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Zur Poetik von Roman und Romanschluss in der Epoche des Naturalismus

  • Franz Rhöse
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Zusammenfassung

»Friedrich Spielhagen verkörpert in sich eine ganze Epoche deutscher Erzählkunst. Diese Epoche geht allgemach ihrem Ende entgegen.« Mit diesen bemerkenswerten Sätzen eröffnen die Gebrüder Hart ihre folgenreiche Polemik gegen den Altmeister des politischen Zeitromans zwischen 1860 und 1880.[1] Bemerkenswert, weil sich in der Wahl des Gegners noch die hohe Wertschätzung Spielhagens in der literarischen Öffentlichkeit ausdrückt, bemerkenswert aber auch, weil sich in ihnen das Bewußtsein der Ablösung einer bestimmten Romanform ankündigt. Dieser Ablösung, diesem Übergang zu einem neuen Romanmodell nachzugehen, wird in diesem Kapitel unsere Aufgabe sein. Dabei ist natürlich zu bedenken, daß sich die Naturalisten durchaus nicht monolithisch präsentieren, schon die miteinander rivalisierenden Gruppen in München und Berlin sprechen dagegen. Es wird auch zu zeigen sein, daß innerhalb der naturalistischen Theorie Altes und Neues sich mischt. Betrachtet man die Gesamtentwicklung der naturalistischen Bewegung, so ist Helmut Koopmann zuzustimmen, der schreibt, man habe es »mit einer sehr halbherzigen Moderne zu tun, mit einer eigentümlichen Kompilation aus progressiven und regressiven Elementen.«[2] Allerdings kommen erstere bei Koopmann etwas zu kurz. Wir wollen im Folgenden vor allem in der ersten Phase der Entwicklung der naturalistischen Romankonzeption das neue Romanmodell herausarbeiten, da es diese innovatorischen Tendenzen sind, die den Bruch mit den Traditionen des 19. Jahrhunderts und den Übergang in die Moderne wenigstens versuchen. Dazu galt es, aus der Fülle der Streitschriften, Romanrezensionen, theoretischen Aufsätze und Programme dasjenige »System« zu extrapolieren, dessen Praktischwerden man an den dissonanten Schlüssen naturalistischer Literatur nachprüfen kann.[3] In diesem Paradigma Wechsel, der innerhalb weniger Jahre vollzogen und fast ebenso schnell noch einmal aufgegeben wird, geht es um nichts weniger als um eine Neubestimmung der Funktion und des Selbstverständnisses von Literatur. Diese impliziert eine Wendung der Autoren gegen das bürgerliche Publikum, eine scharfe Polemik gegen die repräsentativen Autoren des alten Literaturbegriffs (auch als Kampf um den literarischen Markt), schließlich den Versuch einer theoretischen Begründung eines neuen Modells literarischer Produktion. Für unsere Arbeit von besonderer Wichtigkeit sind die Folgen dieser Neuorientierung für den Roman, eine Neuorientierung, die zunächst radikal mit den letzten Ausläufern einer traditionellen Ästhetik bricht.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Heinrich Hart Julius Hart: Friedrich Spielhagen und der deutsche Roman der Gegenwart. In: Kritische Waffengänge, Sechstes Heft, Leipzig 1884, S. 3–74.Google Scholar
  2. 2.
    Helmut Koopmann: Die Klassizität der »Moderne« Bemerkungen zur naturalistischen Literaturtheorie in Deutschland. In: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert Band 2, herausgegeben von Helmut Koopmann und J. Adolf Schmoll, gen. Eisenwerth, Frankfurt am Main 1972, S. 132–148; Zitat S. 147.Google Scholar
  3. 3.
    Wir verweisen nur exemplarisch auf den Schluß von Max Kretzer: Die beiden Genossen. Sozialer Roman, Leipzig 19195.Google Scholar
  4. 4.
    Karl Frenzel: Die naturalistische Romandichtung [E: 1885]. In: Ders.: Erinnerungen und Strömungen, Leipzig 1890, S. 284–304. Alle folgenden Zitate ebd. mit den Seitenzahlen in Klammern. Frenzel spielte in Berlin eine ähnlich bedeutende Rolle wie Gottschall in Leipzig. Mitredakteur an Gutzkows Unterhaltungen am häuslichen Herd und an Prutz’ Deutschem Museum, war er seit 1862 Redakteur des Feuilletons der Berliner National-Zeitung und zusammen mit Paul Lindau und Theodor Fontane der wichtigste Theaterkritiker Berlins über Jahrzehnte hinweg. Zu Frenzeis Stellung im literarischen Leben vgl. Gotthilf Weisstein (Hrsg.): Freundesgaben für Karl Frenzel zu seinem goldenen Doktorjubiläum am 19. Februar 1903, Berlin o. J. [1903].Google Scholar
  5. 5.
