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Das Traum-Zitat als Medium »imaginärer« Biographik bei Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann

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Zusammenfassung

Die Literaturgeschichte ist voller Träume. Sie haben je nach Volk, Religion, Epoche unterschiedliche Funktionen. In der deutschen Literatur dienen sie erst seit dem 18. Jahrhundert zur Charakterisierung des Helden bzw. der Heldin, etwa in Wilhelm Meisters Lehrjahren. Dadurch wurde die aus der Antike bekannte Funktion des Orakeltraums abgelöst, wie sie auch noch Schillers Braut von Messina enthält. Dieser Wechsel ist darauf zurückzuführen, daß man im 18. Jahrhundert die biographische Bedeutung von Träumen erkannte und den in ihnen enthaltenen Kern der Aufklärung des Menschen über sich selbst. Das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde bzw. der Herausgeber Carl Philipp Moritz und insbesondere der Beiträger und Oneirologe Immanuel David Mauchart entdeckten die psychologische Valenz des Traums als Arbeit der reproduktiven und produktiven Einbildungskraft.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Thomas Bernhards Lyrik war bekanntlich von Georg Trakl beeinflußt. In Trakls Prosatext Traumland, veröffentlicht 1906, heißt die kranke Tochter, die von dem Knaben verehrt und mit Rosen beschenkt wird, »Maria«. Im übrigen scheint mir ein Bezug zur »Maria am Gestade« in Bachmanns Gedicht Große Landschaft bei Wien (1953) nicht ausgeschlossen, so daß Irene Heidelberger-Leonards Hypothese, der Name verweise auf Bernhards Verhaftetsein im katholischen Wertesystem, höchstens auf diesem Umweg plausibel würde (Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene: Auschwitz als Pflichtfach für Schriftsteller. In: Hans Höller, Irene Heidelberger-Leonard (Hg.): Antiautobiografie. Zu Thomas Bernhards Auslöschung. Frankfurt/M. 1955, S. 181–196; hier S. 195, Anm. 15). Wahrscheinlich ist freilich auch eine Anspielung auf Maria Callas, der Bachmann eine Hommage widmete. Zur Bedeutung des Namens Maria in Bachmanns Spätwerk vgl. Bauer, Edith: Drei Mordgeschichten. Intertextuelle Referenzen in Ingeborg Bachmanns Malina. Frankfurt/M. u. a. 1998, S. 209, Anm. 153. — Zu Nähe und Ferne der beiden österreichischen Autoren vgl. zuletzt Hoell, Joachim: Mythenreiche Vorstellungswelt und erlebter Alptraum. Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard. Berlin 2000.Google Scholar
  2. 2.
    Bernhard, Thomas: Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt/M. 1988, S. 212–227. Aus dieser Ausgabe wird mit Angabe der Seitenzahl in Klammern im Text zitiert.Google Scholar
  3. 3.
    Die beiden Träume in Das Kalkwerk sind Vernichtungs- und Todesträume, also Angstträume (Vgl. Bernhard, Thomas: Das Kalkwerk. Frankfurt/M. 1970, S. 149 f. u. 187 f.).Google Scholar
  4. 4.
    Wie Maria sind auch die übrigen Personen (Zacchi und Eisenberg) als Bekannte von Bernhard identifiziert worden; vgl. Höller, Hans: Menschen, Geschichte(n), Orte und Landschaften. In: Höller, Heidelberger-Leonhard (Hg.) 1995, S. 217–234; hier S. 218–225.Google Scholar
  5. 5.
    Damerau, Burghard: Selbstbehauptungen und Grenzen. Zu Thomas Bernhard. Würzburg 1996, S. 216–222.Google Scholar
  6. 6.
