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Antworten ›Religiöser Feministinnen‹ im Hindufundamentalistischen Spektrum

  • Katharina Poggendorf-Kakar
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Part of the Ergebnisse der Frauenforschung book series (ERFRAU)

Zusammenfassung

Die Suche städtischer Frauen der Mittelschicht nach ›alternativen Lebensformen als Antwort auf die Moderne beschränkt sich nicht auf einen ›verwestlichteren‹ Lebensstil oder den Einbezug von Praktiken des ›New Age‹, sondern sie verleiht sich ebenso Ausdruck in einem nationalistisch motivierten religiösen Aktivismus. Das Potential einer neuen, nationalistisch orientierten Hindu-Identität als machtvoller Faktor indischer Politik wird aufgrund der zunehmenden Verquickung von Parteien und ihren Amtsträgern mit religiösen Organisationen beziehungsweise ihren gurus immer sichtbarer (vgl. McKean, 1996a). Wie bereits in Teil I der Studie gezeigt wurde, wird die soziale Rolle der Religion in hochkastigen und konservativen Kreisen als machtvolles Mittel eingesetzt, um die existierende Gesellschaftsordnung sowie geschlechterspezifische Rollenzuweisungen weiterhin zu legitimieren. Dabei wird die Position von Frauen in Berufung auf die Tradition kategorisch — mithilfe eines ›biologischen Determinismus‹ — definiert und Frauen aufgrund ihrer ›weiblichen Natur‹ als nährend, umsorgend, familienzentriert, sexuell gefährlich, moralisch stark, leidensfähig, u.s.w. betrachtet. Dieses auf Rollenzuweisung aufbauende Ideal indischer Weiblichkeit und die Verquickung des patriarchalen, brahmanischen Modells der oberen Kasten mit viktorianischer Prüderie der englischen Kolonialmacht garantiert auch gegenwärtig noch die Unterordnung von Frauen innerhalb der Geschlechterhierarchie.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. L. Guzy, ›Svadhya und Brahma Kumaris: Eine religiöse Moderne ?‹, M.A., unveröffentlicht, Berlin, 1998:Google Scholar
  2. 1.
    Vgl. zur Analyse der Bewegung auch z. B. L. A. Babb, indigenous Feminism in a Modern Hindu Sects in: Signs, Vol. 9(3), Spring 1984: 399–416.CrossRefGoogle Scholar
  3. 2.
    Samt (Gleichheit); von diesem Kollektiv wurde die Frauenzeitschrift Manushi (Frau) gegrndet. Ebenso eine Vielfalt anderer liberaler Frauenorganisationen, beispielsweise Mahil Dakat; Samiti (Organisation von Frauen), (Arbeitende Frauen), Stri Sagar (Kampf der Frauen), Sakti Sagahan (Organisierte Strke der Frauen), etc. vgl. U. Butalia, Indian Women and the New Movementsm, in: Women’s Studies International Forum, Vol. 8(2), 1985: 131.CrossRefGoogle Scholar
  4. 3.
    Vgl. z. B. M. Kishwar, ›Why I do not call myself a feminists‹, in: Manushi, Vol. 61, 1991: 2–7; dies., ›Who Am I? Living Identities versus Aquired Oness‹, in: Manushi, Vol. 94, 1996: 6–17.Google Scholar
  5. 5.
    Ansprache von G. K. Gokhale an die ›Educational Section of the Victorian Era Exhibitions9, 1897, in: G. K. Gokhale, Speeches of Gopal Krishna Gokhale, Madras, 1920: 882–883, zitiert nach: Google Scholar
  6. S. R. Bald, ›From Sat-yartha Prakash to Manushi: An Overview of›the Women’s Movement in Indias‹, Working Paper Nr. 23, Willamette University, April 1983: 3.Google Scholar
  7. 6.
