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Pessimismus — zur heroisch-tragischen Ästhetik der Gründerzeit

  • Franz Rhöse
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Zusammenfassung

Parallel zu den verschiedenen weltanschaulich-philosophisch oder lebenspraktisch motivierten Strömungen optimistischen Denkens gibt es etwa seit der Mitte des Jahrhunderts gegenläufige Tendenzen. Vor allem die Schopenhauerrezeption der 50er und 60er Jahre ist hier Ausdruck kultur- und geschichtspessimistischer Strömungenf[1], die an das Scheitern idealistisch-liberaler Zukunftserwartungen nach 1848, an den zunehmenden Verlust des gesellschaftlichen Einflusses des Bildungsbürgertums in der ersten und zweiten Gründerzeit, schließlich an den politischen und ideologischen Aufstieg der das Bürgertum in seinem kulturellen und politischen Alleinvertretungsanspruch bedrohenden Arbeiterbewegung gebunden sind. Besonders im akademischen Bildungsbürgertum entsteht eine immer stärkere Skepsis gegenüber der Idee »des Fortschritts, d. h. des unbedingten Geldverdienens und Comforts«[2] — und diese Pervertierung des ursprünglichen Fortschrittsdenkens in eine nur noch ökonomisch ausgerichtete Fortschrittsgläubigkeit ist es auch, die geschichtspessimistischem Denken einer sich als aristokratisch verstehenden Bildungselite Nahrung gibt. Zweifellos ist es richtig, als generellen Trend in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens festzuhalten, daß auf die gewandelte soziale Lage »die meisten Bürger neoaristokratisch [reagierten], statt die versäumte Verwirklichung einer sozialen Republik energischer nachzuholen.«[3] Angesichts dieser offiziellen Strömungen der neuen Besitzaristokratie der Gründerzeit ist der Schrecken von in der humanistischen Tradition des Bürgertums stehenden Zeitgenossen wie Burckhardt oder Nietzsche begreiflich. Die Desillusionierung des Glücksanspruchs der Gattung und des Individuums unter den Gebildeten der Schopenhauer- und Hartmannverehrer hat hierin sicher eine ihrer Wurzeln. Wir wollen in diesem Kapitel versuchen, das ästhetische Argumentationssystem Eduard von Hartmanns, des einflußreichsten pessimistischen Philosophen und philosophischen Tagesschriftstellers der siebziger Jahre[4], in den unser Thema berührenden Aspekten zu diskutieren, einschließlich der an Hartmanns transzendentem Versöhnungsbegriff geübten Kritik durch den heroischen Tragismus Julius Bahnsens. Abschließend wollen wir die ästhetisch-philosophische Diskussion zurückbinden an die etwa gleichzeitig erfolgende Rezeption des Werks von Iwan Turgenjew in Deutschland. An ihr läßt sich paradigmatisch der Bewußtseinsstand der literarischen Intelligenz der Gründerzeit vor dem Einbruch des Naturalismus zeigen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. dazu Karl Löwith: Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts, o. O. [Frankfurt am Main] 1969, S. 135: »›Pessimismus‹ und ›Optimismus‹ wurden zu Stichworten der Zeit«. Die vielfachen Enttäuschungen der Liberalen durch den Gang der Geschichte im 19. Jahrhundert dokumentiert der Aufsatz von Walter Bußmann: Zur Geschichte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift Bd. 168 (1958), S. 527–557, bes. S. 544 und 547.Google Scholar
  2. 2.
    So Jakob Burckhardt am 2. Juli 1871 an Friedrich von Preen. Im selben Brief hofft er, daß »endlich der verrückte Optimismus bei Groß und Klein wieder aus den Gehirnen verschwände«. Zitiert nach: Jakob Burckhardt: Briefe, ausgewählt und herausgegeben von Max Burckhardt, Bremen 1965, S. 302 f. Zur zeitgenössischen Auseinandersetzung vgl. die Schrift der Gattin des Philosophen Eduard von Hartmann, die unter ihrem Mädchennamen erschien: Agnes Taubert: Der Pessimismus und seine Gegner, Berlin 1873.Google Scholar
  3. 3.
