkehr der deutschen Bibliotheken zu stürzen. Georg Jäger: Das Gattungsproblem in der Ästhetik und Poetik von 1780 bis 1850. In: Zur Literatur der Restaurationsepoche 1851–1848. Forschungsreferate und Aufsätze. Herausgegeben von Jost Hermand und Manfred Windfuhr, Stuttgart 1970, S. 371–404.Google Scholar
  3. 3.
    Dieter Breuer: Schulrhetorik im 19. Jahrhundert. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Rhetorik. Beiträge zu ihrer Geschichte in Deutschland vom 16.–20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1974, S. 145–179.Google Scholar
  4. 4.
    Horst Enders: Zur Popular-Poetik im 19. Jahrhundert: »Sinnlichkeit« und »inneres Bild« in der Poetik Rudolph Gottschalls. In: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert. Band 1, hrsg. von Helmut Koopmann und J. Adolf Schmoll gen. Eisenwerth, Frankfurt/Main 1971, S. 66–84; Zitat S. 69. Eine umfangreiche, wenn auch nicht vollständige Bibliographie findet sich bei H. Schanze (Hrsg.): Rhetorik, S. 293–337. Stärker als die gewiß vorhandene »Trivali-sierung« der ästhetischen Theorie von Hegel, Vischer, Carriere u. a. sollte hier die Vermittlungsfunktion der durchwegs der (literarischen) Intelligenz angehörenden Verfasser ins Blickfeld rücken.Google Scholar
  5. 5.
    Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik. Vom Standpunkte der Neuzeit von Rudolf von Gottschall. Sechste vermehrte und verbesserte Auflage. Erster Band, Breslau 1893.Google Scholar
  6. 6.
    H. Enders: Zur Popular-Poetik, S. 69.Google Scholar
  7. 7.
    Hermann Baumgart: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-historische Darstellung der Theorie der Dichtkunst, Stuttgart 1887.Google Scholar
  8. 8.
    Grundzüge der Poetik. Für höhere Lehranstalten, insbesondere für Seminarien, Präparan-den-Anstalten, höhere Töchterschulen, wie zum Selbstunterricht bearbeitet von Dr. Wilhelm Sommer, Direktor des Königl. Lehrerinnen-Seminars zu Paderborn. Vierte verbesserte und vermehrte Auflage. Paderborn 1889 [18781, 18822, 18863].Google Scholar
  9. 9.
    Zum Deutschunterricht im 19. Jh. vgl. eine erste Übersicht bei Georg Jäger: Der Deutschunterricht auf Gymnasien 1780 bis 1850. In: DVjs 47 (1973), S. 120–147.Google Scholar
  10. 10.
    D. Breuer: Schulrhetorik, S. 150.Google Scholar
  11. 11.
    Nicht selten berufen sich Verfasser im Vorwort auf die grundlegenden Ästhetiken von Vischer und Carriere (am häufigsten erwähnt); vgl. dazu: Lehrbuch der Poetik für höhere Lehranstalten. Von Dr. Christ. Friedr. Albert Schuster, Director der Realschule I. O. zu Hannover. Clausthal 1874: »Daß Vischers und Carrieres Ästhetiken für das vorliegende Werk benutzt sind, wird demselben nur zum Vortheile gereichen«. S. VII. Übrigens ist die Behauptung, die Poetik verliere im 19. Jh. den Kontakt zur Gegenwartsliteratur, zumindest hinsichtlich der Autoren von Zeitroman und historischem Roman nachweislich falsch — es sind fast durchweg die Berühmtheiten des Tages und der Epoche, die als Exempla zitiert werden.Google Scholar
  12. 12.
    Leitfaden für deutsche Poetik für die Oberklassen höherer Lehranstalten und für Freunde der Dichtkunst von Prof. Dr. Karl August Mayer, Director des Realgymnasiums zu Karlsruhe, Leipzig 1869, S. 95.Google Scholar
  13. 13.
