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Subjektivierungseffekte des Wissens

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Zusammenfassung

Häufig geht man davon aus, daß das, was vielen Menschen, aber auch ganzen Nationen oder Kulturen fehle, um ihr Leben (nach unseren Maßstäben) besser zu gestalten, das Wissen sei. Und es gibt Stimmen, die gerade in der Entwicklung elektronischer Medien und ihrer weltweiten Vernetzung eine Chance sehen, das verfügbare Wissen so weit zu streuen, daß davon sowohl Aufklärungs-wie damit zusammenhängend auch Entwicklungseffekte zu erwarten seien. Um sich als Pädagoge, als jemand, der über die Vermittlung von Wissen Einfluß auf (meist individuelle) Entwicklungen zu nehmen trachtet, einer solchen naiven Aufklärungsstrategie erfreuen zu können, muß man allerdings eine 200jährige Reflexion vergessen. Deren Problem besteht nicht nur darin, von der Verwendbarkeit dieses Wissens unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen auszugehen. Es besteht auch nicht nur darin, daß man — immerhin schon mit Rousseau — darauf verweisen könnte, daß die Anhäufung von Wissen die Menschen nicht notwendig besser macht, sondern daß die Verbindung von Verhaltens- oder gar moralischen Urteilsgrundlagen und kognitiven Inhalten zumindest als kontingent anzusehen ist. Es besteht auch nicht nur darin, daß schon die sogenannte ‚Erste Welt‘ mit dieser Art von Wissen so viel Unheil angerichtet hat, daß man davon ausgehen muß, daß eine Universalisierung dieser Umgangsform mit Wissen zum ökologischen Kollaps führen könnte. Unter pädagogischen Gesichtspunkten besteht das Problem vielmehr darin, daß mit einer solchen naiven Aufklärungsperspektive die pädagogische Fragestellung noch gar nicht berührt ist. Das erscheint auf den ersten Blick etwas anmaßend: Wenn mit der Ausbreitung und Universalisierung des wissenschaftlich erzeugten Wissens eine ökologische Katastrophe droht, dann erscheint es eigentümlich, wenn sich Pädagogen Gedanken darüber machen, daß das Problem als pädagogisches noch gar nicht erfaßt wird. Die pädagogische Fragestellung erscheint gegenüber anderen Gefahren und Problemen als relativ bedeutungslos. Und doch handelt es sich nicht um eine pädagogische Anmaßung jener Gottesfunktion, die über individuelle wie gesellschaftliche Geschicke entscheidet. Vielmehr erscheint es so, daß eben diese Funktion von einer naiven Aufklärungsperspektive eingenommen wird, die davon ausgeht, daß die Vermehrung von Wissensangeboten ins Unendliche zur Besserung individueller wie gesellschaftlicher Lebensverhältnisse beitragen wird.

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Literatur

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© Leske + Budrich, Opladen 1999

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