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Diskurshistorische Analyse — eine linguistische Perspektive

  • Matthias Jung

Zusammenfassung

Der hier im Folgenden vorgestellte Diskursansatz ist nicht aus einer Theorie entstanden bzw. stringent abgeleitet, darauf aufbauend in eine damit konsistente Methodik umgesetzt und schließlich auf breiter empirischer Basis verifiziert worden. Dieser wissenschaftstheoretisch möglicherweise als ideal angesehene deduktive Weg scheint mir in der Praxis höchst suspekt, denn es handelt sich entweder um eine nachträglich konstruierte Fiktion oder um einen ‚Studierstubenansatz‘, bei dem Methodik und Empirie — oft lediglich exemplarisch angedeutet und als Desiderat formuliert — nur Anhängsel sind, aber nicht auf die Theoriebildung zurückwirken. Abweichend davon präferiere ich Vorgehensweisen, bei denen die drei unterschiedlichen Komponenten unter dem Druck einer ergebnis- und relevanzorientierten Praxis sozusagen ‚gleichberechtigt‘ zusammenwachsen, jedenfalls keine eindeutige Abhängigkeitsrichtung besteht. Entscheidend ist in dieser Perspektive weniger, wer mehr oder neuere Sekundärliteratur im Theorieteil verarbeitet, sondern vielmehr, daß die Ergebnisse nachvollziehbar bzw. nachprüfbar sind und gesellschaftliche Relevanz haben. Daran orientieren sich sowohl die Auswahl der untersuchten Diskurse als auch die Definition der Untersuchungsperspektiven (vgl. Jung/Wengeler 1999).

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  • Matthias Jung

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