    So lesen wir bei dem Altphilologen, Platen-Nachfolger und Epenverfasser Professor Johannes Minckwitz nur folgende Zeilen zum Roman: »Die Prosa verfaßten Erzählungen epischer Gattung (hinter der Kunstaufgabe zurückgebliebene Producte, wie sie sind) erhalten insgemein den Namen Roman«. In: Katechismus der Deutschen Poetik. Von Dr. Johannes Minckwitz, Professor an der Universität Leipzig, Leipzig 1868, S. 75. Und in der oberflächlichen, eine vage christlich-harmonistische Ideologie vertretenden Ästhetik von Söltl heißt es knapp: »Der neuere Roman behandelt am liebsten die politischen und religiösen Zeitfragen, meistens von einem Parteistandpunkte aus, weiß aber selten eine dauernde, nachhaltige Wirkung zu erzeugen.« Aesthetik in Mittheilungen an eine deutsche Frau. Von Dr. J. M. Söltl, K. b. geh. Hofrath, Universitäts-Professor etc. in München, Wien Pest Leipzig 1872 (= Deutsche Frauenwelt. Bibliothek ausgewählter Originalwerke zur Bildung, Belehrung und Unterhaltung. Neunter Band), S. 113 f.Google Scholar
  14. 14.
    Die Sprache der Prosa, Poesie und Beredsamkeit, theoretisch erläutert und mit vielen Beispielen aus den Schriften der besten deutschen Klassiker versehen. Für höhere Lehranstalten bearbeitet von G. Fr. Heinisch und J. L. Ludwig. Zweite, sehr vermehrte und verbesserte Auflage. (Zum Gebrauche höchst genehmigt.) Bamberg 1867; S. 551. Alle folgenden Zitate ebd. Vgl. dazu: Wilhelm Sommer: Grundzüge der Poetik, S. 63: »Jedenfalls ist die frühzeitige und nicht auf sorgfältige Auswahl beruhende Roman- und Novellenlektüre ein höchst verderbliches Übel, da selbst unsere berühmtesten und künstlerisch vollendetsten Romane in sittlicher Beziehung mancherlei Bedenken erregen müssen.«Google Scholar
  15. 15.
    Dr. Friedrich Beck: Lehrbuch der Poetik für höhere Lehranstalten wie auch zum Privatgebrauche. München 1862, S. 23. Unverändert übernommen in die »sechste verbesserte und vermehrte Auflage« von 1889, S. 24.Google Scholar
  16. 16.
    Dichtungslehre (Poetik) für die oberen Kurse der Realschulen Bayerns und verwandter Anstalten. Mit Aufgaben zur Übung in der Form der Dichtungen. Bearbeitet von Joh. Ev. Haselmayer, Würzburg 1878, S. 95.Google Scholar
  17. 17.
    Chr. Fr. Schuster: Lehrbuch der Poetik, S. 27.Google Scholar
  18. 18.
    Handbuch der Poetik für Gymnasien. Von Bernhard Dieckhoff, Professor am Gymnasium zu Münster. Münster 1832. [Dritte Auflage 1857]: »Einheit ist dem Romane, wie jedem Werk der Kunst wesentlich […] verlangen wir, daß alle Theile unter sich in engem ursachlichen [!] Zusammenhange stehen, und zusammen ein vollständiges und abgeschlossenes Ganze ausmachen.« Ebd. S. 217. Krauß verwendet für Epos und Roman sogar die strengen dramatischen Kategorien, um die Geschlossenheitsforderung strukturell zu sichern. In: Leitfaden der deutschen Poetik für Gymnasialschüler und zum Selbstunterricht zusammengestellt von Ludwig Krauß, k. Gymnasialprofessor. Zweite vermehrte Auflage. Ansbach 1902 [E: 1897], S. 75. Zurückzuführen ist diese Forderung natürlich auf den klassischen Harmoniebegriff, wie er auch bei Krauß festgehalten wird: »Zum Wesen des Kunstschönen gehört die vollendete Harmonie […] Das Schöne der Kunst muß eingeschlossenes und übersichtliches Ganzes bilden, klar und verständlich, in allen Teilen wohlgefügt und wohlgeordnet sein.« Ebd. S. 2.Google Scholar
  19. 19.