    Paul Lindau: Anzengruber als Erzähler. In: Die Gegenwart Nr. 42, S. 247–249, Nr. 43, S. 263–265 und Nr. 44, S. 277–280, Jg. 1879; Zitat S. 248. Dies ist unsres Wissens der erste große Aufsatz in einer bedeutenden Revue, der Anzengrubers Leistungen würdigt. Vgl. dazu im selben Jahrgang den Aufsatz Lindaus über Zolas Romantheorie: Paul Lindau: Emile Zola über den französischen Roman. In: Die Gegenwart Nr. 2, S. 24–27 und Nr. 3, S. 42–44, Jg. 1879.Google Scholar
  6. 6.
    So wirft Ernst Groth Zola zu Recht vor: »nie versucht er, wo er Gebrechen und Krankheiten am Volkskörper findet, auch nur auf Heilmittel zu sinnen«. Ernst Groth: Zola’s Romancyklus »Les Rougon-Macquart«. In: Blätter für lit. Unterhaltung Nr. 3, Jg. 1894, S. 33–35, Zitat S. 33. Vgl. damit Zolas lakonischen Kommentar zu L’Assomoir: »Voilà comment on vit et comment on meurt. Je ne suis qu’ un greffier qui me défends de conclure. Mais je laisse aux moralistes et aux législateurs le soin de réfléchir et de trouver les remèdes.« Brief vom 13. Februar 1877 an den Direktor des Bien public anläßlich einer Polemik gegen den Roman. Zitiert nach: Winfried Engler (Hrsg.): Texte zur französischen Romantheorie des 19. Jahrhunderts, Tübingen 1970, S. 64.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. ebd. S. 298 f. zur Frauenfrage.Google Scholar
  8. 8.
    Schon frühzeitig läutet einer der späteren Führer der Heimatkunstbewegung, Fritz Lienhard, die Wende gegen die allzu negativen Berliner Naturalisten ein. »Schaffet Positives« (642) ruft er seinen Kollegen zu und schließt seinen Aufsatz mit den Worten: »Nicht wahr, Herr Alberti, der Wind hat allmälig [!] genug geblasen, wir wollen doch auch mal versuchen, Sonne zu sein.« Fritz Lienhard: Der verklagte Realismus. In: Freie Bühne I. Jg. (1890), S. 642–643. Ähnlich Otto Buchwald: Über das Unerquickliche. Eine ästhetische Skizze. In: Die Gegenwart Nr. 37, Bd. 28 (1885), S. 164–166. Buchwald fordert die poetische Gerechtigkeit und eine Weltanschauung, »die auch im dunkelsten Dasein einige Lichtstrahlen aufzufinden weiß«. Gegen die »Jammerthalsapostel« beruft er sich auf Schiller: »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst! heißt es mit Recht.« Alle Zitate ebd. S. 166.Google Scholar
  9. 9.
    Wir erinnern nur an Freytag als Herausgeber und Mitarbeiter der Grenzboten und Im neuen Reich, an Spielhagen als Herausgeber von Westermann’s Illustrirten Monatsheften, an Paul Lindaus Die Gegenwart und Nord und Süd und Schriftstellerjournalisten wie Rodenberg, Gottschall und Gutzkow.Google Scholar
  10. 10.
    Noch 1908 schreibt Rudolf von Gottschall: »[der Roman] soll durch Anregung der Phantasie und durch Ablenkung der Gedanken von den oft traurigen Erfahrungen des alltäglichen Lebens eine wohltuende Zerstreuung bieten.« Rudolf von Gottschall: Die Lektüre des heutigen Lesepublikums, in: Deutsche Revue XXXIII/2 (1908), S. 156–169; Zitat S. 166.Google Scholar
  11. 11.
    Leo Berg: Der Naturalismus. Zur Psychologie der modernen Kunst, München 1892, S. 171.Google Scholar
  12. 12.
    Conrad Alberti: Idealismus und Philistertum. Ein Beitrag zur Aesthetik des Realismus In: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes. Nr. 10, 57. Jg. (1888), S. 141–143 und Nr. 11, S. 162–166; alle Seitenzahlen im Text in Klammern.Google Scholar
  13. 13.
