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Harmonie und Versöhnung — Umrisse einer christlichen Ästhetik

  • Franz Rhöse
Chapter

Zusammenfassung

Wenn wir in den folgenden Abschnitten erste Umrisse der christlichen Ästhetik des 19. Jahrhunderts, soweit sie unser Thema berührt, vorlegen, so tun wir dies, weil die Sättigung des ästhetischen Denkens mit Begriffen aus dem religiösen Wortschatz nicht zu übersehen ist. Das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, von theologischer Argumentation und neuen Welterklärungsmodellen stand in den Debatten des 19. Jahrhunderts, mag es sich um die Kontroverse zwischen Orthodoxie und Humanitätsreligion der deutschen Klassik, um die Religionskritik der Linkshegelianer in den vierziger Jahren oder um den Kampf um und gegen den Darwinismus handeln, vom Kulturkampf der siebziger Jahre ganz zu schweigen, nach wie vor im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Die nach 1848 vielfach erfolgten Vermittlungsversuche zwischen Religion und Philosophie, zwischen Religion und Naturwissenschaften, zwischen religiösem Denken und sozialer Frage sind allerdings angesichts einer einseitig am Fortschritt orientierten Geschichtsschreibung weitgehend aus dem Bewußtsein der Gegenwart verschwunden.[1] Erst im Zuge der letzten Jahre ist beispielsweise die »enge Verbindung von Religion und Politik, die Theorie und Praxis des europäischen Konservatismus im 19. Jahrhundert entscheidend prägte«[2], ins Blickfeld einer breiteren Forschung geraten. Ähnliches ist für den Bereich der Verbindungen zwischen Ästhetik und religiösem Denken noch immer zu leisten.[3] Daß religiöses Denken, daß spezifisch christliche Postulate neben dem naturwissenschaftlich-materialistischen Denken das Bewußtsein weiter Kreise der bürgerlichen Intelligenz beeinflußten, hätte eine breit angelegte Studie zu zeigen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. dazu den noch immer grundlegenden Band von Franz Schnabel: Deutsche Geschichte Im Neunzehnten Jahrhundert Vierter Band Die religiösen Kräfte, Freiburg 19512. Eine Übersicht bietet der Aufsatz von Fritz Fischer: Der deutsche Protestantismus und die Politik im 19. Jahrhundert. In: HZ Bd. 171 (1950), S. 472–518. Für die innere Politik des Kaiserreichs von 1871 behielten, so Hans-Ulrich Wehler, »die christlichen Religionen […] aus mannigfachen Gründen ein beträchtliches Gewicht«. Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1973 (= Deutsche Geschichte, herausgegeben von Joachim Leuschner, Band 9), S. 118.Google Scholar
  2. 2.
    Wilhelm Ribhegge: Konservatismus Versuch zu einer kritisch-historischen Theorie. In: Hans-Gerd Schumann (Hrsg.): Konservativismus, Köln 1974, S. 112–136; Zitat S. 123.Google Scholar
  3. 3.
    Vielfältige Vermittlungen zwischen religiösem und ästhetischem Denken arbeitete Benno von Wiese in seinem Werk über die deutsche Tragödie heraus. Er beschränkt sich aber durchweg auf die großen Namen der Literaturgeschichte. Benno von Wiese: Die Deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel, Erster Teil, Tragödie und Theodizee, Zweiter Teil, Tragödie und Nihilismus, Hamburg 1948.Google Scholar
  4. 4.
    Über Carriere informiert ausführlich W. Christ. In: ADB 47. Bd., Leipzig 1903, S. 452–459. Über Carrieres Beziehungen zum Münchner Dichterkreis Bruno Markwardt: Geschichte der deutschen Poetik, Bd. IV: Das neunzehnte Jahrhundert, Berlin 1959, S. 113 ff. — Die Schreibweise von Name und Vorname wechselt in den Quellen.Google Scholar
  5. 5.
    Anzeige. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 44 (1877), S. 704. Es handelt sich um das Werk: Die Sittliche Weltordnung, Leipzig 1877.Google Scholar
  6. 6.
