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Nietzsche und Borges

  • Monika Schmitz-Emans
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Zusammenfassung

Jorge Luis Borges beschreibt in seiner Erzählung »Die Bibliothek von Babel« ein Universum aus Büchern und dessen Bewohner. Diese verstehen die Welt, in der sie leben, zwar nicht, bemühen sich aber unablässig darum, sie zu durchschauen. Unermüdlich und mit einem Bienenfleiß, auf den die wabenartige Struktur ihrer Behausungen ironisch anspielt, formulieren sie Hypothesen über die Beschaffenheit ihres Universums. Ihre metaphysische Phantasie erscheint dabei als Kompensation ihrer Ahnungs- und Hilflosigkeit: Da die Babylonier den Dingen nicht auf den Grund zu gehen wissen, erdenken sie hypothetische Gründe; da sie die konstitutiven Gesetze des Universums nicht kennen, beschreiben sie es mittels erdachter Gesetzlichkeiten. So wird in der Erzählung ein ganzer Katalog von »Metaphysiken« aufgeblättert, die miteinander um den Status eines Welt-Erklärungsmodells konkurrieren. Die philosophisch-metaphysischen Systeme der Babylonier erinnern dabei an Weltmodelle der abendländischen Philosophie und Theologie, an Theorien über den Grund der Welt, die Ordnung der Dinge, die Gesetze des Seins und den höchsten Schöpfer und Weltenlenker, an Theorien über den Sinn der Welt und der Existenz des Menschen. Keine der Lehren von Babel bestätigt sich, keine läßt eine Bestätigung auch nur zu. Es bleibt bei Hypothesenbildungen ohne die Chance einer Verifikation.1

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Anmerkungen

  1. 3.
    Jorge Luis Borges, Sämtliche Erzählungen. Übers. von Karl August Horst, Eva Hessel und Wolfgang Luchting, München 1970, S. 198. Die Übersetzung in der Werkausgabe von 1981 ist abweichend: »Die Bibliothek ist unbegrenzt und zyklisch.« (E 1, S. 154) Im Original heißt es: »La Biblioteca es ilimitada y periódica.« (Obras completas, La Biblioteca de Babel, S. 95)Google Scholar
  2. 11.
    Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Dt. von Ulrich Köppen, Frankfurt am Main 1974, S. 17: «Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. […] Dieser Text zitiert ›eine gewisse chinesische Enzyklopädie‹, in der es heißt, daß ›die Tiere sich wie folgt gruppieren; a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden), k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, 1) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.‹« (Jorge Luis Borges, Die analytische Sprache von John Wilkins; in: Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur, München 1966, S. 212.)Google Scholar
  3. 22.
    KGW VI, 2, S. 25; vgl. dazu Ernst Behler, Derrida — Nietzsche/Nietzsche — Derrida, Paderborn 1988, S. 99.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Monika Schmitz-Emans

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