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Bildungsroman oder Sozialroman — Fr. Th. Vischers Romanbegriff zwischen Vormärz und bürgerlichem Realismus

  • Franz Rhöse
Chapter

Zusammenfassung

Für die Wirkung Vischers auf die Diskussion der nachhegelschen Ästhetik, für seinen Einfluß auf die literarischen Debatten ab der Jahrhundertmitte gibt es trotz der noch nicht ausgewerteten Briefwechsel eine solche Fülle von Zeugnissen, daß eine Behandlung seiner Position im Rahmen dieser Arbeit keiner Rechtfertigung bedarf.[1] Mörike spricht 1851 in einem Brief von der »riesenmäßige[n] Arbeit« der Ästhetik, Treitschke nennt sie ein »herrliches, von Unzähligen heimlich benutztes, und nie genanntes Werk«, von Marx wird sie exzerpiert, Felix Dahn nennt Vischer Anfang der sechziger Jahre den »bedeu-tendste[n] Aesthetiker der Gegenwart«.[2] Noch 1892 bezeichnet Rudolf von Gottschall Vischer als »Großmeister der neuen Ästhetik«[3] — zwischen 1850 und 1890 ist er der wohl meistzitierte und ausgeschriebene Ästhetiker und Literaturtheoretiker. Nach einem ersten Schwerpunkt der Vischerforschung der zwanziger Jahre haben sich in jüngster Zeit einige Arbeiten zur Literaturtheorie im 19. Jahrhundert wieder mit Vischer beschäftigt.[4]

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Anmerkungen

  1. 1.
    Über Vischer und Vischer-Wirkung informiert Fritz Schlawe: Friedrich Theodor Vischer, Stuttgart 1959, S. 386 und passim.Google Scholar
  2. 2.
    Mörikes Brief vom 25. Juni 1851 zitiert nach: Robert Vischer (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Eduard Mörike und Friedrich Theodor Vischer, München 1926, S. 193. — Treitschkes Brief vom 1. März 1857 an Bachmann zitiert nach F. Schlawe: Fr.Th. Vischer, S. 264. — Felix Dahn: Vischers kritische Gänge. [E: 1861] In: Felix Dahn: Bausteine. Gesammelte kleine Schriften. Dritte Reihe, Berlin 1882, S. 152–156; Zitat S. 153.Google Scholar
  3. 3.
    Rudolf von Gottschall: Streitfragen der modernen Poetik. In: Rudolf von Gottschall: Studien zur neuen deutschen Literatur, Berlin 18922, S. 186. Gottschall schreibt im Vorwort zur ersten Auflage seiner Poetik, daß er »der Ästhetik Vischer’s allgemeine Grundbestimmungen des Schönen und der Kunst verdanke, welche ich zu adoptieren um so weniger Bedenken trug, als auch die Wissenschaft des Geistes […] positive Resultate aufweist, auf denen sich weiter bauen läßt«. Rudolf von Gottschall: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik. Vom Standpunkte der Neuzeit. Sechste vermehrte und verbesserte Auflage, Erster Band, Breslau 1893, S. VI f.Google Scholar
  4. 4.
    Es handelt sich um die Arbeit von Helmuth Widhammer: Realismus und klassizistische Tradition. Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848–1860, Tübingen 1972 mit einem Kapitel: Fr.Th. Vischers Prinzip der »indirekten Idealisierung«, ebd. S. 163–187. Ferner Hermann Kinder: Poesie als Synthese. Ausbreitung eines deutschen Realismus-Verständnisses in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1973, S. 63–114. Während in der Arbeit Wid-hammers der Roman überhaupt nicht behandelt wird, geht Kinder auf die Romandiskussion näher ein, sieht Vischer auch genauer im historisch-politischen Kontext der vierziger Jahre.Google Scholar
  5. 5.
    Der Aufsatz »Eduard Mörike. Maler Nolten, Novellen in zwei Teilen.« erschien zuerst 1839 in den Hallischen Jahrbüchern für deutsche Wissenschaft und Kunst, Jg. 1839, der Aufsatz »Shakespeare in seinem Verhältnis zur deutschen Poesie, insbesondere zur politischen« wurde 1842/43 verfaßt und erschien zuerst 1844 im Literarhistorischen Taschenbuch, herausgegeben von Robert Prutz. »Herwegh. Gedichte eines Lebendigen.« erschien 1843 in den Jahrbüchern der Gegenwart, die Rezension des zweiten Bandes der Herweghschen Gedichte zusammen mit der Rezension des ersten Bandes in den Kritischen Gängen 1844, die Replik auf Adolf Stahrs Kritik an Herweghs Aufsatz, »Noch ein Wort darüber, warum ich von der jetzigen Poesie nichts halte.« ebenfalls 1844 in den Jahrbüchern der Gegenwart. Schließlich die im Zentrum unseres Interesses stehende Rezension »Zur Kritik der Mystères de Paris von Eugène Sue.«, ebenfalls 1844 in den Jahrbüchern der Gegenwart erschienen. Alle Aufsätze wiederabgedruckt in: Friedrich Theodor Vischer. Kritische Gänge. Zweiter Band. Herausgegeben von Robert Vischer, Zweite, vermehrte Auflage, München o.J. Wir zitieren im Folgenden, wo nicht anders vermerkt, nach diesem Band mit der Seitenzahl in Klammern.Google Scholar
  6. 6.