    Friedrich Sengle, Biedermeierzeit, Bd. I, S. 282. — Karl Erich Born arbeitete vor allem die Dissoziierung von ehemals liberalem Bildungsbürgertum und sich feudalisierendem Großbürgertum heraus: »Die Feudalisierung des Großbürgertums entsprang nicht nur gesellschaftlichem Ehrgeiz, sondern auch einem gemeinsamen sozialpolitischen und allgemeinpolitischen Interesse mit dem Adel. Diese politische Interessengemeinschaft beruht darauf, daß beide einen gemeinsamen Gegenspieler hatten: die Arbeiterbewegung.« Karl Erich Born: Der soziale und wirtschaftliche Strukturwandel Deutschlands am Ende des 19. Jahrhunderts. In: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 50 (1963) S. 361–376; Zitat S. 375.Google Scholar
  4. 4.
    Hartmanns Hauptwerk, die Philosopie des Unbewußten. Speculative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode, erscheint zum ersten Mal 1869, liegt 1875 bereits in der fünften Auflage vor, 1882 in der neunten, und erlebt noch 1923 seine zwölfte Auflage. In den Gesammelte[n] Studien und Aufsätze[n] gemeinverständlichen Inhalts, Berlin 1876, finden sich im Anhang interessante Belege für die umfangreiche Wirkung auf die Zeitgenossen. Im Zentrum unseres Interesses stehen im Folgenden seine Aphorismen über das Drama und seine Philosophie des Unbewußten; erstere erschienen in der renommierten Revue Deutsche Vierteljahrs Schrift, Bd. 129 (1870/I), S. 256–298. Sie sind in einer revidierten Fassung in den Gesammelten Studien von 1876 wiederabgedruckt. Wir zitieren nach der Fassung von 1870. Daß Hartmann unter dem Pseudonym Karl Robert auch zwei Tragödien schrieb, Tristan und Isolde und David und Bathseba, sei nur am Rande erwähnt.Google Scholar
  5. 5.
    Noch 1884 heißt es in einer katholischen Ästhetik, daß das Wesen des Tragischen darin bestehe, daß »die strafende Hand der Gerechtigkeit Gottes und seine über alles waltende Vorsehung […] den Gottlosen durch sein eigenes Thun der verdienten Vergeltung verfallen läßt.« Ästhetik. Von Joseph Jungmann, Priester der Gesellschaft Jesu, Doctor der Theologie und ord. Professor derselben an der Universität zu Innsbruck. Zweite, vollständig umgearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage des Buches »Die Schönheit und die schöne Kunst«. Mit neuen Illustrationen. Freiburg im Breisgau [Herder] 1884; Zitat S. 551.Google Scholar
  6. 6.
    Schon bei Schopenhauer hatte es zornig geheißen: »Hingegen beruht die Forderung der sogenannten poetischen Gerechtigkeit auf gänzlichem Verkennen des Wesens des Trauerspiels, ja selbst des Wesens der Welt. […] nur die platte, optimistische, protestantisch-rationalistische, oder eigentlich jüdische Weltansicht wird die Forderung der poetischen Gerechtigkeit machen und an deren Befriedigung ihre eigene finden.« Zitiert nach: Arthur Schopenhauer’s sämmtliche Werke, herausgegeben von Julius Frauenstädt, Zweite Auflage, Neue Ausgabe Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Leipzig 1919, S. 299 f.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. A. Schopenhauer: Die Welt, S. 298: »Als der Gipfel der Dichtkunst […] ist das Trauerspiel anzusehen und ist dafür anerkannt. Es ist […] sehr bedeutsam und wohl zu beachten, daß der Zweck dieser höchsten poetischen Leistung die Darstellung der schrecklichen Seite des Lebens ist, daß der namenlose Schmerz, der Jammer der Menschheit, der Triumph der Bosheit, die höhnende Herrschaft des Zufalls und der rettungslose Fall der Gerechten und Unschuldigen uns hier vorgeführt werden: denn hierin liegt ein bedeutsamer Wink über die Beschaffenheit der Welt und des Daseyns.« Im Zentrum der Schopenhauerschen Betrachtung des Trauerspiels steht »Resignation«, nicht »Versöhnung«, ein Begriff, der in dem einschlägigen § 51 nicht einmal erwähnt wird! Man sieht leicht, inwieweit Hartmann hier aus der Zuschauerperspektive über Schopenhauer in optimistischer Weise hinausgeht.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. ganz ähnlich Karl Borinski: Das Sterben auf der Bühne. In: Die Grenzboten 44/2 (1885), S. 684–688.Google Scholar
  9. 9.
