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Einleitung

  • Franz Rhöse
Chapter

Zusammenfassung

»Aber es ist ein ganz philiströses Vorurteil, daß alle Konflikte und Probleme dazu da sind, gelöst zu werden.«[1] Dieser Satz Georg Simmeis, geschrieben während des europäischen Zusammenbruchs von 1917/18, markiert für uns die bewußtseinsgeschichtliche Wende zum 20. Jahrhundert, den Abschied von Denkformen, die in ihren literaturtheoretischen Ausprägungen zu untersuchen wir uns zum Ziel gesetzt haben. Selbst den pessimistischen Strömungen im 19. Jahrhundert liegt ja noch ein Denken zugrunde, das auf allen Gebieten an Versöhnung, Harmonie und Erlösung glaubt. Alles wurde unternommen, um die als quälend erfahrenen gesellschaftlichen und bewußtseinsgeschichtlichen Konflikte und Dissonanzen im öffentlichen Diskurs zur Versöhnung und Lösung zu bringen. Von der Versöhnung der besitzenden und besitzlosen Klassen bis zur Versöhnung der Konfessionen, von der Lösung der Frauenfrage bis zur Lösung der grundlegenden Fragen eines mit den Naturwissenschaften konfrontierten traditionalen Weltbildes ist in zahllosen Werken und Broschüren — und in der Literatur die Rede. Der von Auguste Comte ausgehende Positivismus war nicht weniger harmoniegläubig als der »neue Glaube« des David Friedrich Strauß, die pantheistischen Philosophen nicht weniger von der Harmonie des Kosmos (und der Gesellschaft) überzeugt als die Naturwissenschaftler. Gleichwohl zieht sich von den Revolutionen von 1830 und 1848 über die sich immer mehr verschärfende soziale Frage bis hin zum Kulturkampf eine Kette von grundlegenden sozialen, politischen und bewußtseinsgeschichtlichen Konflikten, die Europa binnen dreier Generationen von Grund auf veränderten.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Georg Simmel: Der Konflikt der modernen Kultur, München, Leipzig 1918, S. 47.Google Scholar
  2. 2.
    Die bislang eher engen Grenzen germanistischer Forschung wurden entschlossen erweitert von der Münchner Arbeitsgruppe Max Bucher, Werner Hahl, Georg Jäger und Reinhard Wittmann, deren Vorhaben in die gleiche Richtung ging. Vor allem Werner Hahl und Georg Jäger sei an dieser Stelle für manches weiterführende Gespräch gedankt. Max Bucher u.a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1848–1880. Mit einer Einführung in den Problemkreis und einer Quellenbibliographie Band 2, Manifeste und Dokumente, Stuttgart 1975.Google Scholar
  3. 3.
    Peter L. Berger und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer Einleitung zur deutschen Ausgabe von Helmuth Plessner, Frankfurt am Main 19744, S. 3.Google Scholar
  4. 4.
    Wir kommen auf die einschlägigen Arbeiten von Hahl, Widhammer, Kinder und Steinecke mehrfach zurück. Werner Hahl: Reflexion und Erzählung. Ein Problem der Romantheorie von der Spätaufklärung bis zum programmatischen Realismus, Stuttgart Berlin Köln Mainz 1971. Hermann Kinder: Poesie als Synthese. Ausbreitung eines deutschen Realismus-Verständnisses in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1973. Helmuth Widhammer: Realismus und Klassizistische Tradition. Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848–1860, Tübingen 1972.Google Scholar
  5. 5.
    Die bislang einzige zusammenhängende Darstellung der Romantheorie — »Von Hegel bis Handke« — ist zumindest für das 19. Jahrhundert völlig unzulänglich. Man vgl. etwa nur das folgende Resümee: »Das 19. Jahrhundert endet, ohne daß eine die Gesamtproblematik umgreifende, ebenso ausführliche wie profunde Romantheorie geschrieben worden ist. Die frühen Ansätze Hegels klingen nach, sie wurden referiert [?], ohne nennenswert erweitert zu werden, sie wirkten hier und da partiell, oft mehr mit Schlagworten als aus dem Geiste historisch dialektischer Vorgänge [?].« Bruno Hillebrand: Theorie des Romans II. Von Hegel bis Handke, München 1972, S. 89.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dazu etwa die Arbeit von Günter Rebing: Der Halbbruder des Dichters Friedrich Spielhagens. Theorie des Romans, Frankfurt am Main 1972, Literaturverzeichnis S. 221. Ähnliches konstatiert Richard Stang in seiner wichtigen Untersuchung über die englische Romantheorie der Jahrhundertmitte: »The chief reason for the wholesale dismissal of this large literature is that most of it is buried away in the files of Victorian periodicals. On the whole, the most trenchant discussions are not published in books.« Richard Stang: The Theory Of The Novel In England 1850–1870, London 1959, p. XI.Google Scholar
  7. 7.
    Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815–1848, Band II. Die Formenwelt, Stuttgart 1972, S. 820. Das Kapitel über die Erzählprosa ebd. S. 803–1047.Google Scholar
  8. 8.
    Hartmut Steinecke (Hrsg).: Theorie und Technik des Romans im 19. Jahrhundert, Tübingen 1970, S. 137. Vgl. jetzt Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik in Deutschland. Die Entwicklung des Gattungsverständnisses von der Scott-Rezeption bis zum programmatischen Realismus. Band 1, Stuttgart 1975, Band 2, Quellen, Stuttgart 1976.Google Scholar
  9. 9.
    Eberhard Lämmert u.a. (Hrsg.): Romantheorie. Dokumentation ihrer Geschichte in Deutschland 1620–1880, Köln Berlin 1971, S. XVII.Google Scholar
  10. 10.
    Wolfgang Iser: Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Bekkett, München 1972, S. 7.Google Scholar
  11. 11.
    Allein im Jahre 1835 erschienen 598 Romane. Petra Sybille Hauke: Literaturkritik in den Blättern für literarische Unterhaltung 1818–1835, Stuttgart 1972, S. 171. Dort auch die Zahlen für andere Jahre.Google Scholar
  12. 12.
    Daß die dieser Arbeit zu Grunde liegenden Texte »zu einem großen Teil bibliographisch nicht erfaßt und der Forschung unbekannt [sind]«, galt bis zur Veröffentlichung der Dokumentation der Münchner Arbeitsgruppe, die einen Teil unseres Zeitraums parallel zu unseren eigenen Quellenstudien erforschte. Max Bucher u.a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1848–1880. Mit einer Einführung in den Problemkreis und einer Quellenbibliographie. Band 1, Einführung in den Problemkreis, Abbildungen, Kurzbiographien, annotierte Quellenbibliographie und Register, Stuttgart 1976, Vorwort S.V.Google Scholar
  13. 13.
    Peter L. Berger und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion, S. 3.Google Scholar
  14. 14.
    Friedrich Sengle: Der Romanbegriff in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Ders.: Arbeiten zur deutschen Literatur 1750–1850, Stuttgart 1965, S. 176. Gesperrt ebd.Google Scholar
  15. 15.
    Die These von der Wichtigkeit des Romans für das (literarische) Zeitbewußtsein läßt sich durch die Arbeit Petra Sybille Haukes auch statistisch stützen. Werden von der Gesamtproduktion des Jahres 1835 in den Blättern für literarische Unterhaltung ohnehin nur 10% rezensiert, so liegt der Anteil der rezensierten Romane mit 26% weit über dem Durchschnitt, obwohl die absoluten Produktionszahlen in anderen Sparten höher lagen. Petra Sybille Hauke: Literaturkritik, S. 171.Google Scholar
  16. 16.
    Max Bucher: Voraussetzungen der realistischen Literaturkritik. In: Max Bucher u.a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit, Band 1, S. 32–47; Zitat S. 46.Google Scholar
  17. 17.
    Reinhard Wittmann schreibt im ersten, auf breiten Quellenstudien basierenden Beitrag über das literarische Leben zwischen 1848 und 1880 zusammenfassend: »Autoren wie Keller, Stifter, Storm, Mörike, Otto Ludwig, Raabe blieben bis in die Gründerjahre Randerscheinungen im Bewußtsein der lesenden Öffentlichkeit.« Reinhard Wittmann: Das literarische Leben 1848 bis 1880. In: Max Bucher u.a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit, Band 1, S. 161–257; Zitat S. 256.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Gerda Röder: Glück und glückliches Ende im deutschen Bildungsroman. Eine Studie zu Goethes »Wilhelm Meister«, phil. Diss., München 1968. Die Arbeit geht über den genannten Roman hinaus und bringt erhellende Analysen zum Schluß der Wanderjahre und der zweiten Fassung des Grünen Heinrich. Mit der »regressive[n] agrarische[n] Zukunftsperspektive am Schluß des Romans« setzt sich Friedrich Rothe bei Fritz Reuter auseinander, dessen »Bild einer harmonisierten Gesellschaft« er einer sozialgeschichtlich fundierten Kritik unterzieht. Friedrich Rothe: Unkel Bräsig Zur nachrevolutionären Erzählkunst im 19. Jahrhundert. In: DVjS 43 (1969), S. 260–273; beide Zitate S. 272.Google Scholar
  19. 19.
    Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik, Band 1, S. X.Google Scholar
  20. 20.
    Eine partielle Erweiterung des Kanons und gerechtere Würdigung der Sozialromane der 40er und 50er Jahre bringt die neuere Arbeit von Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Studien zur Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert, Heidelberg 1974. Worthmann ist allerdings noch immer an den Fontane und Raabe orientiert; von dort bezieht er seine nicht immer historischen Wertungskategorien.Google Scholar

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  • Franz Rhöse

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