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Motivation und Performation: das Bühnenlied als Paradigma drameninhärenter Musik

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Zusammenfassung

Die Motivation von Musik war eine zentrale Kategorie der Dialogoper, allerdings auch ihr größtes Problem. Insbesondere die Ästhetik der Gattung fußte in erster Linie auf dem Postulat, daß Musik innerhalb eines gesprochenen Kontextes motiviert werden müsse. Stärker noch als die französische Ästhetik hatte das deutsche Singspiel diese Problematik zu einem zentralen Punkt seiner Theorie gemacht. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die ersten Singspiel-Autoren wenig dramaturgisches Gespür für dieses Problem erkennen ließen. Der hohe Anteil von („unmotivierten“) Liedern in den Singspielen Hillers mag dies bezeugen. Die von Reichardt erhobene Forderung, daß im Singspiel „nur da gesungen werden müßte, wo die Leidenschaft so hoch gestiegen, daß Worte sie nicht mehr ausdrücken“ können, war natürlich ein Ideal, von dem Reichardt selbst wußte, daß es nicht immer einzulösen war. Demgegenüber hatte schon Goethe die „Lieder, von denen man supponieret, daß der Singende sie irgendwo auswendig gelernt“ habe, als primäre Kategorie von Singspiel-Musik namhaft gemacht.1 Goethe sah folglich im Bühnenlied einen genuinen Nummerntyp der Gattung. Angesichts des hohen Anteils von Liedern, die nicht nur für das frühe Singspiel konstitutiv waren, sondern auch im Wiener romantischen Singspiel (wieder) in vielfältiger Weise in Erscheinung traten, stellt sich die Frage nach der wechselseitigen Beziehung von (Bühnen-)Lied und Motivation von Musik.

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Notizen

  1. 2.
    Zu Goethes Die Fischerin vgl. die instruktive Analyse bei Holtbernd, der die Dramaturgie dieses Singspiels aufgrund der Dominanz von (narrativen) Liedern als „balladesk“ interpretiert. Vgl. Benedikt Holtbernd, Die dramaturgischen Funktionen der Musik in den Schauspielen Goethes (Bochumer Schriften zur deutschen Literatur 34), Frankfurt a.M. u.a. 1992, S.91–104.Google Scholar
  2. 3.
    „Unter hohen Erlen am Flusse stehen zerstreute Fischerhütten. Es ist Nacht und stille. An einem kleinen Feuer sind Töpfe aufgesetzt, Netze und Fischergeräte ringsumher aufgestellt.“ Johann Wolfgang Goethe, Singspiele, hrsg. von Hans-Albrecht Koch, Stuttgart 1974, S.168.Google Scholar
  3. 5.
    Zur Klassifizierung nach musikalischen Aspekten vgl. Sieghart Döhring, Formgeschichte der Opernarie vom Ausgang des achtzehnten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Itzehoe 1975, S.52–72.Google Scholar
  4. 6.
    E.T.A. Hoffmann, Zwölf Lieder alter und neuerer Dichter von W. F. Riem, in: Hoffmann, Schriften zur Musik. Singspiele, Berlin/Weimar 1988, S.248f.Google Scholar
  5. 12.
    Charlton benennt noch zwei weitere Schlüsselwerke: Pierre Alexandre Lévesque de La Ravalière, Les Poësies du roy de Navarre (1742) und Charles de Lusse, Recueil de romances historiques (1767). Vgl. David Charlton, The romance and its Cognates: Narrative, Irony and vraisemblance in early opéra comique, in: Herbert Schneider/Nicole Wild (Hrsg.), Die Opéra comique und ihr Einfluß auf das europäische Musiktheater im 19. Jahrhundert, Hildesheim 1997, S.45.Google Scholar
  6. 13.
    Rainer Gstrein, Art. Romanz/romance/Romanze, in: Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.), Handwörterbuch der musikalischen Terminologie, 16. Auslieferung, Stuttgart 1988/89, S.4.Google Scholar
  7. 24.
    Vgl. hierzu Jacques Gabriel Prod’homme, Les Œuvres de Schubert en France, in: Bericht über den internationalen Kongreß für Schubertforschung 1928, Augsburg 1929, S.89–109;Google Scholar
  8. W. Kahl, Schuberts Lieder in Frankreich bis 1840, in: Die Musik 21, 1927, S.22–31.Google Scholar
  9. 33.
