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Ubiquität der Rhetorik Vom Verfall und Weiterleben der Beredsamkeit im 19. Jahrhundert

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Zusammenfassung

Gerade die Epoche, die von den Historikern auch das bürgerliche Zeitalter genannt worden ist, bringt für die Geschichte der Rhetorik als wissenschaftlicher Disziplin einschneidende Veränderungen. Beschreiben kann man sie als komplexe Verflechtung von Wandel, Transformation und Verdrängung. Den wissenschaftlichen Einfluß in Hochschule und Schule verliert die Rhetorik, die ihr gewidmeten Lehrstühle werden bald von Germanisten und Historikern, Philosophen und sogar Naturwissenschaftlern besetzt, und die Literatur im weitesten Verständnis (von der Poesie bis zur wissenschaftlichen Abhandlung, von der Parlamentsrede bis zu Drama und Roman) löst sich von ihrem rhetorischen Begriff, wird Gegenstand anderer, problem- und sachbezogener Disziplinen, denen die Wirkungsintention und Formkultur der geschriebenen oder gesprochenen Rede entweder gleichgültig oder nur in der Stilanalyse zugänglich sind. Diese Unterbrechung in der Wissenschaftsgeschichte der Rhetorik hängt gewiß mit der Spezialisierung des Wissens zusammen, die überhaupt eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts ist und sich nicht nur auf Deutschland beschränkt; andererseits ist hier die Ablehnung der Rhetorik besonders kraß, so daß noch spezifische Ursachen hinzukommen, wie fehlende demokratische Überlieferung, Kultur der Innerlichkeit und Zerstörung der Vernunft — Schlagworte, die zwar auch Teilerklärungen geben, aber so pauschal nicht stimmen. Hier öffnet sich noch ein weites Feld für detaillierte, auch kulturvergleichende Untersuchungen. Fest steht aber zweifellos, daß die Phänomene, für welche die Rhetorik die zuständige Theorie darstellt, im 19. Jahrhundert an Bedeutung sogar noch gewonnen haben, denn es ist nicht nur das Zeitalter des Liberalismus, sondern auch der Massenorganisation, nicht nur die Epoche der l’art-pour-l’art-Ästhetik, sondern auch der Propaganda und zweckgerichteten Pressebotschaften.

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Anmerkungen

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität TübingenDeutschland
  2. 2.Fachhochschule KielDeutschland

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