    Über die Einbettung in die biographische Situation Vischers vgl. F. Schlawe: Fr. Th. Vischer, S. 164 ff. Eine knappe Darstellung der Vischerschen Position in den vormärzlichen Aufsätzen bei H. Widhammer: Realismus S. 177 ff. Die Struktur der Aufsätze wird verstanden »als die Antinomie zwischen dem klassisch-idealistischen Poesiebegriff und der modernen Wirklichkeit.« Ebd. S. 177. Widhammers Unterschätzung und teilweise Verkennung des frühen Vischer scheint uns nicht recht begreiflich. Den politischen Vischer auf den ästhetischen zu reduzieren (und damit zu kritisieren) entspricht u.E. nicht den historischen Fakten. Ebd., S. 180 f. Der Aufsatz von Helmut Hartwig: Literatursoziologie und das Problem der Klassenüberschreitung. Zur Soziologie ästhetischer Fragestellungen — Fr.Th. Vischer über Georg Herwegh, enttäuscht völlig. Übertroffen wird seine Unkenntnis des frühen Vischer und der tatsächlichen Konstellation der 40er Jahre nur noch durch die Arroganz, mit der er ihm die politischen Leviten liest. In: Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften. Grundlagen und Modellanalysen. Mit Beiträgen von Horst Glaser et al., Stuttgart 1971, S. 315–340.Google Scholar
  7. 7.
    Man vgl. die »Akademische Rede zum Antritt des Ordinariats« [1844]. In: Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge. Erster Band, bes. S. 179.Google Scholar
  8. 8.
    Robert Vischer (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Eduard Mörike und Friedrich Theodor Vischer, München 1926, S. 116f.; Brief vom 29. Dezember 1833.Google Scholar
  9. 9.
    Friedrich Sengle schreibt im ersten Band seiner Epochendarstellung: »Man darf behaupten, daß diesem Ästhetiker, trotz seiner Nähe zum junghegelianischen Klassizismus, der Realismus mehr und mehr zum Wunschbild wurde.« Die Abkehr von den Ausläufern der Romantik wäre als Bedingung beider Stilrichtungen hier hinzuzufügen. F. Sengle: Biedermeierzeit, Bd. 1, S. 261.Google Scholar
  10. 10.
    In der Rezension der Gedichte Mörikes klingt zum ersten Mal die Konfrontation der Literatur mit der geschichtlichen Lage an, mit den Folgen der Julirevolution für die Poesie: »Die Revolution, der Liberalismus, die Technik, die materiellen Tendenzen, die Kultur, die alles beleckt, […] der Geschäftsdrang, der uns von Morgen bis Abend an den Arbeitsstuhl fesselt und der zehnten Muse, der Muße, ihr bißchen Lebensluft vollends zu erdrücken droht: alles dies verschwor sich gegen die poetische Stimmung […] Man verlor den Standpunkt, aus welchem allein ein Dichter zu beurteilen ist, man rief ihn an: halt! nicht so schnell! du mußt dich erst ausweisen, ob du auch die Fragen der Gegenwart, die großen sozialen Probleme in dein Gedicht aufgenommen hast!«. In: Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge, Zweiter Band, S. 23 f. Vischer verteidigt die Poesie — und verweist sie auf den Tag nach einer geglückten gesellschaftlichen Veränderung, Gedanken, die er in den Aufsätzen der 40er Jahre breit ausführen wird. Das folgende Zitat ebd. S. Vf.Google Scholar
  11. 11.
    So die Überschrift des ersten Teils der Dokumentation Jost Hermand: Der deutsche Vormärz Texte und Dokumente, Stuttgart 19722, S. 3.Google Scholar
  12. 12.
    W.[olfgang] M. [enzel]: Die Romane. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 2, I. Jg. (1838), S. 92–137. Die Seitenzahlen in Klammern.Google Scholar
  13. 13.
    Ganz ähnlich sorgt sich ein G.P. in einem Aufsatz derselben Zeitschrift darüber, daß »durch unangemessene Lektüre eine falsche Bildung mehr und mehr um sich greift, wie dadurch der Samen falscher Vorstellungen und verderblicher Bestrebungen in viele Gemüther ausgestreut wird«. G.P.: Die Literatur, ihr Zusammenhang mit dem Leben und ihr Einfluß darauf. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 4, I. Jg. (1838), S. 41–90; Zitat S. 58.Google Scholar
  14. 14.
    Anonym: Gedanken über die moderne schöne Literatur. In: Deutsche Vierteljahrs Schrift, Heft 3, III. Jg. (1840), S. 244–286.Google Scholar
  15. 15.
    Im Zentrum der Überlegungen des Verfassers steht das Bewußtsein der »theils gesetzliche[n], theils faktischefn] Auflösung der socialen Verfassung, in der Menschen und Stände einander streng unter- und übergeordnet waren«, steht die neue Zeit: »das Geld wurde das große Schwungrad des ungeheuren Getriebes […] und im Verhältniß mit der Entfeßlung aller Triebe und der Steigerung aller Produktion erscheinen auch jene bösen Leidenschaften der Eigensucht, des Golddurstes, die Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel entfesselt und in’s Kolossale gesteigert.« Ebd. S. 265.Google Scholar
  16. 16.
