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Modernisierung und die Komplexität sozialen Wandels

  • Boris Holzer
Chapter
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Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 48)

Zusammenfassung

Sozialen Wandel als spezifisches Thema soziologischer Theorie zu isolieren, ist nicht schwierig — es ist praktisch unmöglich. Im weitesten Sinne bezieht sich der Begriff auf „alle denkbaren Veränderungen aller nur denkbaren sozialen Strukturen, insofern also auf eine generell geforderte Perspektive soziologischer Analyse überhaupt“ (Sprondel 1973: 206). Mit anderen Worten: es handelt sich um ein Komplexitätsproblem. Nicht alle sozialen Strukturen können gleichzeitig in den Blick genommen, nicht alle Veränderungen in gleicher Weise berücksichtigt werden. Komplexität bedeutet dann, auch und vor allem fir Theorien: Selektionszwang (Luhmann 1984: 47). Das ist nichts grundlegend Neues, zumindest nicht für soziologische und historische Theorien sozialen Wandels. Zufriedenstellend gelöst wurde das Problem meist jedoch nicht. Allzu oft wurde und wird Selektionszwang so (miß)verstanden, daß er monofaktorielle Erklärungsmodelle rechtfertige. Dies wird offensichtlich, wenn wir einen prominenten Bereich betrachten: die Theorie gesellschaftlicher Modernisierung.