    Alle das Todesarten-Projekt betreffenden Angaben und Zitate beziehen sich auf: Ingeborg Bachmann: Todesarten-Projekt. Kritische Ausgabe. Unter Leitung von Robert Pichl hg. von Monika Albrecht und Dirk Göttsche. 4 Bde. München, Zürich 1995.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Bd. 3.2, S. 792. Drei frühe Traumentwürfe sind vor diesem Datum vorhanden, ein ›schöner‹ Traum Malinas von abstrakter Gemeinsamkeit, dem die Ich-Erzählerin ihren Wunsch nach körperlicher Nähe — in Analogie zum Verhältnis Pelléas und Meli-sande — entgegenstellt (Bd. 3.1, S. 24), und der sogenannte Drei-Steine-Traum (Bd. 3.1, S. 49 f.), der auf einem echten Traum Bachmanns basiert (Bd. 3.2, S. 816); der älteste Traumentwurf ist der Abtransporttraum (Bd. 3.1, S. 97–99). Der Gaskammertraum (Bd. 3.1, S. 100) und der Friedhofstraum sind schon im Franza-Komplex gegeben (Bd. 3.2, S. 788).Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Bachmann, Ingeborg: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. Hg. von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum. München, Zürich 1983; hier S. 89, 97, 102 f.Google Scholar
  9. 9.
    Schon 1952 hat sie den Traum als literarisches Mittel eingesetzt, nämlich im Hörspiel Geschäft mit Träumen. Ich vermute, daß es angeregt wurde durch den von ihr so hoch geschätzten Roman Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger, 1948 in Amsterdam erschienen. Eines der verfolgten Kinder, eine Halbjüdin, soll einen geliebten Schrank für ihre Großmutter verkaufen, um Geld für die Ausreise zu gewinnen. Das Kind versteht nur, daß es bei dem Geschäft um Grenze und Grenzüberschreitung geht. Die kindliche Vorstellung qualifiziert die Autorin als Traum: »Der erste Käufer ging, weil er keinen Sinn für die Beziehung zwischen Traum und Geschäft hatte […]«. Aichinger, Ilse: Die größere Hoffnung. Frankfurt/M. 1995, S. 61.Google Scholar
  10. 10.
    Ursprünglich war das Thema Inzest im Todesarten-Projekt mit dem Bruder, nicht mit dem Vater verbunden, und in diesem Fall positiv besetzt, utopisch im Anschluß an Musik — Andererseits kennzeichnet Ambivalenz das Verhältnis zum Vater (als »Feind« und »Retter«) schon im sog. Anna-Fragment (vgl. Bd. 1, S. 14 u. Bd. 3.2, S. 832).Google Scholar
  11. 11.
    Zitiert wird nach der Neuausgabe von Hartmut Vollmer, Frankfurt/M., Berlin 1992, mit Angabe der Seitenzahlen im Text.Google Scholar
  12. 12.
    Ich danke Robert Pichl (Salzburg) für seine freundliche Mitteilung vom 30.8.1999.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Nachwort des Herausgebers Vollmer, S. 248 f. Zu den Ekstasen vgl. Schmid-Borten-schläger, Sigrid: Der zerbrochene Spiegel. Weibliche Kritik der Psychoanalyse in Mela Hartwigs Novellen. In: Modern Austrian Literature 12, 1979, Nr. 3/4, S. 77–95.Google Scholar
  14. 14.
    Kunze, Barbara: Ein Geheimnis der Prinzessin von Kagran: Die ungewöhnliche Quelle zu der »Legende« in Ingeborg Bachmann’s Malina. In: Modern Austrian Literature 18, 1985, Nr. 3/4, S. 105–119.Google Scholar
  15. 15.
    Bauer 1998, s. Anm. 1.Google Scholar
  16. 16.
    Brüns, Elke: aussenstehend, ungelenk, kopfüber weiblich. Psychosexuelle Autorpositionen bei Marlen Haushofer, Marieluise Fleißer und Ingeborg Bachmann. Stuttgart, Weimar 1998.Google Scholar
  17. 17.