    Friedrich Theodor Vischer: Zusatz. [Zu]: Über allerhand Verlegenheiten bei Besetzung einer dogmatischen Lehrstelle in der gegenwärtigen Zeit. In: Ders.: Kritische Gänge, Erster Band, S. 107–129; Zitat S. 128.Google Scholar
  17. 17.
    Liest man die im dritten Band der »Kritischen Gänge« gesammelten politischen Aufsätze, Reden und Anträge in der Paulskirche, so erscheint es völlig unverständlich, daß Widhammer Vischer »eigentlich unpolitisch« nennen kann. Freilich, 1838 hatte Vischer in dem Aufsatz »Dr. Strauß und die Württemberger« noch geschrieben, er habe »über die beste Staatsverfassung keine feste Überzeugung, von dem Organismus eines Staates keine klare Anschauung« — hatte dann aber 1844 in den »Kritischen Gängen« lapidar angemerkt: »Sancta simplicitas!« und seine damalige Unkenntnis im Vorwort ausführlich kommentiert. Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge, Erster Band, S. 23 und Vorwort ebd. S. VI.Google Scholar
  18. 18.
    »Die Politik, das heißt also für unsern Zusammenhang: die Unzufriedenheit mit der Gegenwart des Staatslebens und der heftige Wunsch einer bessern Zukunft desselben, Begeisterung für große Handlungen, die sie herbeiführen sollen usf., bleibt doch immer auch für die lyrische Gattung ein gegen echt poetische Behandlung völlig widerspenstiger Stoff.« Ebd. S. 95.Google Scholar
  19. 19.
    Man vgl. dazu Vischers Anträge zum Verhältnis von Kirche und Schule in der Paulskirche, für deren Tenor — »die Schule muß frei von der Kirche sein« — er laut stenographischem Bericht wiederholt viel Beifall von der Linken erhält. Wiederabgedruckt in Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge, Dritter Band, Anträge und Reden im Frankfurter Parlament, S. 1–18; Zitat S. 14. Kinders Kritik an dieser Position verkennt die historische Lage. H. Kinder: Poesie als Synthese, S. 80f.Google Scholar
  20. 20.
    Wir zitieren hier aus Vischers Antwort auf eine kritische Entgegnung Adolf Stahrs, der Vischers negative Einschätzung der Gegenwartspoesie nicht teilte: »Noch ein Wort darüber, warum ich von der jetzigen Poesie nichts halte.« In: Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge, Zweiter Band, S. 135–147. Man habe alle Hände vollauf zu tun, »dieses Ganze praktisch herbeizuführen« [137]. Explizit beruft er sich auf Gervinus, bei dem er gefunden habe, was er sich selbst schon als Überzeugung gebildet habe: es gelte »die Talente, die nun kein Ziel haben, auf die wirkliche Welt und den Staat [zu] locken« [143]. Man darf bei all diesen Forderungen, die in den in Tübingen erscheinenden Jahrbüchern der Gegenwart abgedruckt wurden, die akademische Rolle des Lehrenden nicht vergessen, die Berufsberatung in praktisch-politischer Absicht, wenn man der Funktion solcher rigoristisch klingenden Formulierungen gerecht werden will.Google Scholar
  21. 21.
    Georg Herwegh: Die kranke Lise. In: Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen. Neunte Auflage. Stuttgart 1871, S. 255 f. Die arme Vorstadtproletarierin gebiert im Angesicht der Gedenksäule der Julirevolution am Weihnachtsabend ihr Kind auf der Straße.Google Scholar
  22. 22.
    »Freilich leidet dieses Werk […] noch an einem Grundmangel des Inhalts; in diesem Roman, dessen innerster Geist kommunistisch ist, waltet die gleich austeilende Gerechtigkeit in der zufälligen Form eines Menschen, der […] die Armen beglückt, die Verbrecher bestraft. Sue will andere, gerechtere Gesetze und in seinem ganzen Roman dreht sich alles um eine Gerechtigkeit aus gesetzloser, subjektiver Willkür. Welche Verbindung republikanischer und legitimistischer Gesinnung!« Ebd. S. 129.Google Scholar
  23. 23.
    Anonym: Ein deutsches Wort über französische »Geheimnisse«. In: [Augsburger] Allgemeine Zeitung. Beilage zur Nr. 307 (3. November 1843), S. 2406–2408. Zitat S. 2406.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. August Henneberger: Ein Wort über französische und deutsche schöne Literatur. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 51, Jg. 1855, S. 940–942. Zu Sue’s Übersetzungserfolg vgl. Henry H. Remak: The German Reception of French Realism. In: PMLA Vol. LXIX (1954), p. 410–431, bes. p. 416.Google Scholar
  25. 25.
