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Verknüpfung und Zerstörung

Kleists Dinge zwischen Diachronie und Synchronie
  • Ulrike Vedder
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Zusammenfassung

In Kleists Texten übernehmen Dinge häufig die Aufgabe der Verknüpfung, oft allerdings mit fatalen Folgen. In dieser Funktion kommen sie sowohl auf motiv- und figurenbezogener Ebene als auch auf semiotischer und struktureller Ebene zum Einsatz: Die Bombenpost dient der Verknüpfung von Räumen, der zerbrochene Krug der von Zeiten und Generationen, fungiert er doch als Erinnerungsund Erbstück. Die Buchstabenwürfel in ›Der Findling‹ dienen der Verknüpfung von Figuren (Colino/Nicolo und Nicolo/Elvire), so wie Körperteile, Zähne, Haare in ›Die Herrmannsschlacht‹ der von Verbündeten, wenn Herrmann beispielsweise durch die Verschickung von Hallys Leichenteilen — »zerstückt« — die germanischen Stämme zusammenbindet.1 Der Handschuh in ›Prinz Friedrich von Homburg‹ verknüpft Traum und Wachheit (»Dies Stück des Traums, das ihm verkörpert ward«; Vs. 1669), das knisternde Stroh in ›Das Bettelweib von Locarno‹ die Toten mit den Lebenden; die getauschten Kleider in ›Familie Schroffenstein‹ verbinden die Liebenden.

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Anmerkungen

  1. 2.
    Vgl. Gert Selle, Siebensachen. Ein Buch übet Dinge, Frankfurt a.M. 1997.Google Scholar
  2. 3.
    Vgl. Lorraine Daston (Hg.), Things That Talk. Object Lessons from Art and Science, New York 2004, S. 24.Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. dazu Gisela Ecker, Claudia Breger und Susanne Scholz (Hg.), Dinge. Medien der Aneignung, Grenzen der Verfügung, Königstein/Ts. 2002.Google Scholar
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  5. Roland Barthes betont, es gebe im Sozialen kein Objekt außerhalb von Sinn bzw. Sinngebungsprozessen: »Sobald ein nicht signifikantes Objekt von einet Gesellschaft übernommen wird — und ich sehe nicht, wie dies nicht sein könnte -, funktioniert es zumindest als Zeichen des Insignifikanten« (Roland Barthes, Semantik des Objekts. In: Ders., Das semiologische Abenteuer, übers. von Dieter Hornig, Frankfurt a.M. 1988, S. 187–198, hier S. 196). In Bezug auf Literatur spricht Barthes diesbezüglich vom Wirklichkeitseffekt: Wenn Dinge in Texten vermeintlich ohne Bedeutung sind, so bedeuten sie Realität, kennzeichnen also das Gezeigte als wirklich und folgen damit einer Rhetorik des Dokumentarischen. Vgl. Roland Barthes, L’effet de réel. In: Communications 11 (1968), S. 84–89.Google Scholar
  6. 6.
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    Im Zusammenhang mit der Mehrdeutigkeit von Objekten hat Krzysztof Pomian den Begriff der »Semiophoren« geprägt, die »einen materiellen und einen semiotischen Aspekt« aufweisen: Unter Beibehaltung ihrer materiellen Form vermögen sie nicht nur wechselnde Bedeutungen zu übernehmen, sondern auch auf etwas zu verweisen, »das augenblicklich nicht da ist« oder überhaupt »als unsichtbar gilt« (Krzysztof Pomian, Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln, Berlin 1988, S. 84).Google Scholar
  22. 21.
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    Vgl. die Kritik dessen etwa bei Johannes R. Lehmann, Geste ohne Mideid. Zur Rolle der vergessenen Marquise in Kleists ›Das Bettelweib von Locarno‹. In: Athenäum. Jahrbuch für Romantik 16 (2006), S. 57–76.Google Scholar
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    Vgl. Christine Weder, Die (Ohn-)Macht der Objekte. Romantische Dinge zwischen Magie und Profanität in Heinrich v. Kleists ›Michael Kohlhaas‹ und E.T.A. Hoffmanns ›Der Zusammenhang der Dinge‹. In: Christiane Holm und Günter Oesterle (Hg.), Schläft ein Lied in allen Dingen? Romantische Dingpoetik, Würzburg 2011, S. 145–164.Google Scholar
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    Laszló Földényi, Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter, München 1999, S. 301.Google Scholar

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  • Ulrike Vedder

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