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Generation — Generatio — Verwandtschaft

Kleists ›Der Findling‹ in Kontexten der zeitgenössischen Literatur und Wissenschaften
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Zusammenfassung

Der Begriff ›Generation‹ hat gegenwärtig Konjunktur. Waren es vormals Differenzkategorien wie ›Stand‹ oder ›Klasse‹, später auch ›Geschlecht‹, die die Gesellschaft strukturierten, »so hat mittlerweile der Begriff der ›Generation‹ mindestens einen ebenbürtigen Rang erhalten.«1 Schlagworte wie ›Generation@com‹, Generation Golf‹ oder ›Generation X‹ verweisen dabei auf ein Verständnis von Generation, das auf Gleichzeitigkeit im selben historisch-sozialen Raum‹ zielt und somit im Sinne von Karl Mannheims soziologischer Konzeption von Altersgenossenschaft und Erfahrungseinheit verwendet wird.2 Neben diesem synchronen Generationen-Modell ist mit dem diachronen historiographischen Konzept, wie es etwa mit dem ebenfalls kursierenden Begriff des ›Generationenvertrags‹3 erfasst wird, eine weitere Bedeutungsvariante von ›Generation‹ im Umlauf. Eine dritte wichtige Bedeutungsebene des Wortes ›Generation‹ ist heute hingegen in den Hintergrund getreten. Sie leitet sich von der ursprünglichen lateinischen Fachbedeutung generato her: ›Erzeugung‹. Sie betrifft also die biologische Generativität. Ihr kam im 18. Jahrhundert eine weitaus größere Bedeutung zu als heute. Um zu verstehen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, hilft ein Blick in die Vergangenheit.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Ulrike Jureit und Michael Wildt, Generationen. In: Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, hg. von Ulrike Jureit und Michael Wildt, Hamburg 2005, S. 7–26, hier S. 8. — Dieser Beitrag geht auf einen öffentlichen Vortrag am 25.6.2008 an der Universität Marburg zurück.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generation. In: Ders., Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, eingeleitet und hg. von Kurt H. Wolff, Berlin, Neuwied 1964 (1928), S. 509–565.Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. Sigrid Weigel, Vorwort. In: Generation. Zur Genealogie des Konzepts — Konzepte von Genealogie, hg. von Sigrid Weigel u.a., München 2005, S. 7–10, hier S. 8.Google Scholar
  4. 7.
    Neben der ›Nation‹ ist daher die ›Familie‹ dasjenige Feld, an dem sich Veränderungen und Brüche im Denken über Genealogie, Generation und Erbe am deutlichsten ablesen lassen. Sie hängen mit der Entwicklung der modernen Familie »als einer durch Blutsverwandtschaft gestifteten Einheit« eng zusammen; Weigel, Vorwort (wie Anm. 4), S. 8. -Nation und Familie nähern sich insofern an, als die Nation als eine Familie naturalisiert wird: Wenn alle Menschen Brüder werden, dann werden sie zu Kindern, deren gemeinsame Eltern die Nation ist (vgl. Ulrike Vedder, Natur und Unnatur: die Familie als literarischer Schauplatz der Generationen im 19. Jahrhundert. In: Ohad Parnes, Ulrike Vedder und Stefan Willer, Das Konzept der Generation, Frankfurt a.M. 2008, Kap. 7, S. 150–187, hier S. 161) Dieser künstlichen Herstellung von Verwandtschaft korrespondiert eine zunehmende Kulturalisierung bzw. Diskursivierung der Familie durch rechtliche, medizinische, soziologische, pädagogische und andere Diskurse.Google Scholar
  5. 9.
    Stefan Willer und Ulrike Vedder, Genealogie. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze — Personen — Grundbegriffe, 4., aktualisierte und erweiterte Auflage, hg. von Ansgar Nünning, Stuttgart 2008, s.v. ›Genealogie‹, S. 247–249, hier S. 248. — Erwähnt wird diese Verknüpfung von Generation mit Fortschritt bereits von Mannheim: »Für den Liberalen, Positivisten, im erwähnten Sinne idealtypischen Franzosen ist das Generationsproblem zumeist ein Beleg für die geradlinige Fortschrittskonzeption«; Mannheim, Das Problem der Generation (wie Anm. 2), S. 515.Google Scholar
  6. 10.
    Vgl. dazu Sigrid Weigel, Generation, Genealogie, Geschlecht. Zur Geschichte des Generationskonzepts und seiner wissenschaftlichen Konzeptualisierung seit Ende des 18. Jahrhunderts. In: Kulturwissenschaften. Forschung — Praxis — Positionen, hg. von Lutz Musner und Gothart Wunberg, Wien 2002, S. 161–190, hier S. 167ff. sowie Pierre Nora, Generation: In: Realms of Memory. Bd. 1: Conflicts and Divisions, hg. von Pierre Nora, New York 1996, S. 499–531.Google Scholar
  7. 11.