    A. Schopenhauer: Die Welt, S. 301.Google Scholar
  10. 10.
    Eduard von Hartmann: Ist der pessimistische Monismus trostlos? In: Philosophische Monatshefte 5 (1870), S. 24–41. Alle folgenden Zitate ebd. Die Frage »Habt Ihr denn ein Recht auf Glück?« ist in Hartmanns Aufsatz fett gedruckt.Google Scholar
  11. 11.
    Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewußten. Speculative Resultate nach inductiv-na-turwissenschaftlicher Methode. Zweiter Teil: Metaphysik des Unbewußten, Leipzig 192312. Alle folgenden Zitate ebd. mit der Seitenzahl in Klammern. Durch seine umfangreiche publizistische Tätigkeit verweist uns Hartmann immer wieder auf die konkreten Nutzanwendungen seiner philosophischen Erörterungen. In einem Leitartikel zum 18. Januar 1881, dem zehnten Jahrestag der Reichsgründung, bekämpft Hartmann die »Reichsfeinde« — von den Liberalen über die Ultramontanen bis zu den Sozialdemokraten — und plädiert für die »dictatorische Machtvollkommenheit« Bismarcks. Hartmahn meint es kritisch vernichtend, wenn er ebd. schreibt: »Die Socialdemokratie ist die folgerichtige Fortentwicklung eines Liberalismus, der das Volkswohl zum Panier hat, d. h. das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl zum leitenden Princip nimmt«. Eduard von Hartmann: Zum 18. Januar 1881. In: Die Gegenwart, Bd. 19, Nr. 3, S. 33–35; Zitat S. 34.Google Scholar
  12. 12.
    Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom, Leipzig 18693, letzter Band, S. 193–209; Zitat S. 196.Google Scholar
  13. 13.
    Robert Giseke: Moderne Titanen, kleine Leute in großer Zeit, Dritter Theil, Leipzig 1850, S. 348.Google Scholar
  14. 14.
    Bei Hartmann »alles« und »Welterlösung« fett gedruckt. In einer längeren Anmerkung zu dieser einigermaßen überraschenden Volte setzt sich Hartmann von verschiedenen Pessimismen, unter anderem auch von dem Schopenhauers ab, und fordert nochmals, »daß ein jeder willig sich hingiebt an das Heil des Ganzen.« (565) Was ihm in der praktischen Philosophie, nicht der geschichtsphilosophischen Spekulation, das Ganze ist, kann man erfahren in seinen wiederholten Verteidigungen »dreier Aristokraten, der des Grundbesitzes, des Geldes und der Bildung« gegen die »Gefahr der Demokratie«. Eduard von Hartmann: Tagesfragen, Leipzig 1896, S. 42 und S. 24. Vergleiche ferner sein Werk Die sozialen Kernfragen, Leipzig 1894 und eine Unmenge, z. T. nicht gesammelter Aufsätze in den für die herrschenden Schichten repräsentativen Zeitschriften von der Deutschen Rundschau bis zur Gegenwart.Google Scholar
  15. 15.
