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Vom Verschwinden der Dinge

Interieurs in Heinrich von Kleists Erzählungen
  • Ingo Breuer
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Zusammenfassung

Kleists Erzähl-Räume sind eigentümlich leere Räume. Sie erinnern in ihrer Objektarmut einerseits an die Malerei der Renaissance oder der Postmoderne, z.B. Gemälde Edward Hoppers und Lucien Freuds,1 andererseits an moderne Bühnenbilder z.B. für Stücke von Samuel Beckett oder Peter Brook, Räume ohne Interieurs als besonders intensive Szenographien — oder vielleicht auch an die gelegentlich extensiven Devotionalräume in seinen Briefen und an leer gelassene oder geschwärzte Seiten in literarischen Texten, wie z.B. in Laurence Sternes ›Tristam Shandy‹.2 So ist Kleists Erzählen, wie Klaus Müller-Salget in seinem Kommentar der Frankfurter Kleist-Ausgabe anmerkte, »szenisch angelegt«, der Autor »vermeidet jede breite Ausmalung, schildert das Ambiente immer nur in abgekürztester Form«: Auch wenn die dargestellten Räume »eine strukturierende Funktion« haben können, bleiben sie meist reine »Kulisse«, deren Ausgestaltung mehr als spärlich bleibt: »Landschaftsbeschreibungen fehlen fast gänzlich, und auch die Innenräume sind nur sehr sparsam angedeutet.« (DKV III, 685) Nur eine sehr geringe Zahl von Gegenständen wird in den Erzählungen überhaupt beschrieben, diese dann aber gelegentlich in einer deutlichen Häufung,3 z.B. ein Dutzend Male das ›Bett‹ und mehrfach Begriffe wie ›Schlafkammer‹ und ›Schlafrock‹, vor allem ›Schlafgemach‹ und ›Schlafzimmer‹.4 Häufiger vertreten sind auch Türen und Tore, Portale und Pforten, Riegel, Schlüssel und Schlösser sowie fast fünfzig Mal Fenster inkl. Fensterscheiben und Fensterläden.5

