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Zur Form von Kritik in der DDR-Pädagogik

  • Jörg Ruhloff
  • Jochen Riemen
Chapter
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Part of the Studien zur Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung book series (SZEUB, volume 2)

Zusammenfassung

Kritik, die unterscheidend-prüfende Feststellung, was vom Geltungsanspruch eines Satzes oder Satzgefüges beziehungsweise einer Praxis zu halten sei, ist ein, wenn nicht das hauptsächliche Bewegungsmedium von Wissenschaft. Die Produktion neuen Wissens vollzieht sich als kritische Einschränkung oder Erweiterung, als Verwerfung, Überholung, Korrektur bislang für richtig erachteter Erkenntnisse und Meinungen. Insoweit ist jede Wissenschaft, unabhängig von ihrer sozialen Einbettung, »kritisch«, und wenn über einen Wissenschaftstyp oder eine gesellschaftstypische Art der Wissenschaftsausübung geurteilt wird, sie sei unkritisch, dann bezieht sich dieses Urteil genauer besehen auf die formbestimmenden Begrenzungen, die das Geschäft der unterscheidenden Prüfung unter gewissen wissenschaftsinternen oder wissenschaftsexternen Bedingungen einschränken. So konnte sich beispielsweise die »kritische Theorie« der Frankfurter Schule »kritisch« nennen, nicht weil der sogenannten traditionellen Theorie das Element der Kritik fehlte, sondern weil sie die angeblich »eingebildete Selbständigkeit« traditioneller Wissenschaft1 gegenüber der gesellschaftlichen Praxis als eine das wissenschaftliche Denken verfälschende Begrenzung zu erkennen und überwinden zu können meinte.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie (1937), in: ders., Kritische Theorie. Eine Dokumentation. Hg. A. Schmidt. Bd. II. Frankfurt a.M. 1968, S. 190.Google Scholar
  2. 2.
    So unter dem Stichwort »Kritik« in: Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. G. Klaus u. M. Buhr. Bd. II Reinbek 1972, S. 627.Google Scholar
  3. 3.
    Im Kontext seiner Studie »Die Wende der DDR-Pädagogik. Eine Inhaltsanalyse von ’Pädagogik’ und ’Pädagogik und Schulalltag’« in: Transformationen der deutschen Bildungslandschaft (= Zeitschrift für Pädagogik, 30. Beiheft), Weinheim u. Basel 1993, S. 161–180.Google Scholar
  4. 4.
    So die Fragevorgabe, auf die sich das folgende Zitat Neuners bezieht, in: ohn-Macht. DDR-Funktionäre sagen aus. Hg. B. Zimmermann u. H.-D. Schütt. Berlin 1992, S. 175.Google Scholar
  5. 5.
    G. Neuner in: ohn-Macht. DDR-Funktionäre sagen aus. Hg. B. Zimmermann u. H.-D. Schütt. Berlin 1992, S. 176.Google Scholar
  6. 6.
    Die von Jochen Riemen aus den Archiv-Akten der APW rekonstruierten Strukturen drängen das auf. Wenn Zeitzeugen eine andere, weniger rahmengebundene Realität geltend machen, so bedarf die Differenz der Prüfung, spricht aber nicht schon ohne weiteres gegen die Wirksamkeit des Rahmens, der ja i.d.R als beengend erst im Konfliktfall erfahren worden sein dürfte.Google Scholar
  7. 7.
    Die Erhebung der Quellen verdanken wir unser Berliner Mitarbeiterin Susanne Bandau. An der Auswertung waren Ulrike Kleidt, Elke Pawellek und Harriet Witte beteiligt.Google Scholar
  8. 8.
    Den im folgenden genannten Daten sollte — wie es ein Zwischenbericht aus der laufenden Arbeit mit sich bringt — nicht mehr als ein symptomatischer Wert beigemessen werden. Genaue Angaben im Detail schienen erforderlich, um Hinweise auf Proportionen zu erhalten, die insgesamt durchaus noch genauer zu erforschen sind.Google Scholar
  9. 9.
    Nach Auskünften Beteiligter gab es zu allen Hauptartikeln, gelegentlich auch zu Diskussionsbeiträgen und Rezensionen zwei Gutachten. Zu dieser Angabe paßt der erhaltene (geringere) Quellenbestand aus noch ungeklärten Gründen nicht. — Bei den uns vorliegenden Kopien handelt es sich weit überwiegend um Gutachten zu verschiedenen Manuskripten. — Die ungleichmäßige Verteilung der Quellen über den Gesamtzeitraum verbietet Aussagen über einen eventuellen Wandel der Kritikform in diesem Zeitabschnitt.Google Scholar
  10. 10.
    Redaktionsmitglieder waren nicht immer Akademieangehörige. Wir haben hier eine »institutionelle« Gruppierung vorgenommen in der Annahme, daß eine ähnlich starke und von anderen Gutachtergruppen von vornherein verschiedene Bindung an die Zeitschrift vorliegen dürfte.Google Scholar
  11. 11.
    Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung/Archiv. Bestand der früheren Akademie der Pädagogischen Wissenschaften. Sign.: ZP-10.216. — Im folgenden werden die Signaturen in Klammern im Haupttext angegeben. Identische Signaturen zeigen nicht unbedingt identische Einzelquellen an.Google Scholar
  12. 12.
    Obwohl genaue Vergleichsbedingungen nicht gegeben sind, dürfte in diesem Zusammenhang der Hinweis aufschlußreich sein, daß in der »Zeitschrift für Pädagogik« »zwischen 1979 und 1989 um ein gutes Drittel mehr Manuskripte (719) zurückgewiesen, als in diesem Zeitraum publiziert worden sind (539)«. (Achim Leschinsky, Urs Schoepflin: Produktive oder nur projektive Funktionen? Die »Zeitschrift für Pädagogik« zwischen 1979 und 1989. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Berlin 1991, S. 25).Google Scholar
  13. 13.
    Wenn in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht wird, daß die doktrinal-dogmatische Kritikform kein Spezifikum des pädagogischen Diskurses der DDR ist, sondern — auch in Beziehung auf die Veröffentlichungspraxis wissenschaftlicher Zeitschriften — ebenso in der BRD vorgekommen sei und vorkomme, so ist das nicht falsch, jedoch geeignet, wichtige Unterschiede zu verwischen; denn weder hatte eine allgemeinpädagogische Zeitschrift in der BRD eine der »Pädagogik« gleichartige Monopolstellung noch operierten und operieren alle konkurrierenden Publikationsorgane mit einem Begutachtungsverfahren.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Jörg Ruhloff
  • Jochen Riemen

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