    Für C. F. Meyer untersucht die »heroische Stilisierung und ihre historische Rezeption« Leo Löwenthal: Erzählkunst und Gesellschaft. Die Gesellschaftsproblematik in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, Mit einer Einleitung von Frederic C. Tubach, Neuwied und Berlin 1971, S. 176–205. Vgl. dazu Felix Dahn: Georg Jenatsch, eine alte Bündnergeschichte von Conrad Ferdinand Meyer. In: Grenzboten 36/I/I (1877), S. 278–279 und Julian Schmidt: Historische Romane. In: Preußische Jahrbücher 44 (1879), S. 608–613. Schmidt bezieht den Untergang des Helden explizit auf den Leser: »er fällt tapfer, keine weichliche Empfindung kommt in uns auf.« Ebd. S. 612.Google Scholar
  16. 16.
    Das Zitat aus dem Vorwort zu Julius Bahnsen: Zur Philosophie der Geschichte. Eine kritische Besprechung des Hegel-Hartmann’schen Evolutionismus aus Schopenhauer’schen Principien, Berlin 1872. Ebd. S. II Die folgenden Zitate ebd. mit der Seitenzahl in Klammern.Google Scholar
  17. 17.
    Julius Bahnsen: Felix Dahn, ein literarisches Charakterbild. In: Deutsche Revue, Bd. 4 (1880), Jg. 4, S. 116–126; Zitat S. 126. Die folgenden Zitate ebd. Auf Grund dieser Würdigung kommt es zu einem persönlichen Kontakt zwischen Dahn und Bahnsen, der in diesem Aufsatz berichtet, Dahn habe ihm nach der Lektüre der Festschrift Das Tragische als Weltgesetz, Tübingen 1871, geschrieben, die dort gegebene Grundlage einer heroischen Tragik lese sich, »als ob sie auf König Teja in Person gemünzt wäre, wiewohl sie ziemlich gleichzeitig mit diesem geschrieben sein wird.« Ebd. S. 126.Google Scholar
  18. 18.
    Felix Dahn: Ein Kampf um Rom. Historischer Roman, Leipzig o. J. [um 1913], Dritter Band, S. 435. Wir zitieren nach der 69. Auflage. Es ist der siegreiche Feldherr Narses, der diese Worte spricht an der Bahre des toten Gotenkönigs. Dahn selber zieht historische Parallelen zwischen germanischer Tragik, tragischer Mythologie und der Politik der Gegenwart. Vgl. Felix Dahn: Ueber das Tragische in der germanischen Mythologie. In: Im neuen Reich, Jg. 1/2 (1871), S. 241–259.Google Scholar
  19. 19.
    Eduard von Hartmann: Aesthetik. Zweiter systematischer Theil: Philosophie des Schönen. Leipzig 1887 (= Ausgewählte Werke Band IV, zweite wohlfeile Ausgabe). Die Seitenzahl im Folgenden in Klammern. Die Ästhetik wiederholt in den uns interessierenden Passagen im wesentlichen Hartmanns Position aus der Zeit der Philosophie des Unbewußten und der Aphorismen über das Drama.Google Scholar
  20. 20.
    Der Abschnitt: »Pädagogik, Sittenpolizei und Kunst« in: E. v. Hartmann: Aesthetik, S. 453–456.Google Scholar
  21. 21.
