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Einleitung

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Zusammenfassung

»Was heißt, und zu welchem Ende schreibt man, eine Biographie?« — Mit dieser Frage hat Hilde Spiel, ihrerseits später Verfasserin einer Biographie über Fanny von Arnstein, 1959 ihre Rezension über Hannah Arendts Rahel-Varnhagen-Biographie eröffnet.1 Sie war nicht die erste, die diese Frage stellte, und ihre Antwort ist bei weitem moderater ausgefallen als diejenige Siegfried Kracauers. Dieser hatte bekanntlich in seinem berühmten Essay von 19302 die in der Weimarer Republik grassierende »biographische Mode«3 angeprangert, die sich seinerzeit als Vorliebe für historische Belletristik äußerte. Von einer »neubürgerlichen Kunstform«4 hatte Kracauer gesprochen, die nur einem, eben dem bürgerlichen Bedürfnis nach einer heilen Welt historischer Größe und Eindeutigkeit diene, der Sehnsucht nach dem unanfechtbaren, musealen Ort, nach Vergangenheit und Geschichte entspringe und damit imaginär aus den Zwängen einer unübersichtlich gewordenen entfremdeten Wirklichkeit befreie. Vor dem Chaos der zeitgenössischen Wirklichkeit und aus dem »Chaos der gegenwärtigen Kunstübungen«5 suche man die Rettung in der Biographie.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Spiel, Hilde: Das nie genossene Dasein der Rahel Varnhagen. Zu Hannah Arendts Biographie. In: Dies.: Das Haus des Dichters. Literarische Essays, Interpretationen, Rezensionen. Zusammengestellt und hg. von Hans A. Nünzig. München 1992, S. 154–159; hier S. 154.Google Scholar
  2. 2.
    Kracauer, Siegfried: Die Biographie als neubürgerliche Kunstform. In: Ders.: Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt/M. 1977, S. 75–80.Google Scholar
  3. 3.
    So auch der Titel von Leo Löwenthals Aufsatz: Die biographische Mode. In: Ders.: Schriften. Hg. von Helmut Dubiel. 2 Bde. Bd. 1: Literatur und Massenkultur. Frankfurt/M. 1980, S. 231–257.Google Scholar
  4. 4.
    Kracauer 1977, S. 75.Google Scholar
  5. 5.
    Kracauer 1977, S. 77.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Romein, Jan: Die Biographie. Einführung in ihre Geschichte und ihre Problematik. Bern 1948, S. 66–68; Scheuer, Helmut: Stichwort »Biographie«. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. von Gert Ueding. Bd. 2. Tübingen 1994, S. 30–43; hier S. 30.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. die immer noch grundlegende Arbeit von Scheuer, Helmut: Biographie. Studien zur Funktion und zum Wandel einer literarischen Gattung vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Stuttgart 1979. — Obwohl sich teilweise überlagernd, wurden die Diskussionen über die Biographie in der Literatur- und Geschichtswissenschaft mit unterschiedlichen Argumenten und unterschiedlicher Schärfe geführt. Zur literaturwissenschaftlichen Perspektive vgl. u. a. Blöcker, Günter: Biographie — Kunst oder Wissenschaft? In: Adolf Frisé (Hg.): Definitionen. Essays zur Literatur. Frankfurt/M. 1963; Kruckis, Hans-Martin: Biographie als literaturwissenschaftliche Darstellungsform im 19. Jahrhundert. In: Jürgen Fohrmann, Wilhelm Voßkamp (Hg.): Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1994, S. 550–575; Ribbat, Ernst: Leben und Werk. Vorbemerkungen zum Verhältnis von Biographie und Literaturhistorie. In: Lili, Beiheft 10, 1979, S. 65–79; Schaben, Ina: Fictional Biography, Factual Biography and their Contaminations. In: Biography 5, 1982, Nr. 1, S. 1–16; Scheuer, Helmut: Biographik und Literaturwissenschaft. Konstruktion und Dekonstruktion. Anna Seghers und ihre Biographen. In: Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna-Seghers- Gesellschaft 4, 1995, S. 245–262. — Zur geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Gattung u. a.: Gradmann, Christoph: Geschichte, Fiktion und Erfahrung. Kritische Anmerkungen zur neuerlichen Aktualität der historischen Biographie. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 17, 1992, H. 2, S. 1–16; Klingenstein, Grete/Lutz, Heinrich (Hg.): Biographie und Geschichtswissenschaft. Ansätze zu Theorie und Praxis biographischer Arbeit. Wien 1979; Kocka, Jürgen/Nipperdey, Thomas (Hg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte. München 1979; Meier, Christian: Die Faszination des Biographischen. In: Frank Niess (Hg.): Interesse an der Geschichte. Frankfurt/M., New York 1989, S. 100–111, sowie den Beitrag von Angelika Schaser in diesem Band. Zu psychohistorischen Ansätzen in der Biographik vgl. Röckelein, Hedwig (Hg.): Biographie als Geschichte. Tübingen 1993. Trotz einiger Überschneidungen, etwa im Bereich der Narrativik, (vgl. etwa Michel, Gabriele: Biographisches Erzählen — zwischen individuellem Erlebnis und kollektiver Geschichtentradition. Tübingen 1985) sind die Berührungspunkte zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft auf der einen und der soziologischen Biographie und Lebenslaufforschung auf der anderen Seite eher marginal geblieben. Eine Annäherung gehört zum Programm von BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History. Vgl. etwa Sill, Oliver: »Über den Zaun geblickt.« Literaturwissenschaftliche Anmerkung zur soziologischen Biographieforschung. In: BIOS 1995, H. 1, S. 28–42; dort auch: Schmitz-Emans, Monika: Das Leben als literarisches Projekt. Über biographisches Schreiben aus poetischer und literaturtheoretischer Perspektive (S. 1–27).Google Scholar
  8. 8.
