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Zusammenfassung

Die Verbindung der Philosophie mit der Geschichte zu einer »Geschichtsphilosophie« ist vor zweihundert Jahren in den Sprachgebrauch eingeführt worden. Voltaire spricht von der Geschichte erstmals »comme historien et philosophe«, nämlich im Gegensatz zu einer geschichtstheologischen Konstruktion. In seinem Essai sur les mœurs et l’esprit des nations ist das Leitprinzip nicht mehr der Wille Gottes und die göttliche Vorsehung, sondern der Wille des Menschen und seine vernünftige Vorsorge. Als der Glaube des 18. Jahrhunderts an Vernunft und Fortschritt allmählich zweifelhaft wurde, verlor die Philosophie der Geschichte mehr oder weniger ihren Boden. Das Wort »Geschichtsphilosophie« wird zwar noch immer gebraucht, sogar mehr als je, aber sein Gehalt ist so verwässert, daß sich jede Meinung über Geschichte als eine Philosophie ausgeben kann. In der folgenden Untersuchung bezeichnet der Ausdruck »Philosophie der Geschichte« die systematische Ausdeutung der Weltgeschichte am Leitfaden eines Prinzips, durch welches historische Geschehnisse und Folgen in Zusammenhang gebracht und auf einen letzten Sinn bezogen werden.