    Dies ist natürlich ein literatursoziologisches Phänomen, das sich nicht auf das Deutsche Reich beschränkte. Alphonse Daudets Roman Fromont jeune et Risler aîné (1874), der einen sensationellen Erfolg und ein tragisches Ende hatte, wird für die Bühne von Belot umgeschrieben. »Belot kennt sein Pariser Publikum zu gut, als daß er ihm einen so traurigen Schluß zugemutet hätte. […] eine Heirath wird also die beiden Selbstmorde des Romans […] ersetzen.« Gottlieb Ritter: Pariser Theaterbriefe. XIII. Fromont jeune & Risler aîné. In: Neue Monatshefte für Dichtkunst und Kritik, Vierter Band, Leipzig 1876, S. 408–417; Zitat S. 413. Die Beispiele ließen sich bis hin zu Ibsens Nora beliebig vermehren, haben bis jetzt aber unsere Wissens keine Untersuchung gefunden. Vgl. dazu das letzte Kapitel unserer Arbeit.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. zu diesem Begriff Otto Ernst Schmidt: Moderner Pöbel. Der ästhetische Pöbel. In: Freie Bühne, I. Jg. (1890), S. 691–694.Google Scholar
  23. 23.
    Anonym [= Karl Gutzkow]: Tendenzpoesie, in: Unterhaltungen am häuslichen Herd, Nr. 37, 3. Band (1855), S. 590–591.Google Scholar
  24. 24.
    Eduard von Hartmann: Ueber ältere und moderne Tragödienstoffe. [E: 1871]. In: Ders.: Gesammelte Studien, S. 308–319; Zitat S. 317.Google Scholar
  25. 25.
    E. v. Hartmann: Aesthetik, S. 298–425.Google Scholar
  26. 26.
    Anonym [= Julius Eckhardt]: Iwan Turgenjew. In: Grenzboten, 27/I/II (1868), S. 245–257. Zitat S. 254. Eckardt beginnt seine Rezension des Romans Rauch mit dem Satz: »Deutsche Beurtheiler russischer Kunstwerke kommen, auch wenn sie denselben die vollständigste Anerkennung zollen, stets auf einen Vorwurf gegen dieselben zurück: den des Pessimismus.« Ebd. S. 245.Google Scholar
  27. 27.
    Wenn die Kunst »gar noch die Frechheit hat, ihre Häßlichkeit als Evangelium der neuen wahren Schönheit auszuposaunen, so fehlt einer solchen tendenziös-miserabilistischen Lyrik, Romanschriftstellerei und Kothmalerei nichts mehr, um bei jedem ästhetisch noch nicht ganz verkommenen Gefühl den tiefsten ästhetischen Ekel und Abscheu zu erwecken.« (318)Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. zu dem hier Gesagten die Abschnitte »Der Pessimismus«, »Der germanische Tragismus« und »Aristokratismus« in Max Bucher et al. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit Band 2, Stuttgart 1975. Ferner den Ausstellungskatalog: Aspekte der Gründerzeit, Akademie der Künste, Berlin 1974.Google Scholar
  29. 29.
    Über einen nur partiell verstandenen Nietzsche wirkt diese Opposition noch in den neunziger Jahren gegen den deutschen Naturalismus. Vgl. Wilhelm Weigand: Das Elend der Kritik, München 1895: »Sagen wir es gleich: es ist keine vornehme, aristokratische Kunst, die damit zur Herrschaft gelangt ist. Wie könnte dies auch der Fall sein in einer Zeit, die das Aufkommen großer Herrennaturen fast unmöglich macht! Der konsequente Naturalismus bedeutet im tiefsten Sinne eine Verneinung des Individualismus.« Ebd. S. 118.Google Scholar
  30. 30.
    Mit diesem qua tragischer Weltanschauung motivierten Pflichtbewußtsein trifft sich dann Hartmann wieder — literaturextern — mit dem Rezensenten von Gartenlaube und Deutsche[r] Rundschau, Friedrich Kreyssig, der in seinem Aufsatz Über die pessimistische Strömung in der Literatur unserer Zeit den »ächte[n] Optimismus« in der »Seligkeit der Pflichterfüllung« findet. Friedrich Kreyssig: Literarische Studien und Charakteristiken (Nachgelassenes Werk) Mit einer Einleitung von Julius Rodenberg, Berlin 1882, S. 163.Google Scholar
  31. 31.
    Eduard von Hartmann: Das Problem des Tragischen. [E: 1868] In: Ders.: Gesammelte Studien, S. 276–307. Alle Zitate ebd. mit den Seitenzahlen in Klammern.Google Scholar
  32. 32.
