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Im Spie(ge)l des Schreckens und Begehrens. Spiegelphänomene in der phantastischen Literatur am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Die Abenteuer der Sylvester-Nacht

  • Markus May
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Zusammenfassung

Spiegelphänomene sind ein wesentlicher Bestandteil des Phantastischen nicht nur in seinen literarischen Gestaltungen. Man begegnet ihnen natürlich ebenso in der bildenden Kunst insbesondere seit dem Manierismus; stellvertretend für viele andere Beispiele sei hier nur auf Dalís Métamorphose de Narcisse1 verwiesen, wo bereits die im Thema angelegte Spiegelproblematik die Metamorphose selbst erfaßt: die Umgestaltung der Morphologie suggeriert durch die invertierte Symmetriebeziehung von vorheriger und nachmaliger Gestalt den Identitätswandel, verräumlicht so die sukzessiv-temporale Struktur der Metamorphose. Die simultane Präsenz beider Formen in einem Bild unterstreicht die unauflösliche Spannung des narzißtischen Begehrens, in dem Objekt und Subjekt auf tragische Weise zusammenfallen.

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Notizen

  1. 1.
    Salvador Dalí: Métamorphose de Narcisse (1937). Öl auf Leinwand. Täte Gallery, London (Sammlung Edward James). Dali zeigte dieses Bild Sigmund Freud bei ihrer Begegnung im Juli 1938 in London.Google Scholar
  2. 3.
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    Die Aspekte der Inversion, der Verzerrung und der Krise, welche dem Ambivalenz erzeugenden Schwellenort Spiegel zu eigen sind, rückt diesen in die Nähe derjenigen Phänomene, die Michail Bachtin in seiner Theorie einer „dialogischen“ Romantradition als „Karnevalsmotive’ klassifiziert hat, wozu eben auch der „karnevalistische Doppelgänger“ zählt. Siehe insbes. die Exemplifikationen an Texten Dostoevskijs in Michail Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs. München 1971, S. 181–199.Google Scholar
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    Vgl. dazu Karl Heinz Bohrer: Das Romantisch-Phantastische als dezentriertes Bewußtsein. Zum Problem seiner Repräsentanz. In: ders.: Die Grenzen des Ästhetischen. München u. Wien 1998, S. 9–36. Bohrer, der sich an theoretischen Positionen Carl Schmitts orientiert, sieht allerdings eher Brentano, Kleist und Arnim als Vertreter einer solchen dezentrierten und autonomen Phantastik. Bei Hoffmann hingegen würden Bohrer zufolge durch die Konsistenz der Symbolstruktur alle phantastischen Momente wieder in ein schlüssiges, transzendentales System überführt. Für Manfred Momberger hingegen sind die Texte Hoffmanns gerade Paradebeispiele fur textuelle Dezentrierungs — und Dekonstruktions-bewegungen in Hinblick auf die Positionen frühromantischer Philosophie und Ästhetik und den ihnen zugrunde liegenden Subjektbegriff. Siehe Manfred Momberger: Sonne und Punsch. Die Dissemination des romantischen Kunstbegriffs bei E.T.A. Hoffmann. München 1986.Google Scholar
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Authors and Affiliations

  • Markus May
    • 1
  1. 1.ErlangenDeutschland

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