    Charles Fuster: Frankreich im Lichte seiner Literatur. Kritische Essays I. Der naturalistische Roman. In: Der Salon. Heft IX, Jg. 1887/11, S. 257 ff., Zitat S. 263 und S. 262 f.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. schon den Titel des einflußreichen Münchner Ästhetikers Moriz Carriere: Die sittliche Weltordnung. Zweite erweiterte Auflage, Leipzig 1891 [E: 1877], vor allem S. 385. Zum Traditionszusammenhang des Begriffs poetische Gerechtigkeit vgl. Norbert Müller: Die poetische Gerechtigkeit im deutschen Lustspiel der Aufklärung, Mainz 1969.Google Scholar
  15. 15.
    Erdmann Gottreich Christaller: Zolaismus [E: Die Gesellschaft Nr. 35, I. Jg. (1885), S. 647 ff.] zitiert nach: Theo Meyer (Hrsg.): Theorie des Naturalismus, Stuttgart 1973, S. 247. Vgl. dazu Moriz Carriere: Das Wesen und die Formen der Poesie. Ein Beitrag zur Philosophie des Schönen und der Kunst. Mit literarhistorischen Erläuterungen, Leipzig 1854: die Tragödie soll »auf die göttliche Gerechtigkeit gebaut sein, deren Abbild die poetische ist.« (251)Google Scholar
  16. 16.
    Ebd. S. 247. Oskar Welten bringt in einer Rezension den traditionellen Roman noch einmal auf den Begriff, wenn er schreibt: »Während die naturalistische Schule […] immer mehr der Anschauung Rechnung trägt, daß die Aufgabe der Poesie […] darin liegt, das Leben zu schildern, wie es ist, in seiner einfachen und erschütternden Wahrheit und Herbheit: herrscht in der deutschen Production noch immer die Neigung vor, anstatt der Wahrheit und Wirklichkeit sogenannte Schönheit zu geben, das heißt, allerdings auch dem Leben nachzudichten, doch immer hübsch in gefälligen Grenzen zu bleiben und am Schlüsse die Tugend zu belohnen, das Laster zu bestrafen.« Oskar Welten: Novellen und Romane. In: Blätter für lit. Unterhaltung, Nr. 14, Jg. 1884/1, S. 213–217; Zitat S. 213.Google Scholar
  17. 17.
    Carl Bleibtreu: Revolution der Literatur. Neue verbesserte und vermehrte Auflage, Leipzig o.J. [1887], mit erläuternden Amerkungen und einem Nachwort neu herausgegeben von Johannes J. Braakenburg, Tübingen 1973, S. VII.Google Scholar
  18. 18.
    Irma von Troll-Borostyani: Die Liebe in der zeitgenössischen deutschen Literatur [E: Die Gesellschaft Heft 8, Jg. 7 (1891), S. 1016 ff.]. Zitiert nach: Erich Ruprecht (Hrsg.): Literarische Manifeste des Naturalismus 1880–1892, Stuttgart 1962, S. 166.Google Scholar
  19. 19.
    Leo Berg: Der Naturalismus, S. 223.Google Scholar
  20. 20.
    Hermann Conradi: Das Märchen von der »poetischen Gerechtigkeit«. [E: Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Juni 1886], wiederabgedruckt in: Hermann Conradi: Aufsätze, Novellen und Skizzen (= Gesammelte Schriften Zweiter Band), hgg. von Paul Ssymank und Gustav W. Peters, München Leipzig 1911, S. 38–45.Google Scholar
  21. 21.
    Carl Bleibtreu: Literarische Neuigkeiten. [E: Magazin, Februar 1887], zitiert nach: Gustav Faber: Carl Bleibtreu als Literaturkritiker, Berlin 1936, S. 57. Vgl. auch Bleibtreus Äußerungen in seiner Revolution der Literatur (1887): »Es ist, als wären die furchtbaren socialen Fragen für die deutschen Dichter gar nicht vorhanden: Und doch ist unsere Zeit eine wild, erregte, gefahrdrohende. Es liegt wie ein Schatten über dem ganzen neuen Reich trotz des kurzen blendenden Sonnenscheins.« Ebd. S. 12.Google Scholar
  22. 22.
    Hermann Conradi: Ein neuer Roman aus der Gegenwart [E: 1885]. In Hermann Conradi: Aufsätze, S. 256–266; Zitat S. 257.Google Scholar
  23. 23.
