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Sade und… pp 59-83 | Cite as

Sades 120 Tage Utopie

  • Horst Albert Glaser
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Zusammenfassung

Sade wollte mit Les 120 Journées de Sodome ou l’École du Libertinage den „schmutzigsten Bericht“ liefern, „der je gegeben wurde, seit die Welt existiert“2. Daß die Absicht eines solchen Berichts „wenig keusch“ ist und seine Ausführung „noch viel weniger“3 es sein kann, wird infolgedessen nicht überraschen. Sade empfiehlt denn auch „jedem frommen Menschen“, das Werk „sofort zur Seite zu legen […], wenn er nicht skandalisiert werden will“4. Der „schmutzigste“ Bericht wollte nicht allein mit der systematischen Darstellung von 600 Perversionen einen in sich geschlossenen Kosmos des Lasters und der Libertinage ausmalen, sondern zugleich auch seine naturphilosophische Apologie vollbringen. Ob letztere gelungen ist, soll hier nicht entschieden werden. Daß die Irrealität der literarischen Fiktion nirgends verlassen wird —die eingeflochtenen philosophischen Diskurse ausgenommen —, spricht bereits gegen die apologetische Intention. Es war Bataille, der Sade zwar attestierte, den verdrängten Destruktionstrieb in der menschlichen Natur als einer der ersten erkannt und freigelegt zu haben, der aber dessen Hoffnung, daß vor solcher Darstellung der wahren menschlichen Natur die Trugbilder der christlichen Moral einstürzen müßten, eine ernst zu nehmende Absage erteilte. „Sein moderner Apologet dagegen wird nie ernst genommen, niemand könnte annehmen, daß seine Ansicht auch nur die geringsten Folgen hätte. Die Mißgünstigsten sehen in ihr Großsprecherei oder einfach unverschämte Belustigung.

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Literatur

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  • Horst Albert Glaser

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