    So schlossen beispielsweise zwei Frauen bereits 1883 in Kalkutta mit einer Universitätsausbildung ab (vergleichsweise gab es in den USA und England etwas früher, ab Mitte des 19. Jh., erste Mädchen-Colleges). Auch konnten Frauen bereits ab 1921 in den Provinzen Bombay und Madras wählen (ungefähr zeitgleich wurde britischen Frauen das Wahlrecht zugestanden). Vgl. G. Duby / M. Perrot, ›Geschichte der Frauen‹, Band 4, (19. Jahrhundert), Frankfurt/M., 1997.Google Scholar
  8. 7.
    Sarala Devi’s eigentlicher Name lautete Sarala Ghoshal, bekannter ist sie hingegen als Sarala Devi Chaudharani. S. D. (1872–1945) galt als eine der prominentesten militanten Aktivistinnen der Unabhängigkeitsbewegung. Zum Leben Sarala Devis vgl. M. Karlekar, ›Voices from within‹, Delhi, 1991.Google Scholar
  9. 8.
    Beispielsweise gab sie die Zeitschrift ›Bhāratï‹ heraus, trainierte in militanten Ausbildungscamps, setzte sich für Basare für den Verkauf einheimischer Güter ein, organisierte religiöse Festivals wie das ›Bir Astamï‹ am 2. Tag der Durgā pūjā, bei dem Verse zur Verehrung indischer Helden rezitiert wurden; vgl. U. Chakravarti, ›Whatever Happened to the Vedic Dasi?‹, in: K. Sangari / S. Vaid (Hgs.), Recasting Women: Essays in Colonial History, New Delhi, 1989: 64.Google Scholar
  10. 9.
    Vgl. M. Mies, ›Indische Frauen zwischen Patriarchat und Chancengleich-heit‹, Meisenheim, 1973: 93. Zur Rolle der Frauen während der UnabhängigkeitsbewegungGoogle Scholar
  11. vgl. auch: M. Kaur, ›Women in India’s Freedom Struggles‹, New Delhi, 1985;Google Scholar
  12. P. Pujari / V. Kumar, ›Women in the National Movements‹, in: dies., Women Power in India, Vol. 1, Delhi, 1994: 9–48;Google Scholar
  13. J. Liddle / R. Joshi, ›Gender and Colonialism: Women’s Organisation under the Rajs‹, in: Women’s Studies International Forum, Vol. 8(5), 1985: 521–529.CrossRefGoogle Scholar
  14. 10.
    Unter Liberalismus, der sich auf sozialem Wandel und der Rationalität menschlichen Denkens gründet, ist eine Bewegung oder Philosophie zu verstehen, die vornehmlich die ›Befreiung des Individuums‹ zum Ziel hat und aufwerten der Aufklärung aufbaut. Unter ›Säkularisierungsprozess‹ ist vorerst die Abnahme der Bedeutung organisierter Religion (nicht ihr Verschwinden) als ein Mittel sozialer Kontrolle zu verstehen; vgl. H. Becker nach H. Lübbe, ›Religion nach der Aufklärung‹, Graz, 1986: 91. Sharpe argumentiert, wenn (religiöse) traditionelle Autoritäten herausgefordert werden und an Einfluss verlieren, drei Reaktionsphasen auftreten können: Ablehnung, Anpassung, Reaktion. In der Phase der Anpassung wird sich bemüht, alte Autoritäten den Neuen anzupassen, was zu einer Neuformulierung von Glaubensvorstellungen und dem Versuch der Aussöhnung fuhrt. Somit bilden sich liberale Positionen, auf die mit zum Teil scharfer Abgrenzung in Form fundamentalistischer Polemik reagiert werden kann.Google Scholar
  15. Vgl. E. J. Sharpe, ›Understanding Religions‹, New York, 1983.Google Scholar
  16. 11.