    Zahlreiche Beispiele werden analysiert in: Christine Kanz (Hg), Zerreissproben/ Double Bind. Familie und Geschlecht in der deutschen Literatur des 18. und des 19. Jahrhunderts, Bern und Wettingen 2007 (gender wissen; 10).Google Scholar
  8. 17.
    Die mit Mutterschaft angeblich unhintergehbar verknüpfte ›Mutterliebe‹ stellte Elisa-beth Badinter 1980 anhand von reichhaltigem Quellenmaterial als historisch nachvollziehbares, kulturelles Konstrukt und gesellschaftlich notwendige Erfindung heraus. Die Existenz eines naturgegebenen Mutterinstinkts wurde damit endgültig als Mythos entlarvt (vgl. Elisabeth Badinter, Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute, aus dem Französischen von Friedrich Giese, München 41980).Google Scholar
  9. 18.
    Was Goethes sozial-politische Haltung gegenüber Kindsmörderinnen anbelangt, so ist folgender Hinweis auf seine Handlungen während der Zeit, als er an der Staatsführung beteiligt war, vielleicht nicht unbedeutend: »Am 4. November 1783 gibt der Geheimrat Goethe seine Meinung zu den Akten, daß es für das Verbrechen des Kindesmords ›räthlicher seyn mögte die Todtesstrafe beyzubehalten‹. Von dieser Entscheidung des Geheimen Consiliums — des obersten Beratungsorgans des Herzogs, das Goethe einmal ›die letzte In-stanz‹ nannte, ›wohin alle Dinge gelangen, wohin alle Arten von Geschäften gebracht wer-den‹ — und vom Votum des wichtigsten Mitglieds Goethe wissen die wenigsten Leser und Interpreten von Faust, in dessen früher Fassung (Urfaust) Goethe einen Fall von Kindesmord mit beeindruckender Einfühlung in die Lage der Täterin Gretchen dargestellt hatte. Aber noch weniger Interpreten wissen von der Tatsache, daß während der Entscheidung des Geheimen Consiliums eine zum Tode verurteilte Kindesmörderin im Gefängnis in Weimar saß, deren Schicksal durch den Beschluß der Geheimräte besiegelt wurde — Goethes Votum war also nicht im theoretischen Leerraum verfaßt, sondern es hatte Hände und Füße, es hatte auch einen Kopf, der am 28. November 1783 in aller Öffentlichkeit durch das Schwert des Henkers vom Körper getrennt wurde« (W. Daniel Wilson, Das GoetheTabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar, München 21999, S. 7).Google Scholar
  10. 19.
    Die im Bürgerlichen Trauerspiel des ausgehenden 18. Jahrhunderts vorgeführten Familiendesaster sollten belehrend wirken. Sie sollten, im Sinne Lessings, Mitleid für die Familienmitglieder erregen, vor allem für die doch eigentlich engelhaft unschuldigen und daher schuldlos verführten Töchter. Und sie sollten die Furcht davor erzeugen, insbesondere bei den zeitgenössischen Bürgermädchen, ein ähnliches Schicksal zu erleiden (vgl. Gottfried Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie. In: Ders., Werke, Vierter Band, hg. von Herbert G. Göpfert, Darmstadt 1995, Vierundsiebzigstes Stück, S. 574–578).Google Scholar
  11. 21.
    Friedrich Maximilian Klinger, Die Zwillinge, Stuttgart 1972 (1776), I,2, S. 13.Google Scholar
  12. 22.
    Ende des 19. Jahrhunderts wird der Begriff im Konversationslexikon wie folgt definiert: »Superfötation, Überschwängerung, nennt man eine bei schon bestehender Schwangerschaft wiederholt eintretende Befruchtung, deren Möglichkeit indeß noch immer sehr bezweifelt wird, indem die zum Beweise angeführten Fälle leicht auch Verwechslungen mit Zwillingsschwangerschaften gewesen sein können, wobei die eine Frucht in der Entwicke-lung hinter der andern zurückblieb.« (Herders Conversations-Lexikon, Freiburg i.Br. 1857, Bd. 5, S. 380) — Der Begriff ›Superfötation‹ fällt nicht explizit in ›Die Zwillinge‹, wohl aber in einem anderen, späteren Text Klingers, in seinen 1803–05 verfassten ›Betrachtungen‹, wo er ihn als Metapher einsetzt: »Der Optimism und Pessimism sind Zwillingsbrüder. Ob der letzte ehebrecherisch durch Superfötation hinzugepfuscht sei, ist jetzt, da man die Mutter vor kein geistliches Gericht ziehen kann und der Vater immer schweigen wird, schwer auszumachen. Mir scheinen sie beide in ehrlicher Geburt, keiner älter als der andre, und, um allem Streit über Erbfolge und Erbrecht zuvorzukommen, in einem nicht zu unterscheidenden Wurf ans Licht der Welt geworfen zu sein.« (Friedrich Maximilian Klinger, Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur. Erster Theil. In: Ders, Werke. Neue wohlfeile Ausgabe, Leipzig 1832, Bd. 11, S. 3; vgl. dazu Cornelia Blasberg, Ein »kopierendes Original«. F. M. Klingers Trauerspiel ›Die Zwillinge‹ zwischen Geniekult und Traditionsbindung. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft (1994), S. 39–64, hier S. 59; Vedder, Natur und Unnatur (wie Anm. 7), S. 153f. — Vedder, die sich auf den Aufsatz Cornelia Blasbergs beruft, erwähnt die Superfötation in Bezug auf den Text, verzichtet dabei jedoch auf eine begriffs- oder/und wissenschaftshistorische Situie-rung Ihr Befund, der die Relevanz der biologischen generatio als Thema unterstreichen würde, reichte offenbar nicht aus, um innerhalb der ›Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Konzepts der Generation gegen die Futurisierungsthese gehalten zu werden.Google Scholar
  13. 23.