    Edmund Wengraf: Literatur und Gesellschaft. In: Die Neue Zeit 7. Jg. (1889), S. 241–248; Zitat S. 243. Vgl. dazu Felix Poppenberg: Zwei Generationen im Roman. In: Das Magazin für Litteratur Nr. 38, Jg. 1884, Sp. 1192–1199: »die frühere Generation schilderte nicht, um zu schildern; sie schilderte, um damit irgend einen Satz, eine These zu exemplifizieren, und bei ihnen kann stets gefragt werden: ›Was will er damit sagen?‹ (Sp. 1192).Google Scholar
  24. 24.
    Michael Georg Conrad: Zola und Daudet [E: Die Gesellschaft Nr. 40, Jg. I (1885), S. 746 ff.] zitiert nach: Theo Meyer (Hrsg.): Theorie des Naturalismus, S. 234. Vgl. ebd.: »Stets siegt der Stärkere, lautet das Naturgesetz — allen Evangelien und Katechismen zum Trotz.«Google Scholar
  25. 25.
    Otto Ernst Schmidt: Moderner Pöbel. Der ästhetische Pöbel. In: Freie Bühne I. Jg. (1890), S. 691–694.Google Scholar
  26. 26.
    Das 1894 von Otto Brahm übernommene Deutsche Theater in Berlin beginnt übrigens mit der Aufführung von Kabale und Liebe.Google Scholar
  27. 27.
    Otto Brahm: Die Freie Bühne in Berlin. [E: 1909] In: Otto Brahm: Kritiken und Essays Ausgewählt, eingeleitet und erläutert von Fritz Martini, Zürich und Stuttgart 1964, S. 513–528; Zitat S. 514 f. Belege für Schmidts und Brahms Einschätzung finden sich neuerdings bei Schanze, der erstmals die Spielplanpraxis der deutschen Theater im 19. Theater zu analysieren begonnen hat. Helmut Schanze: Drama im bürgerlichen Realismus. Theorie und Praxis, Frankfurt am Main 1973. Von Hellmuth Mielke stammt einer der instruktivsten zeitgenössischen Aufsätze zur Berliner Theatersituation der 90er Jahre. Hellmuth Mielke: Luxusbühne und Volksbühne. In: Deutsche Revue XXII/2 (1897), S. 367–375.Google Scholar
  28. 28.
    Oskar Blumenthal, der 1888 das Lessingtheater gründete, berichtete im Jahre 1900 über seine Erfahrungen mit der Theaterzensur. Danach wurde vor allem auf das »Gleichmaß von Schuld und Sühne« (207) und eine poetische Gerechtigkeit geachtet, die eine mit den durchschnittlichen Moralvorstellungen harmonierende Schlußperspektive, vornehmlich bei Stücken mit Ehekonflikten, sicherstellte. Oskar Blumenthal: Verbotene Stücke. In: Deutsche Revue XXV/1 (1900), S. 92–108 und S. 204–219. Dort auch die amtlichen Begründungen für die Ablehnung naturalistischer Stücke. Zur Theaterzensur in der Epoche des Naturalismus vgl. jetzt auch Gerhard Schulz: Naturalismus und Zensur. In: Helmut Scheuer (Hrsg.): Naturalismus Bürgerliche Dichtung und soziales Engagement, Stuttgart Berlin Köln Mainz 1974, S. 93–121.Google Scholar
  29. 29.
    Fritz Martini: Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus 1848–1898. Dritte, mit einem ergänzenden Nachwort versehene Auflage, Stuttgart 1974, S. 371.Google Scholar
  30. 30.
    R.[obert] P.[rutz]: Plattdeutsche Dichtung, In: Deutsches Museum 7/2 (1857), S. 696–700.Google Scholar
  31. 31.
    Friedrich Hebbel: Kein Hüsung. Von Fritz Reuter. Zitiert nach: Friedrich Hebbel Werke Dritter Band, herausgegeben von G. Fricke, W. Keller und K. Pörnbacber, München 1965, S. 681.Google Scholar
  32. 32.
    Friedrich Griese: Die Dichter der Deutschen Fritz Reuter, Stuttgart 1938, zitiert die lapidare Kritik einer Mecklenburgischen Zeitung: »Schandidyll, gottlos, aller menschlichen und göttlichen Autorität Hohn sprechend, eine schamlose Bloßstellung des Dichters selbst, ein niederträchtiger Mißbrauch der Preßfreiheit.« Eine ausführliche Darstellung der unglaublichen Zustände im Großherzogtum Mecklenburg bringt der Aufsatz: Anonym: Mecklenburg in den Jahren 1850–60. In: Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon, Leipzig 1860, S. 679–711 und S. 735–759.Google Scholar
  33. 33.
