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Zwischen Bildungsroman und Desillusionsroman — zur Ambivalenz der Kategorien für Roman und Romanschluss in Hegels Ästhetik

  • Franz Rhöse
Chapter

Zusammenfassung

Wir beginnen unsere Untersuchung der ästhetischen und poetologischen Reflexion im 19. Jahrhundert mit Hegels Ästhetik[1]. Da die Behinderung der Entfaltung des realistischen Romans in Deutschland, seine ästhetische und poetologische Geringschätzung auch auf der Nachwirkung der idealistischen Ästhetik beruht, so dürfte ein Rekurs auf Hegel und seine Vorstellungen über die Aufgabe der Literatur, die Forderungen an den Roman und die Analyse der Schlußproblematik von Interesse sein. Trotz Lukács’ wegweisender Einleitung in die Ästhetik aus dem Jahre 1951, der sie auf dem Gebiet der Kunstphilosophie als »Gipfelpunkt des bürgerlichen Denkens«[2] begriff, glauben wir, daß, wie Gerd Wolandt noch 1969 schreibt, die »Problemgeschichte der philosophischen Ästhetik von Hegel bis zur Gegenwart […] auf weite Strecken noch unbewältigt geblieben [ist]«[3] — ohne daß wir diese Bewältigung im Rahmen unserer Arbeit zu leisten vermöchten. Wohl aber möchten wir versuchen, den Ort des Romans innerhalb der wichtigsten Ästhetik des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen, den Zusammenhang mit der philosophisch-weltanschaulichen Position des Gesamtsystems darzulegen. An Bezugnahmen auf Hegel fehlt es bekanntlich nicht: hatte Preisendanz den Begriff des »objektiven Humors« als fruchtbar für die Analyse des Humors im poetischen Realismus entdeckt[4], so baute Hubert Ohl seine Interpretation der Romankunst Raabes und Fontanes auf Hegels Begriff der »bewußten Symbolik« auf.[5] Bei Metscher und Hahn finden wir 1971 den Versuch, durch Rekurs auf Hegels Ästhetik zu einer »philosophische[n] Grundlegung der Kunstsoziologie«[6] in marxistischer Absicht zu gelangen. Joachim Müller schließlich hielt Hegels Romankategorien sogar für die zeitgenössische Literatur für »nach wie vor äußerst produktiv«.[7] Auch an einschlägigen Aufsätzen zu bestimmten Begriffen wie dem der »Handlung« und dem der »Versöhnung« fehlt es nicht.[8] Trotzdem hoffen wir, durch Einbeziehung aller den Roman betreffenden Äußerungen innerhalb der Ästhetik[9] und eine ausführliche Integration dieses Konzepts in die Begrifflichkeit des Gesamtsystems zu Perspektiven zu gelangen, die für die Situation des Romans im 19. Jahrhundert und für die Stellung Hegels innerhalb der Reflexion über den Roman in manchem von den bisherigen Beurteilungen abweichen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Ästhetik, herausgegeben von Friedrich Bassenge, Mit einer Einführung von Georg Lukács, Zwei Bände, Frankfurt am Main o.J. [1965]. Wir zitieren nach der Seitenzahl des ersten und dann zweiten Bandes dieser Ausgabe in Klammern.Google Scholar
  2. 2.
    Georg Lukács: Hegels Ästhetik, Bd. II, S. 589–624; Zitat S. 589.Google Scholar
  3. 3.
    Gerd Wolandt: Zur Aktualität der Hegeischen Ästhetik. In: Hegel-Studien Bd. 5 (1969), S. 219–234. Zitat S. 233. Vgl. auch: »Wer Hegel verstehen will, ist noch immer mit sich selbst allein. Er wird keinen Kommentar finden, der beim Lesen hilft, statt es ersetzen zu wollen.« Dieter Henrich: Hegel im Kontext, Frankfurt am Main 1971, S. 7. Als solche Lesehilfe unter dem leitenden Interesse unserer Problemstellung verstehen wir dieses Kapitel.Google Scholar
  4. 4.