    Klinger, Die Zwillinge (wie Anm. 21), I,1, S. 7. Vgl. Ulrike Vedder, Zwillinge und Bastarde. Reproduktion, Erbe und Literatur um 1800. In: Techniken der Reproduktion, hg. von Ulrike Bergermann, Claudia Breger und Tanja Nusser, Königstein i.Ts. 2002, S. 167–180, hier S. 169fGoogle Scholar
  14. 26.
    Vgl. Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen, Anmerkungen von Peter von Düffel, Stuttgart 1964 (1779), V,7, Vs. 3662–3666.Google Scholar
  15. 28.
    Zum augenfälligen Fokus auf Geburt und Adoption im Werk Kleists vgl. auch Helmut J. Schneider, Geburt und Adoption bei Lessing und Kleist. In: KJb 2002, S. 21–41. — Zu Familienkonstellationen bei Kleist vgl. u.a.Google Scholar
  16. Anthony Stephens, Kleists Familienmodelle. In: KJb 1988/89, S. 222–237.Google Scholar
  17. 32.
    Zum Bösen im ›Findling‹ vgl. Peter-André Alt, Poetische Logik verwickelter Verhältnisse. Kleist und die Register des Bösen. In: KJb 2008/09, S. 63–81.Google Scholar
  18. 33.
    Zur Ohnmacht als physikalischem Prinzip, beruhend auf der Elektrizitätslehre Benjamin Franklins vgl. Herminio Schmidt, Heinrich von Kleist. Naturwissenschaft als Dichtungsprinzip, Bern, Stuttgart 1978 sowie Sigrid Weigel, Der ›Findling‹ als gefährliches Supplement‹. Der Schrecken der Bilder und die physikalische Affekttheorie in Kleists Inszenierung diskursiver Übergänge um 1800. In: KJb 2001, S. 120–134.Google Scholar
  19. 42.
    Der ›Bildungstrieb‹ ist ein biologisches Konzept von der fortschreitenden Selbstorgani-sation jedes Lebewesens. Der Darstellung Johann Friedrich Blumenbachs in seiner Schrift ›Über den Bildungstrieb und das Zeugungsgeschäfte‹ (Göttingen 1781) folgend, ist es um-gangssprachlich am kürzesten wohl als der postulierte Drang eines jeden Lebewesens nach Vervollkommnung zu beschreiben. Blumenbachs Thesen beeinflussten Dichter und Den-ker bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein, unter anderem Alexander von Humboldt oder Goethe, mit dem er gemeinsam anatomische Forschungen betrieb, und sie begeisterten Kant, der Blumenbach für einen der größten Biologen hielt; vgl. Timothy Lenoir, Morphotypes and the Historical-Genetic Method in Romantic Biology. In: Romanticism and the Sciences, hg. von Andrew Cunningham und Nicholas Jardine, Cambridge, New York u.a. 1990, S. 119–129 oder, ausführlicher:Google Scholar
  20. Timothy Lenoir, Kant, Blumenbach, and Vital Materialism in German Biology. In: Isis 71 (1980), S. 77–108. Vgl. allerdings die Kritik an Lenoirs Darstellung in:CrossRefGoogle Scholar
  21. Robert J. Richards, The Romantic Conception of Life. Science and Philosophy in the Age of Goethe, Chicago, London 2002, S. 216ff.CrossRefGoogle Scholar
  22. 52.
    Johann Wolfgang von Goethe, Iphigenie auf Tauris. In: Ders, Gesamtausgabe der Werke und Schriften, Stuttgart 1950–1963 (Cotta-Ausgabe), Bd. 5, III,1, S. 802.Google Scholar

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