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Literatur

  1. 1.
    Diese Charakterisierung gilt auch für dezidiert kritische Stellungnahmen wie jene von Karl Marx. Zwar ist ein großer Teil seines Werkes der Schilderung der tatsächlichen und möglichen Negativerscheinungen kapitalistischer Strukturen gewidmet, nichtsdestotrotz sieht er die kapitalistische Phase als notwendige Stufe zur weiteren gesellschaftlichen Entwicklung und als Bruch mit überkommenen traditionellen Strukturen. Weite Teile des „Kommunistischen Manifests“ (Marx/Engels 1969) lesen sich dementsprechend fast als Lobeshymne auf die tragende Kraft dieser Entwicklung: das Bürgertum.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu Schluchter (1991a).Google Scholar
  3. Vgl. Apter (1968), Bellah (1964), Levy (1966), Parsons (1964; 1966).Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Cumings (1994: 404).Google Scholar
  5. 5.
    Rostow arbeitete dabei mit einer Stadientheorie, die den Wandel zur modernen Gesellschaft wie folgt konzipiert: Von der traditionalen Arbeitsgesellschaft führt die Entwicklung zunächst über ein Vorbereitungsstadium in die Durchbruchphase (take-off); unter der Voraussetzung bestimmter wirtschaftlicher Eckdaten (etwa einer Investitionsquote von mindestens 10% des Bruttoinlandsprodukts) kann das Stadium selbsttragenden Wachstums erreicht werden, dessen Ergebnisse für die breite Bevölkerung erst in der Phase des Massenkonsums wirksam werden (vgl. Rostow 1960; 1964 ).Google Scholar
  6. 6.
    Deutlich wird dieser Leitbildcharakter in Definitionsversuchen: „Unter Modernisierung verstehe ich einen Typus des sozialen Wandels, der seinen Ursprung in der englischen Industriellen Revolution, von 1760 bis 1830, und in der politischen Französischen Revolution, von 1789 bis 1794, hat“ (Bendix 1969: 506). Und weiter: Dieser Wandel „besteht im wirtschaftlichen und politischen Fortschritt einiger Pioniergesellschaften und den darauf folgenden Wandlungsprozessen der Nachzügler“ (ebd.: 510). Auch neue Modernisierungstheorien folgen dieser historischen — im Gegensatz zu einer ebenso denkbaren analytischen — Ortsbestimmung: „‚modernity‘ refers to modes of social life or organisation which emerged in Europe from about the seventeenth century onwards and which subsequently became more or less worldwide in their influence“ (Giddens 1990: 1).Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Parsons (1966).Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. dazu Münch (1978).Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Luhmann (1975a).Google Scholar
  10. 10.
    Als ein Beispiel unter vielen mag die Untersuchung von McClelland (1964) zur „achievement motivation“ in unterschiedlichen Ländern dienen. McClelland untersuchte mit Hilfe inhaltsanalytischer Verfahren Zeitschriften und Schulbücher darauf, in welchem Maße darin die ‚modernen‘ Handlungsorientierungen vermittelt würden, und stellte einen empirischen Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum der betreffenden Länder fest.Google Scholar
  11. 11.
    Die Unterscheidung von Selbst- und Kollektivorientierung ist problematisch, da sie unterschiedliche Systemreferenzen ( Persönlichkeits- und Sozialsystem) thematisiert. Parsons verzichtete auf diese Variable, als er die pattern variables in das allgemeine Handlungsschema integrierte (Parsons/Smelser 1956: 36 ).Google Scholar
  12. 12.
    Eine davon abweichende Perspektive, die demokratische Partizipation zumindest nicht mit dem Beginn der Modernisierung verknüpfen möchte (an dieser Stelle sogar für kontraproduktiv erklärt), vertritt Huntington (1968).Google Scholar
  13. 13.
    Zu einer kritischen Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Varianten dieses „develop-mentalism“ siehe Nisbet (1970) und Wallerstein (1991a).Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. etwa die häufige Verwendung von wenig aussagekräftigen Formeln wie „in the long run“ oder „optimal“ (in bezug auf was?) bei Levy (1966); die Operationalisierbarkeit von Behauptungen wie: „as the level of specialization increases the level of self-sufficiency declines“ (Levy 1966: 49) kann bezweifelt werden.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. zum folgenden Bühl (1968: 267ff.).Google Scholar
  16. 16.
    So etwa bei Levy (1966).Google Scholar
  17. 17.
    Siehe zum Beispiel Apter (1968) oder Bellah (1964).Google Scholar
  18. 18.
    Hierunter fallen insbesondere die Ansätze zur vergleichenden Untersuchung politischer Entwicklung von Lerner (1958) und Pye (1963).Google Scholar
  19. 19.
    Bühl ( 1969: 175) argumentiert, daß aus dieser Konzeption notwendigerweise das Denken im evolutiven Schema folgt. Im Anschluß an Gotthard Günther (1980) bezeichnet er Evolution (im Gegensatz zur komplementären ‚Emanation‘) als die Verlaufsform von der „minimalen Iteration und Differenzierung“ zur „maximalen Iteration und Differenzierung“. Die ‚logische‘ Entwicklungsform der maximal differenzierten, modernen Gesellschaft ist daher die Evolution. Diese methodo-logische Kritik der Modernisierungstheorie erklärt aber nicht, weshalb eine solche Überzeichnung und Akzentsetzung überhaupt stattgefunden hat. Siehe dazu weiter unten.Google Scholar
