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Einleitung

  • Vittoria Borsò
Chapter

Zusammenfassung

Obwohl an der Wende zum 21. Jahrhundert der Gedächtnisbegriff zu einem zentralen Paradigma der Kulturwissenschaften geworden ist, hat bisher das Verhältnis von Medialität und Gedächtnis vergleichsweise wenig Beachtung gefunden. Dies ist gewiß u.a. darauf zurückzuführen, daß Gedächtnismedien unhinterfragt als sekundäre, gedächtnisexterne Hilfsmittel vorausgesetzt werden. Im Sinne anthropomorpher Dispositive verstanden, werden Medien lediglich als Verlängerung der hermeneutischen Fähigkeit des Menschen oder als Steigerung seiner mnemotechnischen Kompetenz erforscht. Systemtheoretisch und medienphilosophisch sind aber Konzeptionen der Medien zu kritisieren, die das Medium — quasi als Fortsetzung der von Cassirer postulierten anthropologischen Konstante eines symbolischen Vermögens — lediglich als anthropomorphe, sinngenerierende Maschine erfassen.1Eine kritische Perspektivierung der Medialität des Gedächtnisses ist als Konkretisierung jener Signatur des 20. Jahrhunderts zu werten, die mit dem sogenannten »linguistic turn«, d.h. mit der Ablehnung eines vernunftorientierten Sprachrealismus, die sprachlichen und medialen Bedingungen der Konstitution von Sinn erst zum Thema gemacht hat. Diese Bedingungen setzen eine Reihe von Entscheidungen voraus, und zwar — systemtheoretisch — im Hinblick auf den Beobachterstandpunkt, aus dem heraus Sinnprozesse verortet werden können; phänomenologisch akzentuiert, handelt es sich um Entscheidungen im Hinblick auf das Verhältnis von Identität und Alterität.

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Notizen

  1. 1.
    Vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1997, S. 190; vgl. weiterhin Sybille Krämer: Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts. Frankfurt/M. 2001; auch Dies. (Hg.): Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt/M. 1998, S. 73–94.Google Scholar
  2. 2.
    Friedrich A. Kittler: Vergessen. In: Ulrich Nassen (Hg.): Texthermeneutik. Aktualität, Geschichte, Kritik. Paderborn 1979, S. 195–221; vgl. auch Hans Ulrich Reck: Gedächtniskult und digitale Speichereuphorie. In: Neue Zürcher Zeitung, 30. Oktober 1999, S. 55.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Giorgio Agamben: Quel che resta di Auschwitz. L’archivio e il testimone. Torino 1998, S. 135–136.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Niklas Luhmann: Das Medium der Kunst. Frankfurt/M. 1986 und Ders.: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1995. Michel Foucault hat der Literatur und Kunst (etwa der Architektur) eine die Identitätslogik störende Funktion insofern zugeschrieben, als imaginäre Orte nicht in der binären Logik des Diskurses aufgehen. Vgl. Michel Foucault: Des espaces autres. In: Ders.: Dits et Ecrits. Vol. 4. Ed. par Daniel Defert et François Ewald. Paris 1994, S. 752–762. Vgl. auch Hans Ulrich Gumbrecht/Ludwig K. Pfeiffer (Hg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt/M. 1988; vgl. weiterhin in bezug auf visuelle Medien und Kunst: Hans Ulrich Reck: Entgrenzung und Vermischung. Hybridkultur als Kunst der Philosophie. In: Irmela Schneider u.a. (Hg.): Hybridkultur. Medien, Netzte, Künste. Köln 1997, S. 67–90.Google Scholar
  5. 5.
    Ulrich Schulz-Buschhaus: Fin de siècle und Choc der Multiplizität. In: Vittoria Borsò/Björn Goldammer (Hg.): Moderne(n) der Jahrhundertwenden. Spuren der Moderne(n) in Kunst, Literatur und Philosophie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Baden-Baden 2000, S. 149–163.Google Scholar
  6. 6.
    Die Phänomenologie des Fremden von Bernhard Waldenfels ist hier grundlegend. Vgl. u.a. Bernhard Waldenfels: Ordnung im Zwielicht. Frankfurt/M. 1987 und Ders.: Topographie des Fremden. Frankfurt/M. 1997.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Michel de Certeau: Theoretische Fiktionen. Geschichte und Psychoanalyse. Wien 1997, hier S. 59–66.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt/M. 1977.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

Authors and Affiliations

  • Vittoria Borsò

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