    Zur Biographik in einzelnen Epochen u. a.: Berschin, Walter (Hg.): Biographie zwischen Renaissance und Barock. Zwölf Studien. Heidelberg 1993; Böschenstein, Hermann: Der neue Mensch. Die Biographie im deutschen Nachkriegsroman. Heidelberg 1958; Braune-Steiniger, Wolfgang: Das Fremde im Eigenen. Zur lyrischen Biographie der achtziger Jahre. In: Lothar Jordan, Winfried Ubesler (Hg.): Lyrikertreffen Münster. Gedichte und Aufsätze 1987–1989–1991. Bielefeld 1993, S. 250–271; Buck, August (Hg.): Biographie und Autobiographie in der Renaissance. Wiesbaden 1983; Dörfelt, Thomas: Autoren mittelhochdeutscher Dichtung in der literarischen Biographik der siebziger Jahre. Göppingen 1989; Fohrmann, Jürgen (Hg.): Lebensläufe um 1800. Tübingen 1998; Gradmann, Christoph: Historische Belletristik. Populäre historische Biographien in der Weimarer Republik. Frankfurt/M. 1993; Hahn, Barbara: Der nahe Andere und das ferne Ich. Eine Skizze zu biographischen und autobiographischen Texten von Frauen aus der Weimarer Republik. In: Feministische Studien, 1985, H. 2, S. 54–61; Kucher, Primus-Heinz: Narzißtische Lust am Biographischen? Selbst- und Wirklichkeitserfahrung in der österreichischen Gegenwartsliteratur nach Ingeborg Bachmann und Jean Améry. In: Friedbert Aspetsberger (Hg.): Neue Bärte für die Dichter. Studien zur österreichischen Gegenwartsliteratur. Wien 1993, S. 111–130; Schmidt, Ulrich: Zwischen Aufbruch und Wende. Lebensgeschichte der sechziger und siebziger Jahre. Tübingen 1993; Sparn, Walter (Hg.): Wer schreibt meine Lebensgeschichte? Biographie, Autobiographie, Hagiographie und ihre Entstehungszusammenhänge. Gütersloh 1990; Uecker, Heiko: Romanbiographien der 1980er Jahre. Eine Zusammenfassung. In: Kurt Braunmüller, Morgens Brønstedt: Deutsch-nordische Begegnungen. Odense 1991, S. 206–213.Google Scholar
  9. 9.
    Zur Konjunktur bzw. Kritik der Biographik im Kontext sich wandelnder literaturwissenschaftlicher Methoden vgl. Scheuer 1995. — Zur Entwicklung und zu Methodenfragen der biographischen Quellenforschung vgl. Golz, Jochen (Hg.): Edition von autobiographischen Schriften und Zeugnissen zur Biographie. Tübingen 1995 (Beihefte zu Editio; Bd. 7); darin vor allem: Dedner, Burghard: Der autobiographische und biographische Text als literarische Quelle. Oberlins Bericht »Herr L…« und Büchners »Lenz« (S. 218–227); Riclefs, Ulfert: Leben und Schrift. Autobiographische und biographische Diskurse. Ihre Intertextualität in Literatur und Literaturwissenschaft (Edition). In: Editio 9, 1995, S. 37–62. — Zur Notwendigkeit, die »Differenz von biographischer und intertextueller Lesart ernst zu nehmen und die Grenzen wie die Übergänge […] philologisch exakt zu reflektieren«, insbesondere angesichts moderner »germanistische[r] Trivialmyth[en]« vgl. den sehr überzeugenden Beitrag von Marlies Janz: Text und Biographie in der Diskussion um Celan — Bachmann. In: Andrei Corbea-Hoisie (Hg.): Paul Celan. Biographie und Interpretation/Biographie et interprétation. Konstanz, Paris, Iaşi 2000, S. 60–68.Google Scholar
  10. 10.