    Eine Revision des Reuterbildes unternimmt Friedrich Rothe: Unkel Bräsig. Zur nachrevolutionären Erzählkunst im 19. Jahrhundert. In: DVjS 43 (1969), S. 260–273.Google Scholar
  34. 34.
    Otto Glagau: Fritz Reuter und seine Dichtungen, Berlin 1866. Der Tenor des Glagauschen Buches — und zugleich dessen Ideologie — finden sich komprimiert in folgendem Zitat: »Auch Fritz Reuter ›sucht das Volk bei der Arbeit auf‹, und zwar arbeiten seine Pächter und Wirthschafter, Knechte und Mägde wacker und unausgesetzt, aber es fällt ihnen nicht ein, daß sie damit etwas Besonderes thun, und sie gönnen den vornehmen und reichen Leuten gern Muße und Güter. Zwar gehören die Reuter’schen Helden meist dem Kleinbürgerthum und der ländlichen Bevölkerung an, aber nirgends verräth sich eine Polemik gegen die höheren Stände, und auch in politischer wie kirchlicher Hinsicht zeigt der Dichter dieselbe Unbefangenheit.« (246). Um so weniger kann Glagau natürlich Kein Hüsung gefallen. Wir zitieren im Folgenden Glagau mit der Seitenzahl in Klammern. Ein Teilabdruck des Buches erschien unter dem Titel: Fritz Reuter und der moderne Roman. In: Europa Nr. 49, Jg. 1865, S. 1553–1560.Google Scholar
  35. 35.
    Reuter schreibt in einem Brief im Jahre 1864 an einen Freund: »Ich habe dieses Buch einmal mit meinem Herzblut im Interesse der leidenden Menschheit geschrieben; ich halte es für mein bestes.« Zitiert nach: Franz Mehring: Kein Hüsung, in: Franz Mehring Gesammelte Schriften, herausgeg. von Prof. Dr. Thomas Höhle, Dr. Hans Koch, Prof. Dr. Josef Schleifstein Band 11, Berlin 1961, S. 89–92; Zitat S. 91. Es handelt sich hier um eine Theaterkritik Mehrings in der Zeitschrift Die Volksbühne, 3. Jg. (1894/95), Heft 6, S. 3–7 anläßlich der Wiederaufführung des weiter unten noch zu besprechenden »Volksschauspiels« Kein Hüsung von Hermann Jahnke und William Schirmer.Google Scholar
  36. 36.
    Unter der Überschrift Freie Volksbühne berichtet der Vorwärts von der Wiederaufführung des Volksschauspiels Kein Hüsung im Nationaltheater. In: Erste Beilage zum »Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands.« 12. Jg. (Dienstag, den 22. Januar 1895), Nr. 18, O.S. Wir zitieren im Folgenden diesen mit Br. gezeichneten Artikel.Google Scholar
  37. 37.
    Ein anonymer Rezensent spricht anläßlich dieser Amputation von »Bedenken politischer Art«, die Jahnke nun seinerseits gegen diese Bearbeitung seiner Bühnenfassung geäußert habe. Der Anonymus nennt die Aufführung »die beste, die bis jetzt die ›Volksbühne‹ erlebt.« Für ihn als entschiedenen Naturalisten ist Jahnkes Schluß nichts als ein »rührselig-patriotischer vierter Akt«. Anonym: Von neuer Kunst. »Kein Hüsung« auf der Freien Volksbühne. In: Freie Bühne II. Jg. (1891), S. 529–530.Google Scholar
  38. 38.
    Die Münchner Naturalisten allerdings vertreten in ihrer von persönlichen Ressentiments nicht freien Kritik an Hauptmann zum Teil erstaunlich konventionelle Ansichten, die das oben Gesagte nur mit Einschränkungen gelten lassen. Man vergleiche etwa die scharfe Kritik Karl Bleibtreus gerade am Schluß von Vor Sonnenaufgang. Karl Bleibtreu: Das Realistische Drama und die Freie Bühne. In: Unsere Zeit, Jg. 1889/2, S. 544–551.Google Scholar
  39. 39.