    Moriz Carriere: Aesthetik. Die Idee des Schönen und ihre Verwirklichung im Leben und in der Kunst. Zweite neu bearbeitete Auflage. Zwei Teile, Leipzig, 1873 [E: 1859]. Wir zitieren durchwegs aus dem zweiten Teil unter Angabe der Seitenzahlen in Klammern. Wird nach der dritten Auflage von 1885 zitiert, ist dies eigens vermerkt. Ein Vergleich der Aesthetik mit Carrieres vorher erschienenem Werk: Das Wesen und die Formen der Poesie. Ein Beitrag zur Philosophie des Schönen und der Kunst. Mit literarhistorischen Erörterungen. Leipzig 1854, zeigt, daß alle für unsre Arbeit relevanten Passagen wörtlich aus diesem Werk übernommen wurden. Eine zweite, umgearbeitete Auflage erschien unter dem Titel: Die Poesie. Ihr Wesen und Ihre Formen mit Grundzügen der vergleichenden Literaturgeschichte, Leipzig 1884. Vgl. auch die ausführliche Besprechung des Werks durch Adolf Zeising: Moritz Carriere. Das Wesen und die Formen der Poesie. Ein Beitrag zur Philosophie des Schönen und der Kunst. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 4 (25. Jan. 1855), S. 61–67. Die Ästhetik von 1859 wird sehr positiv rezensiert von Karl Rosenkranz: Carrière’s Aesthetik. Wiederabgedruckt in: Neue Studien von Karl Rosenkranz. Vierter Band. Zur Literaturgeschichte. Zur Geschichte der neueren deutschen Philosophie, besonders der Hegel’schen, Leipzig 1878, S. 427–439. Carriere habe eine Ästhetik geschrieben, die »für die gebildete Lesewelt sich als ein vortreffliches Werk empfiehlt.« (428)Google Scholar
  7. 7.
    Ein Jahr vor Carrieres christlicher Ästhetik erschien David Friedrich Strauß: Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntniß, Leipzig 1872. Aus der Fülle von Aufsätzen in den verschiedensten Journalen über die Aufgabe der Religion (nicht der Kirche!) als der großen Versöhnerin der Zeitkonflikte, als der Kämpferin gegen »Ultramontanismus und Sozialdemokratie« seien hier nur angeführt: Eine Lebensfrage des Christentums. Von Moriz Carriere. In: Deutsche Revue, Jg. XII/3 (1887), S. 77–88. Ferner: Verirrungen und Abwege. Ein Mahnwort an das deutsche Volksgewissen von Moritz Carriere. In: Deutsche Revue, Jg. IX/4 (1884), S. 330–339 und schließlich: Wo stehen und wohin gehen wir? Ein Mahnwort zur Selbstbesinnung. Von M. Carriere. In: Deutsche Revue, Jg. XX/1 (1895), S. 49–62. Im letzten Aufsatz auch eine Auseinandersetzung mit dem Programm des Naturalismus, der von Carrieres ästhetischer Versöhnung nichts mehr wissen wollte: »Kehre man den Dramen und Romanen den Rücken, die uns peinigen […] statt uns Trost und Versöhnung zu bringen.« (59)Google Scholar
  8. 8.
    Artikel »Carriere, Moriz«. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage. Dritter Band, Leipzig und Wien 1907, S. 781.Google Scholar
  9. 9.
    Ganz ähnlich faßt den Tragikbegriff der ebenfalls zum Kreis der »christlichen Ästhetiker« gehörende Robert Zimmermann: Über das Tragische und die Tragödie. Vorlesungen gehalten zu Prag im Frühjahre 1855, Wien 1856, bes. S. 14 ff. und S. 60 f.Google Scholar
  10. 10.
    Lediglich an einer Stelle spricht er sich gegen das gelegentlich allein herrschende »Romanhafte« in den Unterhaltungsromanen aus. (561) Der einzige, positiv erwähnte zeitgenössische Roman ist übrigens Freytags Soll und Haben. Vgl. damit etwa den Artikel von Hieronymus Lorm: Ueber Romanlectüre, erschienen in den sich nahezu ausschließlich den hohen Gattungen widmenden Neue[n] Monatshefte[n] für Dichtkunst und Kritik, herausgegeben von Oscar Blumenthal, Erster Band, Berlin 1875, S. 161–164.Google Scholar
  11. 11.
    Geradezu klassisch formuliert ist dieser Gedanke schon 1854 in Das Wesen und die Formen der Poesie: »Keine Süßigkeit der Kunst ohne die Bitterkeit des Lebens. Ohne Kampf keine Siegesfreude.« Ebd., S. 9.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. damit Spielhagens Roman Durch Nacht zum Licht und dessen Schlußsätze: »Wir sollen arbeiten und schaffen, daß die Nacht nicht wieder hereinbreche […] die lange schmachvolle Nacht, aus welcher nur der Donnersturm der Revolution durch blutige Morgenröthe hinüberführt zur Freiheit und zum Licht.« zitiert nach: Friedrich Spielhagen: Problematische Naturen. Zweite Abteilung (Durch Nacht zum Licht), Leipzig 188510, S. 564.Google Scholar
  13. 13.