Anmerkungen

  1. 2.
    Zu den leeren Räumen in Kleists Briefen vgl. Ingo Breuer, The Empty Space. Brieftopographien bei Heinrich von Kleist und Georg Büchner. In: Isolde Schiffermüller und Chiara Conterno (Hg.), Briefkultur. Transformationen epistolaren Schreibens in der deutschen Literatur, Würzburg 2015, S. 25–54.Google Scholar
  2. 3.
    Dinge, die nicht zur Wohnungseinrichtung zählen, werden im Folgenden nicht berücksichtigt; dies gilt nicht zuletzt für die zahlreichen Briefe und anderen Dokumente, von denen in Kleists Texten die Rede ist. Vgl. dazu Antony Stephens, Kleist. Sprache und Gewalt, Freiburg i.Br. 1999, S. 157–193; Ingo Breuer, Post als Literatur. Brief- und Personenbeförderung bei Heinrich von Kleist. In: KJb 2013, S. 154–171, vor allem S. 167–169.Google Scholar
  3. 7.
    Vgl. Sabine Schulze, Innenleben. Die Kunst des Interieurs. In: Dies. (Hg.), Die Kunst des Interieurs. Vermeer bis Kabakov, Ostfildern-Ruit 1998, S. 9–15, hier S. 11.Google Scholar
  4. 10.
    Vgl. Anne-Katrin Rossberg, Wie Frauen Zimmer wurden. Zur Wohnkultur im 18. und 19. Jahrhundert. In: Sebastian Hackenschmidt und Klaus Engelhorn (Hg.), Möbel als Medien. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge, Bielefeld 2011, S. 143–153, hier S. 147 mit Verweis auf Le Camus de Mézières (siehe hierzu Anm. 16).Google Scholar
  5. 12.
    Zur Landschaftsbeschreibung bei Kleist vgl. exemplarisch Ingo Breuer, Kleists Topographien. In: Der Deutschunterricht (20II), H.1: Heinrich von Kleist. Zu seinem 200. Todesjahr, hg. von Joachim Pfeiffer, S. 2–15; ders., Reisebriefe und Gartenkünste. Vorüberlegungen zu Heinrich von Kleists »Ideenmagazin«. In: Ders., Katarzyna Jaśtal und Paweł Zarychta (Hg.), Gesprächsspiele & Ideenmagazine. Heinrich von Kleist und die Briefkultur um 1800, Köln, Weimar und Wien 2013, S. 157–182 sowie Klaus Müller-Salget, Der arme Kauz aus Brandenburg. Landschaft in Kleists Briefen und Dichtungen. In: KJb 2013, S. 120–131 (mit weiteren Literaturhinweisen).Google Scholar
  6. 13.
    Sophie La Roche, Antworten auf Fragen nach meinem Zimmer. In: Pomona für Teutschlands Töchter 3 (1783), S. 227–249, hier S. 239. Vgl. dazu Matthias Hahn, Ein Bild- und Bildungsprogramm. Sophie von La Roches ›Antworten auf Fragen nach meinem Zimmer‹. In: Gertrud Lehnert und Brunhilde Wehinger (Hg.), Räume und Lebensstile im 18. Jahrhundert. Kunst-, Literatur-, Kulturgeschichte, Hannover 2014, S. 33–63, eine Übersicht über die Ausstattung der sieben Wandflächen mit Bildern auf S. 58; aufgeführt sind dort je fünf Portraits und Portraitbüsten sowie zwölf englische Landschaften, die auf den Wandflächen 3, 4 und vor allem 5 die Schweizerlandschaften jeweils einrahmen.Google Scholar
  7. 14.
    Vgl. Katharina Eck und Astrid Silvia Schönhagen, Einleitung. Imaginationsräume des (bürgerlichen) Selbst. Möglichkeiten und Herausforderungen kulturwissenschaftlicher Analysen des Wohnens in Bildtapeten-Interieurs im frühen 19. Jahrhundert. In: Dies. (Hg.), Interieur und Bildtapete. Narrative des Wohnens um 1800, Bielefeld 2014, S. 13–64, zur Bildtapete im Kontext einer Geschichte des Interieurs vgl. S. 22–37; Eva Börsch-Supan, Garten-, Landschafts- und Paradiesmotive im Innenraum. Eine ikonographische Untersuchung, Berlin 1967, S. 314–316. Erwähnenswert ist zudem, dass — die dekorativen Landschaftsbilder flankierend — in dieser Zeit florale Arrangements die Tapetengestaltung dominierten. Vgl. Sabine Thümmler (Hg.), Der Tapetenfabrikant Johann Christian Arnold 1758–1842, Kassel 1998. Vgl. auch den Beitrag von Alexander Schwan im vorliegenden Band.Google Scholar
  8. 15.
    Günter Oesterle, Zu einer Kulturpoetik des Interieurs im 19. Jahrhundert. In: Zeitschrift für Germanistik NF 23 (2013), S. 543–557, hier S. 546f. Vgl. auch Karl Schütz, Das Interieur in der Malerei, München 2009, S. 268f.CrossRefGoogle Scholar
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  10. 27.
    Gabriele Kopf-Schmidt, Das deutsche Portrait um 1500. Memoria und Selbstreflexion. In: Anne-Marie Bonnet und Gabriele Kopf-Schmidt (Hg.), Die Malerei der deutschen Renaissance, München 2010, Lizenzausgabe Darmstadt 2010, S. 49–57, hier S. 49.Google Scholar
  11. 29.
    Hans Belting, Spiegel der Welt. Die Erfindung des Gemäldes in den Niederlanden, München 2004, Lizenzausgabe München 2010, S. 143.Google Scholar
  12. Vgl. auch grundsätzlich Christiaan L. Hart Nibbrig, Spiegelschrift. Spekulationen über Malerei und Literatur, Frankfurt a.M. 1987.Google Scholar
