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Eine von den Halberstädter Putzfrauen Überwachste Fussspur

Die produktive Kleist-Rezeption Alexander Kluges
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Zusammenfassung

Schon seit den frühen 1980er Jahren durchzieht die Beschäftigung mit Kleist das Werk von Alexander Kluge. Aus den expliziten Bezugnahmen wie aus den Motiv- und Stilzitaten spricht eine literarische Kongenialität, die merkwürdigerweise bislang noch nicht in der Kleist- oder Kluge-Forschung kritisch thematisiert wurde. Begeistert von der Person und dem militaristisch-bürokratischen Hintergrund, führt Kluge in verschiedenen ›Geschichten‹ Kleist als Figur auf.1 Mit einem entscheidenden Fokus auf das Anekdotische schildert Kluge hiermit eine alternative, Tatsache und Fiktion aufs Äußerste vernetzende Biographie. So entsteht ein unentwirrbares Gewebe, das bis zur Irritation ein Spiel mit dem Leser treibt. Eine besondere Stellung in diesem Spiel nehmen die verschiedenen Kurzgeschichten ein, in denen Kluge Kleists Novelle ›Die Marquise von O…‹ um- und fortschreibt. In ›Problem der Abkunft. Seltener Fall einer unbefleckten Empfängnis‹, ›Eine späte Anwendung von Immanuel Kants Naturrecht‹, ›Eine Episode in der Zeit der Aufklärung und ›Eine Episode aus dem Russlandfeldzug 1812‹ inszeniert Kluge die Widerwärtigkeiten der ungewollt schwangeren Marquise unterschiedlicher Zeiträume (beziehungsweise um 1926, 1945, 1732 und 1812).2 Kleists brennendes Schloss wird zu einer Sauna, die ohnmächtige Marquise zu einer trunken gemachten Baronin, die »Geschichte einer Aufklärung«3 zu einer Gerichtsverhandlung in der Nachkriegszeit, infolgedessen der russische Vergewaltiger sein deutsches Opfer heiraten muss, und ein tot gewähnter Graf kehrt aus dem Russlandfeldzug wieder und muss feststellen, dass das Bild, das er sich von seiner Frau gemacht hat, vollkommen verzerrt ist.

