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»Lebte er, — er wäre heute in Amerika«

Thomas Manns Nietzsche-Bild 1933 bis 1947
  • Norbert Rath
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Zusammenfassung

Der Versuch, etwas zum Nietzsche-Bild Thomas Manns zu sagen, setzt sich leicht dem Verdacht aus, ein bereits abgegrastes Feld der Forschung noch einmal aufzusuchen. Zum Thema ›Nietzsche im Werke Thomas Manns‹, auch zu ›Nietzsche und der Faustus-Roman‹ ist bereits eine Reihe von Publikationen erschienen.2 Weniger im Zentrum der Forschung steht bisher die Frage, in welchem Zusammenhang der Wandel politischer Optionen bei Thomas Mann mit Veränderungen seines Nietzsche-Bildes steht.3

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Anmerkungen

  1. 1.
    Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1970, S. 26f.Google Scholar
  2. 2.
    Eine unvollständige Auswahl: Elrud Kunne-Ibsch, Die Nietzsche-Gestalt in Thomas Manns »Doktor Faustus«; in: Neophilologus 53, 1969, S. 176–189; Peter Pütz, Thomas Mann und Nietzsche; in: Pütz (Hrsg.), Thomas Mann und die Tradition, Frankfurt am Main 1971, S. 235–249; Liisa Saariluoma, Nietzsche als Roman. Über die Sinnkonstituierung in Thomas Manns »Doktor Faustus«, Tübingen 1996; Christoph Schmidt, Ehrfurcht und Erbarmen. Thomas Manns Nietzsche-Rezeption 1914 bis 1947, Trier 1997 (Dissertation Wuppertal 1996).CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Eine Ausnahme: Sung-Hyun Jang, Nietzsche-Rezeption im Lichte des Faschismus: Thomas Mann und Menno ter Braak, Hildesheim usw. 1994.Google Scholar
  4. 4.
    Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, hrsg. von R. Tiedemann u. a., Bd. 20.2, Frankfurt am Main 1986, S. 467–472, hier S. 471f.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Ernst Bertram, Nietzsche: Versuch einer Mythologie, Berlin 41920. — Dieser Einfluß wird u. a. im Briefwechsel Bertrams mit seinem Freund Glöckner deutlich. Vgl. Inge und Walter Jens, Betrachtungen eines Unpolitischen: Thomas Mann und Friedrich Nietzsche; in: Konrad Gaiser (Hrsg.), Das Altertum und jedes neue Gute, [Festschrift] für Wolfgang Schadewaldt, Stuttgart usw. 1970, S. 237–256: »Thomas Manns Nietzsche [von 1918], jene reformatorische, von Lutherschem Erbe und Dürerschem Meistertum gleichermaßen gespeiste Erscheinung [ist] weit mehr eine Figur Ernst Bertrams als eine genuine Gestalt des Poeten« (S. 240f., vgl. auch S. 239). — Zur mythisierenden und zugleich aktualisierenden Nietzsche-Deutung Bertrams und Thomas Manns 1918 vgl. Steven E. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults, Stuttgart-Weimar 1996, S. 151–156.Google Scholar
  6. 7.
    I. u. W. Jens (Anm. 5), S. 243. Vgl. auch ebenda, S. 240: »Nein, nicht Gelehrsamkeit, sondern ›höhere Kopistenkunst‹ ist es, die, wie so viele andere Bücher Thomas Manns, auch die ›Betrachtungen‹ auszeichnet.« — Zur Bedeutung des Bertramschen Nietzschebuches noch für den »Faustus«-Roman, für den das Wort von der »höheren Kopistenkunst« ebenfalls auf weite Strecken zutrifft, vgl. Bernhard Böschenstein, Ernst Bertrams »Nietzsche«: Eine Quelle für Thomas Manns »Doktor Faustus«; in: Euphorion 72, 1978, S. 68–83.Google Scholar
  7. 8.
    Vgl. Friedrich Wilhelm Graf, Genug aber jetzt der Flitterwochen! Ein verschollener Text von Thomas Mann aus dem Jahre 1919: Aufruf des Dichters zu Vernunft, Würde und Arbeit; in: FAZ, Nr. 16 vom 20. Januar 1994, S. 29; vgl. dort etwa den Satz: »Es ist gegenwärtig Aufgabe des deutschen Volkes, die Gefahren abzuwenden, die nicht nur seiner eigenen Zukunft, sondern der Zukunft der ganzen Welt aus dem triumphalen und unbegrenzten Sieg seiner Feinde erwachsen.«Google Scholar
  8. 13.
    Vgl. Jürgen Hillesheim, Die Welt als Artefakt. Zur Bedeutung von Nietzsches »Der Fall Wagner« im Werk Thomas Manns, Frankfurt am Main usw. 1989 (Diss. Mainz 1989), S. 3. Hillesheim macht deutlich, daß Thomas Mann immer wieder den »Fall Wagner« als ›Zitatsteinbruch‹ nutzt und daß in Roman-Kontexte montierte Kategorien aus dieser Schrift ihm zur »epischen Integration der Philosophie Arthur Schopenhauers« dienen (S. 187).Google Scholar
