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Kranke in einer medikalisierten Gesellschaft

  • Jens Lachmund
  • Gunnar Stollberg

Zusammenfassung

Wenn die Hospitalisierung seit der Wende zum 20. Jahrhundert einen zentralen Platz in der Krankheitsbewältigung einnimmt, so ist dies nur ein Symptom für einen tiefgreifenden Wandel, dem in dieser Zeit die Medizin als Ganze unterworfen ist. Neben dem Aufstieg des Hospitals tragen hierzu vor allem drei Entwicklungen bei:
  1. 1.

    Die grundlegenden Veränderungen der diagnostischen und therapeutischen Wissensgrundlagen der Medizin: experimentelle Physiologie, Bakteriologie und Serologie werden zu neuen medizinischen Forschungsfeldern, die, wenn sie auch noch lange auf den Widerstand vieler praktischer Ärzte stoßen, nicht ohne Wirkung auf die Wahrnehmungsweisen auch von Laien bleiben.

     
  2. 2.

    Die Herausbildung eines Industrieproletariats, mit der ein neuer sozialer Kontext der Krankheitsbewältigung entsteht, der zu anderen Deutungs- und Handlungsstrategien führt, als wir sie in den vorangegangen Kapiteln kennengelernt haben. Mit der Einführung des Krankenversicherungszwangs kommt erstmals ein großer Teil sozialer Unterschichten systematisch mit akademisch gebildeten Ärzten zusammen.

     
  3. 3.

    Die erfolgreichen Etablierungen der akademisch gebildeten Ärzteschaft als quasi-monopolistischer Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt, der in Folge der Konstitution neuer Mittelschichten und der Integration der Arbeiterschaft in ein aus sozialen Transferleistungen finanziertes Krankenversicherungssystems expandiert (vgl. Göckenjan 1985; Huerkamp 1985; Drees 1988). Diese Monopolstellung ergab sich vor allem aus der Abschaffung der alten handwerklich oder halbakademisch gebildeten Wundärzte, zunächst in Preußen (1852) und dann auch anderswo in Deutschland.1

     

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Literatur

  1. 1.
    In Analysen, die die Professionalisierung der Medizin als Marktmonopolisierung beschreiben, wird oft der Eindruck erweckt, daß die Abschaffung dieser konkurrierenden Heilergruppen allein hingereicht habe, ein dauerhaftes Zuständigkeitsmonopol der Ärzteschaft am Gesundheitsmarkt zu etablieren (Huerkamp 1985). Man kann die knapp zwei Jahrzehnte später erfolgte Ausdehnung der Gewerbefreiheit auf die Medizin - zunächst in Preußen (1869) und dann im gesamten Reichsgebiet (1871) - sogar als einen Schritt zu einer erneuten „Deprofessionalisierung“ der Medizin verstehen, insofern ihr Monopol damit zugunsten der aufstrebenden medizinkritischen Naturheilkundebewegungen gebrochen wird. Vor allem aber ist die offizielle Zuweisung von Expertenautorität niemals mit der faktischen Autorität gleichzusetzen, die der Arzt am Krankenbett entfaltet.Google Scholar
  2. 2.
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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Jens Lachmund
  • Gunnar Stollberg

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