  20. 20.
    In einer gängigen wissenschaftssoziologischen Terminologie wenden wir uns nun von den kognitiven zu den sozialen Faktoren der Theorieentwicklung. Zur (nicht unproblematischen) Trennung zwischen internen und externen Faktoren der Wissenschaftsentwicklung vgl. Krohn (1979). Die folgende Argumentation wird gerade zeigen, wie stark beide Bereiche aufeinander verweisen.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Bauman (1994: 390): „Man denkt immer dann über Identität nach, wenn man nicht sicher ist, wohin man gehört.“Google Scholar
  22. 22.
    Dagegen „drücken die wissenschaftlichen Vorstellungen die Welt als solche aus. Vor allem die Sozialwissenschaft bringt zum Ausdruck, was die Gesellschaft an sich ist, und nicht, was sie in den Augen des Subjekts, das sie denkt, ist“ (Durkheim 1993: 144). Allem Anschein nach ist es jedoch gänzlich unmöglich, die Gesellschaft ‚an sich‘ — ohne jeden mythologischen Anteil — zu denken (vgl. dazu auch Wehling 1992: 31 ff.).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Alexander (1994: 171): „we think of modernity as constructed upon a binary code. This code serves the mythological function of dividing the world into the sacred and profane“. Die Unterscheidung von „Heiligem“ und „Profanem“ orientiert sich dabei an Durkheim (1981).Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. für Beispiele aus anderen Wissenschaften klassisch: Kuhn (1976: 65ff.).Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. zur Begründung des „système autocentré“ Amin (1972); kritisch dazu: Wallerstein (1979a: 74) und Warren (1980), der die hohe Bedeutung ‚imperialistischer‘ Einflüsse für die Gesellschaftsentwicklung herausstellt.Google Scholar
  26. 26.
    Für das Beispiel Indiens findet sich Belegmaterial bei Baran (1957).Google Scholar
  27. 27.
    Dies vor allem auf seiten historisch orientierter Sozialwissenschaftlicher, z.B. Tenbruck (1984).Google Scholar
  28. 28.
    Um zu betonen, daß mit dem Konzept der Weltwirtschaft nicht die augenscheinliche Globalisierung der Marktbeziehungen im 20. Jahrhundert gemeint ist, unterscheidet Wallerstein ( 1984a: 13) zwischen „world-economy (économie-monde)“ und „world economy (économie mondiale)“. Während letztere Bezeichnung, die ‚internationale Wirtschaft‘, von Nationalökonomien als Basiseinheiten einer sich anschließenden Integration ausgeht, ist die world-economy durch die staatenübergreifende Arbeitsteilung zu definieren, die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts in immer weiteren Teilen der Welt existiert. Im weiteren soll der Terminus in diesem Sinne benutzt werden.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. zu weiteren Einzelheiten im Konzept der Warenketten Hopkins/Wallerstein (1994).Google Scholar
  30. 30.
    Formulierungen, welche die politische Durchsetzungs- und Steuerungsfähigkeit der ‚Zentrumstaaten‘ überbetonen, sind einem Mißverständnis an dieser Stelle geschuldet: Die wirtschaftliche Verteilung von Zentrums- und Peripherieprozessen kann nicht umstandslos mit politischer Macht dieser Regionen gleichgesetzt werden. Diese Macht wäre nur mit einer zentralen politischen Struktur gegeben, die im zwischenstaatlichen System nirgends zu lokalisieren ist.Google Scholar
  31. 31.
    Für theoretische und empirische Analysen zum Semiperipherie-Konzept siehe vor allem die Beiträge in Martin (1990).Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. zu den immer noch umstrittenen Konzepten der Kondratieff- und Hegemonie-Zyklen: Autorengruppe (1981), Braudel (1990: 73ff.), Bühl (1990: 64ff.), Huber (1985) sowie Kahn (1979). Auf alle Details dieser Prozesse kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Für die Gegenwartsdiagnose sollte allerdings festgehalten werden, daß man für die aktuelle geschichtliche Periode den Beginn der fünften Kondratieffschen Welle (ca. 1970–2020) diagnostiziert.Google Scholar
  33. 33.
    Deutlich wird dies insbesondere in Formulierungen, die einem Weltsystem „Merkmale eines Organismus“ zusprechen, „insofern es eine Lebenszeit hat, während der sich seine Merkmale in manchen Aspekten verändern und in anderen stabil bleiben. Seine Strukturen lassen sich nach der inneren Logik seiner Wirkungsweise als zu verschiedenen Zeiten stark oder schwach definieren“ (Wallerstein 1986: 517).Google Scholar
  34. 34.
    Die organismische Analogie und den inhärenten Determinismus hat Wallerstein mittlerweile teilweise selbst korrigiert. In einer Rezeption der Theorie nichtlinearer Systeme (etwa von Prigogine/Stengers 1981) sieht er Parallelen zwischen seinen ‚historischen‘ und den ‚komplexen‘ Systemen. Er zieht das Fazit, daß Mikro-Fluktuationen auf der Ebene sozialer Akteure sicherstellten, daß „die Geschichte immer Überraschungen bereithält“ (Wallerstein 1991b: 235, Übers. B.H.).Google Scholar
  35. 35.