  9. 14.
    Vgl. Heinz Winfried Sabais, Thomas Mann in Weimar. Ein Bericht; in: Sabais, Fazit. Gedichte und Prosa, ausgewählt von K. Krolow und E. Born, Darmstadt 1982, S. 94–120.Google Scholar
  10. 15.
    Tagebucheintragung vom 13. Februar 1935; vgl. H. R. Vaget, ›Im Schatten Wagners‹. Thomas Mann über Richard Wagner. Texte und Zeugnisse 1895–1955, Frankfurt am Main 1999; dazu D. Borchmeyer, Der doppelte Segen Jakobs. Enthusiastische Ambivalenz: Thomas Mann über Richard Wagner; in: FAZ, Nr. 204 vom 3. September 1999, S. 42. — Vgl. weiter Heinz Gockel u. a. (Hrsg.), Wagner — Nietzsche — Thomas Mann: Festschrift für Eckhard Heftrich, Frankfurt am Main 1993.Google Scholar
  11. 16.
    Alfred Baeumler, Nietzsche, der Philosoph und Politiker, Leipzig 31937 (11931) — ein Buch, das Thomas Mann noch zur Vorbereitung seines Nietzsche-Essays von 1947 herangezogen hat, auch wenn er es als ›feindlich‹ betrachtete. — Vgl. zur nach kurzem Kontakt wachsenden Distanz zwischen Baeumler und Thomas Mann die (parteiische) Einleitung von Marianne Baeumler in: M. Baeumler/H. Brunträger/H. Kurzke, Thomas Mann und Alfred Baeumler. Eine Dokumentation, Würzburg 1989. — Jang (Anm. 3) urteilt, daß Baeumler die Philosophie Nietzsches »zu einem der nationalsozialistischen Weltanschauung dienenden Mythos umdeutete« (S. 61).Google Scholar
  12. 17.
    Georg Lukács, Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Asthetik (1934); in: Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin 1954, S. 314: «Es gibt kein einziges Motiv der faschistischen Philosophie und Ästhetik, deren Quelle nicht in erster Linie bei Nietzsche zu finden wäre.«Google Scholar
  13. 18.
    Vgl. zu Benns opportunistischen Wendemanövern 1933/34 die sehr detailfreudige und aufschlußreiche Darstellung von Klaus Theweleit, Buch der Könige, Band 2x: Orpheus am Machtpol, Basel/Frankfurt am Main 1994, S. 434ff. — Gesondert zu untersuchen wäre das Verhältnis von Nietzscheanismus und (zeitweiliger) Vorliebe für extreme politische Optionen in bezug auf Ernst Jünger, Carl Gustav Jung und Carl Schmitt.Google Scholar
  14. 20.
    Thomas Mann, Essays, Bd. 6: Meine Zeit 1945–1955, hrsg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, Frankfurt am Main 1997 (11947), S. 89.Google Scholar
  15. 21.
    Vgl. Heinrich Härtle, Nietzsche und der Nationalsozialismus, München (Zentralverlag der NSDAP) 1937. — Sehr informativ zur Thematik insgesamt Aschheim (Anm. 5), Kap. 8: Nietzsche im Dritten Reich, S. 251–291, und Kap. 9: Der Nationalsozialismus und die Debatte um Nietzsche — Kulturkritik, Ideologie und Geschichte, S. 292–328; dort zu Härtle: S. 272.Google Scholar
  16. 23.
    Vgl. Eugen Biser, Gottsucher oder Antichrist? Nietzsches provokative Kritik des Christentums, Salzburg 1982.Google Scholar
  17. 25.
    Dieses Kapitel, entstanden 1940/41, gab Adorno Thomas Mann im Manuskript zur Lektüre; vgl. Thomas Mann, Die Entstehung des Doktor Faustus, Roman eines Romans (1949); in: Mann, Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie, Bd. 3, hrsg. von Hans Bürgin, Frankfurt am Main und Hamburg 1968, S. 108: «Hier war in der Tat etwas ›Wichtiges‹. Ich fand eine artistisch-soziologische Situationskritik von größter Fortgeschrittenheit, Feinheit und Tiefe, welche die eigentümlichste Affinität zur Idee meines Werkes, zu der ›Komposition‹ hatte, in der ich lebte, an der ich webte. In mir entschied es sich: ›Das ist mein Mann.‹« — Vgl. auch Hansjörg Dörr, Thomas Mann und Adorno: Ein Beitrag zur Entwicklung des »Doktor Faustus«; in: Rudolf Wolff (Hrsg.), Thomas Manns »Doktor Faustus« und die Wirkung, 2. Teil, Bonn 1983, S. 48–91.Google Scholar
  18. 26.