    Verirrungen und Abwege. Ein Mahnwort an das deutsche Volksgewissen. Von Moritz Carriere. In: Deutsche Revue Jg. IX/4 (1884), S. 330–339. Alle Zitate im Folgenden ebd.Google Scholar
  14. 14.
    Moritz Carriere: Materialismus und Aesthetik. Eine Streitschrift zur Verständigung. o.O. o.J. [München 1891], S. 28. In der durchaus erfolgreichen Trivialästhetik »für Frauen und Jungfrauen« liest sich das so: »wer einmal die Muse erschaut in ihrer ewigen Jugend und Heiterkeit, [über den können] die Thorheiten und Laster dieser Welt [nicht] Gewalt haben […] so wenig als die Leiden und Sorgen dieses Lebens, die vor seinem verklärten Auge milder sich gestalten und Blumen auf dem Klippenpfade erzeugen.« Auch hier reichen sich »Kunst und Religion freundlich die Hand.« Ch. Oeser’s Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Aesthetik. Ein Weihgeschenk für Frauen und Jungfrauen. Achtzehnte verbesserte Auflage. Bearbeitet und herausgegeben von A.W. Grube. Mit 15 Stahlstichen und vielen Holzschnitten, Leipzig 1875, S. 610 und S. 612.Google Scholar
  15. 15.
    Dieser Passus findet sich nur in der dritten Auflage von 1885, Bd. 2, S. 548.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. dazu Moriz Carriere: Die sittliche Weltordnung. Zweite erweiterte Auflage, Leipzig 1891, S. 384 f.Google Scholar
  17. 17.
    Mit nahezu denselben Worten setzt Carriere 1891 in seiner Streitschrift der naturalistischen »Halbwelt« noch einmal dieses optimistische Modell eines mit der Gesellschaft in Harmonie versöhnten Individuums entgegen: »Logik, Ethik, Aesthetik fordern gesunde, freie, ganze Menschen, arbeitend in ihrem Beruf im Anschluss an die Ordnungen der Welt und diese selbst fortbildend[…].« M. Carriere: Materialismus und Aesthetik, S. 44.Google Scholar
  18. 18.
    Ebd. S. 36. Zur positiven Rezeption der Carriere’schen Ästhetik in der Rezensionspraxis noch um 1880 vgl. Otto von Leixner: Roman und Novelle. In: Mehr Licht! Eine deutsche Wochenschrift für Literatur und Kunst, I. Jg. (1879), Nr. 40, S. 633–635 und Nr. 46, S. 732–735. Und: Beiträge zur Aesthetik des Romans. In Hinblick auf R. Schweichel’s »Die Falkner von St. Vigil«. Von Otto von Leixner. In: Deutsche Revue, Jg. VI/4 (1881), S. 254–266 und S. 395–403. Leixner schreibt zustimmend: »Moritz Carriere hat dem Roman in seiner »Aesthetik« eine kürzere Betrachtung gewidmet, welche jedoch in manchen Punkten über Vischer hinausgeht. Vor allem hat er ausgesprochen, daß der Schluß des Romans in der »Erlösung der Gemüther und Lösung der Conflikte« gegeben sei.« Ebd. S. 262.Google Scholar
  19. 19.
    Ebd. S. 662. Mit denselben Sätzen hatte Carriere schon 1854 sein Werk Das Wesen und die Formen der Poesie beendet.Google Scholar
  20. 20.
    Eckardt, 1848/49 in Wien und Dresden an hervorragender Stelle an den Kämpfen beteiligt, mußte in die Schweiz fliehen. Nach einer Ästhetik-Dozentur in Bern ist er von 1862–64 Hofbibliothekar in Karlsruhe. Entlassung wegen seiner Agitation auf der Generalversammlung des Nationalvereins in Eisenach (Oktober 1864) zu Gunsten radikaldemokratischer Forderungen. Gründung des Deutschen Wochenblatts (1865), der Plattform der sich herausbildenden Deutschen Volkspartei, der Sammlungsbewegung der Demokratie gegen die Liberalen. Vgl. dazu ausführlich Gustav Mayer: Die Trennung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie in Deutschland, 1863–1870. In: Ders.: Radikalismus, Sozialismus und bürgerliche Demokratie, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hans-Ulrich Wehler, S. 108–178, bes. S. 115 ff.Google Scholar
  21. 21.
