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Wiederholung und Differenz. Ostasien im globalen Kontext

  • Boris Holzer
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Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 48)

Zusammenfassung

Die Rekonstruktion des ostasiatischen Enwicklungsmodells verdeutlicht, daß die Länder der Region nicht einfach die bekannten Entwicklungsmuster der westlichen Industriestaaten ‚wiederholen‘. Einerseits finden sich zwar durchaus Merkmale einer ‚Modernisierung‘ im klassischen Sinne, und im Zuge weiterer Demokratisierung und Liberalisierung wird sich die Liste entsprechender Eigenschaften voraussichtlich verlängern. Auf der anderen Seite lassen sich weiterhin politische und kulturelle Differenzen feststellen, die — zumindest bisher — ihre Reproduktionsfähigkeit bewiesen haben. Selbst dort, wo ihr historischer Hintergrund zunehmend verblaßt, läßt sich mittlerweile ein bewußtes Beharren auf Differenz beobachten, das sich zuweilen mit politisch-strategischen Interessen trifft. Ebenso wie die Wiederholung von Entwicklungsmustern aber vollzog und vollzieht sich dies im Kontext einer bereits weitgehend etablierten Weltgesellschaft — und damit unter gänzlich anderen Ausgangsbedingungen als die Industrialisierung in Westeuropa.

