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Rede auf Arnold Stadler zur Verleihung des Kleist-Preises 2009

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Zusammenfassung

Es gibt eine Frau. Sie liebt mich. Allerdings kann sie gar nicht hassen. Sie ist nicht in der Lage dazu. Was natürlich nichts mit Liebe zu tun hat. Sie ist das Ebenbild von Goethe. Wie zwei Eier. Die Stirn, die Haare, der Blick, die Augäpfel. Ich sage es ihr vergebens, sie glaubt es nicht. Sie ist nicht bereit, ein Bild von Goethe anzuschauen. Wovor fürchtest du dich? Sie antwortet nicht, presst die Lippen zusammen, schaut ins Leere. Möchtest du lieber Kleist gleichen? Sie zuckt die Schultern. Ich fürchte, dass sie Kleist kaum kennt. Sie hat mal irgendwas von ihm gehört. Gebildet ist sie nicht unbedingt, obwohl sie viel weiß. Sie ist ein feines Wesen mit Geist und hat in ihrem Leben oft allein gelebt, genauer gesagt, hat sie sich zurückgezogen, um allein sein zu können. Sie verbringt viel Zeit mit Nachsinnen, dadurch ist sie so fein geworden. Sie hat kaum Wörter dafür, aber das schmälert ihre Feinheit nicht, die ganz augenfällig ist. Und möglicherweise gehört von Natur aus zu ihr, dass sie nicht aufdringlich ist. Ich müsste mich vor dem Wort ›weise‹ nicht hüten, sie ist weise, auf eine feine Art weise. Sie kann gut arbeiten, seit Jahrhunderten arbeitet sie. Wie eine Maschine arbeitet sie. Eher noch wie ein Tier. Ich betrachte sie aus der Ferne, glühend im Gesicht eilt sie, an ihrer breiten Superstirn werden Schweißtropfen sichtbar. Wenn ich sie anspreche, hört sie aufmerksam zu, neigt den Kopf zur Seite, und man kann schwer sagen, ob sie lächelt oder nicht. Johann Wolfgang, keuche ich, wenn sie die Hand verschämt in meine Haare gräbt.

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