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Felices Goldzähne

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Zusammenfassung

Die Unzulänglichkeit des Körpers ist für Kafka die Grundlage dieses der Selbstverständigung dienenden metaphorischen Systems. Es verweist auf sein Wesen als Schriftsteller, dem die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft versagt ist, aber auch auf sein Dasein als Westjude, der aus dem organischen Zusammenhalt der großen Familie herausgerissen ist. In diesen Prozeß der metaphorischen Selbstverständigung fällt im August 1912 die Begegnung mit Felice Bauer; sie ist der Beginn einer Beziehung, die so komplex ist, das man sie gerade deswegen leicht vereinfachen kann: In dieser Beziehung zu der jungen Frau aus Berlin bildet und verfestigt sich in Kafka — wie er später an Milena schreibt — die Vorstellung, der „westlichste aller Westjuden“ zu sein. Das aber bedeutet: ein Dichter zu sein, der mit der unsühnbaren Schuld der Literatur befleckt ist. In seinen zahlreichen Briefen an Felice scheint Kafka in der Tat nur damit beschäftigt zu sein, seiner zukünftigen Verlobten die furchtbare Schuld der Literatur zu gestehen, die aus ihm ein absonderliches Geschöpf macht, das nicht innerhalb der menschlichen Gemeinschaft zu leben verdient. Dieses immer wiederkehrende, bedrängende Motiv seines unmenschlichen Wesens als Dichter bleibt jedoch ständig verbunden mit dem Problem des Judentums. Dieses Problem war im übrigen der Hauptgegenstand ihres ersten Gesprächs im Hause Brod; von ihm ging ein außerordentlicher Briefwechsel aus, der am 20. September 1912 begann und am 16. Oktober 1916 endete. Diese Briefe Kafkas an Felice sind eines der erschütterndsten Dokumente der literarischen Existenz und des literarischen Selbstverständnisses eines großen Erzählers. Sie repräsentieren darüber hinaus jedoch auch eine sehr jüdische Geschichte, die sich in einer ausschließlich jüdischen Welt abspielt: In ihr bildet die Frage des Judentums — die keineswegs ein nur beiläufiges Motiv einer ansonsten privaten, persönlichen Korrespondenz darstellt — die moralische und bewußtseinsmäßige Grundlage einer Beziehung, die sonst nur von der verzweifelten, aber auch — so wie sie zuerst allgemein verstanden wurde — sehr vagen und unbestimmten Existenzangst Kafkas geprägt zu sein scheint.

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

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