    »Wenn es mein Brauch einmal wirklich erfordern sollte, dann gilt es: wirf alles, was du hast, ins Feuer, bis zu den Schuhen.« (Bd. 3.1, S. 459; vgl. Musil, Robert: Mann ohne Eigenschaften II. Buch, Kap. 21) Daß Maria im Traum die Schuhe aber auszieht, dürfte, dieser Passage aus Malina zufolge, ein Zeichen der Hingabe sein.Google Scholar
  18. 18.
    Bernhard, Thomas: Der Atem. Eine Entscheidung. 2. Aufl. Salzburg, Wien 1978, S. 60.Google Scholar
  19. 19.
    Bartsch, Kurt: Ingeborg Bachmann. Stuttgart 1988, S. 4.Google Scholar
  20. 20.
    Schumacher, Nicole: Faschismus, Destruktion, Utopie. Die Bedeutung von Ingeborg Bachmanns Böhmen liegt am Meer für Thomas Bernhards Auslöschung In: Zeitschrift für deutsche Philologie 118, 1999, H. 4, S. 572–591.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Böschenstein, Renate: Der Traum als Medium der Erkenntnis des Faschismus. In: Bernhard Böschenstein, Sigrid Weigel (Hg.): Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Poetische Korrespondenzen. Frankfurt/M. 1996, S. 131–148.Google Scholar
  22. 22.
    Höller stellte gerade im Hinblick auf die politische Dimension der Träume einen Zusammenhang zwischen Auslöschung und Malina her. In: Höller, Heidelberger-Leonard (Hg.) 1995, S. 219 ff.) Er hat in seiner Rowohlt-Monographie den tatsächlichen Zusammenhang zwischen dem Vater der Dichterin und dem Dritten Reich freigelegt: »So finden wir in den biographischen Texten das Schweigen darüber, daß das Kärnten ihrer Kindheit und Jugend und ihre Familie längst vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen sich an den Nationalsozialismus verraten hatten […] 1932 schon wurden in mehreren Gemeinden Nationalsozialisten zu Bürgermeistern gewählt, ein großer Teil der Kärntner Lehrerschaft trat damals der illegalen NSDAP bei, unter ihnen auch der Vater Ingeborg Bachmanns.« (Höller, Hans: Ingeborg Bachmann. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 25; vgl. S. 28 f.).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Bd. 2, S. 402.Google Scholar
  24. 24.
    Mauchart, Immanuel David: Bemerkungen über den gewöhnlichen Gang der Phantasie. An einem Beispiele. In: Phänomene der menschlichen Seele. Eine Materialien-Sammlung zur künftigen Aufklärung in der Erfahrungs-Seelenlehre von Immanuel David Mauchart, der Welt-Weisheit Magister. Stuttgart 1789, S. 93–150. — Vgl. dazu Schlaffer, Hannelore: Eine Psychologie des Lesens im 18. Jahrhundert. In: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft, 15. Jg., 1980, S. 131–139.Google Scholar
  25. 25.
    Mauchart 1789, S. 99. Mauchart betont allerdings, daß dieses Rezeptionsverfahren für die Figuren der Handlung nicht gilt; diese können nicht durch die Erinnerung an Personen aus der eigenen Biographie plausibler gemacht werden.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Bossinade, Johanna: Moderne Textpoetik. Entfaltung eines Verfahrens. Mit dem Beispiel Peter Handke. Würzburg 1999.Google Scholar
  27. 27.
    Keller, Gottfried: Sämtliche Werke und ausgewählte Briefe. Hg. von Clemens Heselhaus. Bd. 1. 4. Aufl. München 1978, S. 998.Google Scholar
  28. 28.
    Fontane, Theodor: Schriften zur Literatur. Hg. v. Hans-Heinrich Reuter. Berlin 1960, S. 109.Google Scholar
  29. 29.
    Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Sämtliche Werke. Hg. von Gerhard Fricke und Herbert Göpfert. Bd. 5. 5., durchges. Aufl. München 1975, S. 694–780; hier S. 729.Google Scholar

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