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»Sauerkraut mit Ambrosia« Heines Kontrastästhetik

  • Gerhard Höhn
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Zusammenfassung

Die jüngste Heineforschung konnte sich zwar äußerst breit entwickeln und thematisch extrem ausdifferenzieren, nicht aber ein größeres Defizit tilgen. Diesen zwiespältigen Eindruck ergibt ein schneller Blick auf aktuelle Bibliographien. Für den kurzen Zeitraum von 1996 bis 2008 verzeichnet das Heine-Jahrbuch ungefähr 2.800 neue Titel aller Art, allein bis zur Jahrhundertwende sage und schreibe mehr als tausend Beiträge. Steht thematisch Heines Einstellung zum Judentum, speziell seine problematische jüdisch-deutsche Doppelidentität im Mittelpunkt, florieren ebenfalls Biographien und biographisch angelegte Arbeiten (selbst zu kleinsten Lebensabschnitten), flankiert von kompakten Gesamtdarstellungen. Dank einer Reihe von Arbeiten zu Heines Europavorstellung, Religions- und Geschichtstheorie oder zu seinem Frauenbild sind neue Schwerpunkte der Forschung entstanden — um nur diese wenigen zu nennen. Das ›alte‹ Thema Musik erhielt 2006 durch das Doppelgedenkjahr Heine-Schumann starken Auftrieb. Nicht zuletzt sind rezeptionsgeschichtliche Studien regelrecht ins Kraut geschossen und scheinen per se unabschließbar. So wichtig und lesenswert die Mehrzahl der Forschungsbeiträge erscheint, sollte man dennoch nicht übersehen, dass diese Explosion weitgehend auf Kosten gründlicher Analysen von Werkstrukturen und Schreibart erfolgt ist. So befassen sich z. B. unter den sechzig Fachbeiträgen des internationalen Heine-Kongresses 1997 kaum mehr als sechs mit eingehenden Text- oder Sprachanalysen. Deshalb scheint der Zeitpunkt gekommen anzumahnen, den virtuosen Sprachkünstler Heine nicht nur ausnahmsweise, sondern gezielt in den Mittelpunkt zu stellen.1