    Das folgende Zitat nach Heinisch/Ludwig: Die Sprache der Prosa, S. 551. Kleinpaul/Langewiesche begreifen die moderne Romantik des Romans als ein »mannigfaltiges, oft lange geheimnisvoll bleibendes und bis ans Ende die Erwartung spannendes Ineinanderverschlungensein der persönlichen Verhältnisse und Schicksale.« In: Poetik. Die Lehre von der deutschen Dichtkunst. Entworfen von Dr. Ernst Kleinpaul. Ausgeführt für Dichter und alle Freunde der Poesie von Wilhelm Langewiesche. Neunte, umgearbeitete und vermehrte Auflage. In drei Teilen, Bremen 1892 [18604], S. 561.Google Scholar
  20. 20.
    Die Kunst der Rede. Lehrbuch der Rhetorik, Stilistik, Poetik von Dr. Adolf Calmberg. Neu bearbeitet von H. Utzinger, a. Seminardirektor. Vierte, verbesserte Auflage. Zürich o. J. [1907] [18903], S. 222. Beide Zitate ebd. Ähnlich schon 1862 F. Beck: Lehrbuch der Poetik, S. 24.Google Scholar
  21. 21.
    Ch. Oeser’s Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Aesthetik. Ein Weihgeschenk für Frauen und Jungfrauen. Achtzehnte verbesserte Auflage. Bearbeitet und herausgegeben von A.W. Grube. Mit 15 Stahlstichen und vielen Holzschnitten, Leipzig 1875. Das folgende Zitat S. 583. Man vgl. dort die Gegenüberstellung von Gutzkow und Freytag; dem »positiven Realismus« des letzteren wird der Vorzug gegeben. Ebd. S. 585.Google Scholar
  22. 22.
    Die Dichtkunst und ihre Gattungen. Ihrem Wesen nach dargestellt und durch eine nach den Dichtungsarten geordnete Muster-Sammlung erläutert von Hermann Oesterley. Mit einer Vorrede von Karl Goedeke, Breslau 1870, S. 199.Google Scholar
  23. 23.
    W. Reuter: Poetik. Eine Vorschule für die Geschichte der schönen Literatur und die Lektüre der Dichter. Für Gymnasien, Realschulen und zum Selbstunterricht, Freiburg i. Br. 1870, S. 94.Google Scholar
  24. 24.
    Ch. Friedrich Koch: Figuren und Tropen, Grundzüge der Metrik und Poetik. Vierte verbesserte Auflage. Nach dem Tode des Verfassers besorgt von Prof. Dr. Eugen Wilhelm, Jena 1880, S. 49.Google Scholar
  25. 25.
    Deutsche Poetik. Ein Hilfswerk für Lehrer der deutschen Literatur und zum Selbstunterrichte, theoretisch-practisch bearbeitet von Dr. Otto Lange, ordentlichem Lehrer an der Königl. Bildungsanstalt für Lehrerinnen und an der höheren Töchterschule auf der Friedrichstadt, Mit-gliede der deutschen Gesellschaft zu Berlin. Berlin 1844, S. 170 und passim. [Zweite Auflage 1865].Google Scholar
  26. 26.
    Dr. W. Buchner (Schuldirektor in Crefeld): Deutsche Dichtung. Die Lehre von den Formen und Gattungen derselben. Ein Leitfaden für Realschulen, höhere Bürger- und Töchterschulen, Essen 1863, S. 55. Das optimistische Aufsteigermodell, das dahintersteht, wird zwei Zeilen später durch Modifikation des bekannten Sprichworts illustriert: »der Mensch selbst ist seines Glückes oder Unglückes Schmied.« Ebd. S. 55. Vgl. dazu den Schluß von Otto Ludwig Zwischen Himmel und Erde, unsere Arbeit S. 158.Google Scholar
  27. 27.