    Wolfgang Preisendanz: Humor als dichterische Einbildungskraft, Studien zur Erzählkunst des poetischen Realismus, München 1963, S. 118 ff.Google Scholar
  5. 5.
    Hubert Ohl: Bild und Wirklichkeit, Studien zur Romankunst Raabes und Fontanes, Heidelberg 1968, bes. S. 21 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Thomas W. H. Metscher: Hegel und die philosophische Grundlegung der Kunstsoziologie; Peter Hahn: Kunst als Ideologie und Utopie. Über die theoretischen Möglichkeiten eines gesell-schaftsbezogenen Kunstbegriffs. Beide in: Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften, Grundlagen und Modellanalysen, Mit Beiträgen von Horst Albert Glaser et al., Stuttgart 1971, S. 13–80 und S. 151–234. Vgl. auch Werner Hahl: Reflexion und Erzählung. Ein Problem der Romantheorie von der Spätaufklärung bis zum programmatischen Realismus, Stuttgart Berlin Köln Mainz 1971, bes. S. 91 f.Google Scholar
  7. 7.
    Joachim Müller: Hegel und die Theorie des Romans. In: Wiss. Zs. der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gesellschafts- und Sprachwiss. Reihe 19. Jg. 4 (1970), S. 637–644; Zitat S. 643. Einen überzeugenden Versuch, »im Grünen Heinrich die romantheoretischen Grundsätze Hegels in einer frappierenden Konsequenz wiederzuerkennen«, unternahm jüngst Klaus-Detlef Müller: Die »Dialektik der Kulturbewegung« Hegels romantheoretische Grundsätze und Kellers Grüner Heinrich. In: Poetica 8 (1976), S. 300–320; Zitat S. 314.Google Scholar
  8. 8.
    Josef Derbolav: Hegels Theorie der Handlung. In: Hegel-Studien Bd. 3 (1965), S. 209–223 und Reiner Wiehl: Über den Handlungsbegriff als Kategorie der Hegeischen Ästhetik. In: Hegel-Studien Bd. 6 (1971), S. 135–170. Zum Begriff der Versöhnung der ältere Aufsatz von Günter Rohrmoser: Zum Problem der ästhetischen Versöhnung Schiller und Hegel. In: Euph 53 (1959), S. 351–366 und vor allem der Aufsatz von Benno von Wiese: Das Problem der ästhetischen Versöhnung bei Schiller und Hegel. In: Jb. der dt. Schiller-Gesellschaft 9 (1965), S. 167–188.Google Scholar
  9. 9.
    So fehlt bei Ohl und in Martinis Literaturgeschichte die Einbeziehung der eher zynischen Passagen zu Roman und Romanschluß, bei Hahl der positiv substantielle Passus, bei allen, soweit wir sehen, ein Hinweis auf den wichtigen Abschnitt über den Werther und Jakobis Woldemar. Trotz eines eigenen Abschnitts — »Das Prinzip der Subjektivität im Roman« (ebd., S. 27 ff.) erkennt Ohl dadurch, daß er vor den entscheidenden negativen Sätzen über die schlechte Subjektivität mit dem Zitieren abbricht, Hegels kritische Stellung zum Romanhelden nicht. Bei Martini verschieben sich durch den einseitigen Bezug auf die Passagen über den Roman im Kontext der Diskussion der epischen Poesie die Perspektiven von Hegels Romanbegriff einseitig ins Gesellschaftskritische, ohne daß die grundlegende Kritik am romantischen Subjekt, die im historischen Teil der Ästhetik entfaltet wird, zum Tragen käme.Google Scholar
  10. 10.
