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Phantastik als Schwellen- und Ambivalenzphänomen

  • Jürgen Lehmann
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Zusammenfassung

Phantastik — ein Phänomen?, eine Gattung?, eine Stilkategorie?, eine Schreibweise? — Kultur-, Kunst- und Literaturwissenschaft haben sich schwer getan und tun sich weiterhin schwer, hier eine genaue Bestimmung vorzunehmen, ja vielleicht liegt es in der Natur dieses Gegenstandes, daß er sich einer präzisen Definition grundsätzlich entzieht. Die Phantastik als ein bestimmtes, eingrenzbares Phänomen gibt es wohl nicht und deshalb will auch ich nicht versuchen, im Rahmen dieser einleitenden Bemerkungen eine eindeutige, eingrenzende Bestimmung dieses Phänomens zu liefern. Ich will vielmehr auf Aspekte hinweisen, die den Schwellencharakter, die Ambivalenz und die Grenzüberschreitung in phantastischen Kunstwerken besonders akzentuieren. Beginnen will ich mit einem Zitat:

Die Stadt Perle stand am alten Fleck. — Aus dem Palaste trat Patera, atmete tief und so geräuschvoll, daß ich es bis herauf hörte, streckte sich und wurde dabei immer größer. Schon war sein Kopf bis in meine Höhe gewachsen, er hätte den ganzen Palast als Schemel benutzen können. Seine Kleider waren geplatzt und von ihm abgefallen. Sein Gesicht bedeckten die lang herabfallenden Locken. Mit den ungeheuren Füßen schob er die Straßen auseinander und beugte sich über den Bahnhof, wo er nach einer Lokomotive griff. Darauf blies er wie auf einer Mundharmonika, wuchs aber zusehends immer nach allen Seiten, so daß ihm sein Spielzeug bald zu klein wurde. Da brach er den großen Turm ab und schmetterte damit entsetzliche Drommetenstöße gegen den Himmel, schrecklich war sein nackter Leib anzusehen. Jetzt entwickelte er sich ins Grenzenlose, grub einen Vulkan aus, an welchem noch ein schneckenförmig gewundener Granitdarm der Erde hing.

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Notizen

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Authors and Affiliations

  • Jürgen Lehmann
    • 1
  1. 1.ErlangenDeutschland

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