    Erich Edler stellt fest: »In Deutschland erweckten drei Ereignisse gleichzeitig das Interesse an sozialer Problematik: der Weberaufstand von 1843, Bettinas Aufzeichnungen über die Zustände im Berliner »Vogtland« im Königsbuch und wiederum Sues Roman mit ihren vielfältigen Nachahmungen.« Erich Edler: Ernst Dronke und die Anfänge des deutschen sozialen Romans. In: Euph 56 (1962), S. 48–68. Zitat S. 48. Miller und Riha sprechen der theoretischen Diskussion wohl mit Recht einen höheren Rang zu als den oft auf buchhändlerischer Spekulation beruhenden deutschen Nachahmungen. Unter Verweis auf Marx und Vischer, aber auch auf Hebbel, Dronke und Gutzkows spätere Theorie des Romans des Nebeneinander sprechen sie von einer »ungleich bedeutendere[n] und letzten Endes folgenreichere[n] theoretische[n] Auseinandersetzung«. Eugène Sue: Die Geheimnisse von Paris. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Bernhard Jolies. Mit einem Nachwort von Norbert Miller und Karl Riha, München 1970. Das Nachwort unter dem Titel: Eugène Sue und die Wildnis der Städte, ebd. S. 671–691. Unser Zitat S. 685. Im Zusammenhang grundsätzlicher Überlegungen zum Erwartungsraum und Rezeptionsprozeß von Erfolgsliteratur untersucht Rudolf Schenda in einem jüngst erschienenen Beitrag vornehmlich die französische Situation der vier-. ziger Jahre. Rudolf Schenda: Sozialproblematischer Erwartungsraum und Autorenlenkung Der Rezeptionsprozeß des ideologiekonformen »populären« Romans (Eugène Sue: Les Mystères de Paris, 1842/43). In: Zs. f. Volkskunde Jg. 1976/I, S. 62–73.Google Scholar
  26. 26.
    Die bürgerliche Gesellschaft. Von W. H. Riehl. Sechste Auflage. (Siebenter Abdruck.), Stuttgart 1866. (= Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik. Von W. H. Riehl. Zweiter Band), Zitat S. 23. Die erste Auflage des Werks erschien 1851.Google Scholar
  27. 27.
    W.H. Riehl, ebd. S. 22.Google Scholar
  28. 28.
    Dr. Meyer: Der sociale Roman. In: Wigand’s Vierteljahrsschrift, Band 1, Leipzig 1844, S. 132–163. Wir ziehen diesen Aufsatz heran, weil Meyer selbst davon spricht, Eugène Sue’s Mystères de Paris seien nichts anderes »als ein socialer Roman im Sinne der George Sand, nur mit weit weniger Tiefe des Geistes«. Ebd. S. 162.Google Scholar
  29. 29.
    Lorenz Stein: Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreichs. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte, Leipzig 1842. Meyer paraphrasiert Stein, ebd. S. 152 ff. Daß er bei Meyer eigentümlich verkürzt und ins Religiöse umgebogen wird, steht hier nicht zur Diskussion.Google Scholar
  30. 30.
    Alexander Jung: Les mystères de Paris. Par M. Eugène Sue. In: Königsberger Literatur-Blatt, Nr. 71, 2. Jg. [1843], Sp. 561–568; Nr. 72, Sp. 569–576; Nr. 73, Sp. 577–582. Die jeweilige Spalte in Klammern.Google Scholar
  31. 31.
    Anonym: Die »Mystères de Paris« und ihre Leser. In: Literarische Zeitung. Nr. 9 (31. Januar 1844), Sp. 133–137.Google Scholar
  32. 32.
    W.[ilhelm] Zimmermann: Der Roman der Gegenwart und Eugen Sue’s Geheimnisse. In: Jahrbücher der Gegenwart. Herausgegeben von A. Schwegler, Jg. 1844, S. 199–219. Das Zitat ist der Ankündigung der Vischerschen Rezension entnommen, die von der Redaktion als der negative Teil dem vorausgeeilten positiven Teil der Kritik nachgeschickt wurde. Zitiert nach: Fr. Th. Vischer: Kritische Gänge. Zweiter Band; die Ankündigung abgedruckt ebd. S. XII f. Zitat S. XII.Google Scholar
  33. 33.
    Ähnlich gleich zu Beginn der Rezension: »Es erhellt aus der Allgemeinheit des Romanlesens, in wie vielfacher Hinsicht dasselbe, die Form und der Inhalt der Romane von Bedeutung ist, von historischer Bedeutung für das häusliche, gesellschaftliche, und sogar für das öffentliche Leben.« Ebd. S. 200.Google Scholar
  34. 34.
    Einen eng religiösen Standpunkt, der nicht einmal die poetische Gerechtigkeit als Abbild der göttlichen gelten lassen will — und zwar aus theologischen Gründen — vertritt F. Schaubach in der von der Inneren Mission preisgekrönten Schrift über die Volksliteratur. Als Beispiel wählt Schaubach noch 1863 die bereits etwas veralteten Geheimnisse von Paris und meint dazu: »Leicht entzündliche Seelen, die die Zeit nicht erwarten können, bis der Mensch erntet, was er gesät hat, lesen mit wahrem Entzücken die Scenen, wo der Fürst Rudolf das Strafamt auf Erden verwaltet«. F. Schaubach: Zur Charakteristik der heutigen Volksliteratur. Gekrönte Preisschrift. Hamburg, Agentur des Rauhen Hauses 1863, S. 38.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. dazu den folgenden Abschnitt.Google Scholar
  36. 36.