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Literatur

  1. 1.
    Die Nähe zum Begriff der „reflexiven Modernisierung“ (Beck 1993; Beck et al. 1994) ist nicht ganz zufällig. Dieses Konzept hebt vor allem ab auf die Konsequenzen der „Selbstkonfrontation“ (Beck 1993: 36) der westlichen Moderne mit ihren eigenen Nebenfolgen. Diesem strukturellen Aspekt fügen wir jedoch einen eher wissenssoziologischen hinzu, der den Vergleich zwischen,westlicher` und,östlicher` Modernisierung in den Vordergrund stellt. Dies ist bei der „reflexiven Modernisierung“ nicht mitgedacht — nicht zuletzt, da sie sich hauptsächlich auf die westliche Entwicklung bezieht.Google Scholar
  2. 2.
    Hier und im folgenden gebraucht im doppelten Sinn des Wortes: „Reflexion lat.-(fr.). 1.das Zurückwerfen von Licht, elektromagnetischen Wellen, Schallwellen, Gaswellen und Verdichtungsstößen an Körperoberflächen. 2. das Nachdenken, Überlegung, Betrachtung, vergleichendes u. prüfendes Denken, Vertiefung in einen Gedankengang.“ (Duden 1982: 655 )Google Scholar
  3. 3.
    Siehe zur Unterscheidung von,Genese` und,Adaption` auch Kapitel 2.3.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. zur Phase der Kolonialmächte, in der die „seeds of modernization“ in Asien ausgesät wurden, Goh Keng Swee (1973: 84f.). Ähnlich faßt die Dependenztheorie die (negativen) Folgen der strukturellen Nachahmung westlich-europäischer Industrialisierung auf. Vgl. die bereits zitierte Definition der Dependenz von Dos Santos: „some countries (the dominant ones) can expand and can be self-starting, while other countries (the dependent ones) can do this only as a reflection of that expansion“ (1971: 226; Hervorhebung B. H.)Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Wallerstein (1981: 143): „weder die,Entwicklung` noch die,Unterentwicklung` einer beliebigen territorialen Einheit kann ohne Einordnung in die zyklischen Rhythmen und säkularen Trends der Weltwirtschaft als Ganzer analysiert oder interpretiert werden“. Betont werden sollte, daß dieser Kontext nicht nur die strukturellen Bedingungen, sondern auch die Kriterien für jeden wirtschaftlichen,Fortschritt` liefert.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. zu diesen Punkten Amin (1976) und die Zusammenfassung bei So (1990: 102ff.). Ein Beispiel für neue Möglichkeiten war etwa die Finanzierung von Industrialisierungsschritten in Südkorea und Taiwan durch die USA, die diesen Ländern eine gute Ausgangsposition verschaffte.Google Scholar
  7. 7.
    Man vergleiche bereits die Charakterisierung der kapitalistischen Entwicklung im Kom-munistischen Manifest: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeteten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“ (Marx/Engels 1969: 465).Google Scholar
  8. 8.
    Zur Bezugsgruppentheorie vgl. den Locus classicus: Merton (1957: 225ff.). Erweiterungen im hier angedachten Sinn sind angesichts neuer Kommunikationstechnologien unumgänglich.Google Scholar
  9. 9.
    Dies ist natürlich keine Einbahnstraße. Die entsprechenden Anmerkungen zu den modernen westlichen Anleihen bei östlichen Heilslehren haben wir bereits weiter oben gemacht.Google Scholar
  10. 10.
    W)ährend Europa sich im Horizont einer offenen, weithin unbestimmten Zukunft Jahrhunderte Zeit lassen und sektorale Fortschritte (zum Beispiel Industrialisierung) jeweils austarieren und Nebeneffekte auf andere Sektoren, zum Beispiel auf den Staat abwälzen konnte, sind unter heutigen Bedingungen keine Zeitreserven mehr verfügbar, und angesichts der faktisch gegebenen Ungleichheit und ihrer laufenden Reproduktion durch die Bedingungen funktionaler Differenzierung wäre es blanker Zynismus, wollte man den benachteiligten Regionen eine Wartezeit von zwei bis drei Jahrhunderten verschreiben“ (Luhmann 1995: 20f.).Google Scholar
  11. 11.
    Siehe Kapitel 3.2.4. Die Möglichkeit, Legitimation allein durch die Erfüllung der Entwicklungserwartungen zu erreichen und so einer tiefgreifenden Demokratisierung auszuweichen, ist anscheinend beschränkt — man vergleiche die Entwicklung Südkoreas in den achtziger Jahren (Holzer 1996 ).Google Scholar
  12. 12.
    Goh Chok Tong, Premierminister Singapurs, begründet dies so: „For success to continue, correct economic policies are not enough. Equally important are the noneconomic factors — a sense of community and nationhood, a disciplined and hard-working people, strong moral values, and family ties. The type of society we are determines how we perform“ (1994: 417). Erkennbar ist in diesen Äußerungen die,Verwendung soziologischen Wissens‘ — mit ihren sozialtechnologischen Tendenzen. Zu der aktiven Suche der singapurischen Führung nach den,nationalen Werten‘ vgl. Lee (1996) und Machetzki (1995).Google Scholar
  13. 13.
    Siehe dazu auch Lee Kuan Yew (1995). Kritisch zur Verbindung zwischen Autoritarismus und Konfuzianismus äußern sich Gibson (1990), Lee (1995) und der koreanische Oppositionspolitiker Kim Dae Jung (1995).Google Scholar
  14. 14.
    Giddens führt den juggernaut als Metapher der Moderne an: „a runaway engine of enormous power which, collectively as human beings, we can drive to some extent but which also threatens to rush out of our control and which could rend itself asunder. The juggernaut crushes those who resist it, and while it sometimes seems to have a steady path, there are times when it veers away erratically in directions we cannot foresee“ (Giddens 1990: 139).Google Scholar
  15. 15.
    Dies trifft auch fir die politische Elite anderer Länder zu. Vgl. etwa jüngste Äußerungen des malaysischen Premiers Mahathir (1995) und des Staatssekretärs Mahbubani (1995).Google Scholar
  16. 16.
    Die Diskussion um,asiatische Werte dreht sich deshalb weniger darum, „welches Wertesystem — das östliche oder das westliche — relativ gesehen das bessere ist. Nein, Asien rebelliert gegen die Bevormundung, es lehnt sich gegen seine früheren Herrscher auf“ (Nais-bitt 1995: 16). Siehe zu diesem Thema auch die Beiträge in Draguhn/Schucher (1995).Google Scholar
  17. 17.
    Aufgrund der zahlreichen Verpflichtungen ist ein Zusatzeinkommen oft dringend nötig. Südkoreanische Parlamentarier, die wegen der Annahme von Bestechungsgeldern verurteilt wurden, rechtfertigten sich mit dem Verweis auf die hohen,Kosten` ihrer Abgeordnetentä-tigkeit. Ihre Wählerinnen und Wähler erwarteten Spenden für Hochzeiten und Beerdigungen, Einladungen nach Seoul und anderes mehr. Ein frischvermähltes Paar wollte sich von,ihrem` Abgeordneten gar die Hochzeitsreise finanzieren lassen (Far Eastern Economic Review, 30. 5. 1991, S. 54 ).Google Scholar
  18. 18.
    Im statistischen,im Gegensatz zum hier gemeinten normativen Sinn ist Korruption natürlich auch in westlichen Ländern „nicht immer abweichendes Verhalten“ (Fleck/Kuzmics 1985).Google Scholar
  19. 19.
    Zur westlichen Geschichte der Ausdifferenzierung von,Öffentlichkeit` vgl. Habermas (1990: 54ff.).Google Scholar
  20. 20.
    Ein südkoreanischer Geschäftsmann faßte diese Erkenntnis über die Grenzen der Korruption so zusammen: „Früher galt: abgemacht ist abgemacht, aber wenn man heute eine Abmachung mit jemandem trifft, hat er nicht mehr die Macht, sie auch einzuhalten.“ (Far Eastern Economic Review,30.5.1991, S. 54)Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 1999

Authors and Affiliations

  • Boris Holzer

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