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›Josefine‹ und ›Cäcilie‹

Orpheusvariationen bei Kleist und Kafka
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Zusammenfassung

Franz Kafka hat Kleist bekanntlich als einen seiner »eigentlichen Blutsverwand-ten«2 bezeichnet und aus seiner Bewunderung für den 106 Jahre Früheren keinen Hehl gemacht.3 Wenn er im Januar 1911 an Max Brod schreibt: »Kleist bläst in mich, wie in eine alte Schweinsblase«,4 dann deutet er ein spirituelles oder gar ›musikalisches‹ Erbe an, das an Marsyas mit seiner Panflöte erinnern mag,5 das jedenfalls eine Doppelnatur aus Mensch und Tier assoziieren lässt, die einen Laut von sich gibt.

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Anmerkungen

  1. 1.
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