    Max Schmidt [= Max Stirner]: Die Mysterien von Paris. Von Eugene Sue. In: Berliner Monatsschrift. Herausgegeben von L. Buhl. Erstes und einziges Heft. Mannheim, Selbst-Verlag von L. Buhl. 1844, S. 302–332. Zitat S. 306. Auf die Notwendigkeit eines tatsächlichen Studiums der Gesellschaft heben mehrere Rezensionen ab, vor allem solche, die gegen die Pikanterie polemisieren, die die gute Gesellschaft in der Lektüre solcher Romane sucht. Ansatzweise wird ein Programm für einen realistischen und auf der Höhe der theoretischen Erkenntnis der Gesellschaft stehenden Sozialroman entworfen: »Wer sich für gesellschaftliche Zustände wirklich interessiert und ihr Wesen kennen lernen will, für den können sie nur Gegenstand eines fortwährenden, tiefeingehenden kritischen Studiums sein, man kann sie wohl auch in unterhaltender Form charakterisieren, aber nur nach gründlicher, theoretischer Prüfung und Erkenntnis, aus rein kritischem Interesse, das die Dinge sich darstellen läßt, wie sie sind, nicht aus einem Interesse, für das sie nur da sind, um etwas Andres, etwa einen Roman aus ihnen zu machen«. Anonym: Berliner Novellen, Geheimnisse und Romane. In: Beiträge zum Feldzuge der Kritik. Norddeutsche Blätter für Kritik, Literatur und Unterhaltung. Band 1, Berlin 1846, S. 16–32; Zitat S. 17.Google Scholar
  37. 37.
    Stirner schreibt: »Es ist nicht ohne den innigsten Zusammenhang, daß gerade die Zeit des Liberalismus und der Bourgeoisie so viel auf Sittlichkeit hält: ein Banquier und ein Sittlicher beur-theilen den Menschen aus ein und demselben Gesichtspunkte, nämlich nicht nach dem, was er durch sich ist, sondern nach dem, was er durch seinen Besitz ist.« »Hat er Geld?« Mit dieser Frage läuft die andere parallel: »Hat er Tugenden?« Wer kein Geld hat, mit dem befaßt sich der Banquier nicht: er »macht ihm Schande;« wer die Tugend eines ehrbaren Bürgers nicht »besitzt«, der muß ihm nicht zu nahe kommen.« Ebd. S. 315 f.Google Scholar
  38. 38.
    Für die »vortrefflichen Einrichtungen des Fürsten aus dem Wohlthäterorden und die philanthropischen Vorschläge des Romanschreibers selber« (332) hat Stirner abschließend nur Hohn; er schließt mit den lapidaren Sätzen: »Es sind Anträge zur Staatsverbesserung, wie man vor der Reformation deren unzählige zur Kirchenverbesserung machte: Verbesserungen, wo nichts mehr zu verbessern ist.« Ebd. S. 332. — Zustimmung findet diese Rezension bei Karl Grün, der sie in einem Artikel ausführlich referiert, den er mit Reflexionen über die Notwendigkeit eines kritischen sozialen Romans einleitet: »Der soziale Roman wird das neue Epos sein, das die verjüngte Menschheit an die Stelle der alten Kunstform setzt; […] der jetzt versuchte soziale Roman wird nur eine Kritik in poetischer Form sein können.« K.[arl] G. [rün]: Ein Urtheil über die »Geheimnisse von Paris«. In: Neue Anekdota. Herausgegeben von K. [arl] G.[rün]: Darmstadt 1845, S. 144–148; Zitat S. 144.Google Scholar
  39. 39.
    Friedrich Engels Karl Marx: Die Heilige Familie oder Kritik der Kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Berlin (Ost) 19713. Geschrieben wurde diese Auseinandersetzung mit den Berliner Hegelianern von September bis November 1844, erschienen ist sie Ende Februar 1845 in Frankfurt a. Main. Das V. u. VIII. Kapitel, die sich ausschließlich mit der Kritik der »Mystères« durch Szeliga (= Franz Zychlin v. Zychlinski) und mit dem Roman selbst auseinandersetzen, wurde von Marx allein verfaßt.Google Scholar
  40. 41.
    Marx parallelisiert die Situation nach der Julirevolution mit derjenigen vor der Revolution von 1789, wenn er schreibt: »Herr Szeliga weiß nicht, daß Eugen Sue aus Höflichkeit gegen die französische Bourgeoisie einen Anachronismus begeht, wenn er das Motto der Bürger aus der Zeit Ludwigs XIV.: »Ah! si le roi le savait!« in der modifizierten Form: »Ah! si le riche le savait!« dem Arbeiter Morel […] in den Mund legt. In England und Frankreich wenigstens hat das naive Verhältnis zwischen reich und arm aufgehört. Die wissenschaftlichen Repräsentanten des Reichtums, die Nationalökonomen, haben hier eine sehr detaillierte Einsicht in das physische und moralische Elend der Armut verbreitet. Zum Ersatz haben sie bewiesen, daß es bei diesem Elend sein Bewenden haben müsse, weil es bei den heutigen Zuständen sein Bewenden haben müsse.« Ebd. S. 58 f.Google Scholar
  41. 42.
    Friedrich Engels: Bewegungen auf dem Kontinent (Januar 1844). Zitiert nach: Karl Marx, Friedrich Engels: Über Kunst und Literatur, 2 Bände, Auswahl und Redaktion Manfred Kliem, Frankfurt am Main, Wien 1968, Band 2, S. 62.Google Scholar
  42. 43.