    Die theistische Begründung der Aesthetik im Gegensatze zu der pantheistischen. Eine Studie. Von Dr. Ludwig Eckardt, Docenten der Aesthetik an der Hochschule in Bern, Jena 1857. Die Widmung lautet: »Dem Aesthetiker Moriz Carriere in München«, ebd. O.S. — Das folgende Zitat stammt aus dem Vorwort zu: Vorschule der Aesthetik. Zwanzig Vorträge von Ludwig Ekkardt. Mit 160 Holzschnitten, Titelbildern und Musikalischen Beispielen. Zwei Bände, Karlsruhe 1864. — Der wichtigste Philosoph des Theismus war Immanuel Hermann Fichte, auf den sich schon Carriere positiv bezogen hatte. Angesichts der Tatsache, daß »die pessimistische Weltauffassung eine Lieblingsmeinung des Tages geworden [sei]« (194), unternimmt er es 1873, seinen »ethischen Optimismus« (188) als Resultat der theistischen Weltansicht vorzulegen: Die theistische Weltansicht und ihre Berechtigung. Ein kritisches Manifest an ihre Gegner und Bericht über die Hauptaufgaben gegenwärtiger Speculation von Immanuel Hermann Fichte, Leipzig 1873.Google Scholar
  22. 22.
    Der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger schreibt treffend für die Argumentationsstruktur vieler religiös orientierter Ästhetiker in diesem Jahrhundert: »Theodizee denkt zunächst nicht an Glück, sondern an Sinn.« Unter diesem Aspekt wären die Debatten um die poetische Gerechtigkeit ausführlich zu untersuchen, die Forderung nach Gerechtigkeit, nicht nach Glück. Peter L. Berger: Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Elemente einer soziologischen Theorie. Übersetzt von Monika Plessner, Frankfurt am Main 1973, S. 57.Google Scholar
  23. 23.
    Daß noch die ästhetische Theorie Adornos hier ihr Zentrum hat, steht unsres Erachtens außer Zweifel. Dort heißt es an entscheidender Stelle: »Die ästhetische Erfahrung ist die von etwas, was der Geist weder von der Welt noch von sich selbst schon hätte, Möglichkeit, verhießen von ihrer Unmöglichkeit. Kunst ist das Versprechen des Glücks, das gebrochen wird.« Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, herausgegeben von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann (= Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Band 7), Frankfurt am Main 1970, S. 204 f.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. Anmerkung 21. Wir zitieren im Folgenden mit den Seitenzahlen in Klammern.Google Scholar
  25. 25.
    Ganz auf Kosmosvorstellungen aufgebaut sind auch die Aesthetischen Forschungen eines der wichtigsten Rezensenten der Blätter für lit. Unterhaltung, Adolf Zeisings: Aesthetische Forschungen von Adolf Zeising, Frankfurt a. M. 1855, S. 156. Ähnlich, populärer und erfolgreicher: Populäre Aesthetik von Dr. Carl Lemcke, Docent an der Universität zu Heidelberg. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 53 Illustrationen, Leipzig 1867 [erste Auflage 1865, die sechste und letzte 1890]. Zu »Chaos« und »Kosmos« ebd. S. 64 und passim.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Eckardts Verquickung von christlicher Schicksalsidee und klassischem Tragikbegriff: »Dieses Schicksal verklärt sich endlich im Christenthum zu dem Begriff einer heiligen, weisen, in der Liebe noch gerechten, im gerechten Zorn noch liebenden, die Welt ordnenden Macht. Wir beben vor ihr zurück, wenn wir sie den ringenden Menschen vernichten sehen; aber wir richten uns wieder auf, wenn wir an diese Vernichtung den Sieg der Idee oder den Triumph des verletzten Sittengesetzes geknüpft erblicken.« Ebd. S. 102.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. dazu Eckardts eigene Novellen, etwa Glaube und Liebe oder: Die Braut des Albigensers. In: Gefallene Würfel. Novellen von Ludwig Eckardt. Zwei Bände, Mannheim 1865. In dieser Novelle wird allerdings der dissonante Schluß auf eine Perspektive der historischen Gerechtigkeit hin geöffnet: »Der junge Mönch erhebt die Hand zum Himmel: »Gott! Du waltest noch! Es gibt noch ein Weltgericht!« Die Albigenser wurden unterdrückt, an die Stelle der Liebeshöfe die ersten Inquisitionen aufgerichtet — ja; aber es gab auch ein Weltgericht, freilich fast dreihundert Jahre später. Rom zitterte, als Luther seine Thesen an die Kirchenpforte schlug. Ebd. Band I, S. 227f.Google Scholar
  28. 28.
