Advertisement

Die Entstehung Religiöser Identität im Lebensumfeld Städtischer Frauen

  • Katharina Poggendorf-Kakar
Chapter
  • 9 Downloads
Part of the Ergebnisse der Frauenforschung book series (ERFRAU)

Zusammenfassung

Spätestens seit Arnold van Gennep (1909) setzen sich Ritualforscher mit der inneren Struktur ritueller Aktivitäten auseinander und bemühen sich, soziale, psychische und sakrale Bedeutungen von Ritualen zu dechiffrieren und sichtbar zu machen: Als rituelle Kenntlichmachung von sozialem Status, als Ventil gesellschaftlicher Spannungen und Angstbewältigung, als periodische Umkehrung von Geschlechterrollen und sozialen Hierarchien, als Verhandlungsmöglichkeit sozialer Machtverhältnisse, als symbolische Inszenierung kosmologischer Weltvorstellungen, u.s.w. Insbesondere Victor Turners These des dialektischen Prozesses von Struktur und Anti-Struktur, in der der ›Schwellen-zustand‹( liminality) des Rituals das Erlebnis der Communitas ermöglicht und die periodische Auflösung sozialer Strukturen bewirkt (Turner, 1989: 126), hat die Ritualforschung in den letzten vierzig Jahren stark beeinflusst. ›Performance-Theorien‹ ritueller Handlungen konzentrieren sich dabei auf das, was das Ritual macht, nicht was es bedeutet, nicht zuletzt deshalb, weil Rituale — wie insbesondere Frits Staal herausstellte — nicht als lesbare, dechiffrierbare Texte verstanden werden können (Staal, 1979). Frits Staals viel beachtete und viel kritisierte These des rein performativen Charakters von Ritualen und ihrer letztendlichen Bedeutungslosigkeit wirft allerdings die Frage auf, ob er nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet, wenn er mit der Bedeutungslosigkeit ritueller Handlungsabläufe auch das zugrundeliegende Motiv — Lebensprozesse zu ritualisieren und identitätsstiftende Erinnerungsräume zu schaffen — entwertet.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 3.
    Vgl. M. McGee, ›Fasting and Feasting‹, Ann Arbor, 1987; dies., ›Desired Fruits: Motive and Intention in the Votive Rites of Hindu Women‹, in: Julia Leslie (Hg.), Roles and Rituals for Hindu Women, Rutherford, 1991; dies., ›In Quest of Saubhägya‹, in: Anne Feldhaus (Hg.), Images of Women in Maharashtrian Literature and Religion, Albany / New York, 1996: 147–170;Google Scholar
  2. A. Mackenzie Pearson, ›Because it gives me Peace of Mind‹, New York, 1996.Google Scholar
  3. 7.
    Befragung von 811 Frauen und Männern zwischen 16–30 J. in den fünf größten Städten Indiens. Vgl. M. Jain, ›My God hasn ’t died young‹, in: India Today, 05. 10. 1998: 50–55.Google Scholar
  4. 8.
    Vgl. S. M. Bhardwaj, ›Hindu Places of Pilgrimage in India‹, Berkeley, 1973: 6. Zu Kontexten hinduistischer PilgerorteGoogle Scholar
  5. vgl. auch D. P. Dubey (Hg.), ›Pilgrimage Studiess‹, Allahabad, 1995;Google Scholar
  6. S. M. Bhardwaj / G. Rinschede (Hgs.), ›Pilgrimage in World Religions‹, Berlin, 1988.Google Scholar
  7. 9.
    Vgl. A. Michaels, ›Der Hinduismus‹, München, 1998a: 314. Michaels Raumtheorie vom Hinduismus beruht dabei im wesentlichen auf wissenschaftstheoretischen Hintergründen, die auf Kurt Hübner zurückgehen.Google Scholar
  8. Vgl. K. Hübner, ›Die Wahrheit des Mythos‹, München, 1985.Google Scholar
  9. 10.