    Wir zitieren im Folgenden nach: Fr. Th. Vischer: Kritische Gänge. Zweiter Band, S. 148–164. — Die Verknüpfung mit der von uns dargestellten Kritik der Lyrik bringt Vischer selbst, wenn er schreibt: Was sind unsere politischen Lyriker mit ihren paar abstrakten subjektiven Empfindungen gegen solch ein konkretes, mit scharfer Zeichnung frisch hingeworfenes Lebensbild?« (161) Zum Begriff der »Objektivität« vgl. ebd. S. 163.Google Scholar
  43. 44.
    H. Kinder: Poesie als Synthese, S. 83.Google Scholar
  44. 45.
  45. 46.
    Die Unübersichtlichkeit der frühsozialistischen Szene und die Verwirrung über die Ziele konkreter Veränderung stellt David McLellan dar. Er zitiert einen Brief Ruges an Marx vom September 1843: »Denn wenn auch kein Zweifel über das Woher, so herrscht desto mehr Konfusion über das Wohin. Nicht nur, daß eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen müssen, daß er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden soll.« David McLellan: Die Junghegelianer und Karl Marx, München 1974, S. 45.Google Scholar
  46. 47.
    D. McLellan, ebd. S. 55.Google Scholar
  47. 48.
    Die 1839 erstmals erschienene und 1844 in den Kritischen Gängen wiederabgedruckte Sammelrezension zur Literatur über Goethes Faust postuliert noch die mögliche Versöhnung der »streitenden Gegensätze seiner und der menschlichen Natur« (210) innerhalb der Literatur. Den Konflikten der Gesellschaft steht sie noch abwehrend gegenüber. In den Vorbemerkungen zum Wiederabdruck 1844 entwickelt Vischer eine radikal-politische und an der Idee der »inneren Bildung« zugleich orientierte Alternative zum Schluß des »Faust«, wenn er ihn in engsten Zusammenhang mit dem Bauernkrieg bringen möchte, der »ein Symbol der modernen Revolution [sei], weil er wirklich der Anfang derselben ist.« (XVII) Hier, in der geschichtlichen Erinnerung der Anfänge des geforderten »Prozesses der Bewegung«, scheint ihm die literarische Gestaltung möglich: »Die Versöhnung des Idealismus und Realismus in Denken und Handeln, wohin das Ganze strebt, kann nur als Perspektive in Aussicht gestellt werden […] So wäre dieser Faust und dieser Schluß ein Vorbild und Zeichen unserer Hoffnungen und Zukunft.« (XVIII f.) Alle Zitate in: Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge, Zweiter Band; Die Literatur über Goethes Faust [1839] S. 199–319; die Vorbemerkung zu diesem Aufsatz von 1844 S. XIV bis XXII.Google Scholar
  48. 49.
    H. Kinder:, Poesie als Synthese, S. 81.Google Scholar
  49. 50.
    Ein anonymer Rezensent der Mysterien von Berlin vertritt im selben Jahr diese Position: »[…] gerade dadurch, daß der genannte Roman die Wirklichkeit zeichnet, wie sie ist, und die Menschen antreibt, das Bessere hervorzubringen, unterstützt er die Tendenzen der Zeit und hilft jenen sichern Grund zu schaffen, auf dem wahre Kunstwerke entstehen können.« Anonym: [Rezension von]: »Mysterien von Berlin«. Von L. Schubar. Und »Die Mysterien von Berlin« von August Brass. In: Literarische Zeitung, Jg. 1844, Sp. 914–916. Das Zitat bezieht sich auf den Roman Sues, mit dem der Rezensent die Besprechung beginnt. Ebd. Sp. 914.Google Scholar
  50. 51.
    Willi Oelmüller: Das Problem des Ästhetischen bei Friedrich Theodor Vischer. In: Jb. der Dt. Schillergesellschaft II (1958), S. 237–265; Zitat S. 251. Zur Wirkungsgeschichte der Ästhetik vgl. die Ausführungen H. Widhammers: Realismus, S. 163 ff. Die Schwäche des Kapitels über Vischer besteht u.E. darin, daß Widhammer den Akzent zu sehr auf die Analyse der frühen Habilitationsschrift Über das Erhabene und Komische (1837) legt und den entscheidenden zweiten Band der Ästhetik nicht ein einziges Mal zitiert. In ihm zeigt sich doch weit mehr als »eine nur modifizierende Kritik der klassisch-idealistischen Ästhetik«. Ebd. S. 164.Google Scholar
  51. 52.
    H. Widhammer: Realismus, S. 181. Widhammer läßt die speziell vormärzliche Komponente außer acht, die politisch und sozial motivierte Gesellschaftskritik, die den nicht nur bei Vischer vorhandenen »klassisch-idealistischen Poesiebegriff« in die von Widhammer richtig gesehene Antinomie treibt. Widhammer, S. 175 und S. 177. Kinder interpretiert in seiner Arbeit die politischen Implikationen und Intentionen der Ästhetik im wesentlichen richtig, verkürzt aber doch die Schärfe der Vischerschen Kritik, wenn er dessen Absage an Rüge in der Antrittsvorlesung von 1844 überbetont und den entsprechenden Abschnitt überschreibt: »Revolution durch Evolution — Bildung«. H. Kinder: Poesie als Synthese, S. 78 und passim.Google Scholar
  52. 53.