    Nahezu alle großen Publikumsverlage bringen oder brachten biographische Reihen heraus; seit Oktober 1999 erscheint überdies auf dem Zeitschriftenmarkt das Magazin Biografie mit dem Untertitel »Menschen erleben!«Google Scholar
  11. 11.
    Bourdieu, Pierre: Die biographische Illusion. In: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 1990, H. 1, S. 75–81 (zuerst in: Actes de la recherche en science sociales 62/63, 1986, S. 69–72).Google Scholar
  12. 12.
    Dies gilt vor allem für den französischen und den deutschsprachigen Raum, während die Biographie im angelsächsischen Bereich ein deutlich höheres Ansehen genießt. Vgl. Fuëß, Roderich: Der neuralgische Punkt. Notizen zur Rolle des Geschichtlichen in Biographie und Roman. In: Sprache im technischen Zeitalter 31, 1993, H. 125, S. 68–96; hier S. 92 f. (Exkurs: Deutsche und angelsächsische Biographien). Zum fortdauernden Interesse auch an der Verständigung über die künstlerischen Aspekte des Verfassens von Biographien vgl. etwa die Dokumentation einer Biographie-Tagung im British Council in Paris in: Franco-British Studies 24/25, 1998; außerdem: Hamilton, Nigel: A Defence of the Practice of Biography. In: Contemporary British History 10, 1996, H. 4, S. 81–87; Gelderman, Carol: Ghostly Doubles: Biographer and Biographee. In: The Antioch Review 54, 1996, H. 3, S. 328–336; Meyers, Jeffrey: The Spirit of Biography. Ann Arbor, London 1989; Pinsker, Sanford: Literary Biographers. Looking Over Their Shoulders. In: The Georgia Review 52, 1998, H. 2, S. 362–374; Rollyson, Carl: Biography as a Genre. In: Choice/Monthly 35, 1997, H. 2, S. 249–258.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. das Kapitel »Die Biographie als Anathema« in: Weigel, Sigrid: Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses. Wien 1999, S. 294–351.Google Scholar
  14. 14.
    Bourdieu 1990, S. 80.Google Scholar
  15. 15.
    Raulff, Ulrich: Inter lineas oder Geschriebene Leben. In: Ders.: Der unsichtbare Augenblick. Zeitkonzepte in der Geschichte. Göttingen 1999, S. 118–142.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Raulff, Ulrich: Wäre ich Schriftsteller und tot … Vorläufige Gedanken über Biographik und Existenz. In: Hartmut Böhme, Klaus R. Scherpe (Hg.): Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle. Reinbek bei Hamburg 1996, S. 187–204.Google Scholar
  17. 17.
    Raulff 1999, S. 132.Google Scholar
  18. 18.
    Raulff 1999, S. 142.Google Scholar
  19. 19.
    Raulff 1999, S. 139.Google Scholar
  20. 20.
    Zum Verhältnis von Biographie und Autobiographie vgl. Grimm, Reinhold/Hermand, Jost (Hg.): Vom Anderen und vom Selbst. Beiträge zu Fragen der Biographie und Autobiographie. Königstein Ts. 1982; Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Frankfurt/M. 1994, S. 14 f.; Šlibar, Neva: Biographie, Autobiographie — Annäherungen, Abgrenzungen. In: Michaela Holdenried (Hg.): Geschriebenes Leben. Autobiographik von Frauen. Berlin 1995, S. 390–401; Holdenried, Michaela: Im Spiegel ein anderer. Erfahrungskrise und Subjektdiskurs im modernen autobiographischen Roman. Heidelberg 1991.Google Scholar
  21. 21.
    Frevert, Ute: Verdichtete Erfahrungen. Ulrich Raulffs Reflexionen über historische Zeitkonzepte. In: Die ZEIT, 29. 12. 1999.Google Scholar
  22. 22.
    Raulff 1999, S. 132.Google Scholar
  23. 23.
    Offenbar aus aktuellem Anlaß wählt Raulff als Beleg für seine Auffassung das Beispiel des SS-Offiziers Hans Schneider, der sich nach dem Krieg als Hans Schwerte eine neue Identität ›erfand‹. Zur Herausforderung dieses und anderer Fälle für Biographie und Literaturwissenschaft vgl. Seibt, Gustav: Kann eine Biographie ein Werk zerstören? Bemerkungen zu de Man, Jauß, Schwerte und Hermlin. In: Merkur 52, 1998, H. 3, S. 215–226.Google Scholar
  24. 24.
    Reulecke, Anne-Kathrin: »Die Nase der Lady Hester«. Überlegungen zum Verhältnis von Biographie und Geschlechterdifferenz. In: Röckelein (Hg.) 1993, S. 117–142. — Die existierenden frühen Biographien über Frauen definieren bekanntlich ihr eigenes Forschungsobjekt in der Regel unter dem Aspekt sekundären Interesses; im Zentrum steht häufig die Beziehung zwischen der biographierten Frau und einem ›großen‹ Mann.Google Scholar

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