    Dabei handelt es sich nicht, wie man vielleicht vermuten würde, um eine zufällige linguistische Kategorie, die zu einer einheitlichen Feminini-sierung von Flüssen führte: In Indien gibt es genauso — wenn auch seltener — männliche Flüsse, wobei die bekanntesten der Indus und der Brahmaputra sind. Vgl. R. Salomon, ›Legal and Symbolic Significance of the Menstrual Pollution of Rivers‹, in: R. W. Larivière, Studies in Dharmasästra, Calcutta, 1984:Google Scholar
  10. 173.
    173, vgl. auch A. Feldhaus, ›Water and Womanhoods‹, New York / Oxford, 1995: 40ff.Google Scholar
  11. 17.
    Vgl. V. Das, ›The Mythological Film and its Framework of Meaning: An Analysis of Jai Santoshi Mas‹, in: India International Quarterly, Vol. 8 (1), 1980: 43–56;Google Scholar
  12. S. Kurtz, ›A11 the Mothers are Ones‹, New York, 1992;Google Scholar
  13. K. Erndl, ›Victory to the Mothers‹, New York, 1993;Google Scholar
  14. J. S. Hawley, ›Prologue. The Goddess in Indias‹, in: ders. / D. M. Wulff (Hgs.), Devi. Goddesses of India, New Delhi, 1998 (1996): 1–28.Google Scholar
  15. 18.
    Der Santos! Mätä-Tempel in Jodhpur — ein Tempel der ursprünglich der ›Mutter des roten Sees‹ (läl sägar kï mätä) gewidmet war und erst ab 1967 Santosï Mätä zugeordnet wurde — soll die Inspirationsquelle für den Kinofilm gewesen sein: Die Ehefrau des Regisseurs soll den Tempel in Jodhpur besucht haben und ihren Mann dazu bewegt haben, einen Film über Santosï Mätä zu drehen. Vgl. J. S. Hawley, ›rologue. The Goddess in Indias‹, in: ders. / D. M. Wulff (Hgs.), Devi. Goddesses of India, New Delhi, 1998 (1996): 3.Google Scholar
  16. 20.
    Eine starke Demütigung im hinduistischen Kontext, da Essensreste (in Berührung mit dem Speichel anderer) als verunreinigt (jüthä) betrachtet werden; vgl. hierzu L. Babb, ›the Divine Hierarchy‹, New York / London, 1975.Google Scholar
  17. 23.
    Zum Begriff satï vgl. Kapitel 5. Eine satï ist im nordindischen Sprachgbrauch sowohl eine ideale Gattin als auch eine ›glücksverheißende Frau‹ Der Begriff umschreibt ferner den freiwilligen Feuertod von Witwen, die sich auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Gatten verbrennen lassen und so göttlichen Status erlangen. Zur aktuellen Diskussion der Selbstverbrennung (satï) vgl. J. Fisch, ›Tödliche Rituales‹, ankfurt/M., 1998;Google Scholar
  18. A. Michaels, ›echt auf Leben und Selbsttötung in Indiens‹, in: Bernhard Mensen (Hg.), Recht auf Leben — Recht auf Töten, ein Kulturvergleich, Nettetal, 1992: 95–124;Google Scholar
  19. J. S. Hawley (Hg.), ›Sati, the Blessing and the Curses‹, New York / Oxford, 1994.Google Scholar
  20. 24.
    Die Soziologin Veena Das macht bereits 1980 in einem Artikel auf diesen Konflikt aufmerksam, ohne diesen Aspekt jedoch weiter zu vertiefen; vgl. V. Das, ›The Mythological Film and its Framework of Meaning: An Analysis of Jai Santoshi Mas‹, in: India International Quarterly, Vol. 8(1), 1980: 44.Google Scholar
  21. 30.
    Vgl. Kapitel 3 zum Thema der in der indischen Mythologie häufig the matisierten geschlechtlichen Wandlung; vgl. auch W. Doniger, splitting the Differences Chicago, 1999: 260ff;.Google Scholar
  22. 31.
    Zur ›Sanskritisierung‹, vgl. M. N. Srinivas, ›Social Change in Modern India‹, Berkeley / New Delhi, 1966.Google Scholar
  23. 32.
    Zur Praxis der Verehrung lebender ›Göttinnen-Asketinnen‹, vgl. z. B. H. Basu, ›Göttinnen-Asketinnen‹, in: K. Poggendorf-Kakar / L. Guzy / H. Zinser (Hgs.), Tradition im Wandel, Tübingen, 2000: 9–25;Google Scholar
  24. auch K. Erndl, ›The Goddess and Women ’s Power: A Hindu Case Studys‹, in: K. L. King (Hg.), Women and Goddess Traditions, Minneapolis, 1997: 17–38.Google Scholar
  25. 35.