    Vgl. Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde, Frankfurt am Main und Hamburg 1967, S. 238ff., wo eine der Teufelsgestalten in der Gestalt Adornos erscheint als »ein Intelligenzler, der über Kunst, über Musik, für die gemeinen Zeitungen schreibt, ein Theoretiker und Kritiker, der selbst komponiert, soweit eben das Denken es ihm erlaubt« (S. 239). Auf die Ähnlichkeiten mit Adornos Thesen hat als einer der ersten Hans Mayer (Thomas Mann. Werk und Entwicklung, Berlin 1950) hingewiesen. Vgl. dazu Norbert Rath, Adornos Kritische Theorie, Paderborn usw. 1982, S. 80–83.Google Scholar
  19. 27.
    Vgl. zur Nietzsche-Rezeption in der Kritischen Theorie: Norbert Rath, Zur Nietzsche-Rezeption Horkheimers und Adornos; in: W. van Reijen/G. Schmid Noerr, Vierzig Jahre Flaschenpost: »Dialektik der Aufklärung« 1947 bis 1987, Frankfurt am Main 1987, S. 73–110.Google Scholar
  20. 30.
    Vgl. Ehrhard Bahr, »Identität des Nichtidentischen«: Zur Dialektik der Kunst in Thomas Manns »Doktor Faustus« im Lichte von Theodor W. Adornos »Ästhetischer Theorie«; in: Thomas Mann Jahrbuch 2, 1989 S. 102–120, mit der These, daß Thomas Mann im »Doktor Faustus« seine nietzscheanische Entgegensetzung von Kunst und Leben unter dem Einfluß Adornos zu einem eher dialektischen Kunstbegriff erweitert habe. Vgl. auch (im Anschluß an Bahr) Jang (Anm. 3), S. 146: »Der ›Doktor Faustus‹ stellt eine implizite Kritik an Nietzsche und seiner Kunstauffassung und Philosophie dar«.Google Scholar
  21. 31.
    Vgl. z.B. Jürgen Jung, Altes und Neues zu Thomas Manns Roman »Doktor Faustus«, Frankfurt am Main usw. 1985, S. 132, 138f. und öfter. — Thomas Mann wären solche Auflistungen sicherlich nicht recht gewesen. Es gibt einige nach verletzter Künstler-Eitelkeit klingende briefliche Äußerungen von Thomas Mann: »Mit der Entstehung [des ›Doktor Faustus‹, 1949] habe ich einen recht starken Scheinwerfer auf ihn [Adorno] gerichtet, in dessen Licht er sich in nicht ganz angenehmer Weise bläht, so daß es bei ihm nachgerade ein wenig so herauskommt, als habe eigentlich er den ›Faustus‹ geschrieben.« So im Brief an J. Lesser vom 15. Oktober 1951, publiziert in: Mann, Briefe 1948–1955 und Nachlese, hrsg. von Erika Mann, Frankfurt am Main 1965, S. 226; vgl. auch die Briefe an Erika Mann vom 6. November 1948 (ebenda, S. 55f.) und an A. M. Frey vom 19. Januar 1952 (ebenda, S. 240).Google Scholar
  22. 34.
    »Natürlich hat die Zusammenstellung Nietzsches mit Wilde etwas fast Sakrilegisches, denn dieser war ein dandy, der deutsche Philosoph aber etwas wie ein Heiliger des Immoralismus. Und doch gewinnt durch das mehr oder weniger gewollte Märtyrertum seines Lebensendes, das Zuchthaus von Reading, Wildes dandyism einen Anflug von Heiligkeit, der Nietzsches ganze Sympathie erweckt hätte.« (S. 73) Vielleicht hat Thomas Mann auch in Nietzsche einen Märtyrer der tabuierten Homosexualität gesehen. Dieser Gedanke scheint wie ein Subtext hinter manchen Passagen zu stehen, vgl. Essays, Bd. 6 (Anm. 20), S. 73, 82, 87. — Zum Thema der sexuellen Orientierung Nietzsches vgl. Joachim Köhler, Zarathustras Geheimnis. Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft, Nördlingen 1989.Google Scholar
  23. 36.
    Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen (1918). Politische Schriften und Reden, hrsg. von Hans Bürgin, Bd. 1, Frankfurt am Main — Hamburg 1968, S. 61.Google Scholar
  24. 39.
    Vgl. aus einer Rede vom 15. Oktober 1924 zu Nietzsches 80. Geburtstag die Passage: »Dies ist er uns: ein Freund des Lebens, ein Seher höheren Menschentums, ein Führer in die Zukunft, ein Lehrer der Überwindung all dessen in uns, was dem Leben und der Zukunft entgegensteht, das heißt des Romantischen. Denn das Romantische ist das Lied des Heimwehs nach dem Vergangenen, das Zauberlied des Todes, und das Phänomen Richard Wagner […] war kein anderes als das paradoxe und ewig interessante Phänomen welterobernder Todestrunkenheit.« (Vorspruch zu einer musikalischen Nietzschefeier; in: Mann, Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie, hrsg. von Hans Bürgin, Bd. 1, Frankfurt am Main — Hamburg 1968, S. 236.)Google Scholar

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  • Norbert Rath

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