    E. Kleinpaul/W. Langewiesche: Poetik, S. 563 f. Man vgl. mit diesem Passus die doppelten Schlüsse in den Romanen der Marlitt, in denen regelmäßig auf den Hochzeitsschluß in einem mindestens ein Jahr später spielenden »Epilog« die segensreiche Zukunft in der Wiege des Ehepaars folgt.Google Scholar
  28. 28.
    Grundriß der Aesthetik und Rhetorik von Dr. Albert Stöckl, Domcapitular und Professor am bischöfl. Lyceum in Eichstätt. (Zweite Beilage zum »Lehrbuche der Philosophie« desselben Verfassers.) Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage, Mainz 1874, S. 98.Google Scholar
  29. 29.
    Lehrbuch der deutschen Poetik für höhere Mädchenschulen und Lehrerinnenbildungsanstalten von Dr. Hermann Stöhn, Leipzig 1884, S. 73. Vergleiche die Formulierung Stohns mit der bereits zitierten von Buchner (1863)!Google Scholar
  30. 30.
    Rudolf von Gottschall: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik. Vom Standpunkt der Neuzeit. Sechste vermehrte und verbesserte Auflage. Zwei Bände, Breslau 1893. [18581, 18702, 18733, 18774, 18 825]. Die Ausführungen zum Roman bleiben in den ersten vier Auflagen im wesentlichen konstant, erst die fünfte Auflage bringt umfangreiche Zusätze zum naturalistischen Roman.Google Scholar
  31. 31.
    Vorwort zur zweiten Auflage der Poetik, ebd. S. XV. — Rudolf Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Literaturhistorisch und kritisch dargestellt. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Drei Bände Breslau 1860. [18551, 18815]. — Unter anderem war er Herausgeber der beiden bei Brockhaus in Leipzig erscheinenden einflußreichen Zeitschriften Blätter für literarische Unterhaltung und Unsere Zeit von 1864 bis 1888. Vgl. dazu Hans Hopfen: Ein Reformator der deutschen Schaubühne. [1872] In: Hans Hopfen: Streitfragen und Erinnerungen, Stuttgart 1876, S. 172: Gottschall biete das Bild »des fleißigsten Kritikers, der mit nimmermüden Händen zwei bis drei Dutzend Organe der öffentlichen Meinung besorgt oder doch beeinflußt, und mit Tageskritik, Literaturgeschichte, Poetik und Conversationslexikon in mehr oder weniger dauerhafter Unsterblichkeit macht«.Google Scholar
  32. 32.
    Anonym: Rudolf Gottschall’s »Poetik«. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd, N. F. Nr. 10, Vierter Band (1869), S. 159.Google Scholar
  33. 33.
    Zur Poetik schreibt der Verlag: »Dieses Werk des berühmten Kritikers hat sich als ein praktisches und brauchbares Hausbuch erwiesen und steht als technisches Lehrbuch für Alle, die sich eingehend mit unserer Literatur beschäftigten, unübertroffen da.« Die gleichzeitig annoncierte sechste Auflage der Literaturgeschichte gehört »als Standwerk [!] in jede Bibliothek neben das Konversationslexikon und die Weltgeschichte und bildet ein deutsches Hausbuch ersten Ranges.« Beide Annoncen in: Deutsche Revue XVIII/4 (1893), S. 397.Google Scholar
  34. 34.
    Anonym: Rezension. Aus meiner Jugend. Erinnerungen von Rudolf von Gottschall, Berlin 1898. In: Deutsche Rundschau Bd. 110 (1899), S. 482. — Eine knappe Biographie sowie eine unvollständige Dokumentation seiner literarischen Produktion und Herausgebertätigkeit findet sich in: Moritz Brasch: Rudolf von Gottschall. Ein litterarisches Porträt. Mit einem Bilde Gottschalls, Leipzig 1893.Google Scholar
  35. 35.