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Notizen

  1. 1.
    Wenn Troeltsch und Dilthey die dogmatischen Voraussetzungen der Theologie und Metaphysik der Geschichte zu überwinden versuchten, so bildete der dogmatische Glaube an den absoluten Wert der Geschichte als solcher ihren eigentlichen Maßstab.Google Scholar
  2. 2.
    Siehe H. Kohn, The Genesis of English Nationalism, Journal of the History of Ideas, Bd. 1 (Januar 1940); H. D. Wendland, The Kingdom of God and History, in: The Official Oxford Conference Books III (Chicago and New York 1938), S. 167 ff. Der weltliche Messianismus der abendländischen Nationen steht in jedem Fall im Zusammenhang mit dem Bewußtsein einer nationalen Berufung, die in dem religiösen Glauben wurzelt, von Gott für eine besondere Aufgabe von universaler Bedeutung ausersehen zu sein. Dies gilt für England und die Vereinigten Staaten, wie auch für Frankreich, Italien, Deutschland und Rußland. Welche Gestalt die Verkehrung religiöser Berufung in einen weltlichen Anspruch immer annehmen mag, so bleibt doch die religiöse Überzeugung grundlegend, daß die Welt im Argen liegt und erneuert werden müsse.Google Scholar
  3. 3.
    Siehe Augustin, Bekenntnisse, Buch XI.Google Scholar
  4. 4.
    Herodot I, 1; Thukydides I, 22 und II, 64; Polybios I, 35 und VI, 3,9,51,57. Vgl. Karl Reinhardt, Herodots Persergeschichten. Geistige Überlieferung, hrsg. v. E. Grassi (Berlin 1940), S. 138 ff.; C. N. Cochrane, Christianity and Classical Culture (New York 1940), Kap. XII; R. G. Collingwood, The Idea of History (Oxford 1946), S. 17 ff.Google Scholar
  5. 5.
    Siehe W. von Humboldt, Politischer Briefwechsel (Berlin 1935), Brief 77 (April 1807).Google Scholar
  6. 6.
    J. Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen (Stuttgart 1935), S. 14; Griechische Kulturgeschichte. Gesammelte Werke, Basel 1929 ff. IX, S. 247 ff. — Nur für die Konstruktion der Geschichte als einer »Geschichte der Freiheit« wird der antike Glaube an eine vorbestimmte und voraussagbare Zukunft zu einer Absurdität. So behauptet Collingwood (a.a.O. S. 54, 120, 220) die Geschichtsphilosphie müsse mit der Gegenwart enden und die Eschatologie als ein fremdes Element ausscheiden, da sich nichts anderes ereignet habe, was festgestellt werden könne. »Wo immer Historiker behaupten, die Zukunft im voraus bestimmen zu können, können wir mit Sicherheit annehmen, daß bei ihrer Grundauffassung von der Geschichte etwas nicht in Ordnung ist.« Wenn aber die Geschichte nicht solch ein einfaches Geschehen von freien Handlungen ist, sondern menschliches Tun und Erleiden nach Maßgabe einer natürlichen und notwendigen oder übernatürlichen und providentiellen Ordnung? Wieviel tiefer drang Léon Bloy in das Problem der Geschichte ein, wenn er sagt, die Möglichkeit zu zeigen, daß die Geschichte eine Struktur und einen Sinn hat, würde voraussetzen »l’holocauste préalable du Libre Arbitre, tel, du moins, que la raison moderne peut le concevoir«, nämlich als Willkür, von jeder Notwendigkeit entbunden, und daher unfähig zu begreifen, wie jemand in Freiheit eine notwendige Tat vollbringen kann (Textes choisies, ed. A. Béguin, Freiburg 1943, S. 71 f.).Google Scholar
  7. 7.
    La Démocratie en Amérique, Paris 1839, Bd. I, S. 8.Google Scholar
  8. 8.
    Der Untergang des Abendlandes, München 1923, Bd. 1, Kap. II, S. 152 ff.; vgl. Kap. V, S. 381 ff.Google Scholar
  9. 9.
  10. 10.
    Jahre der Entscheidung, München 1933.Google Scholar
  11. 11.
    A. J. Toynbee, A Study of History, London 1934–39, IV, S. 23 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Ebda. V, 16 und 188 ff.; VI, 174, Anm. 4.Google Scholar
  13. 13.
    Ebda. VI, 169 ff.Google Scholar
  14. 14.
    A. J. Toynbee, Civilization on Trial, Oxford University Press, 1948, S. 236.Google Scholar
  15. 15.
    Ebda. S. 242.Google Scholar
  16. 16.
    Ebda. S. 237.Google Scholar
  17. 17.
    Ebda. S. 238.Google Scholar
  18. 18.
    Ebda. S. 239.Google Scholar
  19. 19.
    Ebda. S. 240.Google Scholar
  20. 20.
    A Study of History, I, 339 ff.Google Scholar
  21. 21.
    Ebda. I, 34 und 169 ff.; vgl. Spengler, a.a.O.Google Scholar
  22. 22.
    Siehe den Plan des ganzen Werkes (Teil XII).Google Scholar
  23. 23.
    A Study of History, I, 196 ff.Google Scholar
  24. 24.
    Ebda. VI, 534 ff.Google Scholar
  25. 25.
    Ebda. S. 324 ff.Google Scholar
  26. 26.
    Civilization on Trial, S. 235 f.Google Scholar
  27. 27.
    Daß dies das fundamentale Anliegen des modernen Geschichtsbewußtseins von A. Comte, A. de Tocqueville, E. Renan und F. Nietzsche ist, hat mit größter Offenheit A. de Tocqueville festgestellt, indem er sich in der Einleitung zu La Démocratie en Amérique die Frage vorlegt: »Où allons nous donc?« Unter Hinweis auf Nietzsches scharfe Kritik der antiquarischen Historie formulierte E. Troeltsch (Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1922, S. 495 und 772) die Aufgabe der Geschichtsphilosophie als »die Überwindung der Gegenwart und die Begründung der Zukunft«. Wie weit entfernt ist eine solche Definition der Aufgabe und des Problems der Historie von dem klassischen historein und wie nahe steht sie der christlichen Auffassung der Geschichte als einer Geschichte von Gericht und Erfüllung!Google Scholar
  28. 28.
    Hermann Cohen, Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Leipzig 1919, S. 307 ff., 293 ff.; vgl. Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 131 ff.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. E. Benz, Die Geschichtstheologie der Franziskanerspiritualen, Zeitschrift für Kirchengeschichte LII, 1933, S. 118 ff.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2004

Authors and Affiliations

  • Karl Löwith

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