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„Die Paradiese des Südpols“. Phantastische Expeditionen ans Ende der Welt

  • Friedhelm Marx
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Zusammenfassung

Reisen ans Ende der Welt sind ein Thema der Literatur, lange bevor die ersten Polarfahrer in die Arktis oder Antarktis aufbrechen. Spätestens seit dem Ende des Mittelalters malt sich die dichterische Phantasie aus, was den Menschen am äußersten Ende der Welt erwarten könnte. Dante eröffnet die Reihe literarischer Polarfahrten, indem er in seiner Divina Commedia den Sagenhelden Odysseus zum südlichen Ende der Welt segeln läßt. Als Insasse des Höllenkreises für falsche Ratgeber berichtet Dantes Odysseus selbst, wie er seine Gefährten zu einer letzten verwegenen Unternehmung überredet: gemeinsam segeln sie durch die Meerenge von Gibraltar, wo — der antiken Mythologie zufolge — Herkules zwei Säulen mit der Aufschrift „nee plus ultra“ errichtet haben soll. Diese Warnung schreckt die Mannschaft des Odysseus nicht ab. Von der Neugier besessen, „die ganze Welt zu kennen“, nehmen sie Kurs Richtung Süden.1 Nach fünf Monaten erblicken sie am anderen Ende der Welt einen geheimnisvollen Berg, — doch bevor sie ihn erreichen, wird ihr Schiff von einem Wirbelstrom eingesogen. Die erste Polarfahrt der Literatur nimmt kein gutes Ende: Dantes Polarfahrer verkörpert eine Weltneugierde, die dem theologischen Denken des Mittelalters zutiefst fragwürdig ist. Dennoch wird der Abenteuerlust des Seefahrers verdeckte Sympathie zuteil. Odysseus ist der einzige Insasse des Infernos, der sich keiner Schuld bewußt ist; auch die Höllenqualen bewegen ihn nicht zur Selbstanklage. Die Geschichte vom Polarfahrer Odysseus vermittelt eben auch die Faszination eines Erkundungsdranges, der vor dem Ende der Welt nicht haltmacht — und bildet eine Spiegelfläche für Dantes eigene literarische Unternehmung: schon in der antiken Literatur gilt die Seefahrt als Metapher für das Dichten.2

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Notizen

  1. 1.
    Vgl. Dante Alighieri: La Divina Commedia. Ed. Giorgio Petrocchi. Torino 1975, S. 107 f. (Inferno, Canto XXVI).Google Scholar
  2. 2.
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    Vgl. hierzu Christoph Honig: Musils Pläne för einen satirisch-utopischen Experimentairoman: „Das Land über dem Südpol“ oder „Der Stern Ed“. In: Vom „ Törless “ zum „Mann ohne Eigenschaften “. Grazer Musil-Symposion 1972. Hrsg. v. Uwe Baur u. Dietmar Goltschnigg. München u. Salzburg 1973, S. 293–324.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2003

Authors and Affiliations

  • Friedhelm Marx
    • 1
  1. 1.WuppertalDeutschland

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