    Mit der Differenzierung von Variations-, Selektions- und Stabilisierungskriterien formulieren Bums und Dietz somit die von Luhmann (1981: 184; 1997: 456ff.) postulierten drei Mechanismen soziokultureller Evolution.Google Scholar
  36. 36.
    Der hierbei in Anschlag gebrachte Regelbegriff ist an Ludwig Wittgenstein angelehnt, der die Offenheit des praktischen Regelgebrauchs betont: „Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. — Läßt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welche Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin; ob der Straße nach, oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand, oder (z.B.) in der entgegengesetzten? — Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern stünde, oder Kreidestriche auf dem Boden liefen, — gibt es für sie nur eine Deutung? — Also kann ich sagen, der Wegweiser läßt doch keinen Zweifel offen. Oder vielmehr: er läßt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht.“ (Wittgenstein 1984: 288)Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. vor allem Archer (1988) und Sztompka (1994).Google Scholar
  38. 38.
    Der Term ‚Akteur‘ (agent) bezieht sich nicht notwendigerweise auf ein einzelnes menschliches Individuum. Auch Kollektive können Akteure sein. Des weiteren ist hiermit nicht impliziert, daß Akteure mit ‚Personen‘ gleichzusetzen sind. Für die soziologische Theorie sind Akteure ausschließlich in ihrer Handlungsfähigkeit (als theoretische Kategorie) relevant, alle psychischen Ingredienzen sind in diesem Sinne nicht-theoretische Terme.Google Scholar
  39. 39.
    Dieses Verständnis einer ‚selbststrukturierenden‘ Praxis läßt Parallelen zu aktuellen systemtheoretischen Konzepten erkennen, die sich am Paradigma der Selbstorganisation orientieren. Vgl. die bündige Formulierung von Humberto Maturana (1982: 69): „Wir erzeugen buchstäblich die Welt, in der wir leben, indem wir sie leben“. Zum dabei vorausgesetzten Bezugsrahmen der Kognitionstheorie und dem anders akzentuierten Strukturverständnis vgl. auch Maturana/Varela (1987).Google Scholar
  40. 40.
    Der Begriff agency (in etwa: Handlungsvermögen) nimmt in der englischsprachigen Literatur einen breiten Raum in der Struktur-/Akteursdiskussion ein; siehe dazu Sztompka (1994).Google Scholar
  41. 41.
    Ähnlich in der Formulierung von Karl Marx: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (Marx 1969: 115).Google Scholar
  42. 42.
    Vgl. zur modaltheoretischen Konzeption „möglicher Welten“ Elster (1981: 36ff.).Google Scholar
  43. 43.
    Adäquate Prognose-Methoden, die auf die Erfassung kontingenter ‚Zukünfte‘ abzielen, finden sich im Bereich der Zukunftsforschung (vgl. etwa Godet 1991; Godet el al. 1994; Gordon 1992; Helmer 1983).Google Scholar
  44. 44.
    Innerhalb eines „funktionierenden historischen Systems“sieht Wallerstein keinen Platz für einen ‚freien Willen‘, von diesem könne nur gesprochen werden, „when the system enters that band of time marking its period of demise or rupture (which by definition only happens once and only at its end), everything (or almost everything) is up for grabs. The outcome is indeterminate“ (Wallerstein 1991b: 235). Abgesehen davon, daß für den hier vertretenen Standpunkt der Rekurs auf einen abstrakten ‚freien Willen‘ gar nicht nötig ist, wirkt Waller-steins schematische Gegenüberstellung von ‚Funktionieren‘und ‚Ende‘ eines Systems im Lichte nichtlinearer Systemkonzepte wenig überzeugend.Google Scholar
  45. 45.
    Das Konzept einer ‚Unterdetermination‘ historischer Entwicklungen entspricht ziemlich genau dem, was Niklas Luhmann als „Kontingenzkausalität“ (1975b: 157) bezeichnet hat.Google Scholar
  46. 46.
    Eine Tatsache, der sich auch Wallerstein nicht ganz verschließt. Bei Prognosen zukünftiger Entwicklung sieht er keine Grundlage fir eindeutige Aussagen und wählt den Weg unterschiedlich wahrscheinlicher „Szenarien“ (vgl. Wallerstein 1991e: 135f.).Google Scholar
  47. 47.
    Vgl. auch Katzer (1995: 45f.). Im Gegensatz zu der dort vertretenen Position halte ich bei einer ‚rekursiven‘ Fassung des Ebenenbegriffs eine vermittelnde Meso-Ebene logisch fir überflüssig: sie stellt gegenüber jeweils einer der begrenzenden Ebenen wieder eine Makrobzw. Mikro-Ebene dar.Google Scholar
  48. 48.
    Die Unterscheidung von Potentialitäten einer Struktur und aktualisierenden Wahlhandlungen entspricht damit weitgehend dem, was Gotthard Günther (1979) als die sich ergänzenden Perspektiven von „Kognition“ und „Wille“ unterschieden hat: „In one program [cognition, B.H.] the living system has to behave under the supposition that the environment represents the superior force of the factum brutum to which reason has to submit [...] In the other, the volitive program, the environmental objectivity is merely a nebulous field of potentialities which only the Will can tranform to solid objective realities“ (1979: 221 ). Da beide, Programme gleichberechtigt sind, darf sich keine Analyse auf eine Seite beschränken.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1999

Authors and Affiliations

  • Boris Holzer

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