    Vgl. Lieven D’hulst, La Ballade en France (1810–1830). Formation et évolution d’un genre instable (Katholieke Universiteit Leuven, Paper Nr.2), Leuven 1980, S.4.Google Scholar
  10. 35.
    Vgl. z.B. Charles Millevoye, Œuvres, Paris 1874, S.379.Google Scholar
  11. 36.
    Vgl. Rossana Dalmonte, La canzone nel melodramma italiano del primo Ottocento, in: Rivi-sta Italiana di Musicologia 10, 1975, S.252.Google Scholar
  12. 38.
    Der Funktionswandel, der für das narrative Genre mit dem Import englischer und deutscher Balladen verbunden war, kommt in einer Besprechung von Bürgers Lenore zum Ausdruck. Dort heißt es, die Romance solle künftig das Sentimentale verkörpern, während die Ballade nunmehr das Epische repräsentiert. Vgl. E. Géraud, Léonora, ballade traduite de l’allemand de Burgher, in: Annales de la Littérature et des Arts 27, 1827, S.447f. Zu den Übersetzungen deutscher Balladen vgl. Edmond Duméril, Lieds et ballades germaniques traduits en vers français. Essai de bibliographie critique, Paris 1934.Google Scholar
  13. 42.
    Entscheidenden Anteil daran hatten auch die Lyrik-Übersetzungen von Loève-Veimars, Ballades, légendes et chants populaires de l’Angleterre et de l’Ecosse par W. Scott, Th. Moore, Campbell et les andern poètes, Paris 1825. Vgl. hierzu Gottlieb Wüscher, Der Einfluß der englischen Balladenpoesie auf die französische Litteratur von Percy’s Reliques of Ancient Englisch Poetry bis De la Villemarque’s BarzazBreiz (1765–1840), Trogen 1891.Google Scholar
  14. 43.
    Ein eigenständiges Genre, das sich gleichermaßen vom nordischen Balladentyp als auch von der französischen Troubadour-Romanze absetzte, ist erst in Victor Hugos Odes et ballades zu beobachten. „Les pièces qu’il [l’auteur] intitule Ballades ont un caractère différent; ce sont des esquisses capricieux: tableaux, rêves, scènes, récits, légendes superstitueuses, traditions populaires. Victor Hugo, Œuvres poétiques, Bd. 1, Paris 1976, S.279.Google Scholar
  15. 45.
    Literaturwissenschaftliche Untersuchungen finden sich nur vereinzelt, z.B. William B. Johnson, La Romance française sous la Restauration (1815–1830), Diss. Paris 1952.Google Scholar
  16. 46.
    Henri Gougelot, La Romance française sous la Révolution et l’Empire, Melun 1938–1943, 4 Bde.Google Scholar
  17. 47.
    Gougelot, a.a.O., Bd.1, S.24–56. Vgl. hierzu auch Rainer Gstrein, Die vokale Romanze in der Zeit von 1750 bis 1850 (Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft 14), Innsbruck 1989, S.27–33.Google Scholar
  18. 52.
    Zum Revolutionslied vgl. Herbert Schneider, Der Formen- und Funktionswandel in den Chansons und Hymnen der Französischen Revolution, in: Reinhart Koselleck/Rolf Reichardt (Hrsg.), Die Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewußtseins, München 1988, S.421–478.Google Scholar
  19. 69.
    Die Zeitgenossen verhielten sich zu dieser Frage eher lakonisch. „Zwischen Romanzen und Balladen scheint durchaus kein wesentlicher Unterschied zu seyn; beide Benennungen entstanden sehr zufällig […] Eben so willkürlich und unbestimmt ist es, daß man sich bei Romanzen einen komischen und bei Balladen einen tragischen Inhalt und Vortrag zu denken pflegt.“ Johann Joachim von Eschenburg, Entwurf einer Theorie und Literatur der Schönen Wissenschaften, Berlin/Stettin 31805, S.188. Zur Darstellung des terminologischen Problems vgl. Christian Freitag, Ballade, Bamberg 1986, S.111–114;Google Scholar
  20. Gottfried Weißert, Ballade, Stuttgart 1980, S. 1–8; Rainer Gstrein, HmT, a.a.O., S.6f.Google Scholar
  21. 70.