  13. Norberto Gramaccini, Die Freuden des privaten Lebens. Das Interieur im historischen Wandel. In: Schulze (Hg.), Die Kunst des Interieurs (wie Anm. 7), S. 90–109, hier S. 101. Boudoir und Cabinet wurden beliebte literarische und bildkünsderische Orte des Verbotenen, aber auch Orte für erotische Gemälde und Stiche als Simulation von Privatheit. Vgl. auch Paul J. Young, »De lieu de délices«. Art and Imitation in the French Libertine Cabinet. In: Eighteenth Century Fiction 20 (1998), no. 3, S. 335–356.CrossRefGoogle Scholar
  14. 33.
    Vgl. Hanna Greig, Eighteenth-Century English Interiors in Image and Text. In: Jeremy Aynsley und Charlotte Grant (Hg.), Imagined Interiors. Representing the Domestic Interior since the Renaissance, London und New York 2006, S. 102–127.Google Scholar
  15. 35.
    Hubertus Gaßner, Komposition. Hyperbeln — Symmetrien und Gitterstrukturen -Rhythmische Folgen — Bildpaare und Serien. In: Ders. (Hg.), Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik, München 2006, S. 271–335, hier S. 272.Google Scholar
  16. 36.
    Zit. nach Werner Hofmann, Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit, München 2000, S. 101. Zum Gegensatz Friedrich/Kügelgen im Hinblick auf das kreative Potenzial des Interieurs vgl. Oesterle, Zu einer Kulturpoetik des Interieurs (wie Anm. 15), S. 557.Google Scholar
  17. 40.
    Vgl. Erich Schäfer, Einblicke, Aussichten, Träume. Fenster im Innenleben. In: Schulze (Hg.), Die Kunst des Interieurs (wie Anm. 7), S. 140–149; Rolf Selbmann, Ausblicke, Einblicke, Durchblicke. Eine kleine Geschichte des Fensters bis zur Moderne. In: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (Hg.), Fresh Widow. Fenster-Bilder seit Matisse und Duchamp, Ostfildern 2012, S. 36–45.Google Scholar
  18. Vgl. auch Fatma Yalçin, Anwesende Abwesenheit. Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte von Bildern mit menschenleeren Räumen, Rückenfiguren und Lauschern im Holland des 17. Jahrhunderts, München und Berlin 2004.Google Scholar
  19. 42.
    Vgl. Hartmut Böhme, Rückenfiguren bei Caspar David Friedrich. In: Gisela Greve (Hg.), Caspar David Friedrich. Deutungen im Dialog, Tübingen 2006, S. 49–94, hier S. 49–52.Google Scholar
  20. 43.
    Vgl. Bernhard Greiner, Die »Stimme des Lebens« und die Materialität der Kunst. Kleists Essay über Caspar David Friedrichs Bild ›Der Mönch am Meer‹. In: Lothar Jordan und Hartwig Schultz (Hg.), Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft, Frankfurt (Oder) 22006, S. 49–66, hier S. 58f; ders., Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft [Art.]. In: KHb, S. 160–162.Google Scholar
  21. 44.
    Vgl. Haftmut Böhme, Das Volle und das Leere. Zur Geschichte des Vakuums. In: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik (Hg.), Luft, Köln 2003, S. 42–67;Google Scholar
  22. Peter Heidrich, Leere (I) [Art.]. In: Joachim Rittet und Karlfried Gründet (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Basel und Stuttgart 1980, Sp. 157–159, hier Sp. 157 zur »Entleerung der Welt von Gott«.Google Scholar
  23. 45.
    Vgl. auch Gerhard Neumann, Erotische Räume. Achim von Arnims Novelle ›Die Ma-jorats-Herren‹. In: Inka Mülder-Bach und Gerhard Neumann (Hg.), Räume der Romantik, Würzburg 2007, S. 117–136. Neumann widmet sich jedoch weitgehend anderen Raumarten und damit anderen Einfallstoren des Unheimlichen.Google Scholar
  24. 48.
    Zu Kleists Erzählverfahren vgl. grundsätzlich Michael Ott, Erzählen und Erzählung [Art.]. In: KHb, S. 309–312 und den Kommentar in DKV III, 684–697. Vgl. zuletzt auch Kai Spanke und Lukas Werner, Die gebrechliche Einrichtung der Welt. Raumstörungen und Textbrüche in Heinrich von Kleists Erzählungen. In: Carsten Gansel und Pawel Zimniak (Hg.), Störungen im Raum — Raum der Störungen, Heidelberg 2012, S. 71–94, die sich auf unterschiedlichste Konzepte (Jurij M. Lotman, aber auch Michel Foucault u.a.) beziehen.Google Scholar
  25. 49.
    Franz K. Stanzel, Theorie des Erzählens. 6., unveränderte Auflage, Göttingen 1995, S. 165.Google Scholar
  26. 51.
    Jahn, Manfred, More Aspects of Focalization. Refinements and Applications. In: John Pier (Hg.), GRAAT: Revue des Groupes de Recherches Anglo-Américaines de L’Université François Rabelais de Tours 21 (1999), S. 85–110, hier S. 96. Zit. nach www.uni-koeln.de/~ame02/jahn99b.htm (10.7.2015).Google Scholar
  27. 52.
    Vgl. Monika Fludernik, Einführung in die Erzähltheorie, Darmstadt 2006, S. III.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Ingo Breuer

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