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Identität, Autorität und Geschlecht als Dimensionen der Verallgemeinerung

  • Karola Brede
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Zusammenfassung

Die Fallstudien hatten zum Ziel, den psychologischen Aufbau von Handlungsweisen sichtbar zu machen, die für unsere Gesprächspartner, drei Arbeiter und zwei Angestellte, an ihrem Arbeitsplatz mit großer Wahrscheinlichkeit zutrafen. Durch die Einbeziehung psychoanalytischer Aussagen wurde eine Fülle von Gesichtspunkten erkennbar, unter denen egos Interaktionsbeiträge verstanden werden können und die es ermöglichen, die Auswirkung unbewußter Motive und Konflikte auf das individuelle Handeln sowie auf die Handhabung sozialer Konflikte einzuschätzen, wie sie im Betrieb vorkommen Selbst wo die Materialbasis schmal war und nur wenige Anhaltspunkte für die psychodynamischen Vorgänge vorlagen, mußte dennoch nicht das Prinzip der Vermittlung verletzt werden, nach dem bei der Interpretation verfahren wurde. Für jede der Fallstudien gilt, daß sich aus disziplinär getrennt erhobenen Materialien — d.h. unterstellend, unbewußte Vorgänge können unabhängig von bewußten, dem individuellen Handeln nahestehenden Vorstellungen und Motiven angegeben werden — auf die persönliche Einheitlichkeit des Handelns schließen ließ.