    Die einzige uns bekannte Arbeit über Gottschall ist diejenige von Horst Enders: Zur Popular-poetik im 19. Jahrhundert: »Sinnlichkeit« und »inneres Bild« in der Poetik Rudolph Gottschalls. In: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert Bd. 1. Herausgegeben von Helmut Koopmann und J. Adolf Schmoll gen. Eisenwerth, Frankfurt am Main 1971, S. 66–84. Wie schon aus dem Titel ersichtlich, berührt sich dieser interessante Aufsatz nicht mit unseren Untersuchungen. Zur Bedeutung der Poetik vgl. auch Helmuth Widhammer: Realismus und klassizistische Tradition Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848–1860, Tübingen 1972, S. 127.Google Scholar
  36. 36.
    Vgl. R. Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur, S. 517 f. und Rudolf von Gottschall: Studien zur neuen deutschen Literatur, Berlin 18922, S. 195 ff.Google Scholar
  37. 37.
    Wir zitieren im Folgenden nach der 6. Auflage, sofern nichts anderes vermerkt ist. Alle Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf den ersten Band der Poetik.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Rudolf Gottschall: Zur Charakteristik des historischen Romans. In: Blätter für literarische Unterhaltung Nr. 14, Jg. 1865/I, S. 209 ff.Google Scholar
  39. 39.
    Wir zitieren im Folgenden den zweiten Band nach der fünften Auflage von 1882.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. dazu Rudolf Gottschall: Karl Gutzkow’s »Zauberer von Rom«. In: Blätter für literarische Unterhaltung Nr. 51, Jg. 1858, S. 925–933. Ein ausgezeichnetes Beispiel für dieses Romanmodell ist Gottschalls eigener Roman: Welke Blätter, Drei Bände, Breslau 18782. Er ist nach dem in der Poetik formulierten Schema gebaut.Google Scholar
  41. 41.
    Rudolph Gottschall: Adalbert Stifter. Ein Essay. In: Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Neue Folge. Vierter Jg. 1868/I, S. 745–766. Beide Zitate S. 763. (Die Schreibweise des Vornamens von Gottschall wechselt in den Quellen). Vgl. dazu auch R. Gottschall: Poetik, S. 134 f.: »Im allgemeinen nimmt man an, daß der Schluß des Romans […] ein glücklicher sein müsse, indem das bestimmte Ziel, das dem Helden oder dem Dichter vorschwebt, nach mancherlei Verwickelungen und Irrungen erreicht wird, daß der Schluß nach vielen Dissonanzen eine versöhnende Harmonie bringt.«Google Scholar
  42. 42.
    Rudolf Gottschall: Die Technik des Dramas. In: Deutsches Museum 8/1 (1858), S. 385–396. »Je kühner und überraschender diese letzten Züge, desto glänzender die Auflösung des Räthsels und der Abschluß des Dramas.« S. 388. In diesem Punkt sind Schlußprobleme von Drama und Roman identisch; die Begriffe, in denen über den letzteren geschrieben wird, sind auch die einer Poetik des Dramas.Google Scholar
  43. 43.
    R. v. Gottschall: Neue Romane. IV. Karl Frenzel: »Die Geschwister«. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 10, Jg. 1882, S. 150.Google Scholar
  44. 44.
    An anderer Stelle definiert Gottschall den Zeitroman als die bevorzugte Romangattung der sechziger Jahre wie folgt: »Die Mehrzahl unserer namhaften Autoren bewegt sich […] auf dem [Gebiet] des Zeitromans, der die Probleme und Conflicte, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Gedankenkreise der Neuzeit beleuchtet.« R. Gottschall: Rückblick auf das Literaturjahr 1868. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 1, Jg. 1869/I, S. 4.Google Scholar
  45. 45.
    Anonym [= Rudolf Gottschall]: Der neue deutsche Roman. In: Die Gegenwart. Eine encyklopädische Darstellung der neuesten Zeitgeschichte für alle Stände. 9. Bd., Leipzig 1854, S. 210–263. Zitat S. 215. Vgl. damit die spätere Polemik gegen den Naturalismus: »Ein Stück Leben auf die Bühne gebracht, ohne ineinandergreifende Entwicklung, ohne Spannung, ohne Abschluß wird nie eine Wirkung ausüben«. Rudolph von Gottschall: Der naturalistische und photographische Roman in Frankreich. In: Ders.: Literarische Todtenklänge und Lebensfragen, Berlin 1895, S. 234.Google Scholar
  46. 46.
