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Triangularisierung vs Selbstreferenz

  • Benjamin Marius Schmidt
Chapter

Zusammenfassung

Innerhalb der deutschen Geistesgeschichte zeichnen sich die 1790er — und hier: die literarischen und theoretischen Schriften Schillers und Schlegels — dadurch aus, dass in diesem Jahrzehnt erstmals in aller Deutlichkeit und Bewusstheit eine Problemlage in den Blick genommen wird, die als Spätprodukt einer reflexiv, d.h. auf sich selbst aufmerksam gewordenen Aufklärung, als Krise der paternalen Metaphorik im Zentrum der symbolischen Ordnung und als Symptombild des Sichtbarwerdens der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft in der Gesellschaft einen radikalen Umbruch in ihrem Glaubenskontext anzeigt. Dies ist es, was mit der ‚Gottesdämmerung‘ der 1790er gemeint war. Der Verlust des alten und die Unsicherheit über die Konturen des neuen Universums führt dazu, dass die Zeitgenossen des Übergangs mit janusköpfigem Blick rückwärts schauend ein Schwinden der Ordnung durch Triangularisierung wahrnehmen, vorwärts schauend eine Zunahme der Referenz auf Selbstreferenz. Die stürmische intellektuelle Entwicklung in der deutschen Klassik und Frühromantik hat ihre fundamentale Einheit darin, dass sie auf diese Situation als Grundproblematik bezogen ist. Und die erstaunliche Kontinuität, die trotz enormem historischen Wandel den Eindruck einer Geistesverwandtschaft unserer postmodernen Gemütsverfassung und Gesellschaftslage mit diesem Aufbrechen von Modernität in den 1790ern erzeugen kann, besteht darin, dass auch uns noch die Konturen eines neu überzeugenden Glaubenskontextes auf ähnliche Weise unsicher sind — symptomatisch daran zu erkennen, dass die beiden Motive vom ‚Verlust der Triangularisierung‘ und von der ‚Referenz auf Selbstreferenz‘ auch die aktuellen Diagnosen der condition postmoderne durchziehen.

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

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  • Benjamin Marius Schmidt

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