    Wie wenig Vischer einen abstrakten Bildungsbegriff ansetzt, sondern die sozialen Möglichkeiten von Bildung realistisch sieht, zeigt die Fortsetzung der Passage über das Bürgertum. Vischer hat noch nicht das Volk aus den Augen verloren, ist keineswegs zynischer Apologet der Herrschaft von Besitz und Bildung wie der später einflußreiche Treitschke: »Das Volk, die mit der Hand arbeitenden Stände, sind ebenfalls mehr und mehr in ihre allgemeinsten politischen Rechte eingetreten, haben aber vor Armut keine Zeit, zur Menschlichkeit und Menschenwürde sich zu erheben.« Ebd., S. 347. Vgl. dazu Hilmar Roebling: Zur Kunsttheorie F.Th. Vischers. In: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert, Band 1, herausgegeben von Helmut Koopmann und J. Adolf Schmoll, gen. Eisenwerth, Frankfurt am Main 1970, S. 97–112; S. 104.Google Scholar
  53. 54.
    Lukács schreibt: »Er versteht von den ökonomischen Ursachen der gesellschaftlichen Schrekken des Kapitalismus nichts; er leugnet sie aber nicht schlechtweg, wenn er ihnen begegnet (wenigstens nicht vor 1848).« Georg Lukács: Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer [1934]. In: Georg Lukács: Probleme der Ästhetik (= Georg Lukács Werke, Band 10), Neuwied und Berlin 1969, S. 233–306; Zitat S. 252.Google Scholar
  54. 55.
    In den Erläuterungen dieses Paragraphen der Ästhetik kommt Vischer sogar auf das Erbrecht zu sprechen — und auf Sues Roman: »Möglichste Ausgleichung des Besitzes durch vernünftige Beschränkung des Erbrechts gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Zukunft; gewiß aber ist, daß nur dadurch wieder Schönheit in das Volk kommen kann. Der Abgrund der Armut, der Schlund der Verbrechen, den das Gebiet des Proletariats darbietet, die Region der mystères de Paris kann kein Fundort für echte Schönheit sein, weil dem Furchtbaren die Versöhnung fehlt, wo solche nur in Hoffnungen und Forderungen an die Zukunft liegt.« Ebd. S. 355.Google Scholar
  55. 56.
    Wir zitieren im Folgenden nach: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für Vorlesungen von Friedrich Theodor Vischer. Kunstlehre Dichtkunst/Register Zweite Auflage. Herausgegeben von Robert Vischer, München 1923.Google Scholar
  56. 57.
    Oelmüller konstatiert diesen Wandel, wenn er schreibt: »Für Vischers abschließende Interpretation des Ästhetischen ist nun entscheidend,1 daß er die so erfahrende Entfremdungsstruktur der modernen Welt, die er bis 1857 für aufhebbar hielt, jetzt als eine ewige Struktur der Welt überhaupt hypostasiert.« Willi Oelmüller: Das Problem des Ästhetischen, S. 258.Google Scholar
  57. 58.
    Man vgl. etwa damit die Ästhetik Solgers, deren starken Einfluß auf Vischer Oelmüller behauptet hat. Er entwickelt auf neunzehn Seiten Begriff und Geschichte des Epos und widmet schließlich gute zwei Seiten dem Roman. Karl Wilhelm Ferdinand Solger: Vorlesungen über Ästhetik. Herausgegeben von Karl Wilhelm Ludwig Heyse, 2. unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1829, Darmstadt 1969.Google Scholar
  58. 59.
    G. W. Fr. Hegel: Ästhetik, Bd. II, S. 452; Kursiv von uns.Google Scholar
  59. 60.
    Hahl läßt sich u.E. zu sehr von Vischers in der Klassiktradition stehender Behauptung leiten, der Romanheld heiße »nur in ironischem Sinne so« (Ästhetik, VI, S. 180), wenn er aus diesem Passus folgert: »Vischer spricht also vom Bildungsroman, und seine Vorstellungen vom modernen Helden sind zweifellos viel gemäßer als J. Schmidts gesinnungstüchtige Charaktere.« W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 221.Google Scholar
  60. 61.
    Dies bemerkt auch — in ausdrücklichem Rückgriff auf Vischer — der anonyme Rezensent in der [Augsburger] Allgemeinen Zeitung bei der Erörterung des Schlusses von Heinrich Laubes Roman Waldstein: »In der That spricht sich unser namhaftester Aesthetiker, Fr. Vischer, dahin aus: ›Der innere Mangel der ganzen Dichtart tritt in dem Verhältniß der Theile und namentlich im Schluß nur um so fühlbarer zu Tage[…]‹«. Es folgt die ausführliche Wiedergabe des Passus’ aus der Ästhetik zur Schlußproblematik. Der selbstverständliche Rückgriff auf Vischer ist zugleich ein Indiz für die Wirkung der Ästhetik bis in die literarische Tageskritik hinein. Anonym: Literarische Briefe. Heinrich Laube’s »Waldstein«. In: Beilage zur [Augsburger] Allgemeinen Zeitung, Nr. 2 (2. Januar 1865), S. 25–27; Zitat S. 26.Google Scholar
  61. 62.
    Hahl verkürzt Vischer, wenn er schreibt: »Das Ziel des Bildungsromans ist die Humanität. Aber wie ist sie darstellbar? Vom öffentlichen Wirken, auf das Vischer zehn Jahre früher so große Hoffnungen gesetzt hatte, ist nicht mehr die Rede.« W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 222.Google Scholar
  62. 63.