    Soweit wir sehen, fehlt beispielsweise eine Erforschung der pietistischen und orthodoxen (Roman-) Literatur, deren Auflagen eher höher waren als die der realistischen Erzähler. Man vgl. nur den Roman: Elisabeth. Eine Geschichte, die nicht mit der Heirath schließt. Von der Verfasserin des »Tagebuchs eines armen Fräuleins.« Zwei Bände. Zweite Auflage, Halle 1858. Verfasserin war Marie Nathusius, der Roman erlebte im Erscheinungsjahr 1858 noch die dritte Auflage. Nach vielen schweren Kämpfen und (ehelichen) Prüfungen um den rechten Glauben mündet alles in eine pietistische Schlußapotheose.Google Scholar
  29. 29.
    Melchior Meyr: Erzählungen aus dem Ries. Gesamtausgabe in vier Bänden. Herausgegeben und eingeleitet von Otto Weltzien. Mit einer Abbildung des Meyr-Denkmals in Nördlingen, Leipzig o.J. [E: 1856].Google Scholar
  30. 30.
    Die einzige größere Arbeit über Meyr stammt von August Ramminger: Die Gedankenwelt Melchior Meyr’s, Phil. Diss. o.O. o.J. [München 1933]. Dort eine Bibliographie der Werke Meyrs und der Rezensionen, S. I–III. — Zur Wirkung und zu seinen Beziehungen zu Rückert, Schelling, Alexander Jung, Gustav Schwab u.a. vgl. Melchior Meyr: Biographische Briefe. Gedichte. Aus seinem Nachlass und aus der Erinnerung herausgegeben von Max Graf von Bothmer und Moriz Carriere, Leipzig 1874. Einen späten, eher wunderlichen Nachklang von Meyrs positiver Weltanschauung findet man im Nachwort zur Neuausgabe von Meyrs ländlichem Gedicht »Wilhelm und Rosina« (1835). Daß Meyr »reiner als Goethe sein konnte« (293), lesen wir dort und der Herausgeber beklagt es tief, daß sein Lieblingsautor »seltsamer Weise damals und heute nicht die Wirkung gehabt [hat], die […] etwa Fontane und C.F. Meyer noch haben, obwohl Meyr […] diesen Schriftstellern in allem weit voraus ist« (312 f.). Heinrich Meyer: Nachwort zu: Wilhelm und Rosina, ein ländliches Gedicht von M. Meyr. München 1835. Facsimile-Nachdruck, Bern 1967, S. 279–320.Google Scholar
  31. 31.
    Emilie. Drei Gespräche über Wahrheit, Güte und Schönheit. Von Melchior Meyr. Stuttgart 1863, S. 140. Das folgende Zitat ebd.Google Scholar
  32. 32.
    Novellen von Melchior Meyr, Stuttgart 1863; darin: Die zweite Liebhaberin, S. 1–318.Google Scholar
  33. 33.
    Melchior Meyr: Erzählungen. Schicksale eines Idealisten. — Zwei Freier. — Unverhofft., Hannover 1867, Vorwort S. XI. Das folgende Zitat ebd.Google Scholar
  34. 34.
    Ähnlich in einem Aufsatz aus dem Jahre 1870: Poetische Genialität bestehe darin, »das Seinsollende, das Ewige zu denken und […] Gericht zu halten über die Menschen und sie durch Vorhaltung eines idealen-poetischen Spiegels zur Selbsterkenntnis zu führen.« Über die Zeitgemäßheit einer näheren Verbindung der Poesie mit der Philosophie. Von Melchior Meyr. In: Philosophische Monatshefte 6 (1870/71), S. 366–377; Zitat S. 367.Google Scholar
  35. 35.