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Literatur

  1. 88.
    Siehe die Anmerkung der Übersetzer von “Mind, Self, and Society” (Mead 1934b, S. 442) sowie Joas (1987, S. 17f.).Google Scholar
  2. 90.
    Als Derivat bezeichne ich hier und im folgenden die Äußerung einer Person dann, wenn ego mit ihr für alter ego eine Intention aufzeigt, die auf zum Teil unbewußte Vorgänge verweist. Indem man den Sinn des Mitgeteilten erschließt, stößt man auf Bedeutungen, die nur durch den Rückschluß auf unbewußte, der sich äußernden Person verborgene Konflikte zugänglich sind.Google Scholar
  3. 91.
    Tugendhat hat im Zusammenhang einer Kritik der Übersetzung von Meads “Mind, Self, and Society” ins Deutsche und der Gleichsetzung von “self’ mit ”Identität“ darauf hingewiesen, daß das Selbst Subjekt und Objekt zugleich ist. Er zitiert Mead: ”It is the characteristic of the self as an object to itself that I want to bring out. This characteristic is represented in the word ‘self,’ which is a reflexive, and indicates that which can be both subject and object“ (Mead 1934a, S. 136f.; Tugendhat 1979, S. 246f.) Joas hat sich über Tugendhats Einwand hinweggesetzt und sich für die Übersetzung von ”’self… mit Ich—Identität bzw. abgekürzt Identität“ (Joas 1987, S. 17) ausgesprochen.Google Scholar
  4. 93.
    Weiter heißt es: “das Selbst des praktischen Selbstverhältnisses ist… ein Wille, der sich einzig durch Vergesellschaftung zu einem ‘Ich will’, zu einem ‘Ich kann einen neuen Anfang setzen, für dessen Folgen ich verantwortlich bin’, konstituiert” (Habermas 1988, S. 221).Google Scholar
  5. 94.
    Die Aufwertung des Vorbewußten, wie sie in der “objektiven Hermeneutik” (Oevermann) vorgenommen wird, aber auch in Leuschners psychoanalytischer Forschung über Traumvorgänge sich abzeichnet, hängt möglicherweise mit dem ausschließlich epistemischen Zugang zu Unbewußtem zusammen. Hier ist — anders als im Zusammenhang der Aufgabe therapeutischen Fremdverstehens — der zu verstehende andere aus der leibhaftig—unmittelbaren Kommunikation von Sinn ausgeschaltet, durch Text und gezeichnetes Traumbild ersetzt. Widerstand als Ausdruck praktischer Identitätsbildung in der therapeutischen Gesprächssituation entfällt (vgl. Leuschner 1995 ).Google Scholar
  6. 95.
    Einen geschichtlichen Überblick zur Entwicklung der Angestelltenberufe geben die Ausführungen von Schweikart (1994); für die siebziger und achtziger Jahre s. Baethge u. Ober—beck 1993, S. 59ff. u. 297ff.Google Scholar
  7. 96.
    Da viele Tätigkeiten in den Dienstleistungsbereichen regelmäßige Kommunikation mit Kunden und Geschäftspartnern aufweisen, kann man sich einen ständig unter Kontrollangst stehenden, sich duckenden und in seinem kommunikativen Verhalten nur begrenzt eigenständigen Angestellten nicht leisten“ ( Baethge u. Oberbeck 1986, S. 38 ).Google Scholar
  8. 97.
    Kadritzke stellt an den Anfang seines Aufsatzes den Text einer Stellenanzeige, der für unzählige andere steht. Der gesuchte Bewerber wird persönlich angesprochen: “’Als Ingenieur aus dem Fachbereich Elektronik/Elektrotechnik haben Sie bereits Erfahrung im Vertrieb technischer Produkte gesammelt. Eigenständiges und zielorientiertes Handeln kennzeichnen Ihre tägliche Arbeit. Sie sind bereit und in der Lage, steigende Verantwortung zu tragen. Dann übernehmen Sie für uns mit Eigeninitiative und Engagement die Betreuung und den Ausbau unseres Kundenstammes sowie die Intensivierung unserer Geschäftsbeziehungen” (Kadritzke 1993, S. 297 ).Google Scholar
  9. 98.
    Das Konzept des autoritären Charakters ist auch in neuerer Zeit der Kritik ausgesetzt gewesen (vgl. Wacker 1979; Altemeyer 1988; Hopf 1992; Meloen 1993).Google Scholar
  10. 100.
    Einen Einblick in die zeitgenössische Autoritarismusforschung und ihre Ergebnisse gewährt der von Gerda Lederer und Peter Schmidt herausgegebene Band “Autoritarismus und Gesellschaft” (1995).Google Scholar
  11. 102.