    Die Unversöhnlichkeit, die Vischer in dem zitierten Abschnitt zugesteht als mögliche Lösung der Konflikte, läßt er für das Drama nicht gelten. Daß die Macht des Dichters darin bestehe, daß er »das Bild des Kampfes zum harmonischen Schluß führt« [295], bleibt in der Dramentheorie unbestritten. Zur Dramentheorie Vischers vgl. die Ausführungen bei H. Kinder: Poesie als Synthese, S. 90 ff.Google Scholar
  63. 64.
    Fr.Th. Vischer: Gottfried Keller. Eine Studie. [E: [Augsburger] Allgemeine Zeitung 1874] In: Fr.Th. Vischer: Kritische Gänge. Sechster Band. Herausgegeben von Robert Vischer, München 1922, S. 240–292. Die 1881 zum Abdruck in Altes und Neues verfaßte Nachbemerkung 1881 ebd. S. 293–295. Keller selbst schreibt an Vischer: »Es ist die erste, wirklich eingehende Arbeit dieser Art, die ich erlebt habe«. Brief vom 31. Januar 1875. Zitiert nach: Gottfried Keller. Gesammelte Briefe. In vier Bänden, herausgegeben von Carl Helbling, Dritter Band, erste Hälfte, Bern 1952, S. 137.Google Scholar
  64. 65.
    Friedrich Theodor Vischer: »Zusatz« zu »Mein Lebensgang«. In: Fr.Th. Vischer: Altes und Neues. Drittes Heft, Stuttgart 1882, S. 345–390; Zitat S. 359.Google Scholar
  65. 66.
    Otto Brahm: Gottfried Keller. 1819–1890. In: Freie Bühne Heft 25, 1. Jg. [1890], S. 657–660.Google Scholar
  66. 67.
    Die Verbindungslinien von Vischers Theorie des Bildungsromans zum Kreis der Leipziger zeigt dieser 1860 in den Preußischen Jahrbüchern erschienene Essay. Für Treitschke ist »das naturgemäßeste Thema des Romans [der] Werdegang eines Charakters« (207), dessen Entwicklung zu einer »kräftigen, durch geistigen Schwung geadelten Lebenstätigkeit« (212) das Ziel dieses Romantypus sein müsse. Dementsprechend lehnt er den Schluß des Grünen Heinrich ab, so sehr er sonst die Qualitäten Kellers herausstellt: »Im Leben […] ist es nicht nur möglich, ja wir dürfen sogar verlangen, daß ein Mensch mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glücklicher Mann werde. Aber so großes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst für die freieste und gewaltigste der Künste kaum darstellbar ist — die Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schluß, hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Mißlaute.« Heinrich von Treitschke: Gottfried Keller. In: Heinrich von Treitschke: Historische und politische Aufsätze. Band 4, Leipzig 19202, S. 199–217; Zitat S. 214.Google Scholar
  67. 68.
    Man vgl. dazu die bei Zäch gesammelten Äußerungen. Alfred Zäch: Gottfried Keller im Spiegel seiner Zeit. Urteile und Berichte von Zeitgenossen über den Menschen und Dichter, Zürich 1952. Zur Umarbeitung vgl. vor allem die Briefe von Keller an Storm vom 25. Juni 1878 und Storms Antwortbriefe vom 15. Juni 1878 und 14. Dezember 1880, ferner den Brief von Julian Petersen an Keller vom 28. Mai 1878 und Kellers Antwort vom 4. Juni desselben Jahres. Petersen hatte geschrieben: »Ferner scheint mir nichts im Wege zu stehen, daß Heinrich ein gesetzter und verständiger Staatsbürger wird, Dortchen heiratet und seiner Mutter die letzten Tage versüßt.« Die umfangreiche Korrespondenz über den Schluß des »Grünen Heinrich« mit Vieweg, Hettner, Kuh, Petersen, Storm u.a. muß einer eigenen Darstellung vorbehalten bleiben, die den unterschiedlichen Argumentationsweisen der Briefpartner und auch Kellers (man vgl. seine Einschätzung von Petersen in den Briefen an Heyse!) genau nachgeht. Schon Vieweg war übrigens der Meinung (Brief vom 12. Januar 1853), der Roman dürfe nicht tragisch schließen. Der Brief Petersens ist zitiert nach: Gottfried Keller. Gesammelte Briefe. In vier Bänden. Herausgegeben von Carl Helbling, Dritter Band, erste Hälfte, Bern 1952, S. 348.Google Scholar
  68. 69.
    Inwieweit dies mit Kellers Schwierigkeiten mit Rodenberg, dem Herausgeber der Deutschen Rundschau, in der der Roman unter Zeitdruck für den Autor vorabgedruckt wurde, und mit Verlegerschwierigkeiten zusammenhängt — das Weihnachtsgeschäft drängte erneut zu einem überhasteten Schließen — kann hier nicht erörtert werden. Keller selbst sah sich jedenfalls durch die objektiven Zwänge des literarischen Marktes um seinen geplanten versöhnlichen Schluß gebracht, der allerdings, nach den erhaltenen Notizen zu urteilen, mehr Theatralik als wirkliche Lösung der offenen Konflikte der Schweizer Gesellschaft gebracht hätte.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

Authors and Affiliations

  • Franz Rhöse

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