    R. Gottschall: Poetik, Sechste Auflage, Bd. 1, S. 119.Google Scholar
  47. 47.
    Anonym [= Rudolf Gottschall]: Literarische Revue. In: Unsere Zeit. Neue Folge 5/2 (1869), S. 545–560; Zitat S. 557.Google Scholar
  48. 48.
    Rudolf Gottschall: Neue Romane von Levin Schücking, Max Ring und Hans Hopfen. In: Blätter für lit. Unterhaltung, Nr. 16, Jg. 1869/I, S. 241–247. Der Abschluß von Hopfens Roman Arge Sitten (Stuttgart 1869) sei »ohne Beweiskraft für irgendein moralisches oder ùnmoralisches Axiom.« Ebd. S. 246.Google Scholar
  49. 49.
    R. Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur, S. 573. Für Gottschalls eigene Romanpraxis vgl. vor allem den Titel des sechsten und letzten Buches des Romans Das goldene Kalb (Breslau 1880) mit der von Spielhagen entliehenen Überschrift: »Durch Nacht zum Licht«. Dort vor allem die versuchte Integration von privater und politisch-öffentlicher Zukunftsperspektive.Google Scholar
  50. 50.
    R. Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur, S. 560. Zur geschichtlichen Schlußperspektive vgl. auch die Diskussion des Schlusses von Wilhelm Jensens Roman Nirwana. Drei Bücher aus der Geschichte Frankreichs. (Breslau 1877). In: Rudolph von Gottschall: Wilhelm Jensen. Ein literarischer Essay. In: Unsere Zeit. Neue Folge Bd. XV/1 (1879), S. 1–18; bes. S. 9 und 12.Google Scholar
  51. 51.
    Rudolph von Gottschall: Karl Gutzkow. Ein literarisches Charakterbild. In: Unsere Zeit. Neue Folge Bd. XV/1 (1879), S. 401–427; Zitat S. 424.Google Scholar
  52. 52.
    R. Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur, S. 647f. Alle Zitate ebd.Google Scholar
  53. 53.
    Rudolf Gottschall: Victor Hugo als Romanschriftsteller. In: Rudolf Gottschall: Literarische Charakterköpfe. Vierter Teil, Leipzig 1876, S. 213–296. Alle Zitate ebd. S. 223 f.Google Scholar
  54. 54.
    Der Gegenbegriff wird in der Hugo-Besprechung thematisch: »Das ganze Werk athmet den Geist des düstersten Pessimismus: eine schreiende Dissonanz folgt der anderen;« ebd. S. 232.Google Scholar
  55. 55.
    R. Gottschall: Die deutsche Nationalliteratur, S. 586. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
  56. 56.
    Anonym [= Rudolf Gottschall]: Rezension von Leo Wolfram: »Ein Goldkind«, 2 Bände, Berlin 1867. In: Unsere Zeit. Neue Folge, Vierter Jg. (1868), S. 946.Google Scholar
  57. 57.
    Rudolf Gottschall: Neue Novellistinnen. Erster Artikel: Die Novellistinnen der »Gartenlaube«. In: Blätter für lit. Unterhaltung, Nr. 32, Jg. 1876, S. 497–501 und Nr. 33, S. 517–521; Zitat S. 498. Vgl. dazu den gegen die naturalistischen Angriffe auf die Marlitt gerichteten Artikel von Rudolph von Gottschall: Plaudereien über Romandichtung. 2. Die Lebenswirklichkeit im Roman. In: Die Gartenlaube, Jg. 1885/I, S. 458–459.Google Scholar
  58. 58.