    Reuters eigener Schluß ist interessanterweise durchaus nicht so dissonant wie derjenige der schließlich gespielten Fassung. Denn bei Reuter gibt es eine versöhnliche Zukunftsperspektive, allerdings nur für den Sohn des Knechts, für das Landproletariat. In Verschränkung von Amerika-Motiv (Freiheit), Kind-Motiv (Zukunft) und Bekräftigung des »Fri soll hei sin! Fri soll hei sin!« durch das Echo der Natur schließt die Erzählung gegen die Interessen der mecklenburgischen Junker, denen verständlicherweise an solcher Freiheit und solcher Zukunft ihrer Landarbeiter nichts lag. Vgl. Fritz Reuter: Sämtliche Werke Neue Volksausgabe in acht Bänden, Zweite Auflage, sechster Band, Wismar 1902, S. 361 f.Google Scholar
  40. 40.
    Hermann Conradi: Das Märchen, S. 44.Google Scholar
  41. 41.
    Wir beziehen uns hier auf die Untersuchung von Georg Fülberth: Proletarische Partei und bürgerliche Literatur Auseinandersetzungen in der deutschen Sozialdemokratie der II. Internationale über Möglichkeiten und Grenzen einer sozialistischen Literaturpolitik, Neuwied und Berlin 1972, bes. S. 84–105.Google Scholar
  42. 42.
    Vgl. dazu Eugen Wolffs Zehn Thesen [E: Deutsche Universitätszeitung, Nr. 1, Jg. I (1888)], wiederabgedruckt bei Erich Ruprecht (Hrsg.): Literarische Manifeste, S. 141 über den Dichter als Propheten der Zukunft. Ähnlich argumentiert Wilhelm Bölsche angesichts von Zolas L’Assommoir oder Hauptmanns Stück Die Weber. Durch die neue, realistische Technik müsse man lernen, den Schluß dialektisch zu sehen, was angesichts der objektiven Schwierigkeit »der wirklichen sozialen Zukunftslösung« auch für den Dichter von Vorteil sei: »Mit ihr steckt schon in der dunklen Kehrseite das Ideal genügend deutlich, um im Hörer die Lösung gleichsam selbsttätig, durch eine Art intuitiver Reaktion entstehen zu lassen. Bei dem Wagnis, heute schon ein konkretes Bild von der wirklichen sozialen Zukunftslösung zu geben, fällt der Vorteil der Methode hier unbedingt dem Dichter zu.« Zitiert nach G. Fülberth: Proletarische Partei, S. 70.Google Scholar
  43. 43.
    Noch entschiedener Eduard Bernstein: Etwas Erzählungsliteratur, in: Die Neue Zeit 11/2 (1893), S. 260–270, zu den Novellen von Anna Croissant-Rust: »Da wird nicht gepredigt […] da wird nur gezeigt: sieh hier — ecco homo — und ziehe selbst die Moral. Und ein trauriger Leser, der die Moral nicht versteht.« Ebd. S. 268.Google Scholar
  44. 44.
    Rainer Bachmann: Theodor Fontane und die deutschen Naturalisten. Vergleichende Studien zur Zeit- und Kunstkritik, phil. Diss. München 1968; besonders die Seiten 142, 145, 174.Google Scholar
  45. 45.
    Julian Schmidt: Friedrich Spielhagen, in: Westermann’s Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte, 29. Bd. (1871), S. 422–449, besonders S. 436 f.Google Scholar
  46. 46.
    Conrad Alberti: Theodor Fontane, Ein Festblatt zu seinem siebzigsten Geburtstag (29. Dezember 1889). In: Die Gesellschaft, 5. Jg./IV (1889), S. 1753–1760. Vgl. Fontanes Brief an Moritz Necker vom 9. April 1894: »Das Beste, was vielleicht sonderbar klingt, war von Conrad Alberti.« Gotthard Erler (Hrsg.): Fontanes Briefe in zwei Bänden, zweiter Band, Berlin und Weimar 1968, S. 333.Google Scholar
  47. 47.
    Paul Schienther: Literarische Rundschau, in: Deutsche Rundschau, Bd. 51, Jg. 13 (1887), S. 149–155; Zitat S. 150. Michael Kaiser berücksichtigt in seiner literatursoziologischen Untersuchung die tatsächliche Rezeption des Romans nicht, wenn er von der »bedrückende[n] Ratlosigkeit« am Schluß des Martin Salander spricht. Michael Kaiser: Literatursoziologische Studien zu Gottfried Keller, Bonn 1965, S. 44.Google Scholar
  48. 48.
    Brief vom 30. Januar 1882. Zitiert nach: Klaus Jeziorkowski (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, Gottfried Keller, München 1969, S. 501. Hier ist auch die komplexe Problematik des für die Buchausgabe geplanten Schlusses dokumentiert.Google Scholar
  49. 49.