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Anmerkungen

  1. 2.
    ›Problem der Abkunft‹ stammt aus: Alexander Kluge, Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts, Berlin 2003, S. 274–275 (im Folgenden abgekürzt mit dem Sigel P); Immanuel Kants Naturrecht‹ aus: Ders., Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 Neue Geschichten, Berlin 2006, S. 512–513 (der Text wurde auch aufgenommen in: Labyrinth der zärtlichen Kraft, Berlin 2009, S. 28–29; im Folgenden abgekürzt mit dem Sigel N); ›Aufklärung‹ aus: Ders., Chronik der Gefühle. Lebensläufe, Bd. 2, S. 370–373 (im Folgenden abgekürzt mit dem Sigel A) und ›Russlandfeldzug‹ aus: Ders, Chronik der Gefühle. Basisgeschichten, Bd. 1, Berlin 2000, S. 250–255 (im Folgenden abgekürzt mit dem Sigel R). Für die Bezüge auf Kleists Werk wird mit der Ausgabe SW9 gearbeitet.Google Scholar
  2. 3.
    Jochen Schmidt, Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche, Darmstadt 22009, S. 202.Google Scholar
  3. 4.
    Wolf Kittler, Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie, Rombach 1987, S. 10–13. — Wolfgang Reichmann betont in seiner Studie den großen Einfluss Kleists, insbesondere was den gemeinsamen Stil der Anekdote betrifft: »eine Gattung zwischen Faktizität und Fiktionalität« (vgl.Google Scholar
  4. Wolfgang Reichmann, Der Chronist Alexander Kluge. Poetik und Erzählstrategien, Bielefeld 2009, S. 84–86, hier S. 86). Er geht hierbei aber nicht über die drei Geschichten in Kluges ›Die Lücke, die der Teufel läßt‹, die Kleists Biografie variieren, hinaus.Google Scholar
  5. 6.
    In neueren Kleist-Studien sieht man inzwischen aber die von Kluge vorweggenommene Akzentverlagerung bestätigt. Vgl. u.a. Sibylle Peters, Heinrich von Kleist und der Gebrauch der Zeit: von der MachArt der Berliner Abendblätter, Würzburg 2003.Google Scholar
  6. 19.
    Die häufige Verwendung des Interviewformats in Kluges Geschichten, mit der er auf den ersten Blick an das Nichtfiktionale anlehnt, ist in der literarischen Tradition Brechts (Geschichten vom Herrn Keuner) und Kraus’ zu situieren. Vgl. Arnout De Cleene und Helena Elshout, Een georkestreerde chaos. Een analyse van Alexander Kluges ›Die Lücke, die der Teufel läßt‹. In: De experimentele encyclopedische roman: tussen archief en autofictie, hg. von Gunther Martens, Gent 2009.Google Scholar
  7. 25.
    Stephan Kraft, Fortpflanzung als Staatsaktion. Kleists ›Amphitryon‹ und die Heilige Familie. In: Weimarer Beiträge 52 (2006), H. 2, S. 194.Google Scholar
  8. 27.
    Eine erschöpfende Auflistung der Gesichtsausdrücke in der ›Marquise von O…‹ sieht etwa wie folgt aus: Erröten: SW II, 107, 110, 112, 116; »hochrot im Gesicht glühend«, 122, 128, 136; »indem ihm das Blut ins Gesicht schoß«, 130; »sehr erhitzt im Gesicht«, 106; »mit einem ganz erhitzten Gesicht«, 136; »in Scham erglühendes Gesicht«, 135; »blickte hochglühend vor sich nieder«, 140. — Erblassen: SW9 II, 125, 127, 140, 141; »seine Lippen waren Weiß, wie Kreide«, 141; »sich entfärben«, 113. — Glühen: SW II, 123, 129. — Zittern: SW II, 105, 123, zweimal auf Seite 124 u. 125. — Fiebern: SW II, 116, 136, 142. — Weinen: SW II, 123, 125, 136, zweimal auf Seite 137 u. 141; »Tränen«: 123, 125, 133, 136, 137, mehrmals auf Seite 138 u. 141; »Schluchzen«: 125, 137, 139. — »sich konvulsivisch gebärden«: SW II, 121, 138. — Niedersinken: SW9 II, 106, 108, 117, 118, 120, zweimal auf Seite 122, 125 u. 133, zweimal auf Seite 135, 140 u. 141. Vgl. Ditmar Skrotzki, Die Gebärde des Errötens im Werk Heinrich von Kleists, Marburg 1971.Google Scholar
  9. 28.