    Heinrich Keiter: Versuch einer Theorie des Romans und der Erzählkunst. Mit einem orientierenden Vorworte von F. Kreyssig, Paderborn 1876. Eine zweite und dritte Auflage erschien unter dem Titel: Heinrich Keiter und Tony Kellen: Der Roman. Geschichte, Theorie und Technik des Romans und der erzählenden Dichtkunst, Essen-Ruhr 19042 und 19083. Wir zitieren im Folgenden nach der ersten Auflage mit den Seitenzahlen in Klammern. Keiter veröffentlichte u. a. wiederholt Essays zur Romanliteratur in der von Gottschall bei Brockhaus in Leipzig herausgegebenen Monatsschrift Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart (1857ff.).Google Scholar
  59. 59.
    Keiter bezieht sich wiederholt und durchweg zustimmend auf: Friedrich Kreyssig: Vorlesungen über den Deutschen Roman der Gegenwart. Literar- und culturhistorische Studien, Berlin 1871 [zweite Aufl. 1872]. Zu Kreyssig vgl. Julius Rodenberg: Zur Erinnerung an Friedrich Kreyssig. In: F. Kreyssig: Literarische Studien und Charakteristiken. (Nachgelassenes Werk) Mit einer Einleitung von Dr. Julius Rodenberg, Berlin 1882, S. II–XXI.Google Scholar
  60. 60.
    Über dieses Publikum heißt es bei Kreyssig: »Wer sich vor Lessing, vor Göthe und Schiller, vor Freytag, Spielhagen und Auerbach nicht schämt: warum sollte er sich vor Keiter geniren?« (IV) Der von der Literaturgeschichtsschreibung häufig konstatierte »Verfall« der Verbindlichkeit einer Gattungspoetik hat eine wesentliche Ursache in den Produktions- und Konsumptions-verhältnissen des literarischen Marktes. Als ein Beleg von vielen Otto von Leixner: Roman und Novelle. In: Mehr Licht! Eine deutsche Wochenschrift für Literatur und Kunst, Nr. 40, I. Jg., Berlin 1879, S. 633–635: »Man findet wohl kaum eine so schlechte Arbeit, daß kein Blatt sie annimmt. […] Unter solchen Umständen ist es ganz begreiflich, wenn die jüngere Generation […] sich über ästhetische Skrupel hinwegsetzt, ja die Ästhetik als müßiges Geschwätz betrachtet« (633).Google Scholar
  61. 61.
    Keiter zitiert wiederholt: Friedrich Spielhagen: Vermischte Schriften (= Sämtliche Werke Bd. 7) Berlin o. J. [1864]. Vgl. dazu das Spielhagen-Kapitel unserer Arbeit.Google Scholar
  62. 62.
    Heinrich Keiter: Grundlinien einer Theorie des Romans. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literatur. 30 Jg. Bd. 55, 30. Jg. (1876), S. 1–16.Google Scholar
  63. 63.
    Ebd. S. 5. Hier faßt Keiter auch die Möglichkeit des Scheiterns eines exemplarischen Lebenslaufs ins Auge. Um der positiven Schlußperspektive willen ist aber dann vom Dichter zu fordern: »Dann muß aber der Dichter dem sterbenden Helden eine frisch erstehende Kraft Substituten, oder eine weite Perspektive in die Zukunft eröffnen.« Ebd., S. 6 f. Den Regelfall aber drückt der literarische und pädagogische Präzeptor in einem anderen Aufsatz wie folgt aus: »Der Held des Romans ist am Schluß der Geschichte ein anderer Mensch geworden; er hat eine Schule durchgemacht und sein Examen bestanden. Sein Charakter hat sich gestählt, sein Blick sich erweitert.« Heinrich Keiter: Die Novelle. In: Literaturblatt, hrsg. von Anton Edlinger, 2. Band, Jg. 1878, S. 481–483; Zitat S. 481.Google Scholar
  64. 64.
    Ganz ähnliche Positionen vertritt der »Professor der class. Philologie an der Universität Basel« (Titelblatt), Jakob Mähly: Der Roman des XIX. Jahrhunderts, Berlin 1872: »Wenn der Romandichter seinen Beruf darin sieht, alle Widersprüche unseres socialen Lebens geflissentlich an’s Licht zu ziehen und ihnen noch verzerrtere Züge zu geben, als sie thatsächlich schon haben, wenn er absichtlich nur in den Zeitkrankheiten und all der Misère unserer physischen und sittlichen Zustände herumwühlt, ohne einen versöhnenden Hintergrund in der Verklärung irgend einer Idee durchschimmern zu lassen — so verdient der Roman die Zukunft nicht.« Ebd. S. 23.Google Scholar
  65. 65.