    Schülerinnen, sah sich selbst als Inkarnation der Göttin Kālï und verweigerte die Anerkennung von Kasten. Sie wurde als Verkörperung von stridharma betrachtet und brach den Bund ihrer Ehe nicht, was in der indischen Bevölkerung zu ihrer Popularität beitrug; vgl. K. Young, ›Women in Hinduisms‹, in: A. Sharma (Hg.), Today’s Women in World Religions, Albany / New York, 1994: 128 / 129;Google Scholar
  17. L. Johnsen, ›Daughters of the Goddess‹, Minnesota, 1994.Google Scholar
  18. Akkā Mahādevï gehörte der Vïrasaiva-Bewegung an, lebte im 12. Jh. in Karnataka und ist bekannt insbesondere für ihre Poesie. Ihre Nacktheit, ein für Frauen unzulässiges Mittel der asketischen Praxis, soll viel Widerstand in der asketischen Gemeinschaft erregt haben. Vgl. J. P. Schouten, ›The Unconventional Woman Saint: Images of Akka Mahadevi‹, in: R. Kloppenborg und W. J. Hanegraaff (Hgs.), Female Stereotypes in Religious Traditions, Leiden, 1995: 123–150.Google Scholar
  19. Mïrābāï lebte im 15. / 16. Jh. und ist eine der am meisten verehrten ›Poesie-Asketinnen‹ im nordindischen Raum; vgl. A. J. Alston, ›The Devotional Poems of Mirabais‹, Delhi, 1980;Google Scholar
  20. D. Kinsley, ›Devotion as an Alternative to Marriage in the Life of some Hindu Women Devotees‹, in: J. Lele (Hg.), Tradition and Modernity in Bhakti Movements, Leiden, 1981: 83–93;Google Scholar
  21. L. Harlan, ›Abandoning Shame: Mira and the Margins of Marriages‹, in: L. Harlan und P. Courtright, From the Margins of Hindu Marriage, New York, 1995: 204–227.Google Scholar
  22. Antāl lebte vermutlich im 9. Jh. und ist die einzige Frau unter den 12 ālvār (vaisnavitische Heilige aus Südindien); vgl. K. Meenakshi, ›Andal: She Who Ruless‹, in: Manushi, Women Bhakta Poets, Sonderausgabe zum 10. Jahrestag, Jan.-June 1989: 34–39.Google Scholar
  23. Muktābāï lebte im 13. Jh. und ist bekannt als Heilige der Sant-Tradition; vgl. R. Vanita, ›Three Women Saints of Maharashtra: Muktabai, Janabai, Bahinabais‹, in: Manushi, Women Bhakta Poets, Sonderausgabe zum 10. Jahrestag, Jan.-June 1989: 45–61.Google Scholar
  24. Lalleśvarï. lebte im 14. Jh. in Kashmir und ist u. a. berühmt fur ihre Poesie; vgl. D. Kinsley, ›Devotion as an Alternative to Marriage in the Life of some Hindu Women Devoteess‹, in: J. Lele (Hg.), Tradition and Modernity in Bhakti Movements, Leiden, 1981: 83–93.Google Scholar
  25. Devï Mâhâtmya sein, bei der das Devï Māhātmya von pandits in einem Zyklus tausendmal wiederholt wird. Vgl. auch C. A. Humes, ›Glorifying the Great Goddess or Great Woman?‹, in: K. L. King (Hg.), Women and Goddess Traditions, Minneapolis, 1997: 59.Google Scholar
  26. 16.
    Vgl. T. B. Coburn, ›Devï Māhātmya: The Crystallization of the Goddess Traditions‹, Delhi, 1985;Google Scholar
  27. auch F. Baldissera, ›Candika, Candi, Vindhya-vāsini and other terrific Goddesses in the Kathäsaritsägaras‹, in: A. Michaels et al (Hgs.), Wild Goddeses in India and Nepal, Bern, 1996: 73.Google Scholar
  28. 17.