    Vgl. Michael Perraudin, Zur Gestik und ihren Bedeutungen in Kleists Erzählungen. In: German Life and Letters 61 (2008), H. 1, S. 154–170, hier S. 165. Die meisten physiologischen Signale sind mit dem Gesicht verbunden, was sich eher in einen Film als in eine Bühnenaufführung umsetzen lässt. Eric Rohmer, der 1974 die bekannteste Verfilmung der Novelle machte, verwendete Kleists Text ohne viele Anpassungen als Drehbuch. Vgl.CrossRefGoogle Scholar
  10. Angela Dalle Vacche, Painting Thoughts, Listening to Images: Eric Rohmer’s ›The Marquise of O…‹. In: Film Quarterly 46 (1993), S. 2–15.CrossRefGoogle Scholar
  11. 34.
    Hermann F. Weiss, Heinrich von Kleists Reise nach Paris im Jahre 1801. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 142 (1990), S. 1–12.Google Scholar
  12. 35.
    Vgl. Jens Bisky, Kleist. Eine Biographie, Berlin 2007, S. 205.Google Scholar
  13. 38.
    Alexander Kluge und Peter von Matt, Über die Intrige in der Komödie. In: Magazin des Glücks, hg. von Sebastian Huber und Claus Philipp, Wien und New York 2007, S. 122.Google Scholar
  14. 41.
    Kluge und von Matt, Komödie (wie Anm. 38), S. 123. Besonders ausgeprägt wird die Deterritorialisierung in den Interviews mit Heiner Müller vorgenommen. Dort erscheint »Kleist als Halbasiate«, denn es habe »immer eine ganz merkwürdige Verbindung zwischen Rußland und Preußen« gegeben (Alexander Kluge und Heiner Müller, Heiner Müller im Zeitenflug. In: Ich bin ein Landvermesser. Gespräche mit Heiner Müller. Neue Folge, Hamburg 1996, S. 99–118, hier S. 116). Die Bezeichnung der Russen als Asiaten nimmt Kleist schon in der suggestiven Szene des übereifrigen Grafen vor, der Pulverfässer und Bomben aus den Arsenalen wälzt, um, »die Naturen der Asiaten mit Schaudern erfüllend« (SW II, 106), dem Feuer Einhalt zu bieten. Diese besondere Verbindung besteht Müller zufolge einerseits in der gemeinsamen Ausbeutung und Instrumentalisierung von Intellektuellen und Schriftstellern, einer Problematik, die er in ›Das Leben Gundlings‹ auch anhand der Pantomime ›Heinrich Kleist spielt Michael Kohlhaas‹ einbezogen hatte, und andererseits in der Neigung, Intellektuelle unweigerlich in die Rolle des Partisanen zu drängen (Google Scholar
  15. Heiner Müller, Leben Gundlings Friedrich von Preußen. Lessings Schlaf Traum Schrei. Ein Greuelmärchen, Frankfurt a.M. 1977, S. 165, Szene: »Heinrich von Kleist spielt Michael Kohlhaas«).Google Scholar
  16. 42.
    Oskar Negt und Alexander Kluge, Suchbegriffe. TV-Gespräche. In: Der unterschätzte Mensch, Frankfurt a.M. 2001, Bd. 1, S. 322ffGoogle Scholar
  17. 44.
    Kluge, Neue Geschichten. Hefte 1–18 »Unheimlichkeit der Zeit«, Frankfurt a.M. 1977, S. 427; vgl. Kluge, Die Patriotin, Berlin 1980, S. 379.Google Scholar
  18. 45.
    Ulrike Bosse, Alexander Kluge, Formen literarischer Darstellung von Geschichte, Frankfurt a.M. 1988, S. 236–237.Google Scholar
  19. 47.
    Kluge, Die Lücke (wie Anm. 2), Schlafende Kraft, S. 295f Der französische Übersetzer von Kleists ›Hermannsschlacht‹ wird in der Geschichte ›Schlafende Kraft‹ interviewt. Es handelt sich vermutlich um Jean Jourdheuil, der ›La bataille d’Arminius‹ in Frankreich uraufgeführt hat und mit Heiner Müller zusammengearbeitet hat (Jean-Louis Besson und Jean Jourdheuil, La Bataille d’Arminius, Montreuil 1995).Google Scholar
  20. 51.
    Vgl. Kluge, Wächter der Differenz (wie Anm. 5), S. 35, mit einer Anspielung auf Adorno: »Wir verfassen Flaschenpost. Ich würde diese Tätigkeit jedoch nicht unterschätzen, denn in ihr liegt die größere Kontinuität«. Siehe auch Kluges Hinweis auf die (zeitliche) »Entfernung«; Kluge, Wächter der Differenz (wie Anm. 5), S. 28. Zur ›Flaschenpost‹ siehe Hanning Voigts, Entkorkte Flaschenpost: Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und der Streit um die neue Linke, Münster 2009, S. 21.Google Scholar

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