    Zur Frühgeschichte sowie gattungstheoretischen Fragen vgl. Paul Holzhausen, Die Ballade und Romanze von ihrem ersten Auftreten in der deutschen Kunstdichtung bis zu ihrer Ausbildung durch Bürger, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 15, 1883, S.129–193, 297–344;Google Scholar
  22. Wolfgang Kayser, Geschichte der deutschen Ballade, Berlin 1936;Google Scholar
  23. Walter Hinck, Volksballade — Kunstballade — Bänkelsang, in: Albert Schaefer (Hrsg.), Weltliteratur und Volksliteratur, München 1972, S.80–101;Google Scholar
  24. Hartmut Laufhütte, Die deutsche Kunstballade. Grundlegung einer Gattungsgeschichte, Heidelberg 1979;Google Scholar
  25. Walter Müller-Seidel (Hrsg.), Balladenforschung, Königstein i.Ts. 1980;Google Scholar
  26. Adalbert Elschenbroich, Anfänge einer Theorie der Ballade im Sturm und Drang, in: Jahrbuch des Freien deutschen Hochstiftes, 1982, S.1–56.Google Scholar
  27. 71.
    Walter Hinck, Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung, Göttingen 1968/31978.Google Scholar
  28. 80.
    Zu den einzelnen Positionen vgl. zusammenfassend Gerhard Köpf, Die Ballade: Probleme in Forschung und Didaktik, Kronberg i.Ts. 1976, S.28f. sowie Weißert, a.a.O., S.58–70.Google Scholar
  29. 82.
    Vgl. hierzu Margret Ohlischläger, Die spanische Romanze in Deutschland, Diss. Freiburg 1926;Google Scholar
  30. Margret Staub, Die spanische Romanze in der Dichtung der deutschen Romantik, mit besonderer Berücksichtigung des Romanzenwerks von Tieck, Brentano und Heine, Diss. Hamburg 1970, S. 1–58.Google Scholar
  31. 83.
    [Christian Cajus Lorenz Hirschfeld, Hrsg.], Romanzen der Deutschen. Mit einigen Vorbemerkungen über die Romanze, Leipzig 1774/78. Die für unseren Untersuchungszeitraum relevanten Anthologien sind: Johann Gottfried Herder (Hrsg.), Volkslieder, Erster Theil, Leipzig 1778; Zweiter Theil, Leipzig 1779; Carl Friedrich Waitz (Hrsg.), Romanzen und Balladen der Deutschen, Altenburg/Erfurt 1799/1800; Christian Gottlieb Pinckvoß (Hrsg.), Herzergreifende Balladen und Romanzen deutscher Meistersänger, Hamburg 1824; Christian Friedrich Rassmann (Hrsg.), Romanzen und Balladen der neueren deutschen Dichter, Quedlinburg/Leipzig 1834; Ignaz Hub (Hrsg.), Deutschlands Balladen- und Romanzen-Dichter […], Karlsruhe 21849.Google Scholar
  32. 84.
    Vgl. hierzu auch Gudrun Busch, Von den Gleimschen Romanzen zur ersten deutschen „ro-mantisch-comischen“ Oper, in: Hans-Joachim Kertscher (Hrsg.), G. A. Bürger und J. W. L. Gleim (Hallesche Beiträge zur europäischen Aufklärung 3), Tübingen 1996, S.58–67.Google Scholar
  33. 85.
    Eine vergleichbare Tendenz zeichnete auch die spanische Kunstromanze im 16. Jahrhundert aus. Diese Parallele ist insofern bedeutsam, als die literarischen, sozialen, und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen dort gänzlich andere waren: Die Genese der Kunstromanze ging in Spanien von der Volksromanze aus. Vgl. Walter Falk, Die Anfänge der deutschen Kunstballade, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 44, 1970, S.670–686.CrossRefGoogle Scholar
  34. 92.
    Vgl. Wolf Frobenius, Ballade (Neuzeit), in: HmT, 15. Auslieferung, Stuttgart 1987/88, S.12.Google Scholar
  35. 93.
    August Friedrich Ursinus, Balladen und Lieder altenglischer und schottischer Dichtart, Hamburg 1777, hier zitiert nach Haucke Friedrich Wagener, Das Eindringen von Percys Reliques in Deutschland, Heidelberg 1897, S.34.Google Scholar
  36. 94.
    Vgl. hierzu Dieter Borchmeyer, Das Theater Richard Wagners, Stuttgart 1982, S.177–185.Google Scholar
  37. 97.
    Johann Wolfgang Goethe, Ballade. Betrachtung und Auslegung, in: Über Kunst und Altertum [1821], Goethes Werke (Sophienausgabe), Weimar 1902, Ser.I, Bd.41, 1, S.226f.Google Scholar
  38. 98.