    Für Meyrs politische Ideen verweisen wir auf seinen Roman: Vier Deutsche. Politischer Roman aus den letzten Jahrzehnten. Mit einer Ansprache an das deutsche Volk und seine Führer. Von Melchior Meyr. Zweite Ausgabe, Stuttgart 1863. Die erste Auflage erschien 1861 ohne die politisch interessante Ansprache. Im letzten Band des Romans siegt Otto von Ehrenfels’ constitu-tioneller Liberalismus. Der constitutionelle Monarch, der auf Anraten Ottos die 48er amnestiert, befestigt dadurch seine Eintracht mit dem Volk und hört sich, etwas betroffen in einem Schlußgespräch, die Forderung Ottos nach »Einheit des deutschen Vaterlandes« (509) an. Überschrieben ist dieses letzte Kapitel: »Neue Anläufe. Der letzte Kampf. Tandem bona causa triumphat.« (456)Google Scholar
  36. 36.
    Der symbolische Charakter der christlichen Religion und Kunst. Eine Einleitung in die spezielle Symbolik der christlichen Kunst, und ein Beitrag zur Begründung einer christlichen Aesthetik. Von G.M. Dursch, Theol. et. Phil. Dr., Schaffhausen 1860.Google Scholar
  37. 37.
    Aesthetik oder die Wissenschaft des Schönen auf dem christlichen Standpunkte dargestellt von Dr. G. M. Dursch, Stuttgart und Tübingen 1839. Wir zitieren im Folgenden mit den Seitenzahlen in Klammern nach diesem Werk.Google Scholar
  38. 38.
    »An der Spitze der moralischen Weltordnung steht der allmächtige, allwissende, heilige Gott, und wacht wie der weiseste und beste Hausvater über die Ordnung seines Hauswesens.« (144) — »Wie edel und liebenswürdig ist der Regent, welcher seine Unterthanen väterlich liebt und, für sie besorgt ist, damit alle ein glückliches Leben führen […] der sich als verantwortlichen Stellvertreter Gottes betrachtet, um die Gerechtigkeit und Ordnung aufrecht zu erhalten«. (228 f.) — »[…] daher zollt der christlich gesinnte Staatsbürger dem Oberhaupte des Staates Ehrfurcht, Liebe, Gehorsam und Treue.« (230)Google Scholar
  39. 39.
    Ein ähnliches Konzept des christlich Tragischen, jedoch mit starker Emphase auf dem in der poetischen Gerechtigkeit strafenden Gott, vertritt der Jesuit Joseph Jungmann in seiner Aesthetik. Für ihn ist jeder Verstoß »gegen die Gesetze der christlichen Ethik […] ein Verstoß gegen die Gesetze der Aesthetik« (463) und zieht die »strafende Hand der Gerechtigkeit Gottes und seine über Alles waltende Vorsehung« (551) nach sich. Zitiert nach: Aesthetik. Von Joseph Jungmann, Priester der Gesellschaft Jesu, Doctor der Theologie und ord. Professor derselben an der Universität zu Innsbruck. Zweite, vollständig umgearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage des Buches »Die Schönheit und die schöne Kunst«. Mit neuen Illustrationen, Freiburg im Breisgau 1884 (bei Herder). Die erste Auflage erschien laut Vorwort 1865 und wurde ins Spanische und Ungarische übersetzt. Vgl. auch vom selben Verfasser einen Vortrag über die Gefahren belletristischer Lektüre, in dem gegen die »Humanitätsreligion« der deutschen Klassiker gewettert wird: Gefahren belletristischer Lectüre. Ein Vortrag gehalten im katholischen Casino zu Innsbruck von Joseph Jungmann, Priester der Gesellschaft Jesu, Doctor der Theologie und ord. Professor derselben an der Universität zu Innsbruck. Zweite und vermehrte Auflage. Mit Erlaubniß der Obern., Freiburg im Breisgau 1884. Unser Fernleihexemplar kam aus der Bischöflichen Seminarbibliothek zu Eichstätt.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. Ebd. S. 168.Google Scholar
  41. 41.
    G.M. Dursch: Aesthetik, S. 288. Die Passagen über den Roman, die nahezu wörtlich aus dem Werk von 1839 übernommen wurden, ebd. S. 286–288.Google Scholar
  42. 42.
