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Narcissus pp 79-97 | Cite as

»Was du hier siehest, edler Geist, bist du selbst.« Narziß-Mythos und ästhetische Theorie bei Friedrich Schlegel und Herbert Marcuse

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Zusammenfassung

Karl Theodor von Dalberg, 1793 noch Erfurter Statthalter, später dann Nachfolger des Mainzer Kurfürsten, konnte sich geschmeichelt sehen, als er auf dem Titelblatt von Schillers Abhandlung Über Anmuth und Würde direkt unter der Widmung »An Carl von Dalberg in Erfurth«den Vers fand: »Was du hier siehest, edler Geist, bist du selbst.«1 Denn was hier zu sehen, richtiger: in Schillers Text zu lesen war, ist der Idealentwurf des in der harmonischen Versöhnung von Sinn-und Sittlichkeit vollkommenen Menschen. In politischer Hinsicht gehört diese Widmung zur höfischen Komplimentierkunst. Charakteristisch für Schiller ist der zugleich erhobene universale Erziehungsanspruch, der den Vers über den genannten Adressaten hinaus an alle Leser richtet, damit sich ein jeder mit dem Idealbild dieser Abhandlung als »edler Geist« identifiziere. Unter dem Vers wird der Autor Milton genannt. Das ist nicht ganz richtig, weil zwischen Miltons Original und der deutschen Fassung, die Schiller auf sein Titelblatt setzt, mehr als nur die Freiheit des Übersetzers liegt. »What there thou seest fair Creature is thyself«, heißt es bei Milton.2 Aus der »fair Creature«, dem »schönen« oder »lieblichen Geschöpf«, wie die deutschen Milton-Übersetzer im 18. Jahrhundert schreiben,3 macht Schiller den »edlen Geist«. Der Ausgleich von Sinnlichkeit und Vernunft, von Trieb und Wille, auf den Schillers ästhetisches Ideal aus ist, zeigt sich in dieser Veränderung des Motto-Verses einseitig intellektuell. Daß vom schönen, lieblichen Geschöpf nur der edle Geist bleibt, könnte man insgesamt als die Tendenz der idealistischen Ästhetik bezeichnen. Aber das wäre nur ein Bonmot.

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Notizen

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  1. 1.MünsterDeutschland

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