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Dichten als Beziehungssinn

Rede zur Verleihung des Kleist-Preises an Marcel Beyer am 23. November 2014
  • Günter Blamberger
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Zusammenfassung

Liebe Mitglieder und Freunde der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, sehr verehrte Frau Unseld-Berkéwicz, lieber Herr Peymann, liebe Hortensia Völckers, lieber und heute zu ehrender Marcel Beyer, wer sich entschieden hat, Dichter zu werden, sieht die Welt als Sprache und sammelt Wörter wie andere Schmetterlinge, Briefmarken oder Steine. Ein seltsames, kurioses Wort wie »Schneimeister« vielleicht. Wir glauben, es am Beginn der Matinée gehört zu haben, in der ersten Strophe von Marcel Beyers Gedicht ›Graphit‹, und sind irritiert. Hätte es nicht korrekt ›Schneemeister‹ heißen müssen, um unsere Einbildungskraft auf die rechte, poetische Weise zu beflügeln? Um Bilder zu evozieren vom Schnee, der alles bedeckt und verschwinden lässt wie der große Gleichmacher Tod und der zugleich eine Landschaft der Stille, Reinheit und Leere erzeugt, auf der die Welt neu beschreibbar erscheint wie auf einem Blatt Papier. Es gibt große ›Schneemeister‹ in der Literatur: Robert Walser, der auf weißen Blättern Spuren hinterlassen wollte wie beim Spazierengehen im Schnee und den Tod im Schnee fand wie der Dichter Sebastian in seinem Roman ›Die Geschwister Tanner‹. Franz Kafka wäre zu nennen, dessen Held Josef K. im Roman ›Das Schloß‹ ein tiefverschneites Dorf betritt, das keinen Landvermesser braucht, weil Schneelandschaften ebenso unermesslich sind wie Buchstabenlandschaften.

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2015

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  • Günter Blamberger

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