    Vom Standpunkt der christlichen Moral aus verlangt ähnliches Detlev Freiherr von Biedermann in seiner »Studie« über den Roman. Das Endziel des Romans müsse »der Triumph des Guten sein« (14), das Böse müsse bestraft werden, da »der Roman die Durchführung der christlichen Moral als Hauptrichtung feststellen muß« (17). Zitiert nach: Der Roman als Kunstwerk. Eine Skizze als Beitrag zur Aesthetik von Detlev Frhr. v. Biedermann, Dresden 1870. Eine ähnliche Position wie Biedermann vertritt Erwin Schlieben in seiner Preisschrift von 1876. Für ihn ist der Roman ein ideales volkspädagogisches Mittel »im Dienste des Guten« (340), d. h. der christlichen Religion. Sein Kampf solle sich richten gegen Liberalismus und Sozialismus, gegen die Emanzipation der Frau wie gegen die Religionslosigkeit der Gegenwart. Im Hintergrund erscheint Bismarck als der große Held im Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Auch der Romandichter vermöge sein Scherflein beizutragen bei dieser großen nationalpädagogischen Aufgabe: »Sobald er uns eine bedeutende Persönlichkeit im Streite gegen Mißbräuche, gegen Lüge, Vorurtheile, Selbstsucht, Religionslosigkeit zeigt, sobald er sie uns vorführt im Kampfe gegen die elementaren Gewalten, die der Socialismus und Industrialismus heraufbeschwört, […] dann wird er einen Helden gezeichnet haben, der im Siege oder Untergange nicht zu dunkel erscheint gegen die Heldengestalten der Wirklichkeit.« (343) — Zur Theorie des Romans. Preisschrift von Erwin Schlieben. In: Neue Monatshefte für Dichtkunst und Kritik, Dritter Band, Jg. 1876, S. 334–347.Google Scholar
  66. 66.
    Im folgenden Zitat werden Spielhagens Vermischte Schriften wörtlich angeführt. In Anlehnung an den Titel von dessen großem Erfolgsroman heißt es abschließend: »Durch Kampf zum Sieg! Durch Nacht zum Licht! Über Hindernisse zum Ziel, durch Irrthum zur Wahrheit! Diesen Weg darzustellen ist das Ziel des wahren Romans.« (45)Google Scholar
  67. 67.
    Professor Dr. C. Beyer: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst. Zwei Bände, Berlin 19003 [E: 1882]. Zitate im Folgenden in Klammern.Google Scholar
  68. 68.
    Kursiv von uns. C. Beyer: Deutsche Poetik, Bd. II, S. 353. Vgl. zu diesem Konzept den Aufsatz von Friedrich Spielhagen: Der Held im Roman. [E: 1874] In: Ders.: Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, Leipzig 1883, S. 666–100, bes. S. 73 f. Ferner die verschiedenen Charakterisierungen der Romane Spielhagens bei C. Beyer: Deutsche Poetik, S. 355 und passim.Google Scholar
  69. 69.
    Wilhelm Scherer: Poetik. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Richard M. Meyer, Berlin 1888, S. 213. Vgl. ebd. S. 212 f. über den Einfluß dieser Ästhetik der »Idee« auf die Dichter des 19. Jahrhunderts.Google Scholar
  70. 70.
    C. Beyer: Deutsche Poetik, Bd. II, S. 355, ebd. gesperrt. Als Beispiel einer solchen gelungenen Symbolisierung führt er Auerbachs Roman Das Landhaus am Rhein an, der mit der Beteiligung des Helden am Befreiungskrieg der Sklaven in den Südstaaten endet.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

Authors and Affiliations

  • Franz Rhöse

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