    Franz Servaes: Paul Heyse und die junge Schule (bei Gelegenheit des Romans »Merlin«). In: Freie Bühne, Jg. III (1892), S. 736–741; beide Zitate S. 741. Vgl. damit das konservative Programm bei den Brüdern Hart: Friedrich Spielhagen, S. 46: »so soll auch der Erzähler nicht die sociale oder sonst eine Frage zu lösen versuchen […] sondern er soll erzählen.«Google Scholar
  50. 50.
    Karl Kirchner: Erzählende Dichtungen im Anschlüsse an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Literatur-historische Skizze. In: Unsere Zeit, Neue Folge 13/2 (1877), S. 600.Google Scholar
  51. 51.
    Eugen Sierke: Henrik Ibsen und der Realismus auf der Bühne. In: Unsere Zeit, Neue Folge, Jg. 1887/2, S. 185–204; Zitat S. 203.Google Scholar
  52. 52.
    Julius Hart: Neue Romane, in: Freie Bühne, Jg. IV. (1893), S. 592–595; Zitat S. 593 f.Google Scholar
  53. 53.
    Franz Mehring: Robert Schweichel. In: Die Neue Zeit, Jg. 6/2 (1888), S. 49–54; die Bemerkung über Spielhagen S. 50.Google Scholar
  54. 54.
    Franz Mehring: Der heutige Naturalismus. [E: Die Volksbühne, Heft 3, 1. Jg. 1892/93, S. 9–12]. Zitiert nach: Franz Mehring: Aufsätze, S. 131–133; Zitat S. 132.Google Scholar
  55. 55.
    Franz Mehring: Kunst und Proletariat. [E: Die Neue Zeit, 15. Jg. (1896/97) Erster Band, S. 129–133]. Zitiert nach: F. Mehring: Aufsätze, S. 135.Google Scholar
  56. 56.
    Franz Mehring: Naturalismus und Neuromantik. [E: Die Neue Zeit, 26. Jg. (1907/08) Zweiter Band, S. 961–963]. Zitiert nach: F. Mehring: Aufsätze, S. 229. Der für den sozialistischen Realismus entscheidende Text ist nach wie vor das von Georg Lukács 1956 auf dem IV. deutschen Schriftsteller-Kongreß gehaltene Referat mit dem Thema: Das Problem der Perspektive, in dem Lukács die Überlegenheit des sozialistischen Realismus über den »nur« kritischen Realismus »in der Frage der Perspektive« sieht. Dort auch interessante Ausführungen über den Unterschied zwischen einem »banalen, verniedlichenden happy-end-Optimismus« und »eine[r] relativ bescheidene[n] unmittelbare[n] Perspektive«. Zitiert nach: Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie (= Georg Lukács Werkauswahl Band 1, ausgewählt und eingeleitet von Peter Lutz), Neuwied und Spandau 19683, S. 254–260. Die Zitate ebd. S. 254, S. 258 und S. 256. Zu Mehrings Stellung gegenüber den Naturalisten vgl. jetzt auch HerbertScherer: Bürgerlich-oppositionelle Literaten und sozialdemokratische Arbeiterbewegung nach 1890 Die ›Friedrichshagener‹ und ihr Einfluß auf die sozialdemokratische Kulturpolitik, Stuttgart 1974, bes. S. 105 ff.Google Scholar
  57. 57.
    Paul Ernst: Ibsen und Björnson, in: Die Neue Zeit, Jg. 7 (1889), S. 128–138;, alle Zitate S. 129. Vgl. dazu die u.E. differenziertere Sicht der Dinge bei L. Berg: Der Naturalismus, S. 99: »In dem Leben des modernen Menschen gibt es der Fragezeichen mehr; es gibt Existenzen (einige der berühmtesten, interessantesten und deshalb auch fragwürdigsten Künstler gehören hierher), die aus lauter Fragezeichen bestehen.« und S. 34: »Versteht man nun vielleicht das Fragezeichen, das am Ende von so vielen modernen Dichtungen steht? Ist es nicht, als sähen sich die Dichter selber fragend um in dieser neuen, kaum noch erkannten Welt?«Google Scholar
  58. 58.
    Gustav Freytag: Willibald Alexis, [E: Grenzboten 1854], zitiert nach: Gustav Freytag: Aufsätze zur Geschichte, Literatur und Kunst (= Ges. Werke Bd. 16), Leipzig 19113, S. 188 f.Google Scholar
  59. 59.