    Ludwig Pietsch: Iwan Turgénjew. Persönliche Erinnerungen. In: Nord und Süd, Bd. 7 (1878), S. 242–259; Zitat S. 255. Erich Hock führt in seiner Dissertation: Turgenev und die deutsche Literatur, Ein Beitrag zur Literatur- und Geistesgeschichte des XIX. Jahrhunderts, Göttingen 1953, diesen Passus als Beweis dafür an, daß sich der Pessimismus des Werks »eher als fördernd erwiesen [habe]« (180). Die Arbeit von Klaus Dornacher: Die Rezeption I. S. Turgenevs in Deutschland 1845–1871. Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-russischen Literaturbeziehungen im 19. Jahrhundert, Phil. Diss. Potsdam 1962, konzentriert sich auf eine detaillierte Beschreibung der vielfältigen persönlichen Beziehungen Turgenjews zu Deutschland.Google Scholar
  33. 33.
    Eine umfangreiche Bibliographie der Rezeption Turgenjews von 1844 bis 1883 bringt J. Eichholz: Turgenev in der deutschen Kritik bis zum Jahre 1883. In: Germanoslavica Heft 1, Jg. I, (1931–32), S. 43–54 und Heft 4, S. 557–593.Google Scholar
  34. 34.
    L. Pietsch: Turgénjew, S. 255. Das folgende Zitat ebd.Google Scholar
  35. 35.
    August Scholz: Iwan Turgenjew. In: Das Magazin für die Literatur des In- und Auslands Nr. 14, Jg. 1881, S. 221–22 und Nr. 15, S. 231–233; Zitat S. 222. Das folgende Zitat ebd.Google Scholar
  36. 36.
    Philosophisch-kritische Streifzüge von Heinrich Landesmann (H. Lorm), Berlin 1873, S. 139.Google Scholar
  37. 37.
    Anonym: Iwan Turgenjew’s neuer Roman. In: Deutsche Rundschau, Bd. 11, 3. Jg. (1877), S. 504–510; Zitat S. 505. Eben diese Einschätzung findet sich auch in einem Brief Fontanes an seine Frau vom 9. Juli 1881: »Es ist die Muse in Sack und Asche, Apollo mit Zahnweh. […] Er ist der richtige Schriftsteller des Pessimismus, und man kann an diesem ausgezeichneten Talente wahrnehmen, welch häßliches Bild diese pessimistische Weltanschauung ist. […] Das Tragische ist schön, und selbst das bloß Traurige will ich mir unter Umständen gefallen lassen; er gibt uns aber das Trostlose.« Zitiert nach: Theodor Fontane: Schriften zur Literatur, herausgegeben von Hans-Heinrich Reuter, Berlin 1960, S. 347. Daß Turgenjew selbst sich ähnlicher Erwartungen des Publikums bewußt war, ohne sie zu erfüllen, zeigt u. a. die briefliche Äußerung an Storm über dessen Erzählung Jenseits des Meeres: »Einen tragischen Ausgang zu Ihrer Erzählung hätt’ ich auch vielleicht gewünscht — vom aesthetisch misanthropischen Standpunkt aus […] Den jungen Seelen wird es aber so besser munden — und auf die muss man doch auch Rücksicht nehmen.« Zitiert nach: Christa Schultze: Theodor Storm und Turgenev Materialien über eine deutsch-russiche Dichterfreundschaft (1863–1883). In: Gerhard Ziegengeist (Hrsg.): I. S, Turgenev und Deutschland, Materialien und Untersuchungen, Band 1, Berlin [Ost] 1965, S. 14.Google Scholar
  38. 38.
