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Anmutungen über die Gegenwart

  • Wolfgang Frindte
Chapter
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Zusammenfassung

James Thurber erzählt folgende Geschichte:

Der müde Naturforscher, der die winterlichen Gebirge im Norden Europas durchwanderte, warf den Rucksack ab und wollte sich gerade auf einen Felsblock sinken lassen, als eine Stimme ihm zurief: „Vorsicht, Herr Nachbar!“. „Verzeihung“, murmelte der Forscher und stellte einigermaßen überrascht fest, daß der Sprecher ein Lemming war, auf den er sich beinahe gesetzt hätte. „Es ist für mich eine Quelle nicht unbeträchtlichen Erstaunens, Sie der Sprache mächtig zu finden“, sagte er und nahm neben dem Lemming Platz. „Ihr Menschen“, erwiderte der Lemming, „wundert euch immer, wenn irgendein Tier die gleichen Fähigkeiten wie ihr besitzt. Dabei gibt es vieles, was Tiere tun können, ihr aber nicht. Ich denke da beispielsweise an die sogenannte Stridulation, das Zirpen also, eine der Nebenleistungen des Heimchens. Diesen Laut kann eure Gattung nur mit Hilfe von Schafsdärmen und Pferdehaar hervorbringen.“ „Ja, wir sind abhängige Tiere“, gab der Wissenschaftler zu. „Ihr seid sonderbare Tiere“, sagte der Lemming. „Wir sind der Ansicht, daß auch ihr Lemminge sehr sonderbar seid“, bemerkte der Naturforscher. „Ihr seid vielleicht die mysteriösesten Geschöpfe, die es gibt.“ „Bevorzugen Sie Eigenschaftswörter, die mit M anfangen?“ fragte der Lemming scharf. „In diesem Fall gestatten Sie mir bitte, einige davon auf Ihre Gattung anzuwenden: mordlustig, maßlos, maliziös und muffig.“ „Sie finden demnach unsere Verhaltensweise ebenso schwerverständlich wie wir die Ihre?“ „Um einen Ihrer Ausdrücke zu gebrauchen: stimmt auffallend‘, sagte der Lemming. „Ihr Menschen tötet, foltert und verstümmelt einander, ihr sperrt eure Artgenossen ein und hungert sie aus. Ihr überzieht die fruchtbare Erde mit Beton, ihr fällt Ulmen, um daraus Anstalten für Leute zu hauen, die das Ulmenfällen zum Wahnsinn getrieben hat, ihr ...“ „Sie könnten mit dieser Aufzählung unserer Sünden und Schandtaten die ganze Nacht fortfahren“, warf der Gelehrte ein. „Die ganze Nacht und pausenlos weiter bis morgen nachmittag um vier„, bestätigte der Lemming. „Zufällig habe ich nämlich mein Leben dem Studium dieses ‚höheren Tieres‘ gewidmet, wie ihr selbst euch zu nennen beliebt. Mit Ausnahme eines Punktes weiß ich alles Wissenswerte über euch — übrigens eine außergewöhnlich scheußliche, schmerzliche und schmutzige Anhäufung von Fakten, um ausschließlich Eigenschaftswörter mit Sch zu gebrauchen.“ „Sie sagten, Sie hätten Ihr Leben dem Studium meiner Gattung gewidmet ...“, sagte der Wissenschaftler. „So ist es“, unterbrach ihn der Lemming. „Ich weiß, daß ihr Menschen grausam, gerissen und gefräßig seid, sinnlich, selbstsüchtig und seicht, lüstern, leichtgläubig und listig ...“ „Bitte übernehmen Sie sich nicht“, sagte der Naturforscher gelassen. „Es wird Sie vielleicht interessieren, daß ich mein Leben dem Studium der Lemminge gewidmet habe, genauso wie Sie das Ihre dem Studium der Menschen. Und wie Sie bin ich dabei auf einen einzigen Punkt gestoßen, den ich nicht verstehe.“ „Und der wäre?“ fragte der Lemming. „Ich verstehe nicht“, sagte der Wissenschaftler, „warum ihr Lemminge immer herdenweise zum Meer strebt und euch darin ertränkt.“ „Wie komisch“, rief der Lemming. „Das einzige, was ich nicht verstehe, ist dies: Warum tut ihr Menschen das eigentlich nicht?“. (Thurber 1972, S. 189ff.)

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Frindte

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