    So J.[ulius] R. [odenberg]: Ein Neuer Schriftsteller. Ehre. Roman von Ossip Schubin, in: Deutsche Rundschau, Bd. 34, 9. Jg. (1883), S. 316–318; ebd. S. 318.Google Scholar
  60. 60.
    Zur späteren Entwicklung der Gebrüder Hart und ihres Kreises vgl. den informativen Aufsatz von Ernst Ribbat: Propheten der Unmittelbarkeit. Bemerkungen zu Heinrich und Julius Hart, in: Wissenschaft als Dialog. Studien zur Literatur und Kunst der Jahrhundertwende, herausgegeben von Renate von Heydebrand und Klaus Günther Just, Stuttgart 1969, S. 459–487.Google Scholar
  61. 61.
    Wilhelm Dilthey: Die drei Epochen der modernen Ästhetik und ihre heutige Aufgabe [E: Deutsche Rundschau, Bd. 72, 18 Jg. (1892), S. 200–236.]; zitiert nach: Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften, Bd. VI, Stuttgart 19624, S. 242–287; ebd. S. 286 f.Google Scholar
  62. 62.
    Wilhelm Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Ästhetik, Leipzig 1887. Die Seitenzahlen im Folgenden in Klammern. Die neue, versöhnliche Darstellung sozialer Konflikte durch den »deutschen Zola« Max Kretzer läßt sich an seinem Roman Die Buchhalterin, Dresden und Leipzig o.J. [1894] studieren. Er spielt 1892 in Berlin. Alex Töpfer, Fabrikbesitzer, stellt eine neue Buchhalterin, Frl. Lucie von [!] Werner ein, die von monatlichen 90 Mark ihren Bruder Walter, der Offizier ist, unterstützt. Es entwickelt sich a) eine Liebesgeschichte mit Heirat zwischen dem Fabrikbesitzer und der tüchtigen Buchhalterin und b) die Aufdeckung von Börsenspekulationen des Vaters von Töpfer mit dem Vater von Lucie während der Gründerzeit, wobei der Adelige betrogen und zu Grunde gerichtet wurde. Alex Töpfer erklärt sich bereit, das Geld samt Zinsen umgehend zurückzuzahlen und so wird — trotz der finanziell neuen Situation — die Lösung der sozialen Frage per Heirat perfekt. Interessant ist die Besprechung, die Gustav Freytag der Traumdichtung Hannele von Gerhart Hauptmann widmet: »Mehrere seiner Stücke endigen ohne rechten Schluß der Handlung, mit einem Fragezeichen, wie es die großen sozialen Fragen in der Wirklichkeit uns allen stellen.« — heißt es dort noch tadelnd, aber mit seinem letzten Stück sei er neue Wege gegangen und man sei berechtigt, »Gutes von ihm zu hoffen.« Gustav Freytag: Hannele. In: Deutsche Revue XIX/2 (1894), S. 124–129; Zitat S. 128.Google Scholar
  63. 63.
    Theodor W. Adorno: Minima Moralia Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1969, S. 24.Google Scholar
  64. 64.
    Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 1970 (= Theodor W. Adorno Gesammelte Schriften, Band 7, herausgegeben von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann), S. 10. Das folg. Zitat ebd. S. 21.Google Scholar
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    Th. W. Adorno: Ästhetische Theorie, S. 26.Google Scholar
  66. 66.
    Ludolf Wienbarg: Ästhetische Feldzüge, Berlin und Weimar 1964. Erstveröffentlichung unter dem Titel: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet von L. Wienbarg, Hamburg, bei Hoffmann und Campe. 1834. Zitat S. 111. Wienbargs Begriff des »analytischen Gesellschaftsromans«, den er dem Begriff des »poetischen Romans« gegenüberstellt, wird auf dem Hintergrund des obigen Zitats an seinem historischen Ort deutlich: »Auf der anderen Seite tritt auch der Versuch hervor, das wirkliche Leben in Roman und Novelle darzustellen […] jene analytischen Gesellschaftsromane werden den Hauptzweig der Literatur ausmachen […] Welche Rolle die Poesie in diesen kühnen, unbarmherzigen Sitten- und Charakterschilderungen unserer Zeitgenossen spielen muß, ist bereits von uns angedeutet worden. Der echt poetische Roman wartet auf das echt poetische Leben«. Ebd. S. 213 f. Kursiv von uns.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1978

Authors and Affiliations

  • Franz Rhöse

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