    Die weltanschauliche Nähe zu einem christlichen Theismus zeigt u.a. sein Werk: Gustav Theodor Fechner: Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht, Leipzig 1879. Vgl. dazu die ausführliche, positive Rezension. Anonym: G.Th. Fechner und die herrschende Weltansicht. In: Beilage zur [Augsburger] Allgemeinen Zeitung Nr. 93 (2. April 1880), S. 1353–1354: »Seine Arbeit bezweckt allerdings auch die Vermittelung, die organische Verbindung und Versöhnung von Wissen und Glauben, von wissenschaftlicher und religiöser Weltanschauung, welche durch eine große sich mehr und mehr erweiternde Kluft von einander getrennt sind.« Ebd. S. 1354. Zur Wirkung Fechners in den siebziger Jahren vgl. auch Julius Duboc: Die Berechtigung des Theismus vom Standpunkte der Seelenfrage. In: Ders.: Reben und Ranken. Studienblätter, Halle 1879, S. 217–267. Duboc referiert die zeitgenössische Fechner-Diskussion und stellt fest: »Zu den interessantesten, gedankentiefsten Leistungen der deutschen Geistesarbeit der Neuzeit rechne ich Fecher’s Versuch einer wissenschaftlichen Rettung und naturgesetzlichen Construction des Theismus.« Ebd. S. 217.Google Scholar
  43. 43.
    Gustav Theodor Fechner: Elemente der Psychophysik, zwei Bände, Leipzig 1860, sowie eine Reihe anderer Schriften.Google Scholar
  44. 44.
    Hermann von Helmholtz: Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik, Braunschweig 1862. Vgl. auch den frühen Vortrag: Über die physiologischen Ursachen der musikalischen Harmonien (1857), in dem physiologisch »bewiesen« wird, was die Ästhetiker aus verschiedenen, bisher erörterten Gründen fordern: »In der Disharmonie fühlt sich der Hörnerv von den Stössen unverträglicher Töne gequält; er sehnt sich nach dem reinen Abfluss der Töne in der Harmonie, und drängt zu ihr hin, um in ihr besänftigt zu verweilen.« Hermann von Helmholtz: Über die physiologischen Ursachen der musikalischen Harmonien. Mit einem wissenschaftshistorischen Nachwort herausgegeben von Fritz Krafft, München 1971, S. 54.Google Scholar
  45. 45.
    Gustav Theodor Fechner: Vorschule der Aesthetik, zwei Theile, Leipzig 1876 [18982]. Alle folgenden Zitate aus dem zweiten Teil der zweiten Auflage in Klammern.Google Scholar
  46. 46.
    G.Th. Fechner: Vorschule, Zweiter Theil, S. 105–130. Hier gibt Fechner eine bemerkenswert nüchterne und überlegte Diskussion wichtiger Begriffe im Rahmen der zeittypischen Antithese von Realismus und Idealismus.Google Scholar
  47. 47.
    Ebd. S. 238–240.Google Scholar
  48. 48.
    Eine Fechner ähnliche Position vertritt Julius H. von Kirchmann in seiner Aesthetik auf realistischer Grundlage. Radikaler noch als Fechner vollzieht er die Wendung von der Inhalts- zur Rezeptionsästhetik, der Dichter wird für ihn zum bewußten Arrangeur positiv beruhigender Lösungen, da nur solche Lustempfinden zu erregen vermöchten. Die inhaltlichen Probleme solcher Arrangements sind für Kirchmann unwesentlich: »Der grosse Dichter weiss dabei die dem Realen fehlende volle Einheit und beruhigende Lösung mit geringen Aenderungen, mit kleinen Zusätzen zu erreichen und so die Vorzüge des Realen mit den Erfordernissen des Kunstwerks zu vereinen.« (114) J.[ulius] H. von Kirchmann: Aesthetik auf realistischer Grundlage, zwei Bände, Berlin 1868. Dieses Werk wurde 1886 von Eduard von Hartmann als »eine der ausführlichsten und scharfsinnigsten Behandlungen der ästhetischen Grundbegriffe, die wir besitzen«, gerühmt. Eduard von Hartmann: Die deutsche Aesthetik seit Kant. Erster historisch-kritischer Theil der Aesthetik, Leipzig 1886, S. 253. — Kirchmanns interessante Biographie — seit 1846 Erster Staatsanwalt beim Berliner Kriminalgericht, 1848 Abgeordneter des linken Zentrums in der preußischen Nationalversammlung, 1850 Disziplinarverfahren aus politischen Gründen, Amtsenthebung unter Verlust der Pension zu Anfang der achtziger Jahre wegen eines Vortrags im Berliner Arbeiterverein — sei nur am Rande erwähnt.Google Scholar
  49. 49.
    Gustav Theodor Fechner: Zend-Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits. Vom Standpunkte der Naturbetrachtung. Dritte Auflage. Besorgt von Kurt Laßwitz. Zwei Bände, Hamburg und Leipzig 1906 [erste Auflage 1851; zweite Auflage, besorgt von Kurt Laßwitz, 1901].Google Scholar
  50. 50.