    Peter Hahn sieht wohl richtig, wenn er zum idealistischen Kunstbegriff bemerkt: »So entmutigend spekulativ dies klingt, vermag Kunst doch eben durch dieses Zur-Anschauung-Bringen des Wahren […] gegenüber »dieser schlechten, vergänglichen Welt« enthüllend zu wirken […].« P. Hahn: Kunst als Ideologie und Utopie, S. 180.Google Scholar
  11. 11.
    Helmuth Widhammer: Realismus und klassizistische Tradition. Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848–1860, Tübingen 1972 und: Hermann Kinder: Poesie als Synthese. Ausbreitung eines deutschen Realismus-Verständnisses in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1973. Wir kommen auf diese Arbeiten noch zurück.Google Scholar
  12. 12.
    So sehr Thomas W.H. Metscher mit Recht die »formalen Strukturen der ästhetischen Konstruktion in ihrer sozialgeschichtlichen Relevanz« herauszuarbeiten unternimmt, so ist doch seiner Hauptthese, bei Hegel sei ästhetische Handlung »gesellschaftliche Handlung in formaler Autonomie« aus dem Hegeischen Kunstbegriff und seiner Theorie der Handlung, die auch bei Metscher im Zentrum des Interesses steht, zu widersprechen. Es ist eben der nicht-mimetische Kunstbegriff, der die zweifellos vorhandenen sozialgeschichtlichen Erkenntnisse für die Dichtkunst der Gegenwart nicht konstitutiv erscheinen läßt, der er als adäquaten künstlerischen Stoff den Rückgriff auf das heroische Zeitalter empfiehlt. Th. W. H. Metscher: Hegel und die philosophische Grundlegung der Kunstsoziologie, S. 14 und S. 42.Google Scholar
  13. 13.
    In Reiner Wiehls eher enttäuschendem Aufsatz wird zu Recht die »Auszeichnung des Handlungsbegriffes unter allen möglichen Begriffen der ästhetischen Reflexion« konstatiert. R. Wiehl: Über den Handlungsbegriff, S. 145.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. dazu W. Preisendanz: Humor, S. 118 ff.Google Scholar
  15. 15.
    In der Poesie-Prosa-Antithese formuliert Hegel seine Bewunderung für Schillers und Goethes Jugenddramen und deren Versuch, »innerhalb dieser vorgefundenen Verhältnisse der neueren Zeit die verlorene Selbständigkeit der Gestalten wiederzugewinnen.« [194] Über die Erfolgsaussichten allerdings gibt er sich keinen Illusionen hin. Die »Empörung gegen die gesamte bürgerliche Gesellschaft«, der Versuch Karl Moors, »sich so selbst einen neuen heroischen Zustand« zu schaffen, müsse notwendig scheitern. Die »abenteuernde Selbständigkeit ritterlicher Individuen« verfalle angesichts der ausgebildeten »gesetzliche[n] Ordnung in ihrer prosaischen Gestalt« notwendig der Lächerlichkeit, »in welcher uns Cervantes seinen Don Quixote vor Augen führt.« Alle Zitate S. 194 f.Google Scholar
  16. 16.
    Hegel gesteht übrigens gerade der Poesie mehr zu, als. man ihr im 19. Jahrhundert dann zugestehen wollte: »Bis zu welcher Grenze jedoch die Dissonanz darf fortgetrieben werden, darüber lassen sich keine allgemeinen Bestimmungen feststellen […]. Die Poesie hat deshalb das Recht, nach innen fast bis zur äußersten Qual der Verzweiflung und im Äußeren bis zur Häßlichkeit als solcher fortzugehen.« [203 f.] Man vgl. dazu die Konzepte der »christlichen Ästhetik« und natürlich Karl Rosenkranz’ Ästhetik des Häßlichen.Google Scholar
  17. 17.
    Kursivierung im folgenden Zitat von uns. Vgl. dazu Metschers etwas saloppe, in der Sache aber zutreffende Analyse. Th. W. H. Metscher: Hegel und die philosophische Grundlegung, S. 55.Google Scholar
  18. 18.