    ; Vgl. z. B. A. Mitra, ›Television and Popular Culture in India‹, New Delhi, 1993;Google Scholar
  26. P. Lutgendorf, ›All in the (Raghu) Family: A Video Epic in Cultural Contexts‹, in: L. Babb / S. Wadley (Hgs.), Media and the Transformation of Religion in South Asia, Philadelphia, 1995: 217–253.Google Scholar
  27. 38.
    Die Nähe des Hindi-Spielfilms zum Theater wurde vielfach bemerkt, beispielsweise S. Kakar, ›The Ties that Binds‹, in: India International Quarterly, Vol. 8(1): 11–20. M. Reym Binford, ›nnovation und Imitation im zeitgenössischen indischen Film‹ in: Haus der Kulturen der Welt, Filmland Indien, Berlin, 1992: 29–40.;Google Scholar
  28. M. Burger, ›The Outlaw Pirate Heroines‹, in: A. Michaels et al (Hgs.), Wild Goddesses in India and Nepal, Bern, 1996:529–544.Google Scholar
  29. 39.
    Vgl. auch S. Bhargava, ›Divine Sensations‹, in: India Today, 30.04.1987: 170/171;Google Scholar
  30. M. Jain, ›The Second Comings‹, in: India Today, 11.08.1988: 155; dies., ›Heavenly Harvests‹, in: India Today, 15.09.1988: 140–141; d ies., ›The God Factorys‹, in: India Today, 31.05.1997: 108–112.Google Scholar
  31. 40.
    Die Comics sind inzwischen zum Teil auch im Internet abrufbar (www. freeindia.org) und werden wöchentlich im indischen Fernsehen ausgestrahlt. Zur Analyse der Amar-Chitra-Katha-Comics vgl. z. B. F. W. Pritchett, ›The World of Amar Chitra Kathas‹, in: L. A. Babb. / S. Wadley (Hgs.), Media and the Transformation of Religion in South Asia, Philadelphia, 1995: 76–106;Google Scholar
  32. auch J. S. Hawley, ›The Saints Subdueds‹, in: L. A. Babb / S. Wadley (Hgs.), Media and the Transformation of Religion in South Asia, Philadelphia, 1995: 107–134.Google Scholar
  33. 44.
    Interview mit Ma Prem Usha, Delhi, 02.03.2000. Zu bemerken ist an dieser Stelle, dass das Tarot nachweislich als Gesellschaftsspiel (Tarocchi) in Italien um 1440 seinen Anfang nahm und ab dem 18. Jh. zu einem populären Wahrsagespiel der Pariser Oberschicht wurde; vgl. hierzu H. Piegeler, ›Ikonographie der modernen Esoterik‹, in: A. Hölscher / R. Kampling (Hgs.), Religiöse Sprache und ihre Bilder, Berlin, 1998: 70–100.Google Scholar
  34. 46.
    Interview mit Ram Nam Das, Delhi, 12.03.1999; zu ISKCON in Indien vgl. auch C. H. Brooks, ›The Hare Krishna in India‹, Princeton / New Jersey, 1989.CrossRefGoogle Scholar
  35. 47.
    Was auch mangels eines Zentrums im Hinduismus gar nicht möglich wäre. Vgl. zum hinduistischen SektenbegrifF A. Michaels, ›Der Hinduismus‹, München, 1998a: 349.Google Scholar
  36. 48.
    Zum Einfluss der ›elektronischen Kirche‹ und der neuen Medien-Massenpriester in den USA vgl. S. M. Hoover, ›Mass Media Religions‹, London / New Delhi, 1988.Google Scholar
  37. 50.
    Spiritismus (von lat. Spiritus) ist eine Sammelbezeichnung für eine soziale Massenbewegung, die 1848 in den USA ihren Anfang nahm und auf zwei Voraussetzungen aufbaut: dass die individuelle Seele (oder Psyche) den körperlichen Tod überdauert und dass mithilfe bestimmter Techniken (und Personen) eine Kontaktaufnahme möglich ist. Vgl. zur Geschichte des Spiritismus A. Braude, ›Radical Spirits‹, Boston, 1989.Google Scholar
  38. 51.
    Ein von P. Hacker geprägter Begriff; vgl. ders., ›Inklusivismus‹, in: G. Oberhammer, Inklusivismus: Eine Indische Denkform, Wien, 1983.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  • Katharina Poggendorf-Kakar

There are no affiliations available

Personalised recommendations