    Vgl. z. B. A. Hiltebeitel / K. Erndl (Hgs.), ›Is the Goddess a Feminist?s‹, New York, 2000;Google Scholar
  29. V. Dehejia, ›Devi, the Great Goddess‹, Washington, 1999;Google Scholar
  30. J. S. Hawley/D. M. Wulff (Hgs.), ›Devï. Goddesses of India‹, New Delhi 1998;Google Scholar
  31. A. Michaels et al (Hgs.), ›Wild Goddesses in India and Nepals‹, Bern, 1996;Google Scholar
  32. T. Pintchman, ›The Rise of the Goddess in the Hindu-Traditions‹, New York, 1994;Google Scholar
  33. K. Erndl, ›Victory to the Mothers‹, New York, 1993.Google Scholar
  34. 19.
    Zur Bedeutung Kalls im Westen vgl. z. B. R. F. McDermott, ›The Western Kalls‹, in: J. S. Hawley / D. M. Wulff (Hgs.), Devïi. Goddesses of India, Delhi, 1998 (1996): 281–313;Google Scholar
  35. J. Kripal, ›A Garland of Talking Heads for the Goddesss‹, in: A. Hiltebeitel / K. Erndl (Hgs.), Is the Goddess a Feminist?, New York, 200: 239–268;Google Scholar
  36. L. Gupta, ›Kali the Saviors‹, in: P. M. Cooey / W. R. Eakin / J. B. McDaniels (Hgs.), After Patriarchy: Feminist Transformations of the World Religions, Maryknoll, 1991: 15–38.Google Scholar
  37. 22.
    Vgl. W. K. Andersen / S. D. Damle, ›The Brotherhood in Saffrons‹, New Delhi, 1987: 15/16.Google Scholar
  38. 23.
    Präsentation im Rahmen des Symposiums ›Women in the New Millenium‹, British Council, New Delhi, 15. 10. 1999. Zum Bildnis Bhärat Mātā von A. Tagore vgl. auch: S. Bose, ›Nation as Mother: Representations and Contestations of India in Bengali Literature and Cultures‹, in: S. Bose / A. Jalal (Hgs.), Nationalism, Democracy and Development, Delhi, 1997: 53. S. Bose datiert das Gemälde auf das Jahr 1905, G. Sen hingegen auf das Jahr 1902.Google Scholar
  39. 24.
    Gemälde von Amrita Sher-Gil, Abbildung im Katalog: G. Sinha (Hg.), ›Women / Goddesss‹, Delhi, 1999: 119.Google Scholar
  40. 26.
    Große Kampagne der VHP, in der Aktivisten 1983 in drei Prozessionen von Nepal nach Tamil Nadu, von Bengalen nach Gujarat und von Uttar Pradesh nach Tamil Nadu zu berühmten Pilgerorten wanderten, um die Idee der Einheit aller Hindus zu verbreiten. Die Göttinnen Bhārat Mātā und Gangā wurden als Symbole hinduistischer Identität von der VHP für diese Aktion sorgsam ausgewählt; vgl. C. Jaffrelot, ›The Hindu Nationalist Movement and Indian Politics‹, New Delhi, 1999: 360.Google Scholar
  41. 27.
    Zum emotional aufgeladenen politischen Diskurs der ›heiligen Geogra-phie‹ in Indien vgl. A. Varshney, ›Contested Meanings: India’s National Identity, Hindu Nationalism and Politics of Anxiety‹, in: Daedalus 122, Nr. 3, 1993: 227–261.Google Scholar
  42. 28.
    Das persische Wort ›Hindu‹ bezeichnete ursprünglich jeden gebürtigen Inder im Land um und hinter dem Sindhu (Indus). Als die Bezeichnung ›Hindu‹ im 17. Jh. im Englischen aufgenommen wurde, verwandelte sie sich zu einer Bezeichnung für diejenigen, die die ›indigene Religion In-diens‹ beibehalten hatten, d.h. nicht zu einer anderen Glaubensform konvertiert waren. Der Begriff Hinduismus wurde auf diesem Wege zu einem System von Doktrinen, Glaubensvorstellungen und Praktiken ummodelliert; vgl. C. J. Fuller, ›The Camphor Flame‹ Princeton, 1992: 10.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  • Katharina Poggendorf-Kakar

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