    Michael von Albrecht, Goethe und das Volkslied (Quellen und Studien zur Musikgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart 4), 2. Auflage mit einer Bibliographie von Werner Schubert, Bern u.a. 1985, S. 123.Google Scholar
  39. 99.
    Goethe an Philipp Christoph Kayser, Brief vom 29. Dezember 1779, hier zitiert nach Hans-Albrecht Koch (Hrsg.), Johann Wolfgang Goethe, Singspiele, Stuttgart 1974, Nachwort, S.309.Google Scholar
  40. 101.
    Goethe an Zelter, 6.3. 1810, Briefwechsel Goethe-Zelter, hrsg. von Werner Pfister, Zürich/München 1987, S.75.Google Scholar
  41. 116.
    Hand erklärte diesen Balladen-Ton noch in den 1840er Jahren für verbindlich. „Der Gesang der Ballade muß fließend und in sich gebunden seyn. Auf der anderen Seite wird objective Anschaulichkeit verlangt und das Ganze darf nicht die Form der Erzählung verläugnen. Dieses gibt der Ballade einen declamatorischen Charakter, bei welchem melismatische Verzierungen und Wiederholungen ausgeschlossen bleiben; jenes läßt die Mittel benutzen, welche der Musik für objective Darstellung verliehen sind […]“. Ferdinand Hand, Ästhetik der Tonkunst, Leipzig 21847, Bd.2, S.544f.Google Scholar
  42. 127.
    Siegfried Goslich, Die deutsche romantische Oper, [Leipzig 1937] Tutzing 1975, S.233–266;Google Scholar
  43. Martin Ruhnke, Das Einlage-Lied in der Oper der Zeit von 1800 bis 1840, in: Heinz Becker (Hrsg.), Die „Couleur locale“ in der Oper des 19. Jahrhunderts, Regensburg 1976, S.75–97;Google Scholar
  44. Rossana Dalmonte, La canzone nel melodramma italiano del primo Ottocento, in: Rivista Ita-liana di Musicologia 10, 1975, S.230–313;Google Scholar
  45. Daniel Heartz, The Beginnings of the Operatic Romance: Rousseau, Sedaine, and Monsigny, in: Eighteenth-Century Studies 15, 1981/82, S.149–178;Rainer Gstrein, Die vokale Romanze, a.a.O., S.65–77;CrossRefGoogle Scholar
  46. Albert Gier, Volkslied und Bänkel-sang: Einlagelieder von Grétry bis Jacques Offenbach, in: Herbert Schneider/Nicole Wild (Hrsg.), Die Opéra comique und ihr Einfluß auf das europäische Musiktheater im 19. Jahrhundert, Hildesheim 1997, S. 169–180; David Charlton, The romance and its Cognates, a.a.O., S.43–92.Google Scholar
  47. 141.
    Diese Romance erlangte später in einem gänzlich anderen Zusammenhang Popularität, nämlich in Haydns Die Jahreszeiten (1801). Der Textdichter Gottfried van Swieten hatte das Lied -in seiner deutschen Übersetzung Ein Mädchen, das auf Ehre hielt- in den Winter übernommen. Vgl. Julien Tiersot, Le Lied Ein Mädchen, das auf Ehre hielt et ses prototypes français, in: Zeitschrift der Internationalen Musik-Gesellschaft 12, 1910–11, S.222–226.Google Scholar
  48. 150.
    Johann Christian Lobe, Lehrbuch der musikalischen Komposition, Bd.4: Die Oper, Leipzig 1867.Google Scholar
  49. 170.
    Vgl. hierzu Thomas Bauman, North German Opera in the Age of Goethe, Cambridge 1985.Google Scholar
  50. 171.
    Die Entführung aus dem Serail. Faksimile-Ausgabe zur Geschichte des Librettos […], hrsg. von Gerhard Croll und Ulrich Müller (Wort und Musik 16), Anif/Salzburg 1993, S.50ff. (Paginierung des Originals)Google Scholar
  51. 174.
    Vgl. Kunze, a.a.O., S.217ff.; zur Analyse dieser Nummer vgl. auch Manfred Hermann Schmid, Die Romanze des Pedrillo aus Mozarts Entführung, in: Wolfgang Gratzer/Andrea Lindmayr (Hrsg.), De Editione Musices. Festschrift Gerhard Croll zum 65. Geburtstag, Laa-ber 1992, S.305–314.Google Scholar

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