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Narcissus pp 13-25 | Cite as

Narziß und der Spiegel. Selbstrepräsentation in der Geschichte der Optik

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Zusammenfassung

Die Wissenschaftsgeschichte — zumal in ihrer französischen Ausprägung, von Bachelard bis Foucault, von Michel Serres bis Vernant oder Gérard Simon — begünstigt die Hypothese, daß »Sehen« ebensowenig als eine anthropologisch-universelle, transkulturelle Tätigkeit interpretiert werden muß wie Denken oder Sprechen. Sehen kann vielmehr als eine historisch-kulturelle Praxis gedeutet werden, die in zahlreichen Varianten aufzutreten vermag: Daraus ergibt sich, daß es keine prinzipiell »richtigen« oder »falschen« Sehtheorien gibt, sondern lediglich Sehtheorien, die bestimmte Praktiken und Techniken des Sehens — von religiösen Ritualen bis zu optischen Geräten — ermöglichen oder ausschließen. Einfacher gesagt: We r sein Sehen anders denkt und anders regelt, wer gelernt hat, sein Sehen anderen Modellen oder Regeln zu unterwerfen, »sieht« eben wahrscheinlich anders, und zwar sogar unter ähnlichen physiologischen Bedingungen (was immer das heißen mag). So gehen beispielsweise die antiken Sehtheorien von einer Aktivität des Gesichtssinns aus: Spätestens seit der Optik Euklids wird das Sehen als Blicken gedacht, und das Blicken als eine Strahlung, die — kegelförmig — vom Auge bis zum gesehenen Gegenstand reicht. »Der Sehstrahl wird als eine Art Auswuchs der Seele aufgefaßt, der mit dem Licht und dem Feuer verwandt ist und die Dinge sozusagen auf Distanz betastet. Die Theorie beruht auf einem unwillkürlichen Vergleich mit der Berührung, so als ob es sich um ein sensitives, aus der Pupille austretendes Psychopodium handelte.

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Notizen

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  1. 1.BerlinDeutschland

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