    Ich denke hierbei insbesondere an den Essay “Die Unfähigkeit zu trauern” von Alexander und Margarete Mitscherlich (1967). Die Autoren müssen solche Austauschprozesse unterstellen, damit eine kollektive Manifestation individuell unbewußter, aber handlungswirksamer Mechanismen der Verleugnung vormaliger Idealisierung und damit Derealisierung auf der Verhaltensebene begründet behauptet werden kann. Nicht von ungefähr, so meine ich, hat Moser erst kürzlich und im Zusammenhang der Suche nach Ursachen des Rechtsextremismus den Autoren den Vorwurf des unangebrachten moralischen Gestus gemacht (vgl. Moser 1993, S. 74ff.). Soweit dieser Vorwurf berechtigt ist, verweist er darauf, daß damals der Gestus die Stelle geteilter moralischer Orientierungen ersetzen mußte. Die Orientierungen waren das, was infolge der “Unfähigkeit zu trauern” sich nicht herausgebildet hatte.Google Scholar
  12. 103.
    Eine der wenigen Ausnahmen bildet eine Untersuchung von Christel Hopf, die explizit an den qualitativen Teil der klassischen Studien zum autoritären Charakter anknüpft und einen Zusammenhang zwischen familialen Beziehungserfahrungen und rechtsextremistischen Orientierungen unter Jugendlichen herstellt (vgl. C. Hopf 1993 ).Google Scholar
  13. 104.
    Damit will ich nicht sagen, daß es gleichgültig sei, welche psychologische Theorie soziologisches Denken sich zu eigen macht. Willems’ lerntheoretischen Annahmen entlehnte These “Vorbildhandeln schafft Nachahmungsbereitschaft” (Willems 1993, S. 245) vermag nicht zu präzisieren, worin die psychischen Grundlagen republikanischen Engagements der Gesellschaftsmitglieder im Unterschied zu denen liegen, die man im Falle rechtsextremistischer Orientierungen vermuten muß. Identifiziert mit dem Problem gesellschaftlicher Ordnung per se, verflacht Willems das klassische soziologische Theorem gesellschaftlicher Verinnerlichung zur Forderung vom “Zwang zum Selbstzwang” (ebd., S. 253) und unterschlägt so individuelle Freiheit als Voraussetzung politischer Partizipation.Google Scholar
  14. 105.
    Hinsichtlich ihrer Militanz gibt es Ähnlichkeiten zwischen rechtsextremistischen und autonomen Jugendlichen—Gruppen. Obwohl beide der politischen Rechten in die Hand arbeiten, stimme ich Gertrud Hardtmann zu, die auf die folgenden Unterschiede aufmerksam macht: “Die linke ( Jugendgewalt) wendet sich offen gegen die Autoritäten, hinterläßt Bekennerschreiben, fordert den Staat und nicht seine schwächsten Mitglieder heraus, mit denen sie sich im Gegenteil solidarisiert. Linke Gewalt hat seit Generationen in Deutschland die Polizei gegen sich gehabt” (Hardtmann 1994, S. 51 ).Google Scholar
  15. 106.
    Weitere einschlägige Beschreibungen enthalten Streeck—Fischer (1992), Bohleber (1995) und Leuzinger—Bohleber (1995).Google Scholar
  16. 107.
    Vgl. Kraushaar (1994) über “Extremismus der Mitte” in dem von Lohmann herausgegebenen Sammelband gleichen Titels.Google Scholar
  17. 108.
    Die höhere Komplexität dieser Fragestellung verdeutlichen die Forschungen, die Regina Becker—Schmidt und ihre Forschungsgruppe durchgeführt haben (vgl. Becker—Schmidt 1983).Google Scholar
  18. 111.
    Das andere Extrem einer ständigen Vergewisserung des eigenen Geschlechts wird an den Anstrengungen deutlich, die Transsexuelle unternehmen müssen, um situative und innere Eindeutigkeit für die Wahrnehmung ihres weiblichen resp. männlichen Geschlechts herzustellen. Sie müssen erreichen, daß ihr Verhalten in den Geltungsbereich normativer Heterosexualität fällt (vgl. Hirschauer 1993, S. 21ff.; s. vor allem auch Lindemann 1993 ).Google Scholar
  19. 112.
    Bei Simmel heißt es entsprechend: Die Frauen haben die männliche “Art, die Welt aufzubauen” und über “die Spitze der Wertreihe” zu entscheiden, “nachträglich” legitimiert, “indem (sie) selbst jene Rangordnung der seelischen Verhaltensweisen, die ihrem tiefsten Wesen zuwiderläuft, als die gültige zugeben” (Simmel 1906, S. 81). Auch von dem Preis, den die Männer für die Behauptung und Aufrechterhaltung des “eigenen Gesetzes” zahlen — “einem wahren oder irrigen” (ebd.) — weiß Simmel ebenso wie Freud. Er bemerkt: “Sein (des Mannes) theoretisches wie sein praktisches Ideal enthält ein Element von Entselbstung” (Simmel 1923, S. 59). Für Freud ist es das “Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjekts” (Freud 1910, S. 87), das den Mann seinen Anspruch auf Kulturträgerschaft kosten kann. Die weitreichenden, komplementären Aussagen des Soziologen Simmel und des Psychologen Freud sind den Vergleich wert, zu dem ich hiermit nur anregen kann.Google Scholar
  20. 113.
    Für Freud hat dies erst kürzlich Vera King (1995) gezeigt.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Karola Brede
    • 1
  1. 1.Frankfurt am MainDeutschland

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