    In: Die drei Epochen der modernen Ästhetik und ihre heutige Aufgabe [1892]. In: Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften, VI, Band, Leipzig und Berlin 1924, S. 242–287; Zitat S. 263. Wir zitieren im Folgenden diesen Aufsatz und die Abhandlung: Die Einbildungskraft des Dichters. Bausteine für Poetik [1887], ebd. S. 103–241 mit der Seitenzahl in Klammern. Wir besprechen beide Abhandlungen zusammen, da sie in den uns betreffenden Punkten nicht differieren.Google Scholar
  51. 51.
    In den Bausteinen wird Fechner S. 159–163 wiederholt extensiv zitiert. Dilthey fasst die Problematik wie folgt zusammen: »aus der dargestellten Tendenz der Unlustzustände, in die Gleichgewichtslage oder in Lust überzugehen, ergibt sich nun das ästhetische Prinzip der Versöhnung, nach welchem jedes Dichtwerk, das nicht nur vorübergehende Empfindungen ausdrücken, sondern eine andauernde Befriedigung hervorbringen will, […] in einem versöhnenden Endzustande schließen muß […] Auch die epische Dichtung großer Form, als welche in irgendeiner Art die ganze Welt und deren Ordnung erblicken läßt, muß einer Sinfonie gleichen, in welcher eine Disharmonie nach der anderen sich auflöst und schließlich in mächtigen harmonischen Akkorden das Ganze ausklingt.« Ebd. S. 163.Google Scholar
  52. 52.
    So die These von Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied und Berlin 19694, S. 184. Vgl. dazu die Analyse bei Dilthey in den Bausteinen S. 103 f. über die »Anarchie« auf dem Gebiet der Produktion durch die Herrschaft des Publikums ohne regulierende ästhetische Maßstäbe. In seinem Essay über Dickens von 1876 machte sich Dilthey schon Gedanken über den »Opiumrausch« (256) des Romane konsumierenden Publikums »der unzähligen müßigen Frauen der sogenannten europäischen Gesellschaft.« (256) Hermann Nohl (Hrsg.): Wilhelm Dilthey. Die große Phantasiedichtung und andere Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte. Göttingen 1954. Der Essay über Dickens ebd. S. 254–317.Google Scholar
  53. 53.
    Für Roman und Drama gelten dieselben Kriterien — Diltheys Stellungnahme gegen den naturalistischen Modus des Schließens ist durchaus ambivalent. In den Bausteinen heißt es deskripitiv und bedauernd: »Der materialistische Roman aus der Schule der Comédie humaine ist bis auf Flaubert und Zola Poesie ohne einen siegreichen Helden, Krisis ohne wirkliche Versöhnung.« Dagegen hält er in der Abhandlung von 1892 »das Streben, für die üblichen reinen Abschlüsse im Schauspiel einen Ersatz zu suchen, jedenfalls für beachtenswert;« hier schließt er sich dem Mimesis-Argument der Naturalisten an, »da der Tod allein ein solcher Abschluß ist, das Leben selbst aber, wenn es weiter geht, immer höchst problematisch bleibt und die Kunst nicht mit einer Lüge endigen soll.« Ebd. S. 280. Die Vorstellungen vom mächtigen Schlußakkord sind übrigens bei Dilthey der Theatralik und Heroik der Gründerzeit verpflichtet: »Dem Germanen wird stets nicht ein Schicksal, nicht eine Krisis, sondern ein Held im Mittelpunkt der Dichtung stehen. […] Auf den modernen Menschen wird die mächtig, realistisch hingestellte ganze Person, der heldenhafte Mensch, der mit sich und der Wirklichkeit ringt und Sieger bleibt, wie arg zugerichtet er auch aus dem Kampf hervorgehe, allein so erhebend und innerlich erlösend wirken können als die tragische Trilogie auf die Zeitgenossen des Äschylos.« Ebd. S. 238 f. Der bedenkliche Rekurs auf die »Tiefen des germanischen Wesens« als der Rettung vor dem »romanische[n] Ideal der Vernichtung von Familie und Eigentum« und dem »rückständige[n] skandinavische[n] Kultus des Rechtes der verbandlosen Individualität« steht — ebenfalls unübersehbar — vor den schönen Schlußzeilen der Abhandlung von 1892. Ebd. S. 287.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

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  • Franz Rhöse

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