    Der Aufsatz erschien zuerst in der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung Nr. 216, Jg. 1868, S. 3277–3279. Wir zitieren nach G. Ziegengeist: Ein Brief Turgenevs an Prof. L. Friedländer aus dem Jahre 1868. Mit einem Aufsatz Friedländers über den russischen Dichter. In: G. Ziegengeist: (Hrsg.): I. S. Turgenev, S. 76–85; dieses und das folgende längere Zitat ebd. S. 81. Zu Friedländer, der nach Ziegengeist »zu den angesehensten Vertretern der klassischen Philologie in Deutschland« zählte, vgl. ebd. S. 76.Google Scholar
  39. 39.
    Robert Prutz: Turgénjew’s Erzählungen in deutscher Übertragung von Friedrich Bodenstedt. In: Deutsches Museum 14/2 (1864), S. 699–705. Dieses und das folgende längere Zitat ebd. S. 705. Ähnlich formuliert Julian Schmidt in seinem ersten großen Essay über Turgenjew zum Schluß einer der Erzählungen: »Es weht ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit durch diese Geschichte, daß auch dem kaltblütigsten Leser schlimm zu Muth wird.« Julian Schmidt: Iwan Turgénjew. In: Preußische Jahrbücher 22 (1868), S. 432–461; Zitat S. 435. Ähnlich auch noch M.[oritz] Necker: F. M. Dostojewsky [!]. In: Grenzboten 44/I/I (1885), S. 342–353. Es herrsche bei Turgenjew »ein so niederdrückender Fatalismus […] daß dem Leser das Herz sich bis zum schmerzlichen Aufschrei zusammenschnürt. Kein Dichter der gesamten Literatur […] vermag eine so hoffnungslos verzweifelte Stimmung im Leser hervorrufen«. Ebd. S. 344.Google Scholar
  40. 40.
    Anonym (-ff-): »Dunst«, ein Roman von Iwan Turgeniew. In: Magazin für die Literatur des Auslandes, Nr. 32, Jg. 1867, S. 444–446; Zitat S. 446. Das folgende Zitat ebd.Google Scholar
  41. 41.
    Die Frankfurter Zeitschrift Didaskalia berichtet darüber in der Nr. 15 vom 15. Januar 1880, O.S.Google Scholar
  42. 42.
    Auf die ins uferlose gehende Fülle der Broschüren und umfangreichen Werke zur Lösung der sozialen Frage und zur Versöhnung der Arbeiter mit dem bestehenden Staat sei hier nur noch einmal hingewiesen. Viele dieser Schriften tragen beide Begriffe schon im Titel. Die regierungstreuen Grenzboten fordern beispielsweise »von seiten der staatserhaltenden Kreise die Ge-genagitation[…] welche die Arbeiter mit den bestehenden Zuständen versöhnen [könne]« und wünschen zu diesem Zweck, daß sich die besprochene Broschüre »in ungezählten Mengen über das ganze Reich verbreite«. Anonym: Ein Gespräch über die soziale Frage. Unsern Arbeitern gewidmet. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow, 1885. In: Grenzboten 44/I/I (1885), S. 214. Alle Zitate ebd.Google Scholar
  43. 43.
    Otto Glagau: Die Russische Literatur und Iwan Turgenjew, Berlin 1872, S. 102. Das folgende längere Zitat ebd. S. 102 f.Google Scholar
  44. 44.
    »Überall stößt er auf ein ungelöstes: Warum? und dieses Warum ist der Refrain wie die Farbe seiner Dichtungen.« Julian Schmidt: Die neuen Schriften Iwan Turgenjew’s. In: Beilage zur [Augsburger] Allgemeinen Zeitung, Nr. 248 (5. Sept. 1871), S. 4365–4367; Zitat S. 4367.Google Scholar
  45. 45.