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Anmerkungen

  1. 2.
    Dierk Möller: Heinrich Heine. Episodik und Werkeinheit. Wiesbaden, Frankfurt a. M. 1973, S. 87 ff.;Google Scholar
  2. Ursula Lehmann: Popularisierung und Ironie im Werk Heinrich Heines. Die Bedeutung der textimmanenten Kontrastierung für den Rezeptionsprozeß. Frankfurt a. M. [u. a.] 1976, S. 108 ff.;Google Scholar
  3. vereinzelt Slobodan Grubačič: Heines Erzählprosa. Versuch einer Analyse. Stuttgart [u. a.] 1975, S. 9 ff. (zu »Harzreise«), ferner S. 51 f., 55 f., 65 ff. Vgl. Höhn 32004, S. 385 ff.: »Kontrastästhetik«.Google Scholar
  4. 11.
    Walter Kambartel: Kontrast. — In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Basel 1976, Bd. I V, Sp. 1066 f.;Google Scholar
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  6. 12.
    Roger de Piles: Abrégé de la Vie des Peintres. Avec des reflexions sur leurs Ouvrages […], Paris 1699. Zitiert nach: Max Imdahl: Farbe. Kunsttheoretische Reflexionen in Frankreich. München 1987, 3. Aufl. 2003, S. 59. Zu de Piles ebd., S. 55 ff. Caravaggio gilt allgemein als Meister der Kontrastmalerei. Vgl. das Spottspiel mit seinem Namen in DHA VII, 115.Google Scholar
  7. 29.
    Vgl. Gerhard Höhn: Kontrastästhetik. Heines Programm einer neuen Schreibart. — In: Heinrich Heine. Ein Wegbereiter der Moderne. Hrsg. von Paolo Chiarini und Walter Hinderer. Würzburg 2009, S. 43–66.Google Scholar
  8. Vgl. Julia Aparicio Vogl: Heine — Ein Spötter von der traurigen Gestalt. Die Präsenz des »Don Quijote« und seines Autors Cervantes im Werk Heinrich Heines: Deutungsanalysen und Stilvergleiche. Frankfurt a. M. u. a. 2005.Google Scholar
  9. 32.
    Karl Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen. Darmstadt 1973. Im Hinblick auf das »Kunsthäßliche« sei es falsch zu denken, »die Schönheit bedürfe der Häßlichkeit […], um als Schönheit desto nachdrücklicher zu erscheinen« (ebd., S. 36 f.). Sie ist absolut, nicht relativ. »Der Contrast, dessen die Kunst oft bedarf, braucht nicht durch den Gegensatz des Häßlichen erzeugt zu werden« (ebd., S. 37).Google Scholar
  10. 33.
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  12. 47.
    Drastische K(ontrast)-Effekte entstehen durch Rückgriff auf bestimmte Körpermerkmale oder Symptome. Z. B. die Verbindung Hämorrhoiden und »gekränkte Liebe« (DHA VII, 171), oder »die perfiden/Preußischen Hämorrhoiden« als Gebresten, die der Autor in seinem »Vermächtniß« hinterlässt (DHA IIII, 121) oder Meyerbeers »Hemeroidhal-Musik« (DHA III, 401). Andererseits werden »Hühneraugen« mit »Juwelen« gepaart (DHA VII, 91), schmücken »Fortschrittsbeine« (DHA III, 97) oder zieren »deutsche Staatsfüße« (DHA XIV, 271, als »Judenbeschränkungen«). Vgl. Christian Liedtke: »… es lachten selbst die Mumien«. Komik und grotesker Humor in Heines »Romanzero«. — In: HJb 43 (2004), S. 12–30. S. 13 f.: die »Leiblichkeit des Menschen« als Grundmotiv der Komik, die durch »Kontrast« von Essbarem und geistigen Bedürfnissen erfolgt.Google Scholar
  13. 55.
    Almuth Grésillon: La règle et le monstre: le mot-valise. Interrogations sur la langue, à partir d’un corpus de Heinrich Heine. Tübingen 1984, S. 7. Das Kofferwort ist keine historisch-etymologische Rekonstruktion, sondern »la production d’une forme tout à fait singulière, obtenue par la fusion de deux termes qui, eux aussi, peuvent être phonétiquement proches, mais entre lesquels il n’existe en général aucun lien sémantique ›naturel‹«. Wülfing spricht von Neologismen, die durch »Kontamination« entstehen. Oberbegriff »Paronomasie«. Vgl. ders. [Anm. 44], S. 51 ff.Google Scholar
  14. 61.
    Wilhelm Solms: Reine und unreine Reime von Heine. — In: »…und die Welt ist so lieblich verworren«. Heinrich Heines dialektisches Denken. Festschrift für Joseph A. Kruse. Hrsg. von Bernd Kortländer und Sikander Singh. Bielefeld 2004, S. 293–307 (S. 293: »Eine Studie von Heines Reimkunst, zu der hier nur ein Entwurf vorgelegt werden kann, steht bis heute aus«).Google Scholar
  15. 66.
    Karl August Varnhagen von Ense: Rezension zu »Reisebilder« I. — In: Galley/Estermann I, 213; Schwab [Anm. 3] und Mundt [Anm. 5]; vgl. Wolfgang Preisendanz: Die umgebuchte Schreibart. Heines literarischer Humor im Spannungsfeld von Begriffs-, Form- und Rezeptionsgeschichte. — In: Heinrich Heine. Artistik und Engagement. Hrsg. von Wolfgang Kuttenkeuler. Stuttgart 1977, S. 1–21, insbes. S. 1 ff.Google Scholar
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    Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. — In: Ders.: Werke. Bd. V. Hrsg. von Norbert Miller. München 1963, S. 124 f.Google Scholar
  17. 70.
    Vgl. Götz Müller: Zur Bedeutung Jean Pauls für die Ästhetik zwischen 1830 und 1848 (Weisse, Ruge, Vischer). — In: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft 12 (1977), S. 105–136.Google Scholar
  18. 72.
    Vgl. hier S. 2. Zum Humor vgl. Bernd Kortländer: »…der beste der Humoristen«. Zu Heines Humorbegriff am Beispiel seine Gedichts »Zwei Ritter«. — In: Wirkendes Wort 42 (1992), S. 55–66. Dort heißt es: »[…] die aus den Kontrasten gewonnenen humoristischen Effekte prägen das Grundmuster des Heineschen Schreibens.« Ebd., S. 61. — Auch Heines Witz operiert mit Kontrasten, er stellt überraschende Verbindungen zwischen unvereinbaren Gegenständen her.Google Scholar
  19. 73.
    Es wäre untersuchenswert, inwieweit Ironiesignale (die auch immer Störfaktoren von Illusionen sind und das Gemeinte hinter dem Gesagten signalisieren) auf Kontrasten beruhen, bzw. inwieweit der ›Heineton‹ oder der sog. Heine-Effekt ein Kontrasteffekt ist. Vgl. Rainer Warning: Ironiesignale und ironische Solidarisierung. — In: Das Komische. Hrsg. von Wolfgang Preisendanz und Rainer Warning. München 1976 (Poetik und Hermeneutik VII), S. 416–423, hier S. 419: »Ironiesignale lassen sich […] am besten als Störfaktor beschreiben, die die ironische illusio durchbrechen«.Google Scholar
  20. 74.
    Wolfgang Preisendanz: Ironie bei Heine. — In: Ironie und Dichtung. Sechs Essays. Hrsg. von A. Schaefer. München 1970, S. 85–112, hier S. 95, vgl. ebd., S. 91.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Gerhard Höhn
    • 1
  1. 1.BarbizonFrance

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