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Wotan

Der Gott als Politiker
  • Udo Bermbach
Chapter

Zusammenfassung

Im Januar 1854 schreibt Wagner an August Röckel, seinen wegen Beteiligung am Dresdner Aufstand von 1849 im Zuchthaus Waldheim einsitzenden, engsten Freund, einen sehr langen Brief, der sich in weiten Passagen wie ein Kommentar zum entstehenden Ring und der ihm zugrunde liegenden Weltanschauung liest. Nach Ausführungen, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Natur, mit Freiheit, Liebe und Egoismus als anthropologischen Phänomenen befassen, kommt Wagner plötzlich auf Robespierre, den Theoretiker und terroristischen Praktiker der Französischen Revolution von 1789, zu sprechen. »Dieser Typus« — heißt es da — »ist mir eben so höchst unsympathisch, weil ich in den nach ihm gearteten Individualitäten nicht eine Ahnung von dem eigentlichen Inhalte des Strebens der Menschheit seit ihrer Entartung von der Natur entdecken kann. Das Tragische Robespierre’s besteht eigentlich in der Unglaublichen Jämmerlichkeit, mit der dieser Mensch, am Ziele seiner Machtbestrebungen, gänzlich ohne Wissen davon dastand, was er denn nun eigentlich mit dieser Macht anfangen soll. Er wird nur tragisch, weil er dies selbst eingesteht, und weil er an der Unfähigkeit, etwas zu machen, etwas Beglückendes in das Leben zu rufen, zu Grunde ging. Ich finde daher, daß es sich mit ihm gerade umgekehrt so verhält, wie Du es auffassest: ihm war nicht ein hoher Zweck bekannt, um dessen Erreichung willen er zu schlechten Mitteln griff; sondern um den Mangel eines solchen Zweckes, um seine eigene Inhaltslosigkeit zu decken, griffer zu dem ganzen scheußlichen Guillotinenapparat; denn es ist erwiesen, daß die ›terreur‹ als reines Regierungs- und Behauptungsmittel, ohne alle eigentliche Leidenschaft, aus rein politischen — d. h. ehrgeizig, selbstsüchtigen Gründen gehandhabt wurden.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Richard Wagner, Brief an August Röckel vom 25./26. Januar 1854, in: Sämtliche Briefe, hg. im Auftrage der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth von Hans-Joachim Bauer und Johannes Forner, Leipzig 1986, Bd. VI, S. 66.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu ausführlich Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, Frankfurt/M. 1994, S. 57 ff.Google Scholar
  3. 5.
    Zur Quellen- und Literaturgrundlage für den Ring siehe u. a.: Volker Mertens, Richard Wagner und das Mittelalter, in: Ulrich Müller/Peter Wapnewski (Hg), Richard-Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986, S. 19 ff.Google Scholar
  4. Ulrich Müller unter Mitwirkung von Oswald Panagl, Die mittelalterlichen Quellen zu Richard Wagners Ring-Dichtung — eine Dokumentation, in: Bayreuther Programmhefte II (Das Rheingold) 1988, S. 15 ffGoogle Scholar
  5. Ulrich Müller, Die mittelalterlichen Quellen zu Richard Wagners Ring-Dichtung: Kommentare und Thesen, in: Bayreuther Programmhefte III (Die Walküre) 1988, S. 67 ffGoogle Scholar
  6. William O. Cord, The Teutonic Mythology of Richard Wagner’s TheRing of the Nibelung, 4 Bde., Lewiston/ Queenstone 1989 ff.Google Scholar
  7. Elizabeth Magee, Richard Wagner and the Nibelungs, Oxford 1990Google Scholar
  8. Peter Wapnewski, Weißt Du wie das wird …? Richard Wagner Der Ring des Nibelungen, München 1995, S. 37 ff.Google Scholar
  9. 6.
    Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Nachdruck der 4. Auflage von 1875/78, Graz 1968, Bd. I, S. XXXVIII (Vorrede von 1854).Google Scholar
  10. 9.
    Vgl. Wolfgang Golther, Handbuch der germanischen Mythologie, Leipzig 1895.Google Scholar
  11. 12.
    Zu den musikalischen Charakterisierungen Wotans, zu den für ihn bestimmenden Motiven und Motiwerflechtungen, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, vgl. Carl Dahlhaus, Richard Wagners Musikdramen, Zürich 1985Google Scholar
  12. Hans-Joachim Bauer, Richard Wagner, Stuttgart 1992, bes. S. 247 ff.Google Scholar
  13. sowie Julius Burghold (Hg), Richard Wagner. Der Ring des Nibelungen, Mainz/München 1994.Google Scholar
  14. 14.
    So Dieter Schickling, Abschied von Walhall. Richard Wagners erotische Gesellschaft, Stuttgart 1983, S. 50.Google Scholar
  15. 17.
    Robert Donington, Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole, Stuttgart 1976, S. 42.Google Scholar
  16. 19.
    Dazu Herfried Münkler, Macht durch Verträge. Wotans Scheitern in Wagners Ring, in: Michael Th. Greven/Herfried Münkler/Rainer Schmalz-Bruns (Hg), Bürgersinn und Kritik. Festschrift für Udo Bermbach zum 60. Geburtstag, Baden-Baden 1998, S. 377.Google Scholar
  17. 33.
    Richard Wagner, Brief an August Röckel 25./26. Januar 1854, S. 69.Google Scholar
  18. 35.
    Vgl. dazu meinen Beitrag: »Der Welt melden Weise nichts mehr.« Zum Inszenierungskonzept des neuen Bayreuther Ring in: Udo Bermbach/Hermann Schreiber (Hg), Götterdämmerung. Der neue Bayreuther Ring, Berlin 2000, S. 17 ff.Google Scholar
  19. 38.
    Richard Wagner, Brief an August Röckel, 25./26. Januar 1854, S. 68.Google Scholar
  20. 46.
    Vgl. dazu Udo Bermbach, Scheitern durch Liebe. Über einen Aspekt bei Richard Wagners Frauengestalten, in: derselbe, Wo Macht ganz auf Verbrechen ruht. Politik und Gesellschaft in der Oper, Hamburg 1997, S. 271 ff.Google Scholar
  21. 51.
    Zum Verhältnis von Wotan und Brünnhilde vgl. Sabine Zurmühl, Leuchtende Liebe, lachender Tod. Zum Tochter-Mythos Brünnhilde, München 1984.Google Scholar
  22. Dieselbe: Brünnhilde — Tochter im Tode im Leben. Eine feministische Interpretation, in: Udo Bermbach (Hg), In den Trümmern der eignen Welt. Richard Wagners Der Ring des Nibelungen, Berlin/Hamburg 1989, S. 181 ff.Google Scholar
  23. 63.
    Cosima Wagner, Die Tagebücher, Bd. II 1878 — 1883, ediert und herausgegeben von Martin-Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München/Zürich 1977, S. 692 f. (16. Februar 1881).Google Scholar
  24. 68.
    Richard Wagner, Heldentum und Christentum, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen, Leipzig 1907, Bd. 10, S. 284.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

Authors and Affiliations

  • Udo Bermbach

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