    Paul Lindau berichtet in seiner Rezension über die Reaktion der Öffentlichkeit angesichts der Koinzidenz von Roman(erscheinen) und den durch den Prozeß aufgedeckten Verhältnissen, die »mit den vom Dichter vorausgeahnten und geschilderten eine so auffallende Ähnlichkeit aufwiesen, daß ein allgemeines Erstaunen Platz griff.« Ein Teil des russischen Publikums, das vorher die Authentizität der Darstellung energisch bestritten hatte, warf nunmehr dem Autor Sympathisantentum und Verwicklung in die Verschwörung vor. Paul Lindau: Neu-Land. Ein Roman von Iwan Turgénjew. In: Die Gegenwart Nr. 40, Jg. 1877, S. 214–217; Zitat S. 217.Google Scholar
  46. 46.
    Für den buchhändlerischen Erfolg spielte nicht zuletzt der unerhört billige Preis, zu dem Neuland bei Otto Janke in Berlin, einem der größten deutschen Romanverleger des 19. Jahrhunderts, zu haben war, eine Rolle. Der Roman kostete eine Mark, etwa ein Viertel des üblichen Romanpreises.Google Scholar
  47. 47.
    G. Bg.: Iwan Turgenjew’s Neuland. (Now.) In: Magazin für die Literatur des Auslandes, Nr. 23, Jg. 1877, S. 349–351 und Nr. 24, S. 365–368; Zitat S. 349. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
  48. 48.
    Auerbach, der die übliche Romanleserei gut kennt, weist explizit darauf hin, daß man diesen Roman nicht »der Unterhaltung und Zerstreuung« wegen lesen könne. Berthold Auerbach: Turgénjew’s »Neuland«. In: Beilage zur [Augsburger] Allgemeinen Zeitung, Nr. 96 (1877), S. 1449–1451; Zitat S. 1450. Die späteren Zitate Auerbachs in Klammern.Google Scholar
  49. 49.
    P. Lindau: Neu-Land, S. 215.Google Scholar
  50. 50.
    Julian Schmidt: Neuland. In: Im neuen Reich 7/1 (1877), S. 652–659. Zitat S. 654. Das folgende Zitat ebd. S. 655. Vgl. dazu auch den umfangreichen Essay von Julian Schmidt: Iwan Turgenjew. In: Westermann’s Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte, 43. Bd. (October 1877 bis März 1878), S. 78–92 und S. 195–213.Google Scholar
  51. 51.
    G. Bg. im Magazin, ebd. S. 349.Google Scholar
  52. 52.
    P. Lindau: Neu-Land, S. 215.Google Scholar
  53. 53.
    J. Schmidt: Neuland, S. 655.Google Scholar
  54. 54.
    P. Lindau: Neu-Land, S. 215.Google Scholar
  55. 55.
    So für Lindau und auch für Schmidt, der schreibt: »Solomin, in welchem der Dichter ein Ideal schildern zu wollen scheint, das Bild eines echten Russen, der an dem Fortschritt arbeitet ohne sich in unsinnige Unternehmungen einzulassen. Es ist die einzige Figur bei Turgenjew, die mir nicht recht körperlich vorkommt, in der ich etwas Gedachtes finde«. J. Schmidt: Neuland, S. 657.Google Scholar
  56. 56.
    B. Auerbach: Turgénjew’s »Neuland«, S. 1450.Google Scholar
  57. 57.
    Prozeß wie Roman erwecken in Schmidt historische, spezifisch deutsche Reminiszenzen: »Auch bei uns trat von Zeit zu Zeit die Neigung, von unten aus den Staat umzuwerfen, gleichsam epidemisch auf; […] dies Fieber ist also keine specifisch russische Eigenthümlichkeit«. J. Schmidt: Neuland, S. 652.Google Scholar
  58. 58.
    Rezension der Wildente vom 22. Oktober 1888. Zitiert nach: Theodor Fontane: Schriften zur Literatur, herausgegeben von Hans-Heinrich Reuter, Berlin 1960, S. 191–193; Zitat S. 193.Google Scholar
  59. 59.
    Theodor Fontane: Turgenjew, ebd. S. 90–92; Zitat S. 91. Die folgenden Zitate mit der Seitenzahl in Klammern.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

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  • Franz Rhöse

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