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›Diese ungeheure Wendung der Dinge‹

Zur Wirkkraft der Objekte in Kleists Werk
  • Hartmut Böhme
Chapter

Zusammenfassung

Abgefasste, zugestellte, unterschlagene oder abgefangene Briefe, Mandate, Flugschriften, Schriftsätze, Zeitungen, Pässe; Land, dingliche Güter, Geld, Knechte, Tiere, Ehefrau, Kinder: res familiaris des Hausherrn; widerrechtlich angeeignete Dinge; wer ihn »zu den Wilden der Einöde hinausstößt«, gibt ihm die Keule, »die mich selbst schützt, in die Hand« (DKV III, 78); die Bleikapsel am Hals und darin der Zettel der Zigeunerin.

Anmerkungen

  1. 2.
    Vgl. Franz Lämmli, Vom Chaos zum Kosmos. Zur Geschichte einer Idee, Basel 1962, S. 11.Google Scholar
  2. 4.
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  7. 5.
    Vgl. Bruno Latour, Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory, Oxford 2005. Vgl. dazu Böhme, Fetischismus und Kultur (wie Anm. 4), S. 72–94.Google Scholar
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    Am 8. Dezember 1808 schreibt Kleist an HJ. von Collin: »Denn wer das Käthchen liebt, dem kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie gehören ja wie das + und — der Algebra zusammen, und sind Ein und dasselbe Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht.« (DKV IV, 424) Vgl. Ortrud Gutjahr (Hg.), ›Das Käthchen von Heilbronn‹ und ›Penthesilea‹ von Heinrich von Kleist. Extreme Ähnlichkeiten in Roger Vontobels Inszenierungen am Schauspielhaus Hamburg, Würzburg 2011.Google Scholar
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    Zu Fall/Zufall vgl. Werner Hamacher, Das Beben der Darstellung. In: David Wellbery (Hg.), Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen von Kleists ›Das Erdbeben in Chili‹, München 1985, S. 149–173. Anregungsreich für diesen Zusammenhang auch die Artikel ›Glück‹ (Anne Fleig), ›Sturz und Fall‹ (Tina-Karen Pusse) und ›Zufall‹ (Peter Schnyder) im KHb, S. 328–331, 367–369, 379–382.Google Scholar
  25. 22.
    Vgl. Friedrich Theodor Vischer, Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft, Stuttgart und Berlin 1918, S. 14–29: eine Passage von grotesken Kollisionen mit Dingen, deren Animosität, Heimtücke, Bosheit bewiesen werden soll — entgegen der nüchternen Auffassungen der Physik, die nichts als Schwerkraft und mechanische Gesetze erkennt.Google Scholar
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    Vgl. Christine Künzel, Gewaltsame Transformationen. Der versehrte weibliche Körper als Text und Zeichen in Kleists ›Hermannsschlacht‹. In: KJb 2003, S. 165–183.Google Scholar
  27. 24.
    Vgl. Julia Kristeva, Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection, Paris 1980; dies., Powers of Horror. An Essay on Abjection, übers. von Leon S. Roudiez, New York 1982Google Scholar
  28. Dietmar Kamper, Das Phantasma vom ganzen und vom zerstückelten Körper. In: Ders. und Christoph Wulf (Hg.), Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt a.M. 1982, S. 125–136Google Scholar
  29. Stefanie Wenner, Ganzer oder zerstückelter Körper. In: Claudia Benthien und Christoph Wulf (Hg.), Körperteile. Eine kulturelle Anatomie, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 361–380Google Scholar
  30. Gabriele Brandstetter, Inszenierte Katharsis in Kleists ›Penthesilea‹. In: Christine Lubkoll und Günter Oesterle (Hg.), Gewagte Experimente und kühne Konstellationen. Kleists Werk zwischen Klassizismus und Romantik, Würzburg 2001, S. 225–248.Google Scholar
  31. 27.
    »Dem Krieg selbst bis an seine äußersten Grenzen zu folgen ist, seitdem er sie selbst umgeschrieben hat, der Theorie nicht mehr schwer, und es wird ihr sogar leichter sein zu einem Absoluten zu gelangen, wenn sie sich an dieses Aeußerste stützt« (Carl von Clausewitz, Schriften, Aufsätze, Studien, Briefe, hg. von Werner Hahlweg, Bd. II/2, Göttingen 1990, S. 655). Vgl. ferner ders., Vom Kriege, hg. von Werner Hahlweg, Bonn 191991; Hartmut Böhme, Krieg und Zufall. Die Transformation der Kriegskunst bei Carl von Clausewitz. In: Ders. und Marco Formisano (Hg.), War in Words. Transformations of War from Antiquity to Clausewitz, Berlin und New York 2010, S. 391–414.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Hartmut Böhme

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