    Aus diesem grundsätzlichen Dilemma lassen sich die Präferenzen auch demokratischer und liberaler Autoren für adelige Helden (oder für verkappte adelige Helden, die sich am Schluß als solche entpuppen) erklären. Noch der alte Fontane glaubt ja, den Adel aus poetischen Gründen nicht entbehren zu können.Google Scholar
  19. 19.
    Paradigma solcher Versuche, den Zeitgehalt kollektiver Konflikte in die biographisch orientierte Form des Romans zu zwängen, ist etwa der Lassalle-Roman Friedrich Spielhagens In Reih’ und Glied, in dem allerdings das Individuums-Konzept nicht mehr ungebrochen gilt.Google Scholar
  20. 20.
    Fritz Martini: Realismus. In: Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr, Dritter Band, Vierte Lieferung Psalmendichtung — Reformationsliteratur, Berlin 19682, S. 343–365; Zitat S. 358.Google Scholar
  21. 21.
    Daß hier auf Schillers Konzeption der ästhetischen Versöhnung angespielt wird, scheint u.E. evident. Hier trennen sich die Wege beider, deren Gemeinsamkeiten angesichts der Folgen Kants und der französischen Revolution von Wiese und Rohrmoser überzeugend herausgearbeitet wurden. Rohrmoser sieht Schillers ästhetische Versöhnung als »Pfand einer Verheißung, die sie selbst nicht einlösen konnte.« G. Rohrmoser: Zum Problem der ästhetischen Versöhnung, S. 360. Ob die Versöhnung im philosophischen Begriff substantieller zu sein vermag, darf angesichts des Zerfalls und der Problematik des Hegeischen Staatsdenkens im 19. Jahrhundert, angesichts der nun seinerseits radikalen Kritik an der bloß begrifflichen Versöhnung durch den jungen Marx füglich in Frage gestellt werden.Google Scholar
  22. 22.
    Hegel sieht durchaus auch die Dialektik von Armut und Reichtum, die dann vom Naturalismus einer empörten Öffentlichkeit präsentiert wird: »Der lange weitläufige Zusammenhang der Bedürfnisse und Arbeit, der Interessen und deren Befriedigung ist seiner ganzen Breite nach vollständig entwickelt und jedes Individuum aus seiner Selbständigkeit heraus in eine unendliche Reihe der Abhängigkeiten von anderen verschränkt. […] Da tritt nun mitten in dieser industriellen Bildung und dem wechselseitigen Benutzen und Verdrängen der übrigen teils die härteste Grausamkeit der Armut hervor, teils, wenn die Not soll entfernt werden, müssen (die Individuen als reich erscheinen, so daß sie von der Arbeit für ihre Bedürfnisse befreit sind und sich nun höheren Interessen hingeben können. In diesem Überfluß ist dann allerdings der stete Widerschein einer endlosen Abhängigkeit beseitigt und der Mensch um so mehr allen Zufälligkeiten des Erwerbs entnommen, als er nicht mehr in dem Schmutz des Gewinnes steckt.« (255)Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. dazu vor allem W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 85–110; bes. S. 96.Google Scholar
  24. 24.
    Zur Stellung des Zufalls in Hegels Philosophie vgl. jetzt: Dieter Henrich: Hegels Theorie über den Zufall. In: Hegel im Kontext, S. 157–186.Google Scholar
  25. 25.
    Über die Polemik gegen das »Romanhafte im Roman« in den zwanziger und dreißiger Jahren informiert gründlich Rolf Schröder: Novellentheorie in der frühen Biedermeierzeit, Tübingen 1970, S. 152 ff.Google Scholar
  26. 26.
    Zum »sozialefn] Aspekt der Glücksidee« vgl. Gerda Röder: Glück und glückliches Ende im deutschen Bildungsroman. Eine Studie zu Goethes »Wilhelm Meister«, München 1968, S. 117 und passim. Röder entwickelt in überzeugender Weise die Vorgeschichte der Diskussion um das glückliche Ende im Barockroman und im Roman des 18. Jahrhunderts.Google Scholar
  27. 27.
    Wir können also Lothar Kühn nicht zustimmen, wenn er schreibt: »Hegels bissige Bemerkungen erheben den sehr einseitig verstandenen Bildungsroman gewissermaßen zur modernen Romanform schlechthin […]«. Lothar Kühn: Entwicklungs- und Bildungsroman. Ein Forschungsbericht. Mit einem Nachtrag, Stuttgart 1969, S. 22. Wilhelm Meister wird übrigens in der Ästhetik nur an zwei Stellen erwähnt; das eine Mal indirekt durch ein Zitat aus dem Hamlet-Kapitel (I, 228), das zweite Mal bei der Besprechung der Schadow’schen Darstellung der Mignon im Kapitel über die Malerei [II, 230].Google Scholar
  28. 28.
    W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 92.Google Scholar
  29. 29.
    Georg Lukács: Wider den mißverstandenen Realismus, Hamburg 1958, S. 122, Vgl. dazu Theodor W. Adorno: Erpreßte Versöhnung. Zu Georg Lukács: »Wider den mißverstandenen Realismus«. In: Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur II, Frankfurt am Main 1961, S. 152–187, bes. S. 186 f.Google Scholar
  30. 30.
    Man vgl. dazu den Schluß des ersten großen Erfolgsromans der Marlitt, Goldelse, dessen Schlußglück in der illustrierten Ausgabe von Paul Thumann ins Bild gesetzt wird, getreu der Beschreibung der Schlußseite: die glückliche Mutter mit Kind, die ihren Erstgeborenen im großelterlichen Hause präsentiert, umringt von bewundernden Erwachsenen im Halbkreis. Eugenie Marlitt: Goldelse Illustriert von Paul Thumann, Leipzig 1871, S. 332.Google Scholar
  31. 31.
    Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik, Berlin 19653, S. 114. Das Zitat steht im Kapitel über die Desillusionsromantik, deren Romantypus für das 19. Jahrhundert bestimmend sei.Google Scholar
  32. 32.
    Wir zitieren im Folgenden den Band II der Ästhetik mit den Seitenzahlen in Klammern.Google Scholar
  33. 33.
    Die Verbindung dieses Topos mit der Totalitätsforderung und deren Verbindung mit dem Begriff einer sinnvollen »Ordnung« verweist auf den theologischen Hintergrund, von dem Sengle zu Recht schreibt, »daß das theologische Denken auch in den Säkularisationen und Negationen des Christentums […] strukturbildend bleibt.« F. Sengle, Biedermeierzeit, Bd. I, S. 64. Vgl. dazu auch G. W. Fr. Hegel: Ästhetik, Bd. II, S. 339: »Nach dieser Seite wird es die Hauptaufgabe der Poesie, die Mächte des geistigen Lebens […] das alles umfassende Reich menschlicher Vorstellung, Taten, Handlungen, Schicksale, das Getriebe dieser Welt und die göttliche Weltregierung zum Bewußtsein zu bringen.«Google Scholar
  34. 34.
    Schlußprobleme des historischen Romans vermögen die Romane Willibald Alexis’ zu illustrieren, die unlängst Wolfgang Gast untersucht hat. Gast geht aber seinerseits von der Konzeption eines in sich harmonisch gerundeten Kunstwerks aus (ebd., S. 124), so daß er die Verknüpfung von poetologischer und politischer Romanschlußproblematik nur unzureichend reflektiert. Es geht ja nicht nur darum, daß im Isegrimm (1854) »die Unabschließbarkeit der Geschichte am Romanende bewußt wird und die Verendlichung im literarischen Werk entsprechend schwieriger geworden ist«, sondern weit mehr um die politische Notwendigkeit eines offenen Schlusses angesichts der noch unerfüllten Hoffnungen in der politischen Realität Preußens! Man vergleiche die Schlüsse von Der falsche Woldemar (1842), Ruhe ist die erste Bürgerpflicht (1852) und Isegrimm (1854)! Wolfgang Gast: Der deutsche Geschichtsroman im 19. Jahrhundert: Willibald Alexis Untersuchungen zur Technik seiner vaterländischen Romane. Phil. Diss. Freiburg 1972, S. 120.Google Scholar
  35. 35.
    Der Passus über den Roman beginnt ja charakteristischerweise mit einer Antithese zur Versdichtung, an deren Primat Hegel festhält: »Poetischer freilich […] sind die Romanzen und Balladen […]. Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Roman […].« G. W. Fr. Hegel: Ästhetik, Bd. II, S. 452. Zum Primat der Versdichtung bei Hegel vgl. F. Sengle: Biedermeierzeit, Bd. II, S. 18–21.Google Scholar
  36. 36.
    Die negative Beurteilung E. T. A. Hoffmanns und Jean Pauls ist hierfür nur ein Indiz unter vielen. Zum Objektivitätsideal vgl. das Schlußkapitel der Dissertation von W. Hahl: Reflexion und Erzählung, S. 200–242.Google Scholar
  37. 37.
    »Dies sind die wesentlichen Bestimmungen, welche sich in Kürze in betreff auf das eigentliche Epos hinstellen lassen. Dieselbe Form der Objektivität nun aber ist auf andere Gegenstände angewendet worden, deren Gehalt nicht die wahre Bedeutung echter Objektivität in sich trägt. Mit dergleichen Nebenarten kann man den Theoretiker in Verlegenheit setzen […].« Ebd. S. 450.Google Scholar
  38. 38.
    Soweit wir sehen, spricht nur Joachim Müller davon, daß Hegels Bemerkungen zum Roman »recht widerspruchsvoll sind«, geht aber in seinem allzu kurzen Aufsatz nicht weiter auf dieses Problem ein. Joachim Müller: Hegel und die Theorie des Romans, S. 637.Google Scholar
  39. 39.
    Karl Rosenkranz: Einleitung über den Roman. In: Aesthetische und Poetische Mitteilungen von Karl Rosenkranz, Magdeburg 1827, S. 1–40. Das erste Zitat S. 3, das zweite S. 14, das. ausführliche letzte ebd. S. 15 f. Jürgen Jacobs geht in seiner Analyse der Struktur des Bildungsromans nicht wesentlich über Erkenntnisse Rosenkranz’ hinaus, rückt aber zu Recht die Problematik der Gattung in den Vordergrund seines Interesses. Vor allem auf die auch von uns schon bei Hegel konstatierte Antithese von Bildungsroman und Desillusionsroman kommt Jacobs bei seiner Abgrenzung des Romantyps zu sprechen: »Das entscheidende Kriterium, das den Bildungsroman von anderen Formen des Entwicklungsromans abhebt, ist seine Tendenz zum ausgleichenden Schluß: Der Bruch zwischen idealerfüllter Seele und widerständiger Realität […] soll am Ende überwunden werden. Indem ein solcher Ausgleich zum Ziel der Geschichte wird, rückt der Desillusionsroman, der mit der Resignation, dem Untergang, der definitiven Enttäuschung des Helden endet, in eine entscheidende Gegenposition zur Bildungsgeschichte.« Jürgen Jacobs: Wilhelm Meister und seine Brüder. Untersuchungen zum deutschen Bildungsroman, München 1972, S. 171. Vgl. ebd. S. 183. Friedrich Sengles forschungsgeschichtlich begreifliche Aversion gegen den Begriff Bildungsroman als etwas typisch Deutschem spielt die doch zweifellos vorhandene Theorie und Praxis des am Wilhelm Meister orientierten Romantyps mehr als zulässig herab. Der nach Sengle »akademisch ausgewogene Romanartikel im Brockhaus, der in hunderttausende von Händen gelangte«, wird von ihm leider mehr gegen Friedrich Schlegels genialische Notizbücher ausgespielt als in seinem Abschnitt »Bildungsroman?« zitiert, wo er unbedingt hingehört hätte. Der Artikel ist eine einzige Eloge auf den größten Schriftsteller der Gegenwart, »dem es überhaupt vorbehalten war, im Roman die Palme zu ersiegen, dem unsterblichen Göthe in seinem Wilhelm Meister« (400). Die Romandefinition lautet schlichtweg: »Individuelle Bildungsgeschichte […] Leben und Schicksale eines Einzelnen von seiner Geburt bis zu seiner vollendeten Bildung, […] Lehrjahre des Jüngers, bis er zum Meister erhoben ist, das ist der Roman.« (399) Der Romanschluß eröffnet dort, noch völlig ungebrochen von der empirischen Realität, »eine unendliche Perspective des Strebens und Sichbildens«. (407) Friedrich Sengle: Biedermeierzeit, Bd. II, S. 822. Der Abschnitt »Bildungsroman?« ebd., S. 906–911. Rosenkranz ist für Sengle allerdings ein »ernsthafter Programmatiker des Bildungsromans«, wenngleich er dessen Programm »altmodisch« nennt. Ebd., S. 909. Jacobs hält sich bedauerlicherweise in seiner historischen Rekapitulation völlig an Martinis Aufsatz aus dem Jahre 1961, der Karl Morgenstern als den frühesten Theoretiker des Bildungsromans entdeckt hatte. Weder Rosenkranz noch der Brockhaus-Artikel werden bei Jacobs erwähnt. Die Zitate aus dem Brockhaus-Artikel nach: Allgemeine Real-En-cyclopädie für die gebildeten Stände. (Conversations-Lexicon.) In zehn Bänden. Achter Band. R. bis Seer. Fünfte Original-Auflage. (Dritter Abdruck), Leipzig 1822, Artikel »Roman«, S. 396–407. F. Martini: Der Bildungsroman. Zur Geschichte des Wortes und der Theorie. In: DVjS 35 (1961), S. 44 ff.Google Scholar
  40. 40.
    Inwieweit die Unterschiede beider Passagen aus der Entstehungszeit zu erklären sind, muß wohl Spekulation bleiben. Immerhin liegen zwischen dem ersten Ästhetik-Kollegium (Heidelberg 1817) und dem letzten (Berlin 1828/29) mehr als zehn Jahre.Google Scholar
  41. 41.
    Edward McInnes schreibt zur Romandiskussion in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: »Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen mit dem Bildungsroman steht, wie wir gesehen haben, das Problem der Versöhnung. Die literarische Kritik der Zeit ist unablässig bemüht, eine neue Auffassung der Versöhnung im Roman zu begründen. Dabei gibt man sich in vielen Fällen mit einer nur »privaten Versöhnung« nicht mehr zufrieden […]. Vielen wird klar, daß eine wirkliche Versöhnung im Roman solange ausgeschlossen ist, wie die mangelhaften Einrichtungen einer bestimmten Gesellschaftsstufe als unveränderlich aufgefaßt werden.« Edward McInnes: Zwischen »Wilhelm Meister« und »Die Ritter vom Geiste«: Zur Auseinandersetzung zwischen Bildungsroman und Sozialroman im 19. Jahrhundert. In: DVjS 43 (1969), S. 487–514. Zitat S. 507. Als ein Beispiel sei Theodor Mundt zitiert, der schreibt: »Dies ist das in aller Einheit vielgliederige Leben des Kunstwerks, das als die größte Aufgabe des menschlichen Daseins uns in allen unsern Zuständen lockt, und das wir aufrichten müssen als das wahre Bild der Versöhnung aus den jetzt umherliegenden scharfen und schneidenden Trümmern der Wirklichkeit.« Theodor Mundt: Aesthetik. Die Idee der Schönheit und des Kunstwerks im Lichte unserer